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Variant (12. Auftritt)

Text

Heinrich von Kleist Der zerbrochne Krug Handlungsverlauf – Einzelne Szenen

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
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Die als "Variant" bezeichnete Version des 12. Auftritts ist die Erstfassung der Schlussszene des Dramas, die noch keine Einteilung in Auftritte vorgenommen hat. In der von • Heinrich von Kleist (1777-1811) selbst besorgten Buchausgabe der Komödie von 1811 ist der ursprüngliche Schluss unter der Bezeichnung "Variant" im Anhang beigefügt. (vgl. Sembdner 1982, S,42)

VARIANT

Zwölfter Auftritt.

Die Vorigen ohne Adam. –
Sie begeben sich alle in den Vordergrund der Bühne.

RUPRECHT.
Ei, Evchen!
Wie hab’ ich heute schändlich dich beleidigt!
Ei, Gott’s Blitz, alle Wetter, und wie gestern!
Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!
Wirst du dein Lebtag mir vergeben können?

EVE.
Geh, laß mich sein.

RUPRECHT.
Ei, ich verfluchter Schlingel!
Könnt’ ich die Hände brauchen, mich zu prügeln.
Nimm, weißt du was? hör: tu mir den Gefallen,
Dein Pätschchen1, hol’s der Henker, nimm’s und ball’s,
Und schlage tüchtig eins mir hinters Ohr.
Willst du’s mir tun? Mein Seel, ich bin nicht ruhig.

EVE.
Du hör’st. Ich will nichts von dir wissen.

RUPRECHT.
Ei, solch ein Tölpel!
Der Lebrecht denk’ ich, Schafsgesicht, und geh.
Mich beim Dorfrichter ehrlich zu beklagen,
Und er, vor dem ich klage, ist es selbst:
Den Hals noch judiziert er mir in’s Eisen.2

WALTER.
Wenn sich die Jungfer gestern gleich der Mutter
Eröffnet hätte züchtiglich
, so hätte
Sie dem Gerichte Schand’ erspart, und sich
Zweideut’ge Meinungen von ihrer Ehre.

RUPRECHT.
Sie schämte sich. Verzeiht ihr, gnäd’ger Herr!
Es war ihr Richter doch, sie mußt’ ihn schonen. —
Komm nur jetzt fort zu Haus’. Es wird sich finden.

EVE.
Ja, schämen!

RUPRECHT.
Gut. So war’s was anderes.
Behalts für dich, was brauchen wir’s zu wissen.
Du wirst’s schon auf der Flieder-Bank mir eins,
Wenn von dem Turm die Vesper3 geht, erzählen.
Komm, sei