Die Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ von •
Heinrich von Kleist (1777-1811) wurde unter der Leitung »Johann
Wolfgang von Goethes (1749-1832) •
am Weimarer Hoftheater am 2. März
1808 uraufgeführt. Dabei hat Goethe einige Veränderungen
vorgenommen. Kleist hatte zuvor am 1. Februar 2008 einen "kühl
abweisenden Brief" (Schulz 2011,
S.370) auf sein Schreiben an Goethe vom 24.1. 2008 erhalten, in dem
er Goethe um einen Beitrag für seine und Adam Müllers neue
Zeitschrift "Phöbus" gebeten hatte. Kleist hatte seinem Brief das 1.
Heft der Zeitschrift mit dem Titel Organisches Fragment aus dem
Theaterspiel Penthesilea beigefügt. Goethe antwortete sehr
reserviert und rügte ganz unverblümt die Verachtung, die Kleist
darin dem gegenwärtigen deutschen Theater gegenüber zum Ausdruck
brachte. Trotzdem
das Verhältnis zwischen beiden also schon in
gewisser Hinsicht vorbelastet war, wollte Kleist eigentlich mit
seinem engen Freund »Johann
Jakob Otto August Rühle von Lilienstern (1780-1847) und dessen
Zögling, den weimarischen Prinzen »Bernhard
von Weimar (1792-1862) zur Aufführung nach Weimar reisen.
Allerdings hatte sich dies Vorhaben zerschlagen.
Die nachfolgenden Quellen und Texte dienen dazu, insbesondere
Goethes Blick auf das Drama Kleists vor der Uraufführung zu
verdeutlichen.
Goethe schrieb an
»Adam Müller (1779-1825), der gemeinsam mit Heinrich von Kleist
1808 Herausgeber der Zeitschrift "Phöbus"
war, aus während seiner Reise nach Karlsbad (25.5.-10.9-1807) am 28.
August 1807 einen sehr verbindlichen Brief, in dem er sich über
dessen Vorlesungen, Kleists
»Tragikomödie
»Amphitryon
(1807) und über den zerbrochnen Krug äußerte:
»Der zerbrochne Krug hat außerordentliche Verdienste, und die ganze
Darstellung dringt sich mit gewaltsamer Gegenwart auf. Nur schade,
daß das Stück auch wieder dem unsichtbaren Theater angehört. Das
Talent des Verfassers, so lebendig er auch darzustellen vermag,
neigt sich doch mehr gegen das Dialektische hin; wie er es denn
selbst in dieser stationären Prozeßform auf das wunderbarste
manifestiert hat. Könnte er mit eben dem Naturell und Geschick eine
wirklich dramatische Aufgabe lösen und eine Handlung vor unsern
Augen und Sinnen sich entfalten lassen, wie er hier eine vergangene
sich nach und nach enthüllen läßt, so würde es für das deutsche
Theater ein großes Geschenk sein. Das Manuskript will ich mit nach
Weimar nehmen, in der Hoffnung Ihrer Erlaubnis, und sehen, ob etwa
ein Versuch der Vorstellung zu machen sei.
Zum Richter Adam haben
wir einen vollkommen passenden Schauspieler, und auf diese
Rolle kommt es vorzüglich an. Die andern sind eher zu besetzen.«
(Sembdner
(Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 185, zit.
Sembdner 1982, S. 87)
Text 2:
Johann Wolfgang von Goethe, Tag- und Jahreshefte 1807 [1808]
»Auf ein anderes, freilich in anderem Sinne [als Calderons
»Standhafter Prinz«], problematisches Theaterstück hatte man
gleichfalls ein Auge geworfen, es war der zerbrochne Krug, der gar
mancherlei Bedenken erregte, und eine höchst ungünstige Aufnahme zu
erleben hatte.«
Goethe, 2. Dez. 1807:
»Absendung der Rollen.von [...] dem zerbrochnen Krug, nebst den zwei
Manuskripten von dem letzten.«
Goethe, 4. Febr. 1808:
»Mittag bei Wieland. Leseprobe vom zerbrochnen Krug.«
(Sembdner
(Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 239a, zit.
Sembdner 1982, S. 90f.)
