Die Uraufführung von •
Heinrich von Kleists (1777-1811) Drama • ›Der zerbrochne
Krug‹ fand unter der Leitung von »Johann
Wolfgang von Goethe (1749-1832), der in den Diensten des Herzogs
»Carl
August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828) stand und dem von
seinem Fürsten die Leitung des 1791 gegründeten Weimarer Hoftheaters
im Komödienhaus übertragen worden war. Das Gebäude wurde später
abgerissen und 1907 durch den »neoklassizistischen
Bau ersetzt, in dem auch das heutige »Deutsche
Nationaltheater seine Spielstätten hat.

Was in Weimar auf die Bühne kam, entsprach etwa dem, was man auch
anderswo zu sehen bekam. Allerdings war es Goethe gewöhnlich ein
Anliegen, dass auch die Autoren der Stücke auf die Inszenierungen
ihrer Werke in Weimar Einfluss nehmen konnten. Dadurch erhoffte er
sich im Allgemeinen, dass Text, Dramaturgie und das Spiel der
Schauspielerinnen und Schauspieler am besten aufeinander abgestimmt
werden konnte. Zudem sorgte Goethe dafür, dass das ehemals
überwiegend als
Amateur-,
Laien- oder Liebhabertheater von »Herzogin
Anna Amalia (1739-1807) konzipierte Theater ein festes
Schauspielensemble bekam, das mit seinem elaborierten
Darstellungsstil nach Goethes »Regeln
für Schauspieler (1803) den Anforderungen klassischer Dramen
entsprach. Bis dahin waren in den zur Aufführung gebrachten Stücken
(Lustspiele, deutsche Singspiele, französisches Schauspiel sowie
Opern) adelige und bürgerliche Laien, Angehörige des Hofes, Hofdamen
und Sänger, aber auch Beamte und Minister auf der Bühne (auch Goethe
selbst spielte etliche Rollen) zu sehen. Mitunter hatten in Weimar
aber auch professionelle Schauspieltruppen gastiert, wie z. B.
die »Seylersche
Schauspiel-Gesellschaft
(1769-1779) in den 70er und 80-Jahren des 18. Jahrhunderts unter
den »deutschen
Wanderbühnen einen besonders guten Ruf besaß.
»Eduard
Franz Genast (1797-1866) berichtet sehr viel später über die
Weimarer Aufführung, was sein Vater ihm erzählt hatte, in seinem "
Tagebuch eines alten Schauspielers." (4 Bände. Voigt & Guenther,
Leipzig 1862/66)
»Schon bei der ersten Vorstellung wurde dem Stück der Stab
gebrochen, und es fiel unverdienterweise total durch. Hauptsächlich
traf die Schuld des Mißlingens den Darsteller des Adam, der in
seinem Vortrag so breit und langweilig war, daß selbst seine
Mitspieler die Geduld dabei verloren. Trotz allen Rügen Goethes bei
den Proben war er aus seinem breitspurigen Redegang nicht
herauszubringen, und den kurzen Imperativ bei ihm anzubringen, wäre
wahrlich ganz in der Ordnung gewesen, denn das
Zerren und Dehnen war
nicht zu ertragen. Bei der Aufführung dieses Stücks ereignete sich
ein Vorfall, der in dem kleinen weimarschen Hoftheater noch nie dagewesen und als etwas Unerhörtes bezeichnet werden konnte: ein
herzoglicher Beamter hatte die Frechheit, das Stück auszupfeifen.
Karl August [...] bog sich über die Brüstung heraus und rief: »Wer
ist der freche Mensch, der sich untersteht, in Gegenwart meiner
Gemahlin zu pfeifen? Husaren, nehmt den Kerl fest!« Dies geschah
[...] und er wurde drei Tage auf die Hauptwache gesetzt. - Den
andern Tag soll Goethe gegen Riemer, der es mir mitteilte, bemerkt
haben: »Der Mensch hat gar nicht so unrecht gehabt; ich wäre auch
dabei gewesen, wenn es der Anstand und meine Stellung erlaubt
hätten. Des Anstands wegen hätte er eben warten sollen, bis er
außerhalb des Zuschauerraums war.«
(Sembdner
(Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 242, zit.
