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« Elfter Auftritt »

Text mit Wort- und Sacherklärungen

Heinrich von Kleist Der zerbrochne Krug Handlungsverlauf – Einzelne Szenen

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
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Eilfter Auftritt

Licht. Frau Brigitte mit einer Perücke in der Hand. Die Mägde. Die Vorigen.

LICHT.
Hier, Frau Brigitte, herein.

WALTER.
Ist das die Frau, Herr Schreiber Licht?

LICHT.
Das ist die Frau Brigitte, Euer Gnaden.

WALTER.
Nun denn, so laßt die Sach uns jetzt beschließen.
Nehmt ab, ihr Mägde
. Hier.

Die Mägde mit Gläsern usw. ab.

ADAM währenddessen.
Nun, Evchen, höre,
Dreh du mir deine Pille ordentlich1,
Wie sich's gehört
, so sprech ich heute abend
Auf ein Gericht Karauschen2 bei euch ein.
Dem Luder3 muß sie ganz jetzt durch die Gurgel,
Ist sie zu groß, so mag's den Tod dran fressen.

WALTER erblickt die Perücke.
Was bringt uns Frau Brigitte dort für eine
Perücke?

LICHT.
Gnäd'ger Herr?

WALTER.
Was jene Frau uns dort für eine
Perücke bringt?

LICHT.
Hm!

WALTER.
Was?

LICHT.
Verzeiht –

WALTER.
Werd ich's erfahren?

LICHT.
Wenn Euer Gnaden gütigst
Die Frau, durch den Herrn Richter fragen wollen,

So wird, wem die Perücke angehört,
Sich, und das Weitre, zweifl' ich nicht, ergeben.

WALTER.
– Ich will nicht wissen, wem sie angehört.
Wie kam die Frau dazu? Wo fand sie sie?

LICHT.
Die Frau fand die Perücke im Spalier
Bei Frau Margrete Rull.
Sie hing gespießt,
Gleich einem Nest, im Kreuzgeflecht des Weinstocks,
Dicht unterm Fenster
, wo die Jungfer4 schläft.

FRAU MARTHE.
Was? Bei mir? Im Spalier?

WALTER heimlich.
Herr Richter Adam,
Habt Ihr mir etwas zu vertraun,
So bitt ich, um die Ehre des Gerichtes,
Ihr seid so gut, und sagt mir's an.

ADAM.
Ich Euch –?

WALTER.
Nicht? Habt Ihr nicht –?

ADAM.
Auf meine Ehre –

Er ergreift die Perücke.

WALTER.
Hier die Perücke ist die Eure nicht?

ADAM.
Hier die Perück ihr Herren, ist die meine!
Das ist, Blitz – Element, die nämliche,
Die ich dem Burschen vor acht Tagen gab,
Nach Utrecht sie zum Meister Mehl zu bringen
.

WALTER.
Wem? Was?

LICHT.
Dem Ruprecht?

RUPRECHT.
Mir?

ADAM.
Hab ich Ihm Schlingel,
Als Er nach Utrecht vor acht Tagen ging
,
Nicht die Perück hier anvertraut, sie zum
Friseur, daß er sie renoviere5, hinzutragen?

RUPRECHT.
Ob Er –? Nun ja. Er gab mir –

ADAM.
Warum hat Er
Nicht die Perück, Halunke, abgegeben?

Warum nicht hat Er sie, wie ich befohlen,
Beim Meister in der Werkstatt abgegeben?

RUPRECHT.
Warum ich sie –? Gotts, Himmel-Donner – Schlag!
Ich hab sie in der Werkstatt abgegeben.
Der Meister Mehl nahm sie

ADAM.
Sie abgegeben?
Und jetzt hängt sie im Weinspalier bei Marthens?
O wart, Kanaille6! So entkommst du nicht.
Dahinter steckt mir von Verkappung7 was,
Und Meuterei, was weiß ich? – Wollt Ihr erlauben,
Daß ich sogleich die Frau nur inquiriere8?

WALTER.
Ihr hättet die Perücke –?