Text 3
Johann Daniel Falk (1768-1836): Aus dem Nachlass [Goethes Inszenierung als Flop und seine und Kleists Reaktion ]
"Als der Wasserkrug vom Herrn von Kleist sollte gegeben werden, rief
die regierende Herzogin Herrn von Müffling*
auf die Seite und frug ihn: ob er Herrn v. Kleist kenne, es werde
nächsten Tags ein Stück von ihm gegeben werden,
ein Lustspiel, wovon Goethe gesagt hatte: er müsse die Schauspieler
im Spielen ordentlich einhalten und Pausen machen lassen, damit die
Zuschauer Zeit behielten sich auszulachen. Den folgenden Tag
darauf, sagte die Prinzessin Caroline zu Herrn von Müffling: »Wir
sehen morgen ein Stück von Kleist. Ich freue mich sehr drauf. Es
soll außer den Maßen vortrefflich sein.« Ich bin fest überzeugt daß
es Goethen mit diesem Urteil an der Aufführung des Stückes ein
völliger Ernst war, er hatte sich durch die einzelnen blendenden
Seiten,
durch den genialen Humor des Wasserkrugs bestechen lassen.
Kleist war wütend, als er erfuhr daß das Stück so durchgefallen sei.
Er
wollte Goethen fordern, sich mit ihm schießen usw. Man hatte ihm
glaublich gemacht,
Goethe habe absichtlich das Stück zu 3 Akten ausgesponnen, und es
dadurch zum Fallen gebracht.
Dieses falsche Gerücht fand um so eher Eingang bei Kleist, da
Goethe ihm
auf einen warmen höchst gemütvollen Brief, den er an ihn
geschrieben, kein Wort keine Silbe geantwortet hätte.
Die
Beschuldigung aber ist gewiß völlig grundlos.
Von dem Tage der Aufführung des Wasserkrugs an, zeigte Goethe eine
entschiedene Ablehnung gegen alle Kleistischen Stücke. – Kleist,
in der falschen Voraussetzung, schrieb folgenden Aufsatz, den er an
Herrn Müffling schickte, daß dieser ihn in das Morgenblatt oder
sonstwo wollte einrücken lassen. [Der Aufsatz fehlt!]«
* »Karl Freiherr von Müffling
(1775-1851), preußischer Offizier, seit 1808 im Dienst des Herzogs
»Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828)
(Sembdner
1969, S.369, zit.
Sembdner 1982, S. 91)
Text 4
Goethe zu »Johann Daniel Falk (1768-1836)
nach dessen Aufzeichnungen (veröffentlicht 1832):
»Sie wissen, welche Mühe und Proben ich es mir kosten ließ, seinen
"Wasserkrug" aufs hiesige Theater zu bringen. Daß es dennoch nicht
glückte, lag einzig in dem Umstande,
daß es dem übrigens
geistreichen und humoristischen Stoffe an einer rasch durchgeführten
Handlung fehlt.
Mir aber den Fall desselben zuzuschreiben, ja, mir
sogar, wie es im Werke gewesen ist, eine Ausfoderung* deswegen nach
Weimar schicken zu wollen,
deutet, wie Schiller sagt, auf eine
schwere Verirrung der Natur, die den Grund ihrer Entschuldigung
allein in einer zu großen Reizbarkeit der Nerven oder in Krankheit
finden kann.«
(Sembdner
(Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 252, zit.
Sembdner 1982, S. 105)
*Ausfoderung: Kleist hatte mit dem Gedanken gespielt, Goethe wegen
dessen Verantwortung für das Durchfallen des Stücks in Weimar zu
einem Duell zu fordern.
Text 5
Goethes Einteilung in drei Akte mit Spielpausen
»Johann
Wolfgang von Goethe (1749-1832) konnte offenbar mit Kleists
ungegliederter und den zeitgenössischen Theaterkonventionen
vordergründig widersprechenden Gestalt des Dramentextes wenig anfangen. Jedenfalls teilte der das Stück in drei
Akte auf, was wohl nicht zuletzt daran gelegen sein dürfte, dass ihm als
Theaterpraktiker bei einer Spieldauer des Stücks von mindestens
anderthalb Stunden klar war, dass das Publikum in einem solchen Fall
Pausen wünschte. Andererseits passte ihm wohl auch nicht ins Konzept,
wie Kleist mit den gängigen Formprinzipien des klassischen Dramas in
seiner Komödie umsprang. (vgl.
Schulz 2011,
S.372) Schuld daran, dass das Stück durchfiel und "am Ende
ausgetrommelt" (Buck
(Hg.) Goethe-Handbuch 1996, Bd. 2, S.39) wurde, war dies allerdings
nicht.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
11.01.2026
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