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Heinrich von Kleist (1777-1811) stellte sein Drama • ›Der zerbrochne
Krug‹ im Frühjahr des Jahres 1807 fertig, das ursprünglich ja
einmal als ein Beitrag zu einer Art • "Dichterwettstreit"
im Hause von »Heinrich
Zschokke (1771-1848)
in Bern geplant gewesen war, zu dem er sich gemeinsam mit anderen
Schriftstellern beim Anblick des Kupferstichs von »Jean
Jaques Le Veau (1729-1786), den dieser nach einem verschollenen Gemälde «Le juge, ou
la cruche cassée» von »Louis-Philibert
Debucourt (1755 - 1832) hatte anregen lassen.
Nach Abschluss der Handschrift wurde Kleist im Januar 1807 auf
seiner Reise nach Berlin, die er nach der Niederlage Preußen gegen »Napoleon
I. (1769-1821) (»Schlacht
bei Jena und Auerstedt 1807) in Begleitung einiger
verabschiedeter preußischer Offiziere unternahm, als Spion verhaftet
und in die Jura-Festung »Fort
de Joux bei »Pontarlier
gebracht. Von dort kam er im April in das Kriegsgefangenenlager »Chalons-sur-Marne,
wo er nach dem »Frieden
von Tilsit im Juli 1807 freikam, nach »Dresden
zog, wo er fortan als freier Schriftsteller lebte.
Kleists Freund, »Adam
Müller von Nittersdorf (1779-1829), der ein bekannter Publizist
der Zeit war und 1808 mit Kleist gemeinsam die Zeitschrift
Phöbus herausbrachte, sandte den Zerbrochnen Krug an
»Johann
Wolfgang von Goethe (1749-1832) nach Weimar, der u. a. das
dortige »Weimarer
Hoftheater leitete.
Goethe zeigte sich interessiert und antwortete Müller in einem sehr
verbindlichen •
Brief während seiner Reise nach Karlsbad (25.5.-10.9-1807) am 28.
August 1807. Er fand lobende Worte für Kleists Talent und zeigte
sich willens, das Manuskript mit nach Weimar zu nehmen, "in der
Hoffnung Ihrer Erlaubnis, und sehen, ob etwa ein Versuch der
Vorstellung zu machen sei." Gleichzeitig fügte er hinzu,
glaube er für den Richter Adam "einen vollkommen passenden
Schauspieler" zu besitzen.
Als Goethe das Stück am 2.3.1808 auf der Bühne des Weimarer
Hoftheaters zur Aufführung brachte, hatte er den Einakter Kleists in
drei Akte mit zwei Pausen eingeteilt. Zudem wurde das Stück in einer
langen Fassung gespielt. Dazu gehörte der •
12. Auftritt mit seinen
514 Versen, die heute als ›Variant‹
bezeichnet werden. Diese wurden später auf 56 Verse reduziert.
Über die Gründe für
diese ungünstige Aufnahme wird bis heute diskutiert. Als unpassend
muss man empfinden, dass der Theaterabend mit einer Oper, Der
Gefangene, begonnen und mit der Uraufführung von Kleists Drama
fortgesetzt wurde. Das Lustspiel war in drei Akte geteilt; zwei
Pausen unterbrachen den Ablauf.
An dem
Theaterabend, an dem Kleists Stück aufgeführt wurde, wurde nicht nur
dieses Lustspiel gespielt. Möglicherweise war dies eine Folge der
Weigerung des Weimarer Herzogs zurückzuführen, dem Rat Goethes zu
einer Trennung von Schauspiel und Oper zu folgen. (vgl.
Brauneck 2012, S.251)
In den dreieinhalb
Stunden von 18.00 Uhr bis gegen 21.30 Uhr erwartete die
Besucherinnen und Besucher daher vor Kleist Stück zunächst die Oper
in einem Akt Der Gefangene von »Della Maria.
Das Publikum, das außer den allseits beliebten Opern und Singspielen
ansonsten vor allem
bürgerliche
Rührstücke von »August
Wilhelm Iffland (1759-1814) und »August
von Kotzebue (1761-1819), zu sehen bekam, konnte sich also auf einen
unterhaltsamen Theaterabend einstellen.
Das entsprach den
Anweisungen von Goethes Herrn und Gönner, dem Herzog »Carl
August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828), der Goethe
zunächst gegen dessen Willen 1791 zum Direktor des Hoftheaters
gemacht hatte. Goethe behielt dieses Amt bis zu seiner Entlassung
durch den Herzog im Jahr 1817 wegen "einer für ihn äußerst
ärgerlichen Auseinandersetzung mit dem Herzog und dessen Mätresse,
der Schauspielerin »Caroline
Friederike Jagemann (1777-1848). (vgl.
