LICHT.
Hier, Frau Brigitte,
herein.
WALTER.
Ist das die Frau, Herr Schreiber Licht?
LICHT.
Das ist die Frau Brigitte, Euer Gnaden.
WALTER.
Nun denn, so laßt die Sach uns jetzt beschließen.
Nehmt ab, ihr Mägde. Hier.
Die Mägde mit Gläsern usw. ab.
ADAM währenddessen.
Nun, Evchen, höre,
Dreh du mir deine Pille ordentlich1,
Wie sich's gehört, so sprech ich heute abend
Auf ein Gericht Karauschen2 bei euch
ein.
Dem Luder3 muß sie ganz jetzt durch die Gurgel,
Ist sie zu groß, so mag's den Tod dran fressen.
WALTER erblickt die
Perücke.
Was
bringt uns Frau Brigitte dort für eine
Perücke?
LICHT.
Gnäd'ger Herr?
WALTER.
Was jene Frau uns dort für eine
Perücke bringt?
LICHT.
Hm!
WALTER.
Was?
LICHT.
Verzeiht –
WALTER.
Werd ich's erfahren?
LICHT.
Wenn Euer Gnaden gütigst
Die Frau, durch den Herrn Richter fragen wollen,
So wird, wem die Perücke angehört,
Sich, und das Weitre, zweifl' ich nicht, ergeben.
WALTER.
– Ich will nicht wissen, wem sie angehört.
Wie kam die Frau dazu? Wo fand sie sie?
LICHT.
Die Frau fand die Perücke im Spalier
Bei Frau Margrete Rull.
Sie hing gespießt,
Gleich einem Nest, im Kreuzgeflecht des Weinstocks,
Dicht unterm Fenster, wo die Jungfer4 schläft.
FRAU MARTHE.
Was? Bei mir? Im Spalier?
WALTER heimlich.
Herr Richter Adam,
Habt Ihr mir etwas zu vertraun,
So bitt ich, um die Ehre des Gerichtes,
Ihr seid so gut, und sagt mir's an.
ADAM.
Ich Euch –?
WALTER.
Nicht? Habt Ihr nicht –?
ADAM.
Auf meine Ehre –
Er ergreift die
Perücke.
WALTER.
Hier die Perücke ist die Eure nicht?
ADAM.
Hier die
Perück ihr Herren, ist die meine!
Das ist, Blitz – Element, die nämliche,
Die ich dem Burschen vor acht Tagen gab,
Nach Utrecht sie zum Meister Mehl zu bringen.
WALTER.
Wem? Was?
LICHT.
Dem Ruprecht?
RUPRECHT.
Mir?
ADAM.
Hab ich Ihm Schlingel,
Als Er nach Utrecht vor acht Tagen ging,
Nicht die Perück hier anvertraut, sie zum
Friseur, daß er sie renoviere5, hinzutragen?
RUPRECHT.
Ob Er –? Nun ja. Er gab mir –
ADAM.
Warum hat Er
Nicht die Perück, Halunke, abgegeben?
Warum nicht hat Er sie, wie ich befohlen,
Beim Meister in der Werkstatt abgegeben?
RUPRECHT.
Warum ich sie –? Gotts,
Himmel-Donner – Schlag!
Ich hab sie in
der Werkstatt abgegeben.
Der Meister Mehl nahm sie
–
ADAM.
Sie abgegeben?
Und jetzt hängt sie im Weinspalier bei Marthens?
O wart, Kanaille6! So entkommst du nicht.
Dahinter steckt mir von Verkappung7 was,
Und Meuterei, was weiß ich? – Wollt Ihr erlauben,
Daß ich sogleich die Frau nur inquiriere8?
WALTER.
Ihr hättet die Perücke –?
ADAM.
Gnäd'ger Herr,
Als jener Bursche dort, vergangnen Dienstag,
Nach Utrecht fuhr mit seines Vaters Ochsen,
Kam er ins Amt, und sprach, Herr Richter Adam,
Habt Ihr im Städtlein etwas zu bestellen?