ADAM.
Gnäd'ger Herr,
Als jener Bursche dort, vergangnen Dienstag,
Nach Utrecht fuhr mit seines Vaters Ochsen
,
Kam er ins Amt, und sprach, Herr Richter Adam,
Habt Ihr im Städtlein etwas zu bestellen?
Mein Sohn, sag ich, wenn du so gut willt sein,
So laß mir die Perück hier auftoupieren9
Nicht aber sagt ich ihm, geh und bewahre
Sie bei dir auf, verkappe dich darin10,
Und laß sie im Spalier bei Marthens hängen.

FRAU BRIGITTE.
Ihr Herrn, der Ruprecht, mein ich, halt zu Gnaden,
Der war's wohl nicht.
Denn da ich gestern nacht
Hinaus aufs Vorwerk11 geh, zu meiner Muhme12,
Die schwer im Kindbett liegt13, hör ich die Jungfer
Gedämpft, im Garten hinten jemand schelten
:
Wut scheint und Furcht die Stimme ihr zu rauben.
Pfui, schäm Er sich, Er Niederträchtiger,
Was macht Er? Fort. Ich werd die Mutter rufen;

Als ob die Spanier im Lande wären.14  
Drauf: Eve! durch den Zaun hin: Eve! ruf ich.
Was hast du? Was auch gibt's? – Und still wird es:
Nun? Wirst du antworten? – Was wollt Ihr, Muhme?
Was hast du vor, frag ich? – Was werd ich haben. –
Ist es der Ruprecht?Ei so ja, der Ruprecht
Geht Euren Weg doch nur. – So koch dir Tee15.
Das liebt sich, denk ich, wie sich andre zanken.

FRAU MARTHE.
Mithin –?

RUPRECHT.
Mithin –?

WALTER.
Schweigt! Laßt die Frau vollenden.

FRAU BRIGITTE.
Da ich vom Vorwerk nun zurückekehre
Zur Zeit der Mitternacht etwa, und just,
Im Lindengang, bei Marthens Garten bin,
Huscht euch ein Kerl bei mir vorbei, kahlköpfig,
Mit einem Pferdefuß16, und hinter ihm
Erstinkt's wie Dampf von Pech und Haar und Schwefel
.
Ich sprech ein Gottseibeiuns17 aus, und drehe
Entsetzensvoll mich um, und seh, mein Seel,
Die Glatz, ihr Herren, im Verschwinden noch,
Wie faules Holz, den Lindengang durchleuchten.18  

RUPRECHT.
Was! Himmel – Tausend –!

FRAU MARTHE.
Ist Sie toll, Frau Briggi19?

RUPRECHT.
Der Teufel, meint Sie, wär's –?

LICHT.
Still! Still!

FRAU BRIGITTE.
Mein Seel!
Ich weiß, was ich gesehen und gerochen.

WALTER ungeduldig.
Frau, ob's der Teufel war, will ich nicht untersuchen,
Ihn aber, ihn denunziiert20 man nicht.
Kann Sie von einem andern melden, gut:
Doch mit dem Sünder da verschont Sie uns.

LICHT.
Wollen Euer Gnaden sie vollenden lassen.

WALTER.
Blödsinnig Volk, das!

FRAU BRIGITTE.
Gut, wie Ihr befehlt.
Doch der Herr Schreiber Licht sind mir ein Zeuge.

WALTER.
Wie? Ihr ein Zeuge?

LICHT.
Gewissermaßen, ja.

WALTER.
Fürwahr, ich weiß nicht –

LICHT.
Bitte ganz submiß21,
Die Frau in dem Berichte nicht zu stören.
Daß es der Teufel war, behaupt ich nicht;
Jedoch mit Pferdefuß, und kahler Glatze
Und hinten Dampf, wenn ich nicht sehr mich irre,
Hat's seine völl'ge Richtigkeit!
– Fahrt fort!

