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Rezeptionsgeschichte

Die Freiburger Inszenierung von Eva Yana Thönnes 2025

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse [ Rezeptionsgeschichte Überblick Goethes Aufführung am Weimarer Hoftheater (1808) Langfassung (1802ff.) und Buchausgabe (Kurzfassung, 1811)Von der traditionellen zur feministischen Perspektive bei der Inszenierung Freiburger Inszenierung 2025 TextauswahlBausteineFragen und Antworten (KI)Links ins Internet ] Interpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

Das Freiburger Stadttheater hat in der Spielzeit 2025/26 eine Neuinszenierung von • Heinrich von Kleists  (1777-1811) Drama • ›Der zerbrochne Krug‹ auf die Bühne gebracht, die ein unterschiedliches Echo gefunden hat.

Die Aufführung der Regisseurin »Eva Yana Thönnes (geb. 1990) und der Dramaturgin Katrina Mäntele rief Theaterkritiker aus der ganzen Bundesrepublik auf den Plan. Ihre Kritiken zeichnen ein stark polarisiertes Bild, das weniger aus inhaltlichen Differenzen als aus grundlegend unterschiedlichen Theater- und Textverständnissen resultiert.

Im Prinzip geht es bei allen Kritiken auch um die Grundfrage, was Theater leisten soll: Soll es Texte bewahren und verständlich machen – oder sie zerstören, um neue Erfahrungen zu ermöglichen?  Im Raum stehen dabei stets auch Fragen, die mit dem • Ruf nach Werktreue oder Werkgerechtigkeit zusammenhängen und, davon abgeleitet, die Frage, welche Rolle das gute alte • "Reclamheft-Theater" - wenn es dieses denn je gegeben hat - unter der "Deutungshoheit des Lehrers"  (Stephan 2006) im Literaturunterricht  heute noch haben kann.

Dabei sind die Antworten, die das moderne Regietheater auf die dargestellte Grundfrage gibt, naturgemäß andere als die der alten Schaubühne. Ein solches Theater will einfach nicht mehr "als Stätte der Kontemplation, der zahmen Text- und Seelenbehandlung (dienen)" (Höbel 2006), kann und will weder Trost noch Erbauung spenden, sondern als lebendige Kunst ein Spiegelbild ihrer Zeit sein, "die von den Ängsten, Schrecken, Katastrophen der Gegenwart erzählen sollte und nicht nur museal ausstellen, was früher einmal war." (ebd.) Und dabei verläuft auch in Freiburg die Front der Kritik eigentlich immer wieder entlang derselben Linien: Ins Fadenkreuz der Kritik gerät, was andere als "Kern der Theaterkunst" ansehen: Die " Subjektivität, die Aneignung eines Stoffes durch ein Regisseur-Ich." (ebd.)

Solche Regisseur*innen haben nach Ansicht von Ute Nyssen (2006) zu der über 30 Jahre lang zu beobachtenden "verächtliche[n] Hintanstellung des Textes" und zu einer "Veränderungswut gegenüber dem Text" geführt, die schließlich in eine mehr oder weniger eindeutige Klassikerdekonstruktion gemündet hätten. Sie hätten durch ihre Orientierung an jedem möglichen Tagesthema Klassiker ganz unverbindlich zerpflückt und Texte aneinandergereiht, um sie letzten Endes zu Revuen und Liederabenden zu arrangieren.

Und die so Gescholtenen? Sie sehen sich wegen ihrer "Obsessionen " als Opfer eines fundamentalen Missverständnisses, denn "Inszenieren ist immer ein Akt schierer Willkür [....] Jeder Regisseur tut dem Text, den er interpretiert, Gewalt an." (Höbel 2006

Ein Teil der Rezensent*innen – insbesondere • Benno Schirrmeister, • Reingart Sauppe und • Annette Hoffmann – bewertet die Inszenierung ausdrücklich positiv. Sie verstehen den radikalen Umgang mit Kleists Text nicht als Defizit, sondern als bewusste ästhetische Entscheidung. Kleists Lustspiel fungiert hier nicht mehr als verbindliche Vorlage, sondern als Materialreservoir, dessen Fragmente in einer zeitgenössischen, feministisch geprägten Trauma-Erzählung neu zusammengesetzt werden. Die Zerstörung der dramatischen Struktur wird als notwendige Voraussetzung verstanden, um sexualisierte Gewalt, Erinnerung und weibliche Selbstermächtigung sichtbar zu machen.

Demgegenüber stehen die kritischen Stimmen von • Bettina Schulte, • Robin Passon und – in abgeschwächter Form – • Chris Libuda. Sie messen die Inszenierung stärker an Kleists Original und werfen der Regie vor, dessen sprachliche, dramaturgische und politische Komplexität zu verspielen. Insbesondere • Schulte spricht polemisch von einem "Missbrauch" des Textes, während • Passon die Aufführung als performativ-zeitgeistige Oberfläche kritisiert, die sich zu sehr auf politische Aktualität verlasse, ohne diese ästhetisch einzulösen.

Auffällig ist, dass alle Kritiken die Verlagerung der Handlung vom Gerichtssaal in Eves Schlafzimmer und die Pyjama-Party-Ästhetik als zentralen Zugriff erkennen. Während diese von den einen als präzise Metapher für einen vermeintlichen Schutzraum gelesen wird, der sich als Tatort entpuppt, erscheint sie den anderen als Infantilisierung und Symbolüberfrachtung.

 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 15.01.2026

 
 

 
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