Mein Sohn, sag ich, wenn du so gut willt sein,
So laß mir die Perück hier auftoupieren9 –
Nicht aber sagt ich ihm, geh und bewahre
Sie bei dir auf, verkappe dich darin10,
Und laß sie im Spalier bei Marthens hängen.
FRAU BRIGITTE.
Ihr Herrn, der Ruprecht, mein ich, halt zu Gnaden,
Der war's wohl nicht. Denn da ich gestern nacht
Hinaus aufs Vorwerk11 geh, zu meiner
Muhme12,
Die schwer im Kindbett liegt13,
hör ich die Jungfer
Gedämpft, im Garten hinten jemand schelten:
Wut scheint und Furcht die Stimme ihr zu rauben.
Pfui, schäm Er sich, Er Niederträchtiger,
Was macht Er? Fort. Ich werd die Mutter rufen;
Als ob die Spanier
im Lande wären.14
Drauf: Eve! durch den Zaun hin: Eve! ruf ich.
Was hast du? Was auch gibt's? – Und still wird es:
Nun? Wirst du antworten? – Was
wollt Ihr, Muhme? –
Was hast du vor, frag ich? – Was werd ich haben. –
Ist es der Ruprecht? –
Ei
so ja, der Ruprecht.
Geht Euren Weg doch nur. – So koch dir Tee15.
Das
liebt sich, denk ich, wie sich andre zanken.
FRAU MARTHE.
Mithin –?
RUPRECHT.
Mithin –?
WALTER.
Schweigt! Laßt die
Frau vollenden.
FRAU BRIGITTE.
Da ich vom Vorwerk nun zurückekehre
Zur Zeit der Mitternacht etwa, und just,
Im Lindengang, bei Marthens Garten bin,
Huscht
euch ein Kerl bei mir vorbei, kahlköpfig,
Mit einem Pferdefuß16, und
hinter ihm
Erstinkt's wie Dampf von Pech und Haar und Schwefel.
Ich sprech ein
Gottseibeiuns17 aus, und drehe
Entsetzensvoll mich um, und seh, mein Seel,
Die Glatz, ihr Herren, im Verschwinden noch,
Wie
faules Holz, den Lindengang durchleuchten.18
RUPRECHT.
Was! Himmel – Tausend –!
FRAU MARTHE.
Ist Sie toll, Frau Briggi19?
RUPRECHT.
Der Teufel, meint Sie,
wär's –?
LICHT.
Still! Still!
FRAU BRIGITTE.
Mein Seel!
Ich weiß, was
ich gesehen und gerochen.
WALTER ungeduldig.
Frau, ob's der Teufel war, will ich nicht untersuchen,
Ihn aber, ihn denunziiert20 man nicht.
Kann Sie von einem andern melden, gut:
Doch mit dem Sünder da verschont Sie uns.
LICHT.
Wollen Euer
Gnaden sie vollenden lassen.
WALTER.
Blödsinnig Volk, das!
FRAU BRIGITTE.
Gut, wie Ihr befehlt.
Doch
der Herr Schreiber Licht sind mir ein Zeuge.
WALTER.
Wie? Ihr ein Zeuge?
LICHT.
Gewissermaßen, ja.
WALTER.
Fürwahr, ich weiß nicht –
LICHT.
Bitte ganz submiß21,
Die Frau in dem Berichte nicht zu stören.
Daß es der
Teufel war, behaupt ich nicht;
Jedoch mit Pferdefuß, und kahler Glatze
Und hinten Dampf, wenn ich nicht sehr mich irre,
Hat's seine völl'ge Richtigkeit! – Fahrt fort!
FRAU BRIGITTE.
Da ich nun mit Erstaunen heut vernehme,
Was bei Frau Marthe Rull geschehn, und
ich
Den Krugzertrümmrer auszuspionieren,
Der mir zu Nacht begegnet am Spalier
Den Platz, wo er gesprungen, untersuche,
Find
ich im Schnee, ihr Herrn, euch eine Spur –
Was find ich
euch für eine Spur im Schnee?