Sembdner 1982, S. 95)
Die Erzieherin und spätere Gesellschaftsdame der sächsischen »Prinzessin
Karoline Luise von Sachsen-Weimar-Eisenach (1786-1816) »Henriette
von Knebel (1755-1815) an ihren Bruder
»Karl
Ludwig von Knebel (1744-1834), »Hofmeister
des »Prinzen
Konstantin (1758-1793) von Sachsen-Weimar, 5 März 1808:
"Ein fürchterliches Lustspiel, was wir am vorigen Mittwoch haben
aufführen sehen und was einen unverlöschbaren unangenehmen Eindruck
auf mich gemacht hat und auf uns alle, ist der zerbrochne Krug von
Herrn von Kleist in Dresden, Mitarbeiter des charmanten
Phöbus*.
Wirklich hätte ich nicht geglaubt, daß es möglich wäre, so was
Langweiliges und Abgeschmacktes hinzuschreiben. Die Prinzeß [»Caroline
Louise von Sachsen-Weimar-Eisenach 1786-1816] meint, daß die
Herrens von Kleist gerechte Ansprüche auf den Lazarusorden** hätten.
Der moralische Aussatz *** ist doch auch ein böses Übel. Ich glaube, bei
diesen Herrens hat sich das Blut, was sie im Krieg erhalten haben,
alles in Tinte verwandelt.«
(Sembdner
(Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 244, zit.
Sembdner 1982, S. 96)
* Phöbus: literarische Journal »"Phöbus",
das von Kleist gemeinsam
»Adam Müller (1779-1825), im Jahr 1808 herausgegeben wurde
** Lazarusorden: Anspielung auf
die »biblische
Gestalt des »Lazarus
von Bethanien, der gemäß dem »Johannesevangelium
(Joh 11 EU) von Jesus von den Toten auferweckt, nachdem er zuvor an
»Lepra
(Aussatz); der nach ihm benannte »Lazarus-Orden
wurde im 12. Jahrhundert als geistlicher Ritterorden in Jerusalem
gegründet und hat seine Ursprünge in einem dem Heiligen Lazarus von
Bethanien geweihten Leprahaus (Leprosorium), das sich außerhalb der
Stadtmauer, in der Nähe des Neuen Tores befunden hat;
*** Aussatz: »Lepra
(Aussatz) chronische bakterielle Infektionskrankheit mit langer
Inkubationszeit, die mit auffälligen Veränderungen an Haut,
Schleimhäuten, Nervengewebe und Knochen verbunden ist; im
Mittelalter bezeichnete man die Lepra in Anlehnung an den »Lazarus-Orden
auch Lazarus-Krankheit; die Leprkranken wurden Zur wurden außerhalb
der Städte in in eigens dafür errichteten Siechenhäuser isoliert,
die auch Lazarus-Häuser genannt wurden.
"Aus Weimar. Am zweiten März gab man den Gefangenen,
Oper in einem Akt, von »Della Maria. Hierauf folgte zum ersten Male:
Der zerbrochne Krug, Lustspiel in 3 Aufzügen.
