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Georg Lukács: [ ...ein hervorragendes realistisches Bild des damaligen ländlichen Preußen ] (1937)

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug Rezeptionsgeschichte

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick  Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse [ Rezeptionsgeschichte Überblick Goethes Aufführung am Weimarer Hoftheater (1808) Langfassung (1802ff.) und Buchausgabe (Kurzfassung, 1811) Textauswahl Bausteine  Fragen und Antworten (KI)Links ins Internet ] Interpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

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Vor allem unter marxistischen Literaturwissenschaftlern kam es früher zu Auseinandersetzungen über die gegensätzlichen Positionen zwischen • Heinrich von Kleist (1777-1811) und »Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Die marxistische Literaturwissenschaft geht dabei von der so genannten »Widerspiegelungstheorie aus, die sich aus der »dialektisch-materialistischen Weltanschauung des Marxismus ergibt. Sie besagt, dass das menschliche Bewusstsein und Denken eine Widerspiegelung der objektiven, materiellen Realität sind. Ideen und Vorstellungen entstehen demnach aus den konkreten gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen. Nach dem von »Karl Marx (1818-1883) eingeführten Begriffspaar »Basis und Überbau bildet der Überbau, zu dem Ideologien sowie das Denken allgemein zählen, die Verhältnisse der ökonomischen Basis ab, so wie es die griffige marxistische Formel "Das Sein bestimmt das Bewusstsein." postuliert..
Für den marxistischen Literaturhistoriker »Georg Lukács (1885-1971) repräsentierte Kleist "die romantische Opposition, mit allen ihren reaktionären Tendenzen gegen den klassischen Humanismus der Weimarer Periode Goethes und Schillers" (Lukács 1952a, S.20) Dementsprechend sah er in Kleist einen "reaktionäre(n), altständische(n) Junker“ und eine "Mischung von Reaktion und Dekadenz" (Lukács 1962ff., Bd. 4, S. 359f. zit. n. Grathoff 2000a, S.210)
Möglicherweise kam sein Dekadenz-Verdikt auch von Goethes Urteil über Kleist her, das dieser nach der gänzlichen Entfremdung der beiden Dichter voneinander gefällt hat. Goethe hatte nach dem endgültigen Zerwürfnis bei Kleist von "schwerer Verirrung der Natur", "einer zu großen Reizbarkeit der Nerven" (») und sogar von einer "unheilbaren Krankheit" (») gesprochen und mit diesem • "Krankheits-Verdikt" Kleist als Person und Dichter rundum abgeurteilt.

In der Moskauer Zeitschrift »Internationale Literatur« nimmt »Georg Lukács (1885-1971) 1937 auf der Grundlage marxistischer Literaturtheorie zu Kleist, seinem Lustspiel "Der zerbrochne Krug" und der • Kritik Friedrich Gundolfs an Kleists Werk aus dem Jahr 1922 wie folgt Stellung:

»Es ist klar, daß Gundolf1 hier alle objektiven Zusammenhänge und alle objektiven Wertungen auf den Kopf stellt. Man darf aber nicht vergessen, daß Gundolf in seiner Weise sehr konsequent vorgeht und eine Anschauung radikal zu Ende führt, die auch in unserer Literaturtheorie weit verbreitet ist. Würde man nämlich (mit Gundolf) in der Literatur nur den Ausdruck der Individualität des Dichters oder (mit der Vulgärsoziologie) nur den Ausdruck der Klassenpsychologie und nicht die Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit erblicken, dann hätte Gundolf recht. Denn als Ausdruck der Persönlichkeit Heinrich von Kleists ist ›Der zerbrochene Krug‹ tatsächlich nur eine Episode, nur eine Erprobung seiner künstlerischen Gestaltungskraft, nach dem tragischen Zusammenbruch seines Versuchs, im ›Guiscard2 sein Weltgefühl als Tragödie größten Stils zu gestalten, und vor den großen lyrischen Eruptionen seiner erotischen Leidenschaft in ›Penthesilea3 und ›Käthchen von Heilbronn4. Und aus der ›Klassenpsychologie‹ des altpreußischen Junkers5 Kleist läßt sich ›Der zerbrochene Krug‹ überhaupt nicht erklären. Für die marxistische Literaturbetrachtung ist das gestaltete Werk und seine Beziehung zur objektiven Wirklichkeit entscheidend. Und im ›Zerbrochenen Krug‹ haben wir ein großartiges Gemälde des damaligen Preußen vor uns, das - gleichviel ob aus politischen oder ästhetischen Gründen - als patriarchalisches Holland vor uns steht. Die holländischen Züge sind aber nur sekundär und artistisch dekorativ. Das Wesentliche ist auch hier, wie in ›Michael Kohlhaas‹6 die künstlerische Zerstörung der romantischen Idylle von der ›guten alten Zeit‹7. Die Willkür der patriarchalischen Gerichtsbarkeit auf dem Lande, die Mißhandlung der Bauern durch die Obrigkeit, das tiefe Mißtrauen der Bauern allem gegenüber, was von ›oben‹ kommt, ihr Gefühl, daß man sich vor der Behörde nur durch Bestechung und Betrug schützen kann einerlei ob diese Bestechung durch Geld, Geschenke oder durch sexuelle Nachgiebigkeit geschieht, ergibt zusammen ein hervorragendes realistisches Bild des damaligen ländlichen Preußen. Und es ist sehr interessant zu beobachten, wie hier auch die Lieblingsmotive von Kleists psychologischer Gestaltung einen gesellschaftlichen Inhalt erhalten.«

