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Bausteine

Goethe und der zerbrochne Krug

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug Rezeptionsgeschichte

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick   Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse [ Rezeptionsgeschichte Überblick Goethes Aufführung am Weimarer Hoftheater (1808) TextauswahlLangfassung (1802ff.) und Buchausgabe (Kurzfassung, 1811 Von der traditionellen zur feministischen Perspektive bei der Inszenierung Textauswahl Bausteine Fragen und Antworten (KI)Links ins Internet ] Interpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

Die Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ von • Heinrich von Kleist (1777-1811) wurde unter der Leitung »Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832)am Weimarer Hoftheater am 2. März 1808 uraufgeführt. Dabei hat Goethe einige Veränderungen vorgenommen. Kleist hatte zuvor am 1. Februar 2008 einen "kühl abweisenden Brief" (Schulz 2011, S.370) auf sein Schreiben an Goethe vom 24.1. 2008 erhalten, in dem er Goethe um einen Beitrag für seine und Adam Müllers neue Zeitschrift "Phöbus" gebeten hatte. Kleist hatte seinem Brief das 1. Heft der Zeitschrift mit dem Titel Organisches Fragment aus dem Theaterspiel Penthesilea beigefügt. Goethe antwortete sehr reserviert und rügte ganz unverblümt die Verachtung, die Kleist darin dem gegenwärtigen deutschen Theater gegenüber zum Ausdruck brachte. Trotzdem das Verhältnis zwischen beiden also schon in gewisser Hinsicht vorbelastet war, wollte Kleist eigentlich mit seinem engen Freund »Johann Jakob Otto August Rühle von Lilienstern (1780-1847) und dessen Zögling, den weimarischen Prinzen »Bernhard von Weimar (1792-1862) zur Aufführung nach Weimar reisen. Allerdings hatte sich dies Vorhaben zerschlagen.

Die nachfolgenden Quellen und Texte dienen dazu, insbesondere Goethes Blick auf das Drama Kleists vor der Uraufführung zu verdeutlichen.

Text 1:
Johann Wolfgang von Goethe an Adam Müller (1807)

Goethe schrieb an »Adam Müller (1779-1825), der gemeinsam mit Heinrich von Kleist 1808 Herausgeber der Zeitschrift "Phöbus" war, aus während seiner Reise nach Karlsbad (25.5.-10.9-1807) am 28. August 1807 einen sehr verbindlichen Brief, in dem er sich über dessen Vorlesungen, Kleists »Tragikomödie »Amphitryon (1807) und über den zerbrochnen Krug äußerte:

»Der zerbrochne Krug hat außerordentliche Verdienste, und die ganze Darstellung dringt sich mit gewaltsamer Gegenwart auf. Nur schade, daß das Stück auch wieder dem unsichtbaren Theater angehört. Das Talent des Verfassers, so lebendig er auch darzustellen vermag, neigt sich doch mehr gegen das Dialektische hin; wie er es denn selbst in dieser stationären Prozeßform auf das wunderbarste manifestiert hat. Könnte er mit eben dem Naturell und Geschick eine wirklich dramatische Aufgabe lösen und eine Handlung vor unsern Augen und Sinnen sich entfalten lassen, wie er hier eine vergangene sich nach und nach enthüllen läßt, so würde es für das deutsche Theater ein großes Geschenk sein. Das Manuskript will ich mit nach Weimar nehmen, in der Hoffnung Ihrer Erlaubnis, und sehen, ob etwa ein Versuch der Vorstellung zu machen sei. Zum Richter Adam haben wir  einen vollkommen passenden Schauspieler, und auf diese Rolle kommt es vorzüglich an. Die andern sind eher zu besetzen.«
(Sembdner (Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 185, zit. Sembdner 1982, S. 87)

Text 2:
Johann Wolfgang von Goethe, Tag- und Jahreshefte 1807 [1808]

»Auf ein anderes, freilich in anderem Sinne [als Calderons »Standhafter Prinz«], problematisches Theaterstück hatte man gleichfalls ein Auge geworfen, es war der zerbrochne Krug, der gar mancherlei Bedenken erregte, und eine höchst ungünstige Aufnahme zu erleben hatte.«

Goethe, 2. Dez. 1807:
»Absendung der Rollen.von [...] dem zerbrochnen Krug, nebst den zwei Manuskripten von dem letzten.«

Goethe, 4. Febr. 1808:
»Mittag bei Wieland. Leseprobe vom zerbrochnen Krug.«
(Sembdner (Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 239a, zit. Sembdner 1982, S. 90f.)