Das Sujet desselben
ist recht artig. Ein gewissenloser Dorfrichter wird von dem
Justizrevisor der Niederlande an einem Morgen überrascht, da er noch
die Spuren einer Verwundung vom vorigen Abend an sich trägt. Der
Gerichtsrat will einem Gerichtstage beiwohnen, den jedoch der
Dorfrichter, da er seine Perücke verbrannt zu haben angibt, im
bloßen Kopfe halten muß. Es erscheint ein Bauerweib, die ihren
künftigen Schwiegersohn verklagt, daß er, da er ihre Tochter in
dunkler Kammer bei einem entflohenen Galan getroffen, ihren
historisch merkwürdigsten Krug zerbrochen. Aus dem scheuen Schweigen
der Tochter, der Verlegenheit und den Wunden des kahlköpfigen
Dorfrichters erraten wir sogleich, daß nur er am Abend unter irgend
einem Vorwande bei Jungfer Even gewesen;
aber hilf Himmel, hilf! nun
müssen wir noch den zweiten und den (das ganze Stück verdarb
dritthalb Stunden) eine Stunde währenden, dritten Akt, alles ein
einziges Verhör, mit anhören. Dem Erzähler kommt es wohl zu, und
wird bei ihm interessant, aber der dramatische Dichter darf die
entdeckte Wahrheit nicht so unendlich weit vom endlichen Bekenntnis
entfernen.
Daß der Verfasser kein Dramatiker ist, beweist seine Unkunde jeder
dramatischen Regel.
Ich höre, daß er
ein Herr von Kleist sei.
Der tapfere Obrist (denn ich denke mir durchaus den Verfasser als
Soldaten) zog die Socke* an, ließ aber die
Sporen nicht ab, und verwickelte sich so in
Thaliens Gewand**, daß er stundenlang
hin- und herziehen mußte, bis er sich, auf Kosten der leichten
Bekleidung, endlich heraus zog.
Dem Publikum gereicht es zu Ehre, daß es, am Ende des Stückes (was
ich nie hier erlebte) wirklich pochte.
Auch könnte wahrlich nur ein geschmackloser Schulmonarch, der
mit gleicher Geduld zum Valerius Maximus***
und ins Theater geht,
dieses Machwerk interessant finden. –
Hr.
Becker war als Dorfrichter Adam vortrefflich, seine Malerei
sehr passend.
Demois. Elsermann, die eigentliche plagende Erzählerin,
Jungfer Eve, hatte sich recht gut kostümiert.
Richtig ergriff Hr. Unzelmann den Ton des Schreibers Licht,
Mad. Wolff war
Frau Marthe Null [!],
Gerichtsverwalter Herr Oels,
Frau Brigitte Demois. Silie,
der Bauer Ruprecht Hr. Wolff.«(Sembdner
(Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 247, zit.
Sembdner 1982, S. 98)
* Socke: leichter Schuh der
Komödie im Vergleich zum »Kothurn,
dem geschnürten, wadenhohen Schaftstiefel, einem Jagdstiefel des »Dionysos,
der später zu einem Bestandteil des Kostüms der Schauspieler der
griechischen Tragödie wurde. Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurden die
Sohlen aus Kork gefertigt. Die Sohlen waren so dick, dass sie fast
Stelzen glichen, was vor allem für die römische Zeit gilt.
** Thaliens Gewand: »Thalia
(die Festliche, die Blühende) ist in der
griechischen Mythologie eine der neun
Musen; sie ist die Muse der Komödie (Attribut: lachende
Theatermaske, Efeukranz und Krummstab) der heitere
bukolische Poesie
*** Valerius Maximus: Der
römische Schriftsteller aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. »Valerius
Maximus hat u. a. eine Stoffsammlung für antike Rednerschulen
verfasst »(Facta
et dicta memorabilia)
In der literarisch-kulturellen Zeitschrift
Zeitung für die elegante Welt (1801-1859). Leipzig, erschien am
14. März 1808 die folgende Theaterkritik:
»Aus
Weimar. Neulich wurde hier zur Fastnacht ein neues
burleskes Lustspiel vom Herrn v.
Kleist gegeben: »der zerbrochne Krug«. Die
Geschichte des
Stücks ist wirklich komisch, und
es würde gewiß sehr gefallen haben, wenn es auf einen Akt
zusammengedrängt und alles gehörig in lebhafte Handlung gesetzt wäre.
Stattdessen ist es aber in drei lange Akte abgeteilt, und
besonders wird
im letzten Akte so entsetzlich viel und alles so breit erzählt,
daß
dem sonst sehr geduldigen Publikum der Geduldfaden endlich ganz riß,
und
gegen den Schluß ein solcher Lärm sich erhob, daß keiner imstande
war, von den ellenlangen Reden auch nur eine Silbe zu verstehn.