(Lukacs: Werke. Bd. 7 Deutsche Literatur in zwei Jahrhunderten. Neuwied u. Berlin: Luchterhand 1964. S. 224 f., zit. n. Sembdner 1982, S. 135f.)

Worterläuterungen und -erklärungen

1 Gundolf: »Friedrich Gundolf (1880-1931), der dem »Kreis um den Lyriker »Stefan George (1868-1933) angehörte, setzte sich in seinem Buch (1922) über • Heinrich von Kleist (1777-1811) auch mit dessen Drama • ›Der zerbrochne Krug‹ auseinander.

2 Guiscard: Heinrich von Kleists (1777-1811) dramatisches Fragment »Robert Guiskard. Herzog der Normänner, das ist ein dramatisches Fragment, das Kleist trotz mehrerer Anläufe nie vollendet hat

3 Penthesilea: Im Drama »Penthesilea (1808) zeigt Kleist am Beispiel der der Amazonenkönigin Penthesilea, deren Volk wegen seiner grausamen Vorgeschichte keine Männer unter sich duldet, den Konflikt zwischen einem stark fühlenden Individuum und einer gesellschaftlichen Ordnung auf, die dessen natürlichem Empfinden in unnatürlicher Weise entgegensteht.

4 Käthchen von Heilbronn: Das 1807 bis 1808 entstandene und 1810 in Wie am Theater an der Wien uraufgeführte historische Ritterschauspiel »"Das Käthchen von Heilbronn" oder Die Feuerprobe eine Art Märchendrama für Erwachsene. Es handelt in seinen fünf Akten von der bedingungslosen Liebe des Käthchens zum Grafen Wetter vom Strahl, der sie zunächst abweist. Durch Träume, göttliche Fügung und ihre unerschütterliche Treue wird ihre Verbindung schließlich anerkannt und ihre Liebe erfüllt. Es geht um Schicksal, Reinheit und die Überwindung gesellschaftlicher Barrieren.

5 Junkers: Ein Junker war ursprünglich ein junger Adliger oder ein adliger Gutsbesitzer, besonders im östlichen Preußen. Später wurde der Begriff oft abwertend für militaristische und konservative ostelbische Landadelige verwendet.

6 Michael Kohlhaas: »Die Novelle »"Michael Kohlhaas", die Kleist 1808 zunächst als Fragment und 1810 vollständig veröffentlicht, erzählt die Geschichte eines rechtschaffenen Pferdehändlers, der  durch Unrecht und die Korruption des Adels um seine Pferde gebracht wird. Als das Rechtssystem versagt, nimmt er das Gesetz selbst in die Hand, führt einen Rachefeldzug und fordert Gerechtigkeit. Er wird schließlich hingerichtet, erhält aber zuvor noch Genugtuung für das erlittene Unrecht.

7 romantischen Idylle von der ›guten alten Zeit‹: Anspielung auf das von den • Romantikern mit ihrem Hang zur "Synthese irrationaler und rationaler Kräfte" (Frenzel, H. A. und E. (1964/211984, S. 296) als " gute alte Zeit" idealisierte Mittelalter. Es war eine Gegenreaktion auf die aufklärerische Betonung der Vernunft und die Umbrüche durch die Industrialisierung. Sie sehnten sich nach einer Zeit, in der ihrer Meinung nach die Welt noch ganz, geheimnisvoll und von tieferen Gefühlen geprägt war, die Einheit von Mensch und Natur existierte und Spiritualität eine größere Rolle spielte. Es war eine Flucht in eine verklärte Vergangenheit, um der empfundenen Entzauberung der Gegenwart zu entgehen

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 04.12.2025

    
 Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, was Lukács an • Friedrich Gundolfs Position zu Kleist Zerbrochnem Krug kritisiert.
  2. Erläutern Sie, inwiefern seine Kritik dabei den Prinzipien der marxistischen Widerspiegelungstheorie folgt.
  3. Halten Sie die Kritik Lukács' für berechtigt?
 
 
 

 
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