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Der
Literaturhistoriker »Friedrich
Gundolf (1880-1931), der dem »Kreis
um den Lyriker »Stefan
George
(1868-1933) angehörte, setzte sich in seinem Buch (1922)
über •
Heinrich von Kleist (1777-1811) auch mit dessen Drama • ›Der zerbrochne
Krug‹ auseinander.
»Kleists Zerbrochner Krug ist von seinen Dramen am
meisten isoliertes
Könnerstück, am wenigsten genährt aus seinem Schicksal,
erzwungen mit seinem bloßen Talent, als eine
Probe seiner
technischen Fertigkeit: es ist darum
mit
Recht ein Lieblingsstück unserer Schulmeister geworden,
die nur vom
Können, nicht vom Müssen wissen, so daß es, neben
Lessings1
Minna von Barnhelm2
oder gar neben Freytags3
Journalisten4,
lange als das beste deutsche Lustspiel galt. Vollends in der Frist
des deutschen Naturalismus5,
da Technik und abermals Technik der höchste Maßstab der Kritik ward,
in den Blütetagen der Ibsen-6
und Hauptmann-herolde7
und Scherer-schüler8,
stieg sein Ruhm aufs höchste - einmal weil es wirklich
ein Musterstück von
purer ›Technik‹ ist und sodann, weil es durch
selbstzweckliche Kleinmalerei und Sachenmenge
dem naturalistischen Theater um drei Menschenalter vorzulaufen
schien. Zumal die Widersacher Schillers9
fanden ihren Haupthelfer in Kleists vermeintem Naturalismus, der
nirgends weiter getrieben schien als im Zerbrochnen Krug. Eben
dieser ›Naturalismus‹ hatte das Werk
unter
Goethes Regie in Weimar zu Fall gebracht10,
und ihm den Weg versperrt, solange Schillers dramatischer hoher Stil
oder Kotzebues11
bürgerliche Rührstücke12 die Ideale oder die Bedürfnisse des
Publikums beherrschten. Denn wenn es durch seine Kleinmalerei die
Idealisten und Stilisten abstieß, so war es
durch seine
unbürgerliche Herbheit und unsüßliche Sachlichkeit der breiten
moralisch empfindsamen Masse fremd und unverständlich: es mußte
wirklich erst ein Geschlecht von »voraussetzungslosen«
Kunsthandwerkern heraufkommen, um den Sinn für die eigentlichen
Werte der Kleistschen Komödie zu verallgemeinern.
Es sind und
bleiben technische Werte: diese sollen nicht herabgesetzt, aber
auch nicht vergöttert werden. Ein Werk der hohen Dichtung wie der
Guiskard13 oder die
Penthesilea14 ist der Zerbrochne Krug nicht - und
zwar schon der Art nach nicht:
er ist ein Werk meisterlicher Mache,
nicht tiefen Seelengehaltes oder gar schöpferischen Lebens ...
er
ist ein geheimnisloses Werk und sogar,
obwohl in Versen geschrieben, ein trockenes, an Poesie seltsam armes Werk - [...]
Die
technische Aufgabe die Kleist bei dieser Wette gelockt hat ist
dreifach: Spannung, Kleinmalerei, Komik. Die erste ist all seinen
Werken gemeinsam: ein Geheimnis dramatisch zurückhalten und
herauswinden. Sie wird hier bedingt und kompliziert für ihn durch
die neue und eigentlich fremde Aufgabe: ein
eng bestimmtes Kolorit,
eine lokale Besonderheit der Sitten und Personen als Handlung zu
vergegenwärtigen und
an Stelle des tragischen Schauders das Lachen
zu erregen. Gerade während er mit dem riesigen Guiskardplane
umging, mag ihn - nach allen Lorbeeren begierig entgegengesetzte Schwierigkeit herausgefordert haben, und gewiß
wollte er die Spannweite seines Genius vor sich selbst erproben und
den zweifelnden Freunden zeigen: ich kann auch das. Wie sehr der
bloße Könnerehrgeiz Kleists Schaffen bestimmt hat, sind wir heute
leicht geneigt zu unterschätzen, für die er beinahe der Typus des
dämonischen Müssers geworden ist.«
(Quelle: Gundolf: Heinrich von Kleist.
Berlin: Bondi 1922. S. 61-64, zit. n.
Sembdner 1982, S. 133-135f.)
Worterläuterungen und -erklärungen
1
Lessings:
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) war ein bedeutender Dichter der
»deutschen
Aufklärung. Mit seinen Dramen und seinen theoretischen Schriften hat
er die weitereEntwicklung des Theaters in Deutschland und die
öffentliche Wirkung von Literatur nachhaltig beeinflusst.
2
Minna von Barnhelm: Das Lustspiel
»Minna
von Barnhelm (1763/1767) wurde von Lessing verfasst und ist das
bekannteste Lustspiel der »deutschen
Aufklärung und zählt zu den wichtigsten Komödien der
deutschsprachigen Literatur.
3
Freytag: »Gustav
Freytag (1816-1895) war ein deutscher Schriftsteller. Sein Werk •
Technik des Dramas
(1863) wurde zu einem der wichtigsten dramaturgischen Lehrbücher
seiner Zeit und wird mit dem von ihm entwickelten •
Kompositionsmodell des
Dramas der geschlossenen
Form und seinem •
"pyramidalen Aufbau" (Exposition und erregendes Moment, Höhepunkt
mit Peripetie, retardierendes Moment und Lösung bzw. Katastrophe) des
klassischen Dramas nach
Aristoteles (384-322 v. Chr.) bis heute immer noch zur Dramenanalyse
verwendet.