Text 3
Johann Daniel Falk (1768-1836): Aus dem Nachlass
[Goethes Inszenierung als Flop und seine und Kleists Reaktion ]

"Als der Wasserkrug vom Herrn von Kleist sollte gegeben werden, rief die regierende Herzogin Herrn von Müffling* auf die Seite und frug ihn: ob er Herrn v. Kleist kenne, es werde nächsten Tags ein Stück von ihm gegeben werden, ein Lustspiel, wovon Goethe gesagt hatte: er müsse die Schauspieler im Spielen ordentlich einhalten und Pausen machen lassen, damit die Zuschauer Zeit behielten sich auszulachen. Den folgenden Tag darauf, sagte die Prinzessin Caroline zu Herrn von Müffling: »Wir sehen morgen ein Stück von Kleist. Ich freue mich sehr drauf. Es soll außer den Maßen vortrefflich sein.« Ich bin fest überzeugt daß es Goethen mit diesem Urteil an der Aufführung des Stückes ein völliger Ernst war, er hatte sich durch die einzelnen blendenden Seiten, durch den genialen Humor des Wasserkrugs bestechen lassen. Kleist war wütend, als er erfuhr daß das Stück so durchgefallen sei. Er wollte Goethen fordern, sich mit ihm schießen usw. Man hatte ihm glaublich gemacht, Goethe habe absichtlich das Stück zu 3 Akten ausgesponnen, und es dadurch zum Fallen gebracht. Dieses falsche Gerücht fand um so eher Eingang bei Kleist, da Goethe ihm auf einen warmen höchst gemütvollen Brief, den er an ihn geschrieben, kein Wort keine Silbe geantwortet hätte. Die Beschuldigung aber ist gewiß völlig grundlos. Von dem Tage der Aufführung des Wasserkrugs an, zeigte Goethe eine entschiedene Ablehnung gegen alle Kleistischen Stücke. – Kleist, in der falschen Voraussetzung, schrieb folgenden Aufsatz, den er an Herrn Müffling schickte, daß dieser ihn in das Morgenblatt oder sonstwo wollte einrücken lassen. [Der Aufsatz fehlt!]«

* »Karl Freiherr von Müffling (1775-1851), preußischer Offizier, seit 1808 im Dienst des Herzogs »Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828)
(Sembdner 1969, S.369, zit. Sembdner 1982, S. 91)

Text 4
Goethe zu »Johann Daniel Falk (1768-1836) nach dessen Aufzeichnungen (veröffentlicht 1832):

»Sie wissen, welche Mühe und Proben ich es mir kosten ließ, seinen "Wasserkrug" aufs hiesige Theater zu bringen. Daß es dennoch nicht glückte, lag einzig in dem Umstande, daß es dem übrigens geistreichen und humoristischen Stoffe an einer rasch durchgeführten Handlung fehlt. Mir aber den Fall desselben zuzuschreiben, ja, mir sogar, wie es im Werke gewesen ist, eine Ausfoderung* deswegen nach Weimar schicken zu wollen, deutet, wie Schiller sagt, auf eine schwere Verirrung der Natur, die den Grund ihrer Entschuldigung allein in einer zu großen Reizbarkeit der Nerven oder in Krankheit finden kann
(Sembdner (Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 252, zit. Sembdner 1982, S. 105)

*Ausfoderung: Kleist hatte mit dem Gedanken gespielt, Goethe wegen dessen Verantwortung für das Durchfallen des Stücks in Weimar zu einem Duell zu fordern.

Text 5
Goethes Einteilung in drei Akte mit Spielpausen

»Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) konnte offenbar mit Kleists ungegliederter und den zeitgenössischen Theaterkonventionen vordergründig widersprechenden Gestalt des Dramentextes wenig anfangen. Jedenfalls teilte der das Stück in drei Akte auf, was wohl nicht zuletzt daran gelegen sein dürfte, dass ihm als Theaterpraktiker bei einer Spieldauer des Stücks von mindestens anderthalb Stunden klar war, dass das Publikum in einem solchen Fall Pausen wünschte. Andererseits passte ihm wohl auch nicht ins Konzept, wie Kleist mit den gängigen Formprinzipien des klassischen Dramas in seiner Komödie umsprang. (vgl. Schulz 2011, S.372) Schuld daran, dass das Stück durchfiel und "am Ende ausgetrommelt" (Buck (Hg.) Goethe-Handbuch 1996, Bd. 2, S.39) wurde, war dies allerdings nicht.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 11.01.2026

 
 

 
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