Brauneck 2012, S.250)
Der Herzog, der
sich nicht scheute selbst in Goethes dichterisches Schaffen
einzugreifen, wenn ihm etwas nicht passte. So geschehen im
Zusammenhang mit Goethes Schauspiel »"TorquatoTasso"
(1790, uraufgeführt 1807) in dem der Herzog, ganz Vertreter des
absolutistischen
»Ancien
Régime, "einen Beitrag zur bürgerlichen Emanzipation (witterte)"
ebd.,
S.252). Cal August bestand hinsichtlich des Hoftheaters auf
Respektierung seiner eigenen Vorlieben und die Berücksichtigung der
Erwartungshaltung "des Hotheaterpublikums auf gefällige
Unterhaltung". (ebd.)
Insgesamt gesehen sah sich Goethe während seiner ganzen Zeit als
Theaterdirektor "zu einem leidvollen Spagat zwischen der von ihm und
Schiller vorgedachten ›ästhetischen Erziehung‹ und den Erwartungen
des Herzogs." (ebd.,
S.251) Insbesondere seine Freiheit, den Spielplan des Theaters nach
eigenem Ermessen zu gestalten war durch eine vom Herzog berufene
Theaterkommission deutlich eingeschränkt. Unter ihrer Aufsicht
sorgte Goethe dementsprechend dafür, dass vor allem die oben schon
erwähnten ›spielbaren Stücke‹ mit den üblichen zeitgenössischen
›Glättungen‹ auf die Bühne kamen. Seine eigenen Stücke, die er
ohnehin nur ungern auf die Bühne des Weimarer Hoftheater brachte,
spielten hier jedenfalls "nur eine Nebenrolle und kamen, soweit sie
überhaupt im Spielplan auftauchten, selten über eine oder zwei
Aufführungen hinaus." (ebd.,
S.251)

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Auch wenn der
Theaterzettel der Uraufführung den Namen des Autors unterschlägt,
hatte sich bis zum 2. März 1808 wohl bei den meisten
herumgesprochen, dass mit dem Verlorenen Krug das Stück eines
jüngeren und vergleichsweise unbekannten Autor seine Uraufführung
erleben sollte.
Darüber,
weshalb Goethe das Stück Kleists in drei Akte einteilte, kann im
Grunde nur spekuliert werden. Vielleicht war ihm als einfach
Theaterpraktiker klar, dass bei einer Spieldauer des Stücks von
mindestens anderthalb Stunden klar war, dass das Publikum •
in einem solchen Fall Pausen wünschte, zumal zuvor ja schon die
Oper Der Gefangene gegeben worden war. Andererseits passte
ihm wohl auch nicht ins Konzept, wie Kleist mit den gängigen
Formprinzipien des klassischen Dramas in seiner Komödie umsprang.
(vgl.
Schulz 2011,
S.372)
Die Probenarbeit zu
der in seiner Langfassung mit dem sehr langen •
12. Auftritt (• ›Variant‹)
zur Aufführung gebrachten Version dürfte wohl dem von Goethe
entwickelten "Inszenierungsstil
von großer Künstlichkeit,
symbolischem Anspruch und maßvoller, streng choreographierter
Bewegungsführung" (Brauneck
2012, S.247) gefolgt sein. Kaum vorstellbar, dass seine "Abkehr
vom Natürlichkeitspostulat" (ebd.),
das er nach »August
Wilhelm Ifflands (1759-1814) Gastauftritt als Schauspieler in Weimar
kennen und schätzen gelernt hatte, ausgerechnet bei der Inszenierung
des Kleist-Stückes eine untergeordnete Rolle gespielt hat und von
ihm, wie von vielen seiner späteren Nachfolger "als praller
Bauernschwank"
(Blamberger
2011, S.255 kindle edition) inszeniert wurde, bei dem "die
Aufmerksamkeit des Zuschauers (...) ganz auf das Genrebild gelenkt
(wird), auf die Schlaf-, Wohn- und Amtsstube des Richters, auf
flatternde Hühner, fette Würste und dralle Mägde im Trachtenkleid,
die toben, keifen und zetern." (ebd.,
S.258-259 kindle edition). Allerdings gibt es wohl keine Quellen,
die genaueren Aufschluss über das Bühnenbild der Weimarer
Uraufführung geben.
Goethe, der sich,
wenn er gewollt hätte, wahrscheinlich die Freiheit hätte nehmen
können, die überlange Evchen-Szene der ›Variant‹-Fassung
zu kürzen oder umzuarbeiten, beließ es jedenfalls dabei und legte
mit der Darstellerin von Evchen »Beate Elsermann,
verh. Lortzing (1787-1831) mehrere Sonderproben
ein, bis deren Spiel und Vortrag zu seinen Vorstellungen passte.
