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Vor allem unter
marxistischen Literaturwissenschaftlern kam es früher zu
Auseinandersetzungen über die gegensätzlichen Positionen zwischen •
Heinrich von Kleist (1777-1811)
und
»Johann
Wolfgang von Goethe (1749-1832). Die marxistische
Literaturwissenschaft geht dabei von der so genannten »Widerspiegelungstheorie
aus, die sich aus der »dialektisch-materialistischen
Weltanschauung des Marxismus ergibt. Sie besagt, dass das menschliche Bewusstsein und Denken eine
Widerspiegelung der objektiven, materiellen Realität sind. Ideen und
Vorstellungen entstehen demnach aus den konkreten gesellschaftlichen
und ökonomischen Verhältnissen. Nach dem von »Karl
Marx (1818-1883) eingeführten Begriffspaar »Basis
und Überbau bildet der Überbau, zu dem Ideologien sowie das
Denken allgemein zählen, die Verhältnisse der ökonomischen Basis ab,
so wie es die griffige marxistische Formel "Das Sein bestimmt das
Bewusstsein." postuliert..
Für den marxistischen Literaturhistoriker »Georg
Lukács (1885-1971) repräsentierte Kleist "die romantische
Opposition, mit allen ihren reaktionären Tendenzen gegen den
klassischen Humanismus der Weimarer Periode Goethes und Schillers" (Lukács
1952a, S.20) Dementsprechend sah er in Kleist einen "reaktionäre(n),
altständische(n) Junker“ und eine "Mischung von Reaktion und
Dekadenz" (Lukács
1962ff., Bd. 4, S. 359f. zit. n.
Grathoff
2000a, S.210)
Möglicherweise kam sein Dekadenz-Verdikt
auch von Goethes Urteil über Kleist her, das dieser nach der
gänzlichen Entfremdung der beiden Dichter voneinander gefällt hat.
Goethe hatte nach dem endgültigen Zerwürfnis bei Kleist von "schwerer Verirrung der Natur", "einer zu großen Reizbarkeit der
Nerven" (»)
und sogar von einer "unheilbaren Krankheit" (»)
gesprochen und mit diesem • "Krankheits-Verdikt"
Kleist als Person und Dichter rundum abgeurteilt.
In der Moskauer
Zeitschrift »Internationale Literatur« nimmt »Georg
Lukács (1885-1971) 1937 auf der Grundlage marxistischer
Literaturtheorie zu Kleist, seinem
Lustspiel "Der zerbrochne Krug"
und der • Kritik Friedrich
Gundolfs an Kleists Werk aus dem Jahr 1922 wie folgt Stellung:
»Es ist klar, daß
Gundolf1
hier alle objektiven Zusammenhänge und alle objektiven Wertungen auf
den Kopf stellt. Man darf aber nicht vergessen, daß Gundolf in
seiner Weise sehr konsequent vorgeht und eine Anschauung radikal zu
Ende führt, die auch in unserer Literaturtheorie weit verbreitet
ist. Würde man nämlich (mit Gundolf) in der Literatur nur den
Ausdruck der Individualität des Dichters oder (mit der
Vulgärsoziologie) nur den Ausdruck der Klassenpsychologie und
nicht die Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit
erblicken, dann hätte Gundolf recht.
Denn als Ausdruck der Persönlichkeit Heinrich von Kleists ist ›Der
zerbrochene Krug‹ tatsächlich nur eine Episode, nur eine Erprobung
seiner künstlerischen Gestaltungskraft, nach dem tragischen
Zusammenbruch seines Versuchs, im ›Guiscard‹2
sein Weltgefühl als Tragödie größten Stils zu gestalten, und vor den
großen lyrischen Eruptionen seiner erotischen Leidenschaft in ›Penthesilea‹3
und ›Käthchen von Heilbronn‹4.
Und aus der ›Klassenpsychologie‹ des altpreußischen
Junkers5
Kleist läßt sich ›Der zerbrochene Krug‹ überhaupt nicht erklären.
Für die marxistische Literaturbetrachtung ist das gestaltete Werk
und seine Beziehung zur objektiven Wirklichkeit entscheidend.
Und im ›Zerbrochenen Krug‹ haben wir ein großartiges Gemälde des
damaligen Preußen vor uns, das - gleichviel ob aus politischen oder
ästhetischen Gründen - als patriarchalisches Holland vor uns steht.
Die holländischen Züge sind aber nur sekundär und artistisch
dekorativ. Das Wesentliche ist auch hier, wie in ›Michael
Kohlhaas‹6 die
künstlerische Zerstörung der
romantischen Idylle von der ›guten alten Zeit‹7.