FRAU BRIGITTE.
Da ich nun mit Erstaunen heut vernehme,
Was bei Frau Marthe Rull geschehn, und ich
Den Krugzertrümmrer auszuspionieren
,
Der mir zu Nacht begegnet am Spalier
Den Platz, wo er gesprungen, untersuche,
Find ich im Schnee, ihr Herrn, euch eine Spur
Was find ich euch für eine Spur im Schnee?
Rechts fein und scharf und nett gekantet immer,
Ein ordentlicher Menschenfuß,
Und links unförmig grobhin eingetölpelt22
Ein ungeheurer klotz'ger Pferdefuß.

WALTER ärgerlich.
Geschwätz, wahnsinniges, verdammenswürd'ges –!

VEIT.
Es ist nicht möglich, Frau!

FRAU BRIGITTE.
Bei meiner Treu!
Erst am Spalier, da, wo der Sprung geschehen,
Seht, einen weiten, schneezerwühlten Kreis,
Als ob sich eine Sau darin gewälzt;
Und Menschenfuß und Pferdefuß von hier,
Und Menschenfuß und Pferdefuß, und Menschenfuß und Pferdefuß,
Quer durch den Garten, bis in alle Welt.

ADAM.
Verflucht! – – hat sich der Schelm vielleicht erlaubt,
Verkappt23 des Teufels Art –?

RUPRECHT.
Was! Ich!

LICHT.
Schweigt! Schweigt!

FRAU BRIGITTE.
Wer einen Dachs sucht, und die Fährt entdeckt,
Der Weidmann24, triumphiert nicht so, als ich.
Herr Schreiber Licht, sag ich, denn eben seh ich
Von euch geschickt, den Würd'gen zu mir treten,
Herr Schreiber Licht, spart eure Session25,
Den Krugzertrümmrer judiziert26 ihr nicht,
Der sitzt nicht schlechter euch, als in der Hölle:
Hier ist die Spur die er gegangen ist.

WALTER.
So habt Ihr selbst Euch überzeugt?

LICHT.
Euer Gnaden,
Mit dieser Spur hat's völl'ge Richtigkeit.

WALTER.
Ein Pferdefuß?

LICHT.
Fuß eines Menschen, bitte,
Doch praeter propter27 wie ein Pferdehuf.

ADAM.
Mein Seel, ihr Herrn, die Sache scheint mir ernsthaft.
Man hat viel beißend abgefaßte Schriften,
Die, daß ein Gott sei, nicht gestehen wollen;
Jedoch den Teufel hat, soviel ich weiß,
Kein Atheist noch bündig wegbewiesen.
Der Fall, der vorliegt, scheint besonderer
Erörtrung wert
. Ich trage darauf an,
Bevor wir ein Konklusum fassen28,
Im Haag29 bei der Synode30 anzufragen
Ob das Gericht befugt sei, anzunehmen,
Daß Beelzebub31 den Krug zerbrochen hat.

WALTER.
Ein Antrag, wie ich ihn von Euch erwartet.
Was wohl meint Ihr, Herr Schreiber?

LICHT.
Euer Gnaden werden
Nicht die Synode brauchen, um zu urteiln.

Vollendet – mit Erlaubnis! – den Bericht,
Ihr Frau Brigitte, dort; so wird der Fall
Aus der Verbindung, hoff ich, klar konstieren.32

FRAU BRIGITTE.
Hierauf: Herr Schreiber Licht, sag ich, laßt uns
Die Spur ein wenig doch verfolgen, sehn,
Wohin der Teufel wohl entwischt mag sein
.
Gut, sagt er, Frau Brigitt, ein guter Einfall;
Vielleicht gehn wir uns nicht weit um33,
Wenn wir zum Herrn Dorfrichter Adam gehn.

WALTER.
Nun? Und jetzt fand sich –?

FRAU BRIGITTE.
Zuerst jetzt finden wir
Jenseits des Gartens, in dem Lindengange,
Den Platz, wo Schwefeldämpfe von sich lassend
,
Der Teufel bei mir angeprellt34: ein Kreis,
Wie scheu ein Hund etwa zur Seite weicht,
Wenn sich die Katze prustend vor ihm setzt
.

WALTER.
Drauf weiter?