Rechts fein und scharf und nett gekantet immer,
Ein ordentlicher Menschenfuß,
Und links unförmig grobhin eingetölpelt22
Ein ungeheurer klotz'ger Pferdefuß.
WALTER ärgerlich.
Geschwätz, wahnsinniges, verdammenswürd'ges –!
VEIT.
Es ist nicht möglich,
Frau!
FRAU BRIGITTE.
Bei meiner Treu!
Erst am
Spalier, da, wo der Sprung geschehen,
Seht, einen weiten, schneezerwühlten Kreis,
Als ob sich eine Sau darin gewälzt;
Und Menschenfuß und Pferdefuß von hier,
Und Menschenfuß und Pferdefuß, und Menschenfuß und Pferdefuß,
Quer durch den Garten, bis in alle Welt.
ADAM.
Verflucht! – –
hat sich der Schelm vielleicht erlaubt,
Verkappt23 des Teufels Art –?
RUPRECHT.
Was! Ich!
LICHT.
Schweigt! Schweigt!
FRAU BRIGITTE.
Wer
einen Dachs sucht, und die Fährt entdeckt,
Der Weidmann24, triumphiert nicht so, als ich.
Herr Schreiber Licht, sag ich, denn eben seh ich
Von euch geschickt, den Würd'gen zu mir treten,
Herr
Schreiber Licht, spart eure Session25,
Den
Krugzertrümmrer judiziert26 ihr nicht,
Der
sitzt nicht schlechter euch, als in der Hölle:
Hier ist die
Spur die er gegangen ist.
WALTER.
So habt Ihr selbst
Euch überzeugt?
LICHT.
Euer Gnaden,
Mit dieser
Spur hat's völl'ge Richtigkeit.
WALTER.
Ein Pferdefuß?
LICHT.
Fuß eines Menschen, bitte,
Doch praeter propter27 wie ein
Pferdehuf.
ADAM.
Mein Seel, ihr Herrn, die Sache scheint mir ernsthaft.
Man hat viel beißend abgefaßte Schriften,
Die, daß ein Gott sei, nicht gestehen wollen;
Jedoch den Teufel hat, soviel ich weiß,
Kein Atheist noch bündig wegbewiesen.
Der Fall, der vorliegt, scheint besonderer
Erörtrung wert. Ich trage darauf an,
Bevor wir ein Konklusum fassen28,
Im Haag29 bei der Synode30
anzufragen
Ob das Gericht
befugt sei, anzunehmen,
Daß Beelzebub31 den Krug zerbrochen hat.
WALTER.
Ein Antrag,
wie ich ihn von Euch erwartet.
Was wohl meint Ihr, Herr Schreiber?
LICHT.
Euer Gnaden werden
Nicht die Synode brauchen, um zu urteiln.
Vollendet – mit Erlaubnis! – den Bericht,
Ihr Frau Brigitte, dort; so wird der Fall
Aus der Verbindung, hoff ich, klar konstieren.32
FRAU BRIGITTE.
Hierauf:
Herr Schreiber Licht, sag ich, laßt uns
Die Spur ein wenig doch verfolgen, sehn,
Wohin der Teufel wohl entwischt mag sein.
Gut, sagt er, Frau Brigitt, ein guter Einfall;
Vielleicht gehn wir uns nicht weit um33,
Wenn wir zum Herrn Dorfrichter Adam gehn.
WALTER.
Nun? Und jetzt fand sich –?
FRAU BRIGITTE.
Zuerst jetzt finden wir
Jenseits des Gartens, in dem Lindengange,
Den Platz, wo Schwefeldämpfe von sich lassend,
Der Teufel bei mir angeprellt34:
ein Kreis,
Wie scheu ein Hund etwa zur Seite weicht,
Wenn sich die Katze prustend vor ihm setzt.
WALTER.
Drauf weiter?
FRAU BRIGITTE.
Nicht weit davon jetzt steht
ein Denkmal seiner35,
An einem Baum, daß ich davor erschrecke.
WALTER.
Ein Denkmal? Wie?
FRAU BRIGITTE.