Die Willkür der patriarchalischen Gerichtsbarkeit auf dem Lande, die
Mißhandlung der Bauern durch die Obrigkeit, das tiefe Mißtrauen der
Bauern allem gegenüber, was von ›oben‹ kommt, ihr Gefühl, daß man
sich vor der Behörde nur durch Bestechung und Betrug schützen kann
einerlei ob diese Bestechung durch Geld, Geschenke oder durch
sexuelle Nachgiebigkeit geschieht,
ergibt zusammen ein hervorragendes realistisches Bild des damaligen
ländlichen Preußen. Und es ist sehr interessant zu beobachten,
wie hier auch die Lieblingsmotive von Kleists psychologischer
Gestaltung einen gesellschaftlichen Inhalt erhalten.«
(Lukacs: Werke. Bd.
7 Deutsche Literatur in zwei Jahrhunderten. Neuwied u. Berlin:
Luchterhand 1964. S. 224 f., zit. n.
Sembdner 1982, S. 135f.)
Worterläuterungen und -erklärungen
1
Gundolf: »Friedrich
Gundolf (1880-1931), der dem »Kreis
um den Lyriker »Stefan
George
(1868-1933) angehörte, setzte sich in seinem Buch (1922)
über •
Heinrich von Kleist (1777-1811) auch mit dessen Drama • ›Der zerbrochne
Krug‹ auseinander.
2
Guiscard: Heinrich von Kleists (1777-1811)
dramatisches Fragment »Robert
Guiskard. Herzog der Normänner, das ist ein dramatisches Fragment,
das Kleist trotz mehrerer Anläufe nie vollendet hat
3
Penthesilea: Im Drama »Penthesilea
(1808) zeigt Kleist am Beispiel der der
Amazonenkönigin Penthesilea, deren Volk wegen seiner grausamen
Vorgeschichte keine Männer unter sich duldet, den Konflikt zwischen
einem stark fühlenden Individuum und einer gesellschaftlichen Ordnung
auf, die dessen natürlichem Empfinden in unnatürlicher Weise
entgegensteht.
4
Käthchen von Heilbronn: Das 1807
bis 1808 entstandene und 1810 in Wie am Theater an der Wien
uraufgeführte historische Ritterschauspiel »"Das
Käthchen von Heilbronn" oder Die Feuerprobe eine Art
Märchendrama
für Erwachsene. Es handelt in seinen fünf Akten von der bedingungslosen
Liebe des Käthchens zum Grafen Wetter vom Strahl, der sie zunächst
abweist. Durch Träume, göttliche Fügung und ihre unerschütterliche Treue
wird ihre Verbindung schließlich anerkannt und ihre Liebe erfüllt. Es
geht um Schicksal, Reinheit und die Überwindung gesellschaftlicher
Barrieren.
5
Junkers: Ein Junker war ursprünglich ein junger Adliger oder ein
adliger Gutsbesitzer, besonders im östlichen Preußen. Später wurde der
Begriff oft abwertend für militaristische und konservative ostelbische
Landadelige verwendet.
6
Michael Kohlhaas: »Die
Novelle
»"Michael
Kohlhaas", die Kleist 1808 zunächst als Fragment und 1810
vollständig veröffentlicht, erzählt die Geschichte eines rechtschaffenen
Pferdehändlers, der durch Unrecht und die Korruption des Adels um
seine Pferde gebracht wird. Als das Rechtssystem versagt, nimmt er das
Gesetz selbst in die Hand, führt einen Rachefeldzug und fordert
Gerechtigkeit. Er wird schließlich hingerichtet, erhält aber zuvor noch
Genugtuung für das erlittene Unrecht.
7
romantischen
Idylle von der ›guten alten Zeit‹: Anspielung auf das von den •
Romantikern
mit ihrem Hang zur "Synthese irrationaler und rationaler Kräfte" (Frenzel,
H. A. und E. (1964/211984,
S. 296) als " gute alte Zeit" idealisierte Mittelalter. Es war eine
Gegenreaktion auf die aufklärerische Betonung der Vernunft und die
Umbrüche durch die Industrialisierung. Sie sehnten sich nach einer Zeit,
in der ihrer Meinung nach die Welt noch ganz, geheimnisvoll und von
tieferen Gefühlen geprägt war, die Einheit von Mensch und Natur
existierte und Spiritualität eine größere Rolle spielte. Es war eine
Flucht in eine verklärte Vergangenheit, um der empfundenen Entzauberung
der Gegenwart zu entgehen
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