FRAU BRIGITTE.
Nicht weit davon jetzt steht ein Denkmal seiner35,
An einem Baum, daß ich davor erschrecke.

WALTER.
Ein Denkmal? Wie?

FRAU BRIGITTE.
Wie? Ja, da werdet Ihr –

ADAM für sich.
Verflucht mein Unterleib36  

LICHT.
Vorüber, bitte,
Vorüber hier, ich bitte, Frau Brigitte.

WALTER.
Wohin die Spur Euch führte, will ich wissen!

FRAU BRIGITTE.
Wohin? Mein Treu37, den nächsten Weg zu euch,
Just wie Herr Schreiber Licht gesagt.

WALTER.
Zu uns? Hierher?

FRAU BRIGITTE.
Vom Lindengange, ja,
Aufs Schulzenfeld,38 den Karpfenteich entlang,
Den Steg, quer übern Gottesacker39  dann,
Hier, sag ich, her, zum Herrn Dorfrichter Adam.

WALTER.
Zum Herrn Dorfrichter Adam?

ADAM.
Hier zu mir?

FRAU BRIGITTE.
Zu Euch, ja.

RUPRECHT.
Wird doch der Teufel nicht
In dem Gerichtshof wohnen?

FRAU BRIGITTE.
Mein Treu, ich weiß nicht,
Ob er in diesem Hause wohnt; doch hier,
Ich bin nicht ehrlich40, ist er abgestiegen:
Die Spur geht hinten ein bis an die Schwelle.

ADAM.
Sollt er vielleicht hier durchpassiert –?

FRAU BRIGITTE.
Ja, oder durchpassiert. Kann sein. Auch das.
Die Spur vornaus –

WALTER.
War eine Spur vornaus?

LICHT.
Vornaus, verzeihn Euer Gnaden, keine Spur.

FRAU BRIGITTE.
Ja, vornaus war der Weg zertreten.

ADAM.
Zertreten. Durchpassiert. Ich bin ein Schuft.
Der Kerl, paßt auf, hat den Gesetzen hier
Was angehängt. Ich will nicht ehrlich sein,
Wenn es nicht stinkt in der Registratur41.
Wenn meine Rechnungen42, wie ich nicht zweifle,
Verwirrt befunden43 werden sollten,
Auf meine Ehr, ich stehe für nichts ein.

WALTER.
Ich auch nicht.
Für sich.
Hm! Ich weiß nicht, war's der linke,
War es der rechte? Seiner Füße einer
Herr Richter! Eure Dose44! – Seid so gefällig.

ADAM.
Die Dose?

WALTER.
Die Dose. Gebt! hier!

ADAM zu Licht.
Bringt dem Herrn Gerichtsrat.

WALTER.
Wozu die Umständ? Einen Schritt gebraucht's.

ADAM.
Es ist schon abgemacht. Gebt Seiner Gnaden.

WALTER.
Ich hätt Euch was ins Ohr gesagt.

ADAM.
Vielleicht, daß wir nachher Gelegenheit –

WALTER.
Auch gut.
Nachdem sich Licht wieder gesetzt.
Sagt doch, ihr Herrn, ist jemand hier im Orte,
Der mißgeschaffne Füße hat?

LICHT.
Hm! Allerdings ist jemand hier in Huisum –

WALTER.
So? Wer?

LICHT.
Wollen Euer Gnaden den Herrn Richter fragen –

WALTER.
Den Herrn Richter Adam?

ADAM.
Ich weiß von nichts.
Zehn Jahre bin ich hier im Amt zu Huisum,
Soviel ich weiß, ist alles grad gewachsen.

WALTER zu Licht.
Nun? Wen hier meint Ihr?

FRAU MARTHE.
Laß Er doch seine Füße draußen!
Was steckt Er untern Tisch verstört sie hin,
Daß man fast meint, Er wär die Spur gegangen.

WALTER.
Wer? Der Herr Richter Adam?

ADAM.
Ich? die Spur?
Bin ich der Teufel? Ist das ein Pferdefuß?  