Wie? Ja, da werdet Ihr –
ADAM für sich.
Verflucht mein Unterleib36
LICHT.
Vorüber, bitte,
Vorüber hier, ich bitte, Frau Brigitte.
WALTER.
Wohin die
Spur Euch führte, will ich wissen!
FRAU BRIGITTE.
Wohin? Mein Treu37,
den nächsten Weg zu euch,
Just wie Herr Schreiber Licht gesagt.
WALTER.
Zu uns? Hierher?
FRAU BRIGITTE.
Vom Lindengange, ja,
Aufs Schulzenfeld,38 den Karpfenteich entlang,
Den Steg, quer übern Gottesacker39 dann,
Hier,
sag ich, her, zum Herrn Dorfrichter Adam.
WALTER.
Zum Herrn Dorfrichter Adam?
ADAM.
Hier zu mir?
FRAU BRIGITTE.
Zu Euch, ja.
RUPRECHT.
Wird doch der Teufel nicht
In dem Gerichtshof wohnen?
FRAU BRIGITTE.
Mein Treu, ich weiß nicht,
Ob er in diesem Hause wohnt; doch
hier,
Ich bin nicht ehrlich40,
ist er abgestiegen:
Die Spur geht hinten ein bis an die Schwelle.
ADAM.
Sollt er
vielleicht hier durchpassiert –?
FRAU BRIGITTE.
Ja, oder
durchpassiert. Kann sein. Auch das.
Die Spur vornaus –
WALTER.
War eine Spur vornaus?
LICHT.
Vornaus,
verzeihn Euer Gnaden, keine Spur.
FRAU BRIGITTE.
Ja, vornaus war der
Weg zertreten.
ADAM.
Zertreten. Durchpassiert.
Ich bin ein Schuft.
Der Kerl, paßt auf, hat den Gesetzen hier
Was angehängt. Ich
will nicht ehrlich sein,
Wenn es nicht
stinkt in der Registratur41.
Wenn meine Rechnungen42, wie ich nicht zweifle,
Verwirrt befunden43 werden sollten,
Auf meine Ehr,
ich stehe für nichts ein.
WALTER.
Ich auch nicht.
Für sich.
Hm! Ich weiß nicht, war's der linke,
War es der rechte? Seiner Füße einer –
Herr Richter! Eure Dose44! – Seid so
gefällig.
ADAM.
Die Dose?
WALTER.
Die Dose. Gebt! hier!
ADAM zu Licht.
Bringt dem Herrn Gerichtsrat.
WALTER.
Wozu die Umständ? Einen Schritt gebraucht's.
ADAM.
Es ist schon abgemacht.
Gebt Seiner Gnaden.
WALTER.
Ich hätt Euch was
ins Ohr gesagt.
ADAM.
Vielleicht, daß wir nachher Gelegenheit –
WALTER.
Auch gut.
Nachdem sich
Licht wieder gesetzt.
Sagt doch, ihr Herrn, ist
jemand hier im Orte,
Der mißgeschaffne Füße hat?
LICHT.
Hm! Allerdings
ist jemand hier in Huisum –
WALTER.
So? Wer?
LICHT.
Wollen
Euer Gnaden den Herrn Richter fragen –
WALTER.
Den Herrn Richter Adam?
ADAM.
Ich weiß von nichts.
Zehn Jahre
bin ich hier im Amt zu Huisum,
Soviel ich
weiß, ist alles grad gewachsen.
WALTER zu Licht.
Nun? Wen hier meint Ihr?
FRAU MARTHE.
Laß Er doch seine Füße draußen!
Was steckt Er untern Tisch verstört sie hin,
Daß man fast meint, Er wär die Spur gegangen.
WALTER.
Wer? Der Herr Richter Adam?
ADAM.
Ich? die Spur?
Bin ich der Teufel?
Ist das ein Pferdefuß?
Er zeigt seinen
linken Fuß.
WALTER.
Auf meine Ehr. Der Fuß ist gut.
Heimlich.
Macht jetzt mit der
Session45 sogleich ein Ende.
ADAM.