(vgl. Buck
(Hg.) Goethe-Handbuch 1996, Bd. 2, S.39)
Doch der erfahrene
Theaterdirektor erlebte am Abend des 2. März 1808 mit der
Uraufführung in von Kleists Zerbrochnem Krug ein Fiasko.
Das Stück
fiel beim Publikum rundum durch und wurde am Ende "ausgetrommelt",
d. h. ausgebuht. Es kam sogar zu einem Vorfall im Theater, wie es
dort offenbar noch nie vorgekommen war. Was sich ereignete, war dem
Bericht von
»Eduard
Franz Genast (1797-1866) zufolge, der sehr viel später (1862/66)
•
über die
Weimarer Aufführung berichtete, so unerhört, dass selbst Herzog
»Carl
August intervenierte: "ein herzoglicher Beamter hatte die
Frechheit, das Stück auszupfeifen." Der Herzog duldete dies nicht
und ließ den Pfeifer kurzerhand für drei Tage im Arrest festsetzen.
Angeblich soll Goethe für die Reaktion des auf diese Weise sein
Missfallen ausdrückenden Zuschauers sogar selbst Verständnis gehabt
haben.
Woran dies gelegen
hat, hat die Forschung bis heute beschäftigt. Die
vielstimmige
Ablehnung, die ihm zuteil wurde, sorgte zunächst einmal dafür, dass
es in Weimar kein weiteres Mal aufgeführt
wurde und es auch eine
vergleichsweise lange Zeit benötigte, bis es anderswo wieder auf die
Bühne kam und sich nach und nach auf allen Bühnen des Landes
etablieren konnte.
Was die Erzieherin und spätere Gesellschaftsdame der sächsischen »Prinzessin
Karoline Luise von Sachsen-Weimar-Eisenach (1786-1816) »Henriette
von Knebel (1755-1815) an ihren Bruder
5. März 1808 über den Zerbrochnen Krug in Weimar •
in einem Brief geschrieben hat, bringt zum Ausdruck, wie sich
das Publikum der Aufführung "in seinen idealen Träumen empfindlich
[...] gestört sah" (
Siegen 1876,
S. XVIII) , als es "einen Schwank von der Keckheit und Derbheit" (ebd.)
des Zerbrochnen Krugs vorgesetzt bekam.
"Ein fürchterliches Lustspiel, was wir am vorigen Mittwoch haben
aufführen sehen und was einen unverlöschbaren unangenehmen Eindruck
auf mich gemacht hat und auf uns alle, ist der zerbrochne Krug von
Herrn von Kleist in Dresden, Mitarbeiter des charmanten
Phöbus*.
Wirklich hätte ich nicht geglaubt, daß es möglich wäre, so was
Langweiliges und Abgeschmacktes hinzuschreiben. Die Prinzeß [»Caroline
Louise von Sachsen-Weimar-Eisenach 1786-1816] meint, daß die
Herrens von Kleist gerechte Ansprüche auf den Lazarusorden** hätten.
Der moralische Aussatz*** ist doch auch ein böses Übel. Ich glaube, bei
diesen Herrens hat sich das Blut, was sie im Krieg erhalten haben,
alles in Tinte verwandelt.«
(Sembdner
(Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 244, zit.
Sembdner 1982, S. 96)
Während »Henriette
von Knebel (1755-1815) die Schuld am Misserfolg in einer
bemerkenswert stilisiert wirkenden moralischen Attitüde mit dem
Hinweis auf den Lazarus-Orden allein der moralischen
Unzulänglichkeit der "Herrens Kleist" in die Schuhe schiebt, sieht
man dies in dem Bericht der •
Allgemeinen Deutschen Theater-Zeitung, Leipzig, vom 11. März 1808
differenzierter und bemängelt vor allem die Längen des dritten Aktes
und bescheinigt dem Verfasser des insgesamt uninteressanten Stücks
fehlende Fähigkeiten zur Dramatisierung seines durchaus brauchbaren
Sujets.
In der
literarisch-kulturellen Zeitschrift •
Zeitung für die elegante Welt (1801-1859).
Leipzig, erschien am 14. März 1808 bläst der Kritiker in das
gleiche Horn, indem er die insgesamt ausgesprochene
Handlungsarmut
des Stücks tadelt. Bemerkenswerter Weise klingt auch eine gewisse
Kritik an Goethes Einteilung in drei Akte durch, die das Stück
unnötig in die Länge gezogen habe, bis "dem sonst sehr geduldigen
Publikum der Geduldfaden endlich ganz riß, und gegen den Schluß ein
solcher Lärm sich erhob, daß keiner imstande war, von den
ellenlangen Reden auch nur eine Silbe zu verstehn." Dahinter
stehe aber auch eine Theaterpolitik, die Poeten auf der Bühne Raum
gebe, erzählt, die "glauben, dem Publikum alles bieten zu
können" und "meinen, es müsse sich schon geehrt fühlen, wenn man
sich nur herablasse, ihm etwas zum Besten zu geben.«
(Sembdner
(Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 248a, zit.