Er zeigt seinen linken Fuß.

WALTER.
Auf meine Ehr. Der Fuß ist gut.
Heimlich.
Macht jetzt mit der Session45 sogleich ein Ende.

ADAM.
Ein Fuß, wenn den der Teufel hätt,
So könnt er auf die Bälle gehn und tanzen
.

FRAU MARTHE.
Das sag ich auch. Wo wird der Herr Dorfrichter –

ADAM.
Ach, was! Ich!

WALTER.
Macht, sag ich, gleich ein Ende.

FRAU BRIGITTE.
Den einz'gen Skrupel nur, ihr würd'gen Herrn,
Macht, dünkt mich, dieser feierliche Schmuck!

ADAM.
Was für ein feierlicher –?

FRAU BRIGITTE.
Hier, die Perücke!
Wer sah den Teufel je in solcher Tracht?

Ein Bau, getürmter, strotzender von Talg46,
Als eines Domdechanten auf der Kanzel47!

ADAM.
Wir wissen hierzuland nur unvollkommen,
Was in der Hölle Mod ist, Frau Brigitte!
Man sagt, gewöhnlich trägt er eignes Haar.
Doch auf der Erde, bin ich überzeugt,
Wirft er in die Perücke sich, um sich

Den Honoratioren48 beizumischen.

WALTER.
Nichtswürd'ger! Wert, vor allem Volk ihn schmachvoll
Vom Tribunal zu jagen49!  Was Euch schützt,
Ist einzig nur die Ehre des Gerichts.

Schließt Eure Session!

ADAM.
Ich will nicht hoffen –

WALTER.
Ihr hofft jetzt nichts. Ihr zieht Euch aus der Sache.

ADAM.
Glaubt Ihr, ich hätte, ich, der Richter, gestern,
Im Weinstock die Perücke eingebüßt?

WALTER.
Behüte Gott! Die Eur' ist ja im Feuer,
Wie Sodom und Gomorrha
50, aufgegangen.

LICHT.
Vielmehr – vergebt mir, gnäd'ger Herr! die Katze
Hat gestern in die seinige gejungt.

ADAM.
Ihr Herrn, wenn hier der Anschein mich verdammt:
Ihr übereilt euch nicht, bitt ich
. Es gilt
Mir Ehre oder
Prostitution51.
Solang die Jungfer schweigt, begreif ich nicht,
Mit welchem Recht ihr mich beschuldiget
.
Hier auf dem Richterstuhl von Huisum sitz ich,
Und lege die Perücke auf den Tisc
h:
Den, der behauptet, daß sie mein gehört,
Fordr' ich vors Oberlandgericht in Utrecht.

LICHT.
Hm! Die Perücke paßt Euch doch, mein Seel,
Als wär auf Euren Scheiteln sie gewachsen.

Er setzt sie ihm auf.

ADAM.
Verleumdung!

LICHT.
Nicht?

ADAM.
Als Mantel um die Schultern
Mir noch zu weit, wie viel mehr um den Kopf.

Er besieht sich im Spiegel.

RUPRECHT.
Ei, solch ein Donnerwetter – Kerl!

WALTER.
Still, Er!

FRAU MARTHE.
Ei, solch ein blitz-verfluchter Richter, das!

WALTER.
Noch einmal, wollt Ihr gleich, soll ich die Sache enden?

ADAM.
Ja, was befehlt Ihr?

RUPRECHT zu Eve.
Eve, sprich, ist er's?

WALTER.
Was untersteht der Unverschämte sich?

VEIT.
Schweig du, sag ich.

ADAM.
Wart, Bestie! Dich faß ich.

RUPRECHT.
Ei, du Blitz-Pferdefuß!

WALTER.
Heda! der Büttel!

VEIT.
Halt's Maul, sag ich.

RUPRECHT.
Wart! Heute reich ich dich52
Heut streust du keinen Sand mir in die Augen.

WALTER.
Habt Ihr nicht so viel Witz, Herr Richter –?