Ein Fuß, wenn den der Teufel hätt,
So könnt er auf die Bälle gehn und tanzen.
FRAU MARTHE.
Das sag ich auch. Wo wird der Herr Dorfrichter –
ADAM.
Ach, was! Ich!
WALTER.
Macht, sag ich,
gleich ein Ende.
FRAU BRIGITTE.
Den einz'gen Skrupel nur, ihr würd'gen Herrn,
Macht, dünkt mich, dieser feierliche Schmuck!
ADAM.
Was für ein feierlicher –?
FRAU BRIGITTE.
Hier, die Perücke!
Wer sah den Teufel je in solcher Tracht?
Ein Bau, getürmter, strotzender von
Talg46,
Als eines Domdechanten auf der Kanzel47!
ADAM.
Wir wissen hierzuland nur unvollkommen,
Was in der Hölle Mod ist, Frau Brigitte!
Man sagt, gewöhnlich trägt er eignes Haar.
Doch auf der Erde, bin ich überzeugt,
Wirft er in die Perücke sich, um sich
Den Honoratioren48
beizumischen.
WALTER.
Nichtswürd'ger! Wert, vor allem Volk ihn schmachvoll
Vom Tribunal zu jagen49!
Was Euch schützt,
Ist einzig nur die Ehre des Gerichts.
Schließt Eure Session!
ADAM.
Ich will nicht hoffen –
WALTER.
Ihr hofft jetzt nichts. Ihr zieht Euch aus der Sache.
ADAM.
Glaubt Ihr, ich hätte, ich, der Richter, gestern,
Im Weinstock die Perücke eingebüßt?
WALTER.
Behüte Gott! Die Eur' ist ja im Feuer,
Wie Sodom und Gomorrha50, aufgegangen.
LICHT.
Vielmehr – vergebt mir, gnäd'ger Herr! die Katze
Hat gestern in die seinige gejungt.
ADAM.
Ihr Herrn, wenn hier der Anschein mich verdammt:
Ihr übereilt euch nicht, bitt ich.
Es gilt
Mir Ehre oder Prostitution51.
Solang die Jungfer schweigt, begreif ich nicht,
Mit welchem Recht ihr mich beschuldiget.
Hier auf dem Richterstuhl von Huisum sitz ich,
Und lege die Perücke auf den Tisch:
Den, der behauptet, daß sie mein gehört,
Fordr' ich vors Oberlandgericht in Utrecht.
LICHT.
Hm! Die Perücke
paßt Euch doch, mein Seel,
Als wär auf Euren Scheiteln sie gewachsen.
Er setzt sie ihm auf.
ADAM.
Verleumdung!
LICHT.
Nicht?
ADAM.
Als Mantel um die Schultern
Mir noch zu
weit, wie viel mehr um den Kopf.
Er besieht sich im
Spiegel.
RUPRECHT.
Ei, solch ein
Donnerwetter – Kerl!
WALTER.
Still, Er!
FRAU MARTHE.
Ei,
solch ein blitz-verfluchter Richter, das!
WALTER.
Noch einmal, wollt Ihr gleich, soll ich die Sache enden?
ADAM.
Ja, was befehlt Ihr?
RUPRECHT zu Eve.
Eve, sprich, ist er's?
WALTER.
Was untersteht
der Unverschämte sich?
VEIT.
Schweig du, sag ich.
ADAM.
Wart, Bestie! Dich faß
ich.
RUPRECHT.
Ei, du Blitz-Pferdefuß!
WALTER.
Heda! der Büttel!
VEIT.
Halt's Maul, sag ich.
RUPRECHT.
Wart! Heute reich ich dich52
Heut
streust du keinen Sand mir in die Augen.
WALTER.
Habt Ihr nicht so viel Witz, Herr Richter –?
ADAM.
Ja, wenn Euer Gnaden
Erlauben, fäll ich jetzo die
Sentenz.53
WALTER.
Gut. Tut das. Fällt sie.
ADAM.
Die Sache jetzt konstiert,54
Und Ruprecht dort, der
Racker55 , ist der Täter.
WALTER.
