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Bausteine

Die Weimarer Aufführung 2.3.1808

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug Rezeptionsgeschichte

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick   Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse [ Rezeptionsgeschichte Überblick Goethes Aufführung am Weimarer Hoftheater (1808) TextauswahlLangfassung (1802ff.) und Buchausgabe (Kurzfassung, 1811 Von der traditionellen zur feministischen Perspektive bei der Inszenierung Textauswahl Bausteine Fragen und Antworten (KI)Links ins Internet ] Interpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

Die Uraufführung von • Heinrich von Kleists  (1777-1811) Drama • ›Der zerbrochne Krug‹ fand unter der Leitung von »Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der in den Diensten des Herzogs »Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828) stand und dem von seinem Fürsten die Leitung des 1791 gegründeten Weimarer Hoftheaters im Komödienhaus übertragen worden war. Das Gebäude wurde später abgerissen und 1907 durch den »neoklassizistischen Bau ersetzt, in dem auch das heutige »Deutsche Nationaltheater seine Spielstätten hat.

Was in Weimar auf die Bühne kam, entsprach etwa dem, was man auch anderswo zu sehen bekam. Allerdings war es Goethe gewöhnlich ein Anliegen, dass auch die Autoren der Stücke auf die Inszenierungen ihrer Werke in Weimar Einfluss nehmen konnten. Dadurch erhoffte er sich im Allgemeinen, dass Text, Dramaturgie und das Spiel der Schauspielerinnen und Schauspieler am besten aufeinander abgestimmt werden konnte. Zudem sorgte Goethe dafür, dass das ehemals überwiegend als Amateur-, Laien- oder Liebhabertheater von »Herzogin Anna Amalia (1739-1807) konzipierte Theater ein festes Schauspielensemble bekam, das mit seinem elaborierten Darstellungsstil nach Goethes »Regeln für Schauspieler (1803) den Anforderungen klassischer Dramen entsprach. Bis dahin waren in den zur Aufführung gebrachten Stücken (Lustspiele, deutsche Singspiele, französisches Schauspiel sowie Opern) adelige und bürgerliche Laien, Angehörige des Hofes, Hofdamen und Sänger, aber auch Beamte und Minister auf der Bühne (auch Goethe selbst spielte etliche Rollen) zu sehen. Mitunter hatten in Weimar aber auch professionelle Schauspieltruppen gastiert,  wie z. B. die »Seylersche Schauspiel-Gesellschaft (1769-1779) in den 70er und 80-Jahren des 18. Jahrhunderts unter den »deutschen Wanderbühnen einen besonders guten Ruf besaß.

Text 1
Eduard Genast [Ein unerhörter Vorgang] (1862)

»Eduard Franz Genast (1797-1866) berichtet sehr viel später über die Weimarer Aufführung, was sein Vater ihm erzählt hatte, in seinem " Tagebuch eines alten Schauspielers." (4 Bände. Voigt & Guenther, Leipzig 1862/66)

»Schon bei der ersten Vorstellung wurde dem Stück der Stab gebrochen, und es fiel unverdienterweise total durch. Hauptsächlich traf die Schuld des Mißlingens den Darsteller des Adam, der in seinem Vortrag so breit und langweilig war, daß selbst seine Mitspieler die Geduld dabei verloren. Trotz allen Rügen Goethes bei den Proben war er aus seinem breitspurigen Redegang nicht herauszubringen, und den kurzen Imperativ bei ihm anzubringen, wäre wahrlich ganz in der Ordnung gewesen, denn das Zerren und Dehnen war nicht zu ertragen. Bei der Aufführung dieses Stücks ereignete sich ein Vorfall, der in dem kleinen weimarschen Hoftheater noch nie dagewesen und als etwas Unerhörtes bezeichnet werden konnte: ein herzoglicher Beamter hatte die Frechheit, das Stück auszupfeifen. Karl August [...] bog sich über die Brüstung heraus und rief: »Wer ist der freche Mensch, der sich untersteht, in Gegenwart meiner Gemahlin zu pfeifen? Husaren, nehmt den Kerl fest!« Dies geschah [...] und er wurde drei Tage auf die Hauptwache gesetzt. - Den andern Tag soll Goethe gegen Riemer, der es mir mitteilte, bemerkt haben: »Der Mensch hat gar nicht so unrecht gehabt; ich wäre auch dabei gewesen, wenn es der Anstand und meine Stellung erlaubt hätten. Des Anstands wegen hätte er eben warten sollen, bis er außerhalb des Zuschauerraums war.«
(Sembdner (Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 242, zit. Sembdner 1982, S. 95)