Sembdner 1982, S. 99)
Ob darüber hinaus
auch die
mangelhafte schauspielerische Leistung des Ensembles bzw.
einzelner Mitglieder für die Weimarer Blamage verantwortlich gewesen
sind, lässt sich von heute aus schwer ermessen. So trägt der sehr
viel später (1862/66) entstandenen Darstellung von
»Eduard
Franz Genast (1797-1866), der •
über die
Weimarer Aufführung berichtete, was sein Vater ihm erzählt
hatte, ausgerechnet der Darsteller des Dorfrichters Adam, »Heinrich
Becker (1770-1822), dem Ersten Schauspieler des Ensembles, von
dem Goethe noch ein halbes Jahr zuvor in seinem
Brief an »Adam
Müller von Nittersdorf (1779-1829) so überzeugt gesprochen
hatte, die Hauptschuld an der missglückten Inszenierung. Sein
Vortrag sei "so breit und langweilig" gewesen, "daß selbst seine
Mitspieler die Geduld dabei verloren. Trotz allen Rügen Goethes bei
den Proben war er aus seinem breitspurigen Redegang nicht
herauszubringen, und den kurzen Imperativ bei ihm anzubringen, wäre
wahrlich ganz in der Ordnung gewesen, denn das
Zerren und Dehnen war
nicht zu ertragen."
Kleist, der
entgegen seiner Pläne, an der Aufführung nicht teilnehmen konnte,
machte Goethe und seine Bearbeitung des Stücks für das Desaster auf
der Bühne des Hoftheaters verantwortlich. Er soll sogar mit dem
Gedanken gespielt haben, zumal er Goethe die ganze Schuld gab, •
Goethe dafür zum Duell zu fordern.
Für Goethe war
dies, so die •
Überlieferung von »Johann Daniel Falk (1768-1836), nicht nur
eine unangebrachte und gänzlich inakzeptable Überreaktion des tief
verletzten Kleist, sondern, offenbar im Einvernehmen mit •
Friedrich Schiller (1759-1805),
habe er ihm "eine
schwere Verirrung der Natur, die den Grund ihrer Entschuldigung
allein in einer zu großen Reizbarkeit der Nerven oder in Krankheit
finden kann" (»)
unterstelt. In diesem "Krankheits-Verdikt",
das weit über das Ästhetische und Literarische hinausging und auf
die Person Kleists zielten, trafen "Goethes Urteile über Kleist und
über die •
Romantik
zusammen. »Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische
das Kranke,« sagt er zu Eckermann am 2. April 1829. Über Kleist im
Jahr 1826: »Mir erregte dieser Dichter, bei dem reinsten Vorsatz
einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu, wie ein
von Natur schön intentionierter Körper, der von einer
unheilbaren Krankheit ergriffen
wäre« (NR 274)" (Grathoff
2000a, S.210)
Unter das
Zerwürfnis zwischen beiden, das sich schon vor der Uraufführung des
Zerbrochnen Krugs in Weimar angedeutet hatte, setzte Goethe
mit seinem Krankheits-Verdikt jedenfalls auch Jahre nach dem
Ereignis und dem Tod Kleists einen inhaltlich mehr als fragwürdigen,
aber endgültigen Punkt. Zum Teil aufgegriffen wurde das
Krankheits-Verdikt Goethes später von dem marxistischen
Literaturkritiker »Georg
Lukács (1885-1971), der wohl sein •
Dekadenz-Verdikt
über Kleist zum Teil von Goethes Krankheits-Verdikt abgeleitet
hat.( vgl.
ebd.)
Als Reaktion auf
die negativen Urteile über die Weimarer Inszenierung durch das
Publikum und einiger Kritiker veröffentlichte Kleist im März 1808
einige Fragmente aus dem Lustspiel (1., 6. und 7. Auftritt) in der gemeinsam mit »Adam
Müller von Nittersdorf (1779-1829) herausgegebenen Zeitschrift
Phöbus. Ein Journal für die Kunst. Darin gab er der Hoffnung
Ausdruck, dass sich
die Leser dadurch selbst sein Bild darüber machen könnten, warum "das
Stück auf der Bühne von Weimar verunglückt ist". Allerdings dürfte
die Wirkung dieses Rechtfertigungsversuches eher gering gewesen
sein.