Auch gut das. Weiter.
ADAM .
Den Hals erkenn
ich
Ins Eisen ihm56, und
weil er ungebührlich
Sich gegen seinen Richter hat betragen,
Schmeiß ich ihn ins vergitterte Gefängnis.
Wie lange, werd
ich noch bestimmen.
EVE.
Den Ruprecht –?
RUPRECHT.
Ins Gefängnis mich?
EVE.
Ins Eisen?
WALTER.
Spart eure Sorgen, Kinder
– Seid Ihr fertig?
ADAM.
Den
Krug meinthalb mag er ersetzen, oder nicht.
WALTER.
Gut denn.
Geschlossen ist die Session.
Und
Ruprecht appelliert an die Instanz zu Utrecht.
EVE.
Er soll, er, erst nach Utrecht appellieren?
RUPRECHT.
Was? Ich –?
WALTER.
Zum Henker, ja! Und bis dahin –
EVE.
Und bis dahin –?
RUPRECHT.
In das Gefängnis gehn?
EVE.
Den Hals ins Eisen stecken? Seid Ihr auch Richter?
Er dort,
der Unverschämte, der dort sitzt,
Er selber war's –
WALTER.
Du hörst's, zum
Teufel! Schweig!
Ihm bis dahin
krümmt sich kein Haar –
EVE.
Auf, Ruprecht!
Der Richter
Adam hat den Krug zerbrochen!
RUPRECHT.
Ei, wart, du!
FRAU MARTHE.
Er?
FRAU BRIGITTE.
Der dort?
EVE.
Er, ja! Auf, Ruprecht!
Er war bei deiner Eve
gestern!
Auf!
Faß ihn! Schmeiß ihn jetzo, wie du willst.
WALTER steht auf.
Halt dort! Wer hier Unordnungen –
EVE.
Gleichviel!
Das Eisen ist verdient,
geh Ruprecht!
Geh schmeiß ihn von dem Tribunal herunter.
ADAM.
Verzeiht, ihr Herrn.
Läuft weg.
EVE.
Hier! Auf!
RUPRECHT.
Halt ihn!
EVE.
Geschwind!
ADAM.
Was?
RUPRECHT.
Blitz-Hinketeufel!
EVE.
Hast du ihn?
RUPRECHT.
Gotts Schlag und Wetter!
Es ist sein Mantel bloß!
WALTER.
Fort! Ruft den Büttel!
RUPRECHT schlägt den Mantel.
Ratz! Das ist eins. Und Ratz! Und Ratz! Noch eins.
Und noch eins! In Ermangelung des Buckels.
WALTER.
Er ungezogner Mensch! –
Schafft hier mir Ordnung!
–
An ihm, wenn Er sogleich nicht ruhig ist,
Ihm wird der Spruch vom Eisen heut noch wahr.
VEIT.
Sei ruhig, du
vertrackter Schlingel!
Wort- und Sacherklärungen
1
Dreh
du mir deine Pille ordentlich: doppelsinnig: kann auf das Nudeln
(Stopfen) des kranken »Perlhuhns,
bezogen sein, das Adam Eve zur Behandlung (Nudeln) zwei Tage zuvor
gebracht hat (»10.Auftritt);
aber es klingt auch durch, dass es auf die mögliche Aussage Eves bezogen
sein könnte im Sinne von: überlege gut, was du sagst
2
Karauschen: Süßwasserfisch auch »Schusterkarpfen
genannt
3
Luder: hier im Sinne von freches Ding
4
Jungfer: junge Frau
5
renoviere: wieder auffrische, instandsetze
6
Kanaille: Schurke, Schuft, gemeiner Kerl
7
Verkappung: Tarnung, Verkleidung;
Vermummung
8
inquiriere: verhöre
9
auftoupieren: aufkämmen, um mehr Volumen
und Fülle zu erzeugen
10
verkappe dich darin: tarne dich
damit, vermumme dich darin
11
Vorwerk: Als »Vorwerk
wird ein vom Hauptgut räumlich abgetrennter landwirtschaftlicher
Pachtbetrieb bezeichnet, h: mglw. außerhalb des Dorfes gelegen
12
Muhme: Tante
13
im Kindbett liegt: nach der Geburt
liegen Frauen häufig, um sich zu erholen im so genannten »Kindbett
bzw. Wochenbett
14
Als ob die Spanier im
Lande wären: Während der Zeit der »Herrschaft
der spanischen Habsburger in den Niederlanden stehen seit 1556 immer
wieder zum Teil mehrere zehntausend zählende spanische Soldaten in den
Niederlanden, die die Herrschaft der Spanier gegen den wachsenden
Widerstand im Land absichern und auch in kriegerischen
Auseinandersetzungen mit Frankreich dessen territoriale Ansprüche
zurückweisen sollten. Diese spanischen Truppen waren sehr schlecht
bezahlt, viele Soldaten meuterten und waren wegen ihrer Plünderungen im
ganzen Land berüchtigt und verhasst.