ADAM.
Ja, wenn Euer Gnaden
Erlauben, fäll ich jetzo die Sentenz.53

WALTER.
Gut. Tut das. Fällt sie.

ADAM.
Die Sache jetzt konstiert,54  
Und Ruprecht dort, der Racker55 , ist der Täter.

WALTER.
Auch gut das. Weiter.

ADAM .
Den Hals erkenn ich
Ins Eisen ihm
56, und weil er ungebührlich
Sich gegen seinen Richter hat betragen,
Schmeiß ich ihn ins vergitterte Gefängnis
.
Wie lange, werd ich noch bestimmen.

EVE.
Den Ruprecht –?

RUPRECHT.
Ins Gefängnis mich?

EVE.
Ins Eisen?

WALTER.
Spart eure Sorgen, Kinder Seid Ihr fertig?

ADAM.
Den Krug meinthalb mag er ersetzen, oder nicht.

WALTER.
Gut denn. Geschlossen ist die Session.
Und Ruprecht appelliert an die Instanz zu Utrecht.

EVE.
Er soll, er, erst nach Utrecht appellieren?

RUPRECHT.
Was? Ich –?

WALTER.
Zum Henker, ja! Und bis dahin –

EVE.
Und bis dahin –?

RUPRECHT.
In das Gefängnis gehn?

EVE.
Den Hals ins Eisen stecken? Seid Ihr auch Richter?
Er dort, der Unverschämte, der dort sitzt,
Er selber war's –

WALTER.
Du hörst's, zum Teufel! Schweig!
Ihm bis dahin krümmt sich kein Haar

EVE.
Auf, Ruprecht!
Der Richter Adam hat den Krug zerbrochen!

RUPRECHT.
Ei, wart, du!

FRAU MARTHE.
Er?

FRAU BRIGITTE.
Der dort?

EVE.
Er, ja! Auf, Ruprecht!
Er war bei deiner Eve gestern!
Auf! Faß ihn! Schmeiß ihn jetzo, wie du willst.

WALTER steht auf.
Halt dort! Wer hier Unordnungen –

EVE.
Gleichviel!
Das Eisen ist verdient, geh Ruprecht!
Geh schmeiß ihn von dem Tribunal herunter
.

ADAM.
Verzeiht, ihr Herrn.

Läuft weg.

EVE.
Hier! Auf!

RUPRECHT.
Halt ihn!

EVE.
Geschwind!

ADAM.
Was?

RUPRECHT.
Blitz-Hinketeufel!  

EVE.
Hast du ihn?

RUPRECHT.
Gotts Schlag und Wetter!
Es ist sein Mantel bloß!

WALTER.
Fort! Ruft den Büttel!

RUPRECHT schlägt den Mantel.
Ratz! Das ist eins. Und Ratz! Und Ratz! Noch eins.
Und noch eins! In Ermangelung des Buckels.

WALTER.
Er ungezogner Mensch!Schafft hier mir Ordnung!
An ihm, wenn Er sogleich nicht ruhig ist,
Ihm wird der Spruch vom Eisen heut noch wahr.

VEIT.
Sei ruhig, du vertrackter Schlingel!

Wort- und Sacherklärungen

1 Dreh du mir deine Pille ordentlich: doppelsinnig: kann auf das Nudeln (Stopfen) des kranken »Perlhuhns, bezogen sein, das Adam Eve zur Behandlung (Nudeln) zwei Tage zuvor gebracht hat (»10.Auftritt); aber es klingt auch durch, dass es auf die mögliche Aussage Eves bezogen sein könnte im Sinne von: überlege gut, was du sagst

2 Karauschen: Süßwasserfisch auch »Schusterkarpfen genannt

3 Luder: hier im Sinne von freches Ding

4 Jungfer: junge Frau

5 renoviere: wieder auffrische, instandsetze

6 Kanaille: Schurke, Schuft, gemeiner Kerl

7 Verkappung: Tarnung, Verkleidung; Vermummung

8 inquiriere: verhöre

9 auftoupieren: aufkämmen, um mehr Volumen und Fülle zu erzeugen

10 verkappe dich darin: tarne dich damit, vermumme dich darin

11 Vorwerk: Als »Vorwerk wird ein vom Hauptgut räumlich abgetrennter landwirtschaftlicher Pachtbetrieb bezeichnet, h: mglw. außerhalb des Dorfes gelegen