Unsre neuesten Poeten von Talent sind so stolz, daß sie glauben, dem
Publikum alles bieten zu können, und
daß sie meinen, es müsse sich schon geehrt fühlen, wenn man sich nur
herablasse, ihm etwas zum Besten zu geben.«
(Sembdner
(Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 248a, zit.
Sembdner 1982, S. 99)
Johann Daniel Falk (1768-1836): im 4. Heft der Zeitschrift
»Prometheus«. Wien, [August] 1808, die von Johann Georg Friedrich
von Balthazar (1733-1792) gegründet worden ist und sich vor allem
der Verbreitung von neuem Wissen, der Förderung der intellektuellen
Debatte und der Diskussion gesellschaftlicher Fragen verschrieben
hatte.
»Warum der zerbrochne Krug des Herrn v. Kleist hier in Weimar nicht
gefallen hat! der doch voll genialer und glücklicher Züge ist, und
eine Hand verrät, die, des Zeichnens nicht ungewohnt, noch festere
und glücklichere Produkte für die Zukunft verspricht? Ich gebe Ihnen
hierauf eine bloß mutmaßliche Antwort. Vielleicht, sage ich, aus dem
nämlichen Grunde, warum der vierte Akt des Figaro, wo eine ähnliche
Prozeßführung vorkömmt, bei große, komischen Effekt des Einzelnen,
dennoch nie auf irgendeinem Theater gefallen wird.
Es fehlt eine
von Augenblick zu Augenblick fortschreitende Handlung, die
Seele
des Dramas, wofür lustige Einfälle, welche der Leib sind, keineswegs
dem Zuschauer Ersatz geben. Ja man kann in dieser Behauptung noch
weiter gehen und sagen: So wie ein Stück, ohne alle Zeichnung und
Charaktere [...] bloß durch das Interesse, das die Handlung
desselben einflößt, dem Zuschauer gefallen kann: so kann, ja so muß
eine Stück, bei den glänzendsten Vorzügen in Zeichnung und
Charakteren, sobald es mit der Handlung irgendwo stockt, auch
wohl zuweilen mißfallen. Damit man aber von diesem Paradoxon gleich
im Anfange in kein zu großes Schrecken gerät: so will ich nur lieber
frischweg und offen bekennen, daß es keineswegs mir zugehört,
sondern schon einige tausend Jahr früher vom Aristoteles gesagt ist.
Wer kennt nicht das dramatisch Axiom, das dieser in seiner Poetik
aufstellt, und sogar mit Beispielen erörtert: »daß eine Tragödie
voll Handlung weit eher ohne Charaktere, als ein Stück voll
Charaktere ohne Handlung gefallen kann«. So wie demnach der
Erdball rollt, und keinen Augenblick stille steht, so soll auch die
Handlung in einem echten Drama unablässig fortrollen, und keinen
Augenblick stille stehen. Witziger Dialog, Beredsamkeit, veredelter
Ausdruck der Empfindung, Psychologie Entwickelung der Gefühle, und
alle diese tausend verführerischen Künste, wie glänzend sie immer in
Vorlesungen und Büchern, zu Pracht und Prunk verfertigt,
hervortreten mögen; so gewähren sie doch für den Abgang der
Handlung in einem echten Drama keine völlige Schadloshaltung.
[...] Also weder Handlung ohne Charakter, noch Charakter ohne
Handlung, sondern Handlung und Charaktere zugleich, wie in einem
Brennpunkt, auf das genaueste miteinander vereinigt. Wer diese
Aufgabe am befriedigendsten löst, wird auch zugleich das größte
dramatische Genie aller Zeiten sein.»
Sembdner (Hg.) 1977, Lebensspuren, Nr. 249a, zit.
Sembdner 1982, S. 103f.)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
11.01.2026
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