Text 2
Henriette von Knebel: [Ein fürchterliches Schauspiel] (März 1808)

Die Erzieherin und spätere Gesellschaftsdame der sächsischen »Prinzessin Karoline Luise von Sachsen-Weimar-Eisenach (1786-1816) »Henriette von Knebel (1755-1815) an ihren Bruder »Karl Ludwig von Knebel (1744-1834), »Hofmeister des »Prinzen Konstantin (1758-1793) von Sachsen-Weimar, 5 März 1808:

"Ein fürchterliches Lustspiel, was wir am vorigen Mittwoch haben aufführen sehen und was einen unverlöschbaren unangenehmen Eindruck auf mich gemacht hat und auf uns alle, ist der zerbrochne Krug von Herrn von Kleist in Dresden, Mitarbeiter des charmanten Phöbus*. Wirklich hätte ich nicht geglaubt, daß es möglich wäre, so was Langweiliges und Abgeschmacktes hinzuschreiben. Die Prinzeß [»Caroline Louise von Sachsen-Weimar-Eisenach 1786-1816] meint, daß die Herrens von Kleist gerechte Ansprüche auf den Lazarusorden** hätten. Der moralische Aussatz *** ist doch auch ein böses Übel. Ich glaube, bei diesen Herrens hat sich das Blut, was sie im Krieg erhalten haben, alles in Tinte verwandelt.«
(Sembdner (Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 244, zit. Sembdner 1982, S. 96)

* Phöbus: literarische Journal »"Phöbus", das von Kleist gemeinsam »Adam Müller (1779-1825), im Jahr 1808 herausgegeben wurde
** Lazarusorden: Anspielung auf die »biblische Gestalt des »Lazarus von Bethanien, der gemäß dem »Johannesevangelium (Joh 11 EU) von Jesus von den Toten auferweckt, nachdem er zuvor an »Lepra (Aussatz); der nach ihm benannte »Lazarus-Orden wurde im 12. Jahrhundert als geistlicher Ritterorden in Jerusalem gegründet und hat seine Ursprünge in einem dem Heiligen Lazarus von Bethanien geweihten Leprahaus (Leprosorium), das sich außerhalb der Stadtmauer, in der Nähe des Neuen Tores befunden hat;
*** Aussatz: »Lepra (Aussatz) chronische bakterielle Infektionskrankheit mit langer Inkubationszeit, die mit auffälligen Veränderungen an Haut, Schleimhäuten, Nervengewebe und Knochen verbunden ist; im Mittelalter bezeichnete man die Lepra in Anlehnung an den »Lazarus-Orden auch Lazarus-Krankheit; die Leprkranken wurden Zur wurden außerhalb der Städte in in eigens dafür errichteten Siechenhäuser isoliert, die auch Lazarus-Häuser genannt wurden.

Text 3:
Allgemeine Deutsche Theater-Zeitung, Leipzig, 11. März 1808: [ Der Verfasser ist kein Dramatiker]