12 Muhme: Tante

13 im Kindbett liegt: nach der Geburt liegen Frauen häufig, um sich zu erholen im so genannten »Kindbett bzw. Wochenbett

14 Als ob die Spanier im Lande wären: Während der Zeit der »Herrschaft der spanischen Habsburger in den Niederlanden stehen seit 1556 immer wieder zum Teil mehrere zehntausend zählende spanische Soldaten in den Niederlanden, die die Herrschaft der Spanier gegen den wachsenden Widerstand im Land absichern und auch in kriegerischen Auseinandersetzungen mit Frankreich dessen territoriale Ansprüche zurückweisen sollten. Diese spanischen Truppen waren sehr schlecht bezahlt, viele Soldaten meuterten und waren wegen ihrer Plünderungen im ganzen Land berüchtigt und verhasst.

15 So koch dir Tee: "Mach doch, was du willst" (märkische Redensart)

16 Pferdefuß: Attribut des Teufels, der einen Pferdefuß hat und den er verbergen muss, um seine dämonische Natur zu verstecken; im Übrigen bedeutet die Redewendung "einen Pferdefuß haben" im allg. Sprachgebrauch gewöhnlich, dass unerwünschte bis unangenehme, z. T. versteckte Begleiterscheinungen bei Vereinbarungen oder Verträgen in Kauf genommen werden müssen, weil es die Sache nur im Ganzen, quasi im Paket, mit dem Pferdefuß gibt.

17 ein Gottseibeiuns: »Stoßgebet (kurzes, spontanes Gebet, das oft in einer emotionalen oder schwierigen Situation geäußert wird. Es ist eine schnelle, intensive Bitte oder Anrufung Gottes. h: zur Abwehr des Teufels

18 Wie faules Holz, den Lindengang durchleuchten: Faules Holz kann in der Nacht leuchten, auch "Lichfäule" genannt, weil bestimmte Pilze, wie der Hallimasch, Biolumineszenz verursachen. Diese Pilze produzieren einen Stoff namens Luciferin, der mit Sauerstoff reagiert und in einer enzymatischen Reaktion die Lichtenergie in Form eines grünlichen Leuchtens freisetzt, das man manchmal bei verrottendem Holz beobachten kann

19 Frau Briggi: Kurzform für Frau Brigitte

20 denunziiert: denunzieren, anzeigen, zur Anzeige bringen; heute eher abwertend: aus nicht akzeptablen, niederen Beweggründen anzeigen

21 submiß: untertänigst

22 eingetölpelt: plump eingedrückt

23 Verkappt: getarnt, vermummt

24 Weidmann: traditionelle Bezeichnung für »Jäger

25 spart eure Session: spart euch den (weiteren) Prozess

26 judiziert: verurteilt, sprecht Recht, sitzt zu Gericht

27 praeter propter: lat. ungefähr, etwa, geschätzt

28 ein Konklusum fassen: einen Entscheidung fällen, einen (Gerichts-)Beschluss fassen

29 Haag: »Den Haag, nach 1648 Sitz der niederländischen Regierung der »Republik der Vereinigten Niederlande

30 Synode: gesetzgebende Kirchenversammlung; »Synoden waren auch  für die Kirchenorganisation des »Reformators »Johannes Calvin (1509-1564), der davon ausging, die Kirche nicht allein vom geistlichen Stand geleitet werden könne, sondern durch ein Zusammenspiel verschiedener Ämter; die Gemeinden sollten eine einheitliche presbyteriale Struktur erhalten und sie durch einen synodalen Überbau miteinander zu vernetzen

nach dem »Westfälischen Frieden (1648), der den • Dreißigjährigen Krieg beendete, gehörte »Den Haag offiziell dem »CalvinismusNiederländisch-Reformierte Kirche) an; 1586 fand in Den Haag eine Generalsynode statt, die Zusammenkunft auf der höchsten Ebene der calvinistischen Kirchenorganisation; auf Synoden wurden neben Belangen der Kirchenorganisation auch Glaubensfragen entschieden