15
So koch dir Tee: "Mach doch, was du
willst" (märkische Redensart)
16
Pferdefuß: Attribut des Teufels,
der einen Pferdefuß hat und den er verbergen muss, um seine dämonische
Natur zu verstecken; im Übrigen bedeutet die Redewendung "einen
Pferdefuß haben" im allg. Sprachgebrauch gewöhnlich, dass unerwünschte
bis unangenehme, z. T. versteckte Begleiterscheinungen bei
Vereinbarungen oder Verträgen in Kauf genommen werden müssen, weil es
die Sache nur im Ganzen, quasi im Paket, mit dem Pferdefuß gibt.
17
ein Gottseibeiuns: »Stoßgebet
(kurzes, spontanes Gebet, das oft in einer emotionalen oder
schwierigen Situation geäußert wird. Es ist eine schnelle, intensive
Bitte oder Anrufung Gottes. h: zur Abwehr des Teufels
18
Wie
faules Holz, den Lindengang durchleuchten: Faules Holz
kann in der Nacht leuchten, auch "Lichfäule" genannt, weil
bestimmte Pilze, wie der Hallimasch, Biolumineszenz verursachen.
Diese Pilze produzieren einen Stoff namens Luciferin, der mit
Sauerstoff reagiert und in einer enzymatischen Reaktion die
Lichtenergie in Form eines grünlichen Leuchtens freisetzt, das
man manchmal bei verrottendem Holz beobachten kann
19
Frau Briggi: Kurzform für Frau Brigitte
20
denunziiert: denunzieren, anzeigen, zur
Anzeige bringen; heute eher abwertend: aus nicht akzeptablen, niederen
Beweggründen anzeigen
21
submiß: untertänigst
22
eingetölpelt: plump eingedrückt
23
Verkappt: getarnt, vermummt
24
Weidmann: traditionelle Bezeichnung für »Jäger
25
spart eure Session: spart euch den
(weiteren) Prozess
26
judiziert: verurteilt, sprecht Recht, sitzt
zu Gericht
27
praeter propter: lat. ungefähr,
etwa, geschätzt
28
ein Konklusum fassen: einen Entscheidung
fällen, einen (Gerichts-)Beschluss fassen
29
Haag: »Den
Haag, nach 1648 Sitz der niederländischen Regierung der »Republik
der Vereinigten Niederlande
30
Synode: gesetzgebende Kirchenversammlung; »Synoden
waren auch für die Kirchenorganisation des »Reformators
»Johannes
Calvin (1509-1564), der davon ausging, die Kirche nicht allein vom
geistlichen Stand geleitet werden könne, sondern durch ein Zusammenspiel
verschiedener Ämter; die Gemeinden sollten eine einheitliche
presbyteriale Struktur erhalten und sie durch einen synodalen
Überbau miteinander zu vernetzen
nach dem »Westfälischen
Frieden (1648), der den •
Dreißigjährigen Krieg beendete, gehörte »Den
Haag offiziell dem »Calvinismus
(»Niederländisch-Reformierte
Kirche) an; 1586 fand in Den Haag eine Generalsynode statt,
die Zusammenkunft auf der höchsten Ebene der calvinistischen
Kirchenorganisation; auf Synoden wurden neben Belangen der
Kirchenorganisation auch Glaubensfragen entschieden
31
Beelzebub: Dämon, im übertragenen Sinne
andere Bezeichnung für den Teufel
32
konstieren: feststehen, bekannt sein,
ausgemacht sein
33
gehn wir uns nicht weit um: kommen wir nicht so weit von der
Richtung ab
34
angeprellt: angeprallt, an- bzw.
