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Friedrich Gundolf: [Ein isoliertes Könnerstück zur Probe] (1922)

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug Rezeptionsgeschichte

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick  Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse [ Rezeptionsgeschichte Überblick Goethes Aufführung am Weimarer Hoftheater (1808) Langfassung (1802ff.) und Buchausgabe (Kurzfassung, 1811) Textauswahl Bausteine  Fragen und Antworten (KI)Links ins Internet ] Interpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

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Der Literaturhistoriker »Friedrich Gundolf (1880-1931), der dem »Kreis um den Lyriker »Stefan George (1868-1933) angehörte, setzte sich in seinem Buch (1922) über • Heinrich von Kleist (1777-1811) auch mit dessen Drama • ›Der zerbrochne Krug‹ auseinander.

»Kleists Zerbrochner Krug ist von seinen Dramen am meisten isoliertes Könnerstück, am wenigsten genährt aus seinem Schicksal, erzwungen mit seinem bloßen Talent, als eine Probe seiner technischen Fertigkeit: es ist darum mit Recht ein Lieblingsstück unserer Schulmeister geworden, die nur vom Können, nicht vom Müssen wissen, so daß es, neben Lessings1 Minna von Barnhelm2 oder gar neben Freytags3  Journalisten4, lange als das beste deutsche Lustspiel galt. Vollends in der Frist des deutschen Naturalismus5, da Technik und abermals Technik der höchste Maßstab der Kritik ward, in den Blütetagen der Ibsen-6 und Hauptmann-herolde7 und Scherer-schüler8, stieg sein Ruhm aufs höchste - einmal weil es wirklich ein Musterstück von purer ›Technik‹ ist und sodann, weil es durch selbstzweckliche Kleinmalerei und Sachenmenge dem naturalistischen Theater um drei Menschenalter vorzulaufen schien. Zumal die Widersacher Schillers9 fanden ihren Haupthelfer in Kleists vermeintem Naturalismus, der nirgends weiter getrieben schien als im Zerbrochnen Krug. Eben dieser ›Naturalismus‹ hatte das Werk unter Goethes Regie in Weimar zu Fall gebracht10, und ihm den Weg versperrt, solange Schillers dramatischer hoher Stil oder Kotzebues11 bürgerliche Rührstücke12 die Ideale oder die Bedürfnisse des Publikums beherrschten. Denn wenn es durch seine Kleinmalerei die Idealisten und Stilisten abstieß, so war es durch seine unbürgerliche Herbheit und unsüßliche Sachlichkeit der breiten moralisch empfindsamen Masse fremd und unverständlich: es mußte wirklich erst ein Geschlecht von »voraussetzungslosen« Kunsthandwerkern heraufkommen, um den Sinn für die eigentlichen Werte der Kleistschen Komödie zu verallgemeinern. Es sind und bleiben technische Werte: diese sollen nicht herabgesetzt, aber auch nicht vergöttert werden. Ein Werk der hohen Dichtung wie der Guiskard13 oder die Penthesilea14 ist der Zerbrochne Krug nicht - und zwar schon der Art nach nicht: er ist ein Werk meisterlicher Mache, nicht tiefen Seelengehaltes oder gar schöpferischen Lebens ... er ist ein geheimnisloses Werk und sogar, obwohl in Versen geschrieben, ein trockenes, an Poesie seltsam armes Werk - [...] Die technische Aufgabe die Kleist bei dieser Wette gelockt hat ist dreifach: Spannung, Kleinmalerei, Komik. Die erste ist all seinen Werken gemeinsam: ein Geheimnis dramatisch zurückhalten und herauswinden. Sie wird hier bedingt und kompliziert für ihn durch die neue und eigentlich fremde Aufgabe: ein eng bestimmtes Kolorit, eine lokale Besonderheit der Sitten und Personen als Handlung zu vergegenwärtigen und an Stelle des tragischen Schauders das Lachen zu erregen. Gerade während er mit dem riesigen Guiskardplane umging, mag ihn - nach allen Lorbeeren begierig entgegengesetzte Schwierigkeit herausgefordert haben, und gewiß wollte er die Spannweite seines Genius vor sich selbst erproben und den zweifelnden Freunden zeigen: ich kann auch das. Wie sehr der bloße Könnerehrgeiz Kleists Schaffen bestimmt hat, sind wir heute leicht geneigt zu unterschätzen, für die er beinahe der Typus des dämonischen Müssers geworden ist.«

(Quelle: Gundolf: Heinrich von Kleist. Berlin: Bondi 1922. S. 61-64, zit. n. Sembdner 1982, S. 133-135f.)

Worterläuterungen und -erklärungen

1 Lessings: Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) war ein bedeutender Dichter der »deutschen Aufklärung. Mit seinen Dramen und seinen theoretischen Schriften hat er die weitereEntwicklung des Theaters in Deutschland und die öffentliche Wirkung von Literatur nachhaltig beeinflusst.

2 Minna von Barnhelm: Das Lustspiel »Minna von Barnhelm (1763/1767) wurde von Lessing verfasst und ist das bekannteste Lustspiel der »deutschen Aufklärung und zählt zu den wichtigsten Komödien der deutschsprachigen Literatur.