31 Beelzebub: Dämon, im übertragenen Sinne andere Bezeichnung für den Teufel

32 konstieren: feststehen, bekannt sein, ausgemacht sein

33 gehn wir uns nicht weit um: kommen wir nicht so weit von der Richtung ab

34 angeprellt: angeprallt, an- bzw. zusammengestoßen

35 ein Denkmal seiner: Notdurft (Darmentleerung)

36 Verflucht mein Unterleib: Eingeständnis der Darmprobleme, die Adam hat

37 Mein Treu: um meiner treuen Seele willen, redensartliche Bekräftigungsformel

38 Schulzenfeld: abgeleitet sich vom Wort Schulze (Dorfvorsteher, Richter, Gemeindevorsteher) ein Feld oder eine Fläche Land, die dem Schulzen gehörte oder mit seinem Amt verbunden war und aus dem allgemeinen Dorfbesitz zur Verfügung gestellt wurde.

39 Gottesacker: ein Friedhof, der nicht, wie sonst üblich, bei der Kirche liegt

40 Ich bin nicht ehrlich: zu ergänzen ist wohl: "(es sei denn) ich bin nicht ehrlich"

41 Wenn es nicht stinkt in der Registratur: sinngemäß: "wenn hier nicht etwas faul ist bzw. nicht stimmt"

42 Rechnungen: Abrechnungen der Kassen, die noch vom Gerichtsrat überprüft werden sollen

43 Verwirrt befunden: durcheinander geraten

44 Dose: Schnupftabakdose; Walter will Adam damit möglicherweise zum Aufstehen bewegen, um sich ein Bild von seinem Bein zu machen

45 Session: Gerichtsverhandlung

46 Talg: »Talg (Eingeweidefett, Hammel- oder Rinderfett) wurde als biologischer Festiger für die Perückenhaare verwendet

47 Domdechanten auf der Kanzel: »Domdechant (auch Domdekan), kirchliches Amt innerhalb der Geistlichkeit von bischöflich verfassten Kirchen bzw. Domkapitels, einer Versammlung von Geistlichen, der er vorsteht; hält Predigten auch von der Kanzel seiner Kirche

48 Honoratioren: »Honoratioren, gewöhnlich in einem dörflichen oder kleinstädtischen Milieu durch ihren sozialen Status hervorgehobene Bürger, die großes Ansehen genießen und Einfluss haben; typische Beispiele: der Bürgermeister, der Lehrer (Schulmeister), der Pfarrer, der Gastwirt, der Richter, der Arzt,  er größte Bauer am Ort oder ein Fabrikbesitzer;

49 Vom Tribunal zu jagen: von diesem Gerichtshof zu vertreiben, öffentlich abzusetzen

50 Wie Sodom und Gomorrha: die beiden biblischen Städte »Sodom und Gomorrha wurden »der biblischen Erzählung nach von Gott wegen ihrer Sündhaftigkeit in einem Regen aus Feuer und Schwefel zerstört; sprichwörtlich steht der Ausdruck für Orte, die als besonders unmoralisch und verderbt gelten; Wallter bezieht sich hier auf eine Aussage Adams im 10. Auftritt

51 Prostitution: hier etwa: vollkommene Bloßstellung, Ehrlosigkeit

52 Wart! Heute reich ich dich: Warte nur, heute erwische ich dich

53 fäll ich jetzo die Sentenz: spreche ich das Urteil

54 konstiert: steht fest, ist ausgemacht

55 Racker: Schimpfwort für einen unehrenhaften Bürger

56 Den Hals erkenn ich Ins Eisen ihm: ich verurteile ihn zum »Halseisen; der dazu verurteilte Straftäter musste zur öffentlichen Zurschaustellung seines Verbrechens ein Eisen um den Hals tragen;

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 15.12.2025

 
 

 
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