4
Journalisten: Das Lustspiel »"Die
Journalisten" ist ein Lustspiel in vier Akten von, das 1852
uraufgeführt und 1854 erstmals gedruckt wurde.
5
Naturalismus: Die •
Literaturepoche des •
Naturalismus (1880-1910) entwickelte einen besonderen •
Stil,
dem es darum ging, die
Erscheinungen der Wirklichkeit möglichst deckungsgleich wiederzugeben. " Präzision in der Erfassung der
Wirklichkeit, die zu schildern war, so lautete das oberste Gebot für die
schriftstellerische Technik."
(Hoffacker
31989, S. 311)
6
Ibsen-(herolde): »Henrik
Ibsen (1828-1906), norwegischer Dramatiker, dessen dramatische Werke
immer wieder dem Naturalismus zugeordnet werden
7
Hauptmann-herolde: »Gerhart
Hauptmann (1862-1946), deutscher Dramatiker und Schriftsteller, der
als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus gilt; 1912
Nobelpreis für Literatur.
8
Scherer-schüler: »Wilhelm
Scherer (1841-1886), österreichischer Germanist, bekanntester
Vertreter des die letzten dreißig Jahre des 19. Jahrhunderts
dominierenden literaturwissenschaftlichen »Positivismus;
in seiner »Geschichte
der deutschen Litteratur« (1880-1883) akzentuiert er Kausalzusammenhänge
zwischen der Literatur und den jeweils herrschenden gesellschaftlichen
Bedingungen, von denen seiner Ansicht nach das Verstehen literarischer
Werke entscheiden abhängt. Ferner stellte Scherer die Theorie der
Blüteepochen auf. Dabei handelt es sich um den Versuch einer
Periodisierung der deutschen Literaturgeschichte.
9
Schillers: •
Friedrich Schillers (1759-1809) klassische ästhetische Theorie u. a.
formuliert in seiner Schrift • "Über die ästhetische
Erziehung des Menschengeschlechts (1795) sieht die Aufgabe
der Kunst, dem Prozess der Entfremdung des Menschen von seiner Natur
entgegenzuwirken.
10
unter Goethes
Regie in Weimar zu Fall gebracht: Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832) hat •
Heinrich von Kleists (1777-1811) Drama • ›Der zerbrochne
Krug‹ am • 2.3.1808 auf der
Bühne des Hoftheaters in Weimar inszeniert und damit einen solchen
Misserfolg gehabt, dass das Stück dort kein zweites Mal aufgeführt wurde
11
Kotzebues: »August
von Kotzebue (1761-1819), deutscher Dramatiker, Librettist,
Schriftsteller und Publizist, dessen über 240 Theaterstücke auf
allen Bühnen Europas gespielt wurden; neben »August
Wilhelm Iffland (1759-1814) war Kotzebue der meistgespielte Autor
seiner Zeit. Als Gegner der deutschen Nationalbewegung wurde er
bei nationalliberal gesinnten Studenten mehr und mehr verhasst; seine
Ermordung im Jahr 1819 durch den Burschenschafter »Karl
Ludwig Sand (1795-1820) war einer Anlässe für die
Karlsbader Beschlüsse (1819), mit denen die Obrigkeiten repressive
Maßnahmen gegen die deutsche Nationalbewegung und alle diejenigen
vorgingen, die liberale Forderungen nach einer Verfassung erhoben.
12
bürgerliche Rührstücke:
Bürgerliche Rührstücke
stellen eine dramatische Gattung dar,
die darauf abzielten, das Publikum zu rühren bzw. zum Weinen zu bringen;
da die so genannte
Ständeklausel als Theaterkonvention die Tragödie im
17./18. Jahrhundert weiterhin den hochgestellten Adeligen vorbehalten
war und Bürger konnten nur als komische Figuren in Lustspielen und
Komödien auftreten konnte, entwickelte sich in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts die dramatische Gattung des bürgerlichen Rührstücks, in dem das
Leben und Schicksal von Bürgern auf die Bühne gebracht wurde; am Ende
wurden die Konflikte gewöhnlich In einer rührseligen Schlussszene
aufgelöst. während es von namhaften Dichtern immer belächelt und zum
Teil auch kritisiert wurde, hatten die Stücke aber beim Publikum großen
Erfolg und rangierten in der Publikumsgunst weit vor den klassischen
Dramen von Goethe oder Schiller.
13
Guiskard: Heinrich von Kleists (1777-1811)
dramatisches Fragment »Robert
Guiskard. Herzog der Normänner, das ist ein dramatisches Fragment,
das Kleist trotz mehrerer Anläufe nie vollendet hat
14
Penthesilea: Im Drama »Penthesilea
(1808) zeigt Kleist am Beispiel der der
Amazonenkönigin Penthesilea, deren Volk wegen seiner grausamen
Vorgeschichte keine Männer unter sich duldet, den Konflikt zwischen
einem stark fühlenden Individuum und einer gesellschaftlichen Ordnung
auf, die dessen natürlichem Empfinden in unnatürlicher Weise
entgegensteht.
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