"Aus Weimar. Am zweiten März gab man den Gefangenen, Oper in einem Akt, von »Della Maria. Hierauf folgte zum ersten Male: Der zerbrochne Krug, Lustspiel in 3 Aufzügen. Das Sujet desselben ist recht artig. Ein gewissenloser Dorfrichter wird von dem Justizrevisor der Niederlande an einem Morgen überrascht, da er noch die Spuren einer Verwundung vom vorigen Abend an sich trägt. Der Gerichtsrat will einem Gerichtstage beiwohnen, den jedoch der Dorfrichter, da er seine Perücke verbrannt zu haben angibt, im bloßen Kopfe halten muß. Es erscheint ein Bauerweib, die ihren künftigen Schwiegersohn verklagt, daß er, da er ihre Tochter in dunkler Kammer bei einem entflohenen Galan getroffen, ihren historisch merkwürdigsten Krug zerbrochen. Aus dem scheuen Schweigen der Tochter, der Verlegenheit und den Wunden des kahlköpfigen Dorfrichters erraten wir sogleich, daß nur er am Abend unter irgend einem Vorwande bei Jungfer Even gewesen; aber hilf Himmel, hilf! nun müssen wir noch den zweiten und den (das ganze Stück verdarb dritthalb Stunden) eine Stunde währenden, dritten Akt, alles ein einziges Verhör, mit anhören. Dem Erzähler kommt es wohl zu, und wird bei ihm interessant, aber der dramatische Dichter darf die entdeckte Wahrheit nicht so unendlich weit vom endlichen Bekenntnis entfernen.

Daß der Verfasser kein Dramatiker ist, beweist seine Unkunde jeder dramatischen Regel. Ich höre, daß er ein Herr von Kleist sei. Der tapfere Obrist (denn ich denke mir durchaus den Verfasser als Soldaten) zog die Socke* an, ließ aber die Sporen nicht ab, und verwickelte sich so in Thaliens Gewand**, daß er stundenlang hin- und herziehen mußte, bis er sich, auf Kosten der leichten Bekleidung, endlich heraus zog. Dem Publikum gereicht es zu Ehre, daß es, am Ende des Stückes (was ich nie hier erlebte) wirklich pochte. Auch könnte wahrlich nur ein geschmackloser Schulmonarch, der mit gleicher Geduld zum Valerius Maximus*** und ins Theater geht, dieses Machwerk interessant finden. –  Hr. Becker war als Dorfrichter Adam vortrefflich, seine Malerei sehr passend. Demois. Elsermann, die eigentliche plagende Erzählerin, Jungfer Eve, hatte sich recht gut kostümiert. Richtig ergriff Hr. Unzelmann den Ton des Schreibers Licht, Mad. Wolff war Frau Marthe Null [!], Gerichtsverwalter Herr Oels, Frau Brigitte Demois. Silie, der Bauer Ruprecht Hr. Wolff.«(Sembdner (Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 247, zit. Sembdner 1982, S. 98)

*   Socke: leichter Schuh der Komödie im Vergleich zum »Kothurn, dem geschnürten, wadenhohen Schaftstiefel, einem Jagdstiefel des »Dionysos, der später zu einem Bestandteil des Kostüms der Schauspieler der griechischen Tragödie wurde. Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurden die Sohlen aus Kork gefertigt. Die Sohlen waren so dick, dass sie fast Stelzen glichen, was vor allem für die römische Zeit gilt.
**  Thaliens Gewand: »Thalia (die Festliche, die Blühende) ist in der griechischen Mythologie eine der neun Musen; sie ist die Muse der Komödie (Attribut: lachende Theatermaske, Efeukranz und Krummstab) der heitere bukolische Poesie
*** Valerius Maximus: Der römische Schriftsteller aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. »Valerius Maximus hat u. a. eine Stoffsammlung für antike Rednerschulen verfasst »(Facta et dicta memorabilia)

Text 4
Zeitung für die elegante Welt: [Dem Publikum riss der Geduldsfaden] - 14. März 1808

In der literarisch-kulturellen Zeitschrift Zeitung für die elegante Welt (1801-1859). Leipzig, erschien am 14. März 1808 die folgende Theaterkritik:

