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Vergleich der
Langfassung (Variant) und der Fassung der Buchausgabe (1811)
Die • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ von •
Heinrich von Kleist (1777-1811) erlebte über die
Jahrhunderte hinweg eine wechselvolle • Rezeptionsgeschichte, wobei
man in diesem Zusammenhang zwischen der Aufführungsgeschichte des
Dramas und der Rezeptionsgeschichte unterscheiden kann.
Kleist
hat das Stück, das er
zwischen 1802 und 1807 niedergeschrieben hat, schon in dieser Zeit
mehrfach überarbeitet. Diese Arbeiten haben, aus verschiedenen
Gründen, vor allem das 12. Kapitel und damit das Ende des Stückes
betroffen, von denen heute meist nur eine •
Kurz- und eine •
Langfassung (Variant)
analysiert werden.
So wie er es mit
seinem Text immer wieder gemacht hat, hat er auch den Schluss seines
Stückes mehrfach überarbeitet. Seine Handschrift jedenfalls bricht
nicht da ab, wo dies die von ihm selbst als als "Variant"
bezeichnete Fassung des •
Zwölften Auftritts (Variant) (•
Text) tut: In
der ursprünglichen Handschrift wird das Happy-End des Stücks noch durch einen
Dialog über den flüchtigen •
Adam, die Aufforderung •
Walters an • Licht,
diesen zurückzuholen, und •
Marthe Rulls Erklärung, sich
in der Krugsache nach Utrecht zu wenden, ausgestaltet. Die
Absichtserklärung •
Marthe Rulls ist später als •
letzter (Dreizehnter) Auftritt
auch in die Kurzfassung der Buchausgabe von 1811 eingegangen. (vgl.
Jürgens
32015, S.49)
Als das
ursprünglich einmal als ein Beitrag zu einer Art privatem • "Dichterwettstreit"
mit anderen Schriftstellern konzipierte Drama
1807 fertig gestellt war, hatten die Lebensumstände Kleists eine
dramatische Wendung genommen.
Er wurde auf seiner Reise nach Berlin,
die er nach der Niederlage Preußen gegen »Napoleon
I. (1769-1821) (»Schlacht
bei Jena und Auerstedt 1807) unternommen hatte, im Januar 1807
von den Franzosen als vermeintlicher Spion verhaftet
und musste etwa ein halbes Jahr lang in verschiedenen Gefängnissen
verbringen, ehe er wieder freigelassen wurde.
Die Handschrift des
Zerbrochnen Krugs blieb in Berlin. Kleists Freund
Kleists Freund, »Adam
Müller von Nittersdorf (1779-1829), der ein bekannter Publizist
der Zeit war und 1808 mit Kleist gemeinsam die Zeitschrift
Phöbus herausbrachte, sandte während dieser Zeit das
Manuskript an
»Johann
Wolfgang von Goethe (1749-1832) nach Weimar, der u. a. das
dortige »Weimarer
Hoftheater leitete.
Dieser zeigt sich davon recht angetan und entschied schließlich,
das Stück in Weimar mit einigen Änderungen •
Anfang März 1808 erstmals auf die
Bühne zu bringen. Er hatte dabei keine Skrupel, den Einakter zu
einem Dreiakter mit zwei längeren Pausen "umzubauen", hielt sich
aber ansonsten wohl an den von Kleist geschriebenen Text.
Die • Uraufführung unter seiner Regie in Weimar endete als ein
Riesendebakel. Das Publikum war wohl überwiegend gelangweit oder
konnte mit der derben Sprache, die Kleists Figuren artikulierten,
nichts anfangen. Kurz und gut: Das Stück fiel beim Publikum durch.
Auf der Suche nach dem Schuldigen des Debakels machte man entweder
den Autor und sein Stück selbst verantwortlich oder zog über die
katastrophale Leistung der Schauspieler, namentlich des Darstellers
des Dorfrichters •
Adam her.
Schon
bald konzentrierte sich die Kritik auf Kleist, dem man mangelndes
dramatisches Talent bescheinigte, weil sich das Stück so
handlungsarm über eineinhalb Stunden reiner Spielzeit zog.