3 Freytag: »Gustav Freytag (1816-1895) war ein deutscher Schriftsteller. Sein Werk Technik des Dramas (1863) wurde zu einem der wichtigsten dramaturgischen Lehrbücher seiner Zeit und wird mit dem von ihm entwickelten Kompositionsmodell des Dramas der geschlossenen Form und seinem "pyramidalen Aufbau" (Exposition und erregendes Moment, Höhepunkt mit Peripetie, retardierendes Moment und Lösung bzw. Katastrophe) des klassischen Dramas nach Aristoteles (384-322 v. Chr.) bis heute immer noch zur Dramenanalyse verwendet.

4 Journalisten: Das Lustspiel »"Die Journalisten" ist ein Lustspiel in vier Akten von, das 1852 uraufgeführt und 1854 erstmals gedruckt wurde.

5 Naturalismus: Die • Literaturepoche des • Naturalismus (1880-1910) entwickelte einen besonderen • Stil, dem es darum ging, die Erscheinungen der Wirklichkeit möglichst deckungsgleich wiederzugeben. " Präzision in der Erfassung der Wirklichkeit, die zu schildern war, so lautete das oberste Gebot für die schriftstellerische Technik." (Hoffacker 31989, S. 311)

6 Ibsen-(herolde): »Henrik Ibsen (1828-1906), norwegischer Dramatiker, dessen dramatische Werke immer wieder dem Naturalismus zugeordnet werden

7 Hauptmann-herolde: »Gerhart Hauptmann (1862-1946), deutscher Dramatiker und Schriftsteller, der als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus gilt; 1912 Nobelpreis für Literatur.

8 Scherer-schüler: »Wilhelm Scherer (1841-1886), österreichischer Germanist, bekanntester Vertreter des die letzten dreißig Jahre des 19. Jahrhunderts dominierenden literaturwissenschaftlichen »Positivismus; in seiner »Geschichte der deutschen Litteratur« (1880-1883) akzentuiert er Kausalzusammenhänge zwischen der Literatur und den jeweils herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen, von denen seiner Ansicht nach das Verstehen literarischer Werke entscheiden abhängt. Ferner stellte Scherer die Theorie der Blüteepochen auf. Dabei handelt es sich um den Versuch einer Periodisierung der deutschen Literaturgeschichte.

9 Schillers: • Friedrich Schillers (1759-1809) klassische ästhetische Theorie u. a. formuliert in seiner Schrift • "Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts (1795) sieht die Aufgabe der Kunst, dem Prozess der Entfremdung des Menschen von seiner Natur entgegenzuwirken.

10 unter Goethes Regie in Weimar zu Fall gebracht: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) hat • Heinrich von Kleists (1777-1811) Drama • ›Der zerbrochne Krug‹ am • 2.3.1808 auf der Bühne des Hoftheaters in Weimar inszeniert und damit einen solchen Misserfolg gehabt, dass das Stück dort kein zweites Mal aufgeführt wurde

11 Kotzebues: »August von Kotzebue (1761-1819), deutscher Dramatiker, Librettist, Schriftsteller und Publizist, dessen über  240 Theaterstücke auf allen Bühnen Europas gespielt wurden; neben »August Wilhelm Iffland (1759-1814) war Kotzebue der meistgespielte Autor seiner Zeit. Als Gegner der deutschen Nationalbewegung  wurde er bei nationalliberal gesinnten Studenten mehr und mehr verhasst; seine Ermordung im Jahr 1819 durch den Burschenschafter »Karl Ludwig Sand (1795-1820) war einer Anlässe für die Karlsbader Beschlüsse (1819), mit denen die Obrigkeiten repressive Maßnahmen gegen die deutsche Nationalbewegung und alle diejenigen vorgingen, die liberale Forderungen nach einer Verfassung erhoben.

12 bürgerliche Rührstücke: Bürgerliche Rührstücke stellen eine dramatische Gattung dar, die darauf abzielten, das Publikum zu rühren bzw. zum Weinen zu bringen; da die so genannte Ständeklausel als Theaterkonvention die Tragödie im 17./18. Jahrhundert weiterhin den hochgestellten Adeligen vorbehalten war und  Bürger konnten nur als komische Figuren in Lustspielen und Komödien auftreten konnte, entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die dramatische Gattung des bürgerlichen Rührstücks, in dem das Leben und Schicksal von Bürgern auf die Bühne gebracht wurde; am Ende wurden die Konflikte gewöhnlich In einer rührseligen Schlussszene aufgelöst. während es von namhaften Dichtern immer belächelt und zum Teil auch kritisiert wurde, hatten die Stücke aber beim Publikum großen Erfolg und rangierten in der Publikumsgunst weit vor den klassischen Dramen von Goethe oder Schiller. 

13 Guiskard:  Heinrich von Kleists (1777-1811) dramatisches Fragment »Robert Guiskard. Herzog der Normänner, das ist ein dramatisches Fragment, das Kleist trotz mehrerer Anläufe nie vollendet hat

14 Penthesilea: Im Drama »Penthesilea (1808) zeigt Kleist am Beispiel der der Amazonenkönigin Penthesilea, deren Volk wegen seiner grausamen Vorgeschichte keine Männer unter sich duldet, den Konflikt zwischen einem stark fühlenden Individuum und einer gesellschaftlichen Ordnung auf, die dessen natürlichem Empfinden in unnatürlicher Weise entgegensteht.

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 04.12.2025

    
 Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Position heraus, die Friedrich Gundolf zu Kleists Zerbrochnem Krug einnimmt.
  2. Was kritisiert • Georg Lukács Jahre später (1937) daran?
 
 
 

 
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