zusammengestoßen
35
ein Denkmal seiner: Notdurft
(Darmentleerung)
36
Verflucht mein Unterleib:
Eingeständnis der Darmprobleme, die Adam hat
37
Mein Treu: um meiner treuen Seele willen,
redensartliche Bekräftigungsformel
38
Schulzenfeld: abgeleitet sich vom Wort
Schulze (Dorfvorsteher, Richter, Gemeindevorsteher) ein Feld oder eine
Fläche Land, die dem Schulzen gehörte oder mit seinem Amt verbunden war
und aus dem allgemeinen Dorfbesitz zur Verfügung gestellt wurde.
39
Gottesacker: ein Friedhof, der nicht, wie
sonst üblich, bei der Kirche liegt
40
Ich bin nicht ehrlich: zu
ergänzen ist wohl: "(es sei denn) ich bin nicht ehrlich"
41
Wenn es nicht
stinkt in der Registratur: sinngemäß: "wenn hier nicht etwas
faul ist bzw. nicht stimmt"
42
Rechnungen: Abrechnungen der Kassen, die
noch vom Gerichtsrat überprüft werden sollen
43
Verwirrt befunden: durcheinander
geraten
44
Dose: Schnupftabakdose; Walter will Adam
damit möglicherweise zum Aufstehen bewegen, um sich ein Bild von seinem
Bein zu machen
45
Session: Gerichtsverhandlung
46
Talg: »Talg
(Eingeweidefett, Hammel- oder Rinderfett) wurde als biologischer
Festiger für die Perückenhaare verwendet
47
Domdechanten auf der Kanzel:
»Domdechant
(auch Domdekan), kirchliches Amt innerhalb der Geistlichkeit von
bischöflich verfassten Kirchen bzw. Domkapitels, einer Versammlung von
Geistlichen, der er vorsteht; hält Predigten auch von der Kanzel seiner
Kirche
48
Honoratioren: »Honoratioren,
gewöhnlich in einem dörflichen oder kleinstädtischen Milieu durch ihren
sozialen Status hervorgehobene Bürger, die großes Ansehen genießen und
Einfluss haben; typische Beispiele: der Bürgermeister, der Lehrer
(Schulmeister), der Pfarrer, der Gastwirt, der Richter, der Arzt,
er größte Bauer am Ort oder ein Fabrikbesitzer;
49
Vom Tribunal zu jagen: von
diesem Gerichtshof zu vertreiben, öffentlich abzusetzen
50
Wie Sodom und Gomorrha: die beiden biblischen Städte »Sodom
und Gomorrha wurden »der
biblischen Erzählung nach von Gott wegen ihrer Sündhaftigkeit in
einem Regen aus Feuer und Schwefel zerstört; sprichwörtlich steht der
Ausdruck für Orte, die als besonders unmoralisch und verderbt gelten;
Wallter bezieht sich hier auf eine Aussage Adams im
10. Auftritt
51
Prostitution: hier etwa: vollkommene
Bloßstellung, Ehrlosigkeit
52
Wart! Heute reich ich dich:
Warte nur, heute erwische ich dich
53
fäll ich jetzo die Sentenz: spreche ich das
Urteil
54
konstiert: steht fest, ist ausgemacht
55
Racker: Schimpfwort für einen unehrenhaften
Bürger
56
Den Hals erkenn ich Ins
Eisen ihm: ich verurteile ihn zum »Halseisen;
der dazu verurteilte Straftäter musste zur öffentlichen Zurschaustellung
seines Verbrechens ein Eisen um den Hals tragen;