Ganz konkret warf man dem Autor vor, nicht nur "moralischen
Aussatz" (»Henriette
von Knebel) auf die Bühne gebracht zu haben, sondern vor allem,
dass er mit den • "ellenlangen
Reden" und der Tatsache, dass vor allem • "im letzten Akte so entsetzlich viel und alles so breit erzählt"
werde, den • "Geduldsfaden"
des Publikums einfach so lange überspannt habe, bis dieser gänzlich
gerissen sei und die Zuschauerinnen und Zuschauer zu lauten
Missfallenskundgebungen gereizt habe. (•
Zeitung für die elegante Welt,14. März 1808)
Im Grunde liege das
Ganze daran, dass Kleist eben
kein Dramatiker sei (•
Allgemeine Deutsche Theater-Zeitung, 11. März 1808) und
dementsprechend auch nicht der Lage sei, die "Seele
des Dramas" zu gestalten, nämlich eine "von Augenblick zu Augenblick fortschreitende Handlung"
(»Johann Daniel Falk (1768-1836),
1808)
Der Eindruck eines unerträglichen "Zerrens und Dehnens", von dem schon
»Eduard
Franz Genast (1797-1866) sprach, ist dabei sicher auch darauf
zurückzuführen, dass die in der Vorgeschichte liegenden Ereignisse
in der Verhandlung mehrfach aufgedeckt werden, der Zuschauer also
schon vergleichsweise früh, wie für das •
analytische Drama nicht unüblich, einen •
Informationsvorsprung gegenüber den Figuren auf der Bühne
besitzt und dementsprechend gelangweilt dem weiteren Verlauf der
Handlung und den langen Reden der Beteiligten folgt, die eigentlich
nur noch bestätigen, was er sich ohnehin schon gedacht hat. (vgl.
Kreutzer 2011, S.48)
Als Reaktion auf
die negativen Urteile über die Weimarer Inszenierung durch das
Publikum und einiger Kritiker veröffentlichte Kleist im März 1808
einige Fragmente (2., 6. und 7. Auftritt) aus dem Lustspiel in der gemeinsam mit »Adam
Müller von Nittersdorf (1779-1829) herausgegebenen Zeitschrift
Phöbus. Ein Journal für die Kunst. Darin gab er der Hoffnung
Ausdruck, dass sich
die Leser dadurch selbst sein Bild darüber machen könnten, warum "das
Stück auf der Bühne von Weimar verunglückt ist". Allerdings dürfte
die Wirkung dieses Rechtfertigungsversuches eher gering gewesen
sein.
In der von Kleist selbst besorgten Buchausgabe des Stücks, die 1811
in Druck ging, präsentierte er das Stück mit einem neuen, erheblich
kürzeren Schluss. Der neu konzipierte
12. Auftritt, der ursprünglich
einmal 515 Verse umfasst hatte, war darin auf knapp 60 Verse
gekürzt. Allerdings hat er den ursprünglichen Schluss der
Langfassung der Buchausgabe als Anhang beigefügt und diese selbst
als Variant bezeichnet.
Der neue Schluss bringt die Handlung schneller zu einem Ende und
rundet dabei doch das gesamte Lustspiel mit dem Aufdecken des
vermeintlich geheimen Briefes als Fälschung, der Reue Ruprechts
wegen seiner ungerechtfertigten Herabsetzung Eves und der
schließlichen Versöhnung von Ruprecht und Eve als Brautpaar)
angemessen ab, ohne dass darin die eigentlichen Hintergründe des
Geschehens noch einmal thematisiert werden.
Dadurch geht aber auch verloren, was die Langfassung des Schlusses
bei aller Kritik ausgezeichnet hat, nämlich die Darstellung des
inneren Konfliktes, in dem sich Eve befunden hat, als die junge Frau
sich des Lesens unkundig, auf Gedeih und Verderb dem skrupellosen
Amtsmissbrauch und der sexuellen Nötigung durch den alten
Dorfrichter ausgesetzt gesehen hat. Dies macht die •
Gegenüberstellung der Informationen zur Vorgeschichte, die in
den beiden Textversionen gegeben werden, deutlich.
Heute, wie damals haben die Leserinnen und Leser durch die
Entscheidung Kleists beide Fassungen der Nachwelt zu hinterlassen,
die Wahl, welchen Text sie für ihre jeweils eigene Lesart des Stücks
bevorzugen. Ein Richtig oder Falsch existiert jedenfalls unter
diesen, vom Autor selbst geschaffenen und erhaltenen
Rezeptionsvarianten nicht.