»Aus Weimar. Neulich wurde hier zur Fastnacht ein neues burleskes Lustspiel vom Herrn v. Kleist gegeben: »der zerbrochne Krug«. Die Geschichte des Stücks ist wirklich komisch, und es würde gewiß sehr gefallen haben, wenn es auf einen Akt zusammengedrängt und alles gehörig in lebhafte Handlung gesetzt wäre. Stattdessen ist es aber in drei lange Akte abgeteilt, und besonders wird im letzten Akte so entsetzlich viel und alles so breit erzählt, daß dem sonst sehr geduldigen Publikum der Geduldfaden endlich ganz riß, und gegen den Schluß ein solcher Lärm sich erhob, daß keiner imstande war, von den ellenlangen Reden auch nur eine Silbe zu verstehn. Unsre neuesten Poeten von Talent sind so stolz, daß sie glauben, dem Publikum alles bieten zu können, und daß sie meinen, es müsse sich schon geehrt fühlen, wenn man sich nur herablasse, ihm etwas zum Besten zu geben
(Sembdner (Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 248a, zit. Sembdner 1982, S. 99)

Text 5
Johann Daniel Falk: [Es fehlt eine von Augenblick zu Augenblick fortschreitende Handlung] - 1808

Johann Daniel Falk (1768-1836): im 4. Heft der Zeitschrift »Prometheus«. Wien, [August] 1808, die von Johann Georg Friedrich von Balthazar (1733-1792) gegründet worden ist und sich vor allem der Verbreitung von neuem Wissen, der Förderung der intellektuellen Debatte und der Diskussion gesellschaftlicher Fragen verschrieben hatte.

»Warum der zerbrochne Krug des Herrn v. Kleist hier in Weimar nicht gefallen hat! der doch voll genialer und glücklicher Züge ist, und eine Hand verrät, die, des Zeichnens nicht ungewohnt, noch festere und glücklichere Produkte für die Zukunft verspricht? Ich gebe Ihnen hierauf eine bloß mutmaßliche Antwort. Vielleicht, sage ich, aus dem nämlichen Grunde, warum der vierte Akt des Figaro, wo eine ähnliche Prozeßführung vorkömmt, bei große, komischen Effekt des Einzelnen, dennoch nie auf irgendeinem Theater gefallen wird. Es fehlt eine von Augenblick zu Augenblick fortschreitende Handlung, die Seele des Dramas, wofür lustige Einfälle, welche der Leib sind, keineswegs dem Zuschauer Ersatz geben. Ja man kann in dieser Behauptung noch weiter gehen und sagen: So wie ein Stück, ohne alle Zeichnung und Charaktere [...] bloß durch das Interesse, das die Handlung desselben einflößt, dem Zuschauer gefallen kann: so kann, ja so muß eine Stück, bei den glänzendsten Vorzügen in Zeichnung und Charakteren, sobald es mit der Handlung irgendwo stockt, auch wohl zuweilen mißfallen. Damit man aber von diesem Paradoxon gleich im Anfange in kein zu großes Schrecken gerät: so will ich nur lieber frischweg und offen bekennen, daß es keineswegs mir zugehört, sondern schon einige tausend Jahr früher vom Aristoteles gesagt ist. Wer kennt nicht das dramatisch Axiom, das dieser in seiner Poetik aufstellt, und sogar mit Beispielen erörtert: »daß eine Tragödie voll Handlung weit eher ohne Charaktere, als ein Stück voll Charaktere ohne Handlung gefallen kann«. So wie demnach der Erdball rollt, und keinen Augenblick stille steht, so soll auch die Handlung in einem echten Drama unablässig fortrollen, und keinen Augenblick stille stehen. Witziger Dialog, Beredsamkeit, veredelter Ausdruck der Empfindung, Psychologie Entwickelung der Gefühle, und alle diese tausend verführerischen Künste, wie glänzend sie immer in Vorlesungen und Büchern, zu Pracht und Prunk verfertigt, hervortreten mögen; so gewähren sie doch für den Abgang der Handlung in einem echten Drama keine völlige Schadloshaltung. [...] Also weder Handlung ohne Charakter, noch Charakter ohne Handlung, sondern Handlung und Charaktere zugleich, wie in einem Brennpunkt, auf das genaueste miteinander vereinigt. Wer diese Aufgabe am befriedigendsten löst, wird auch zugleich das größte dramatische Genie aller Zeiten sein.» Sembdner (Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 249a, zit. Sembdner 1982, S. 103f.)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 11.01.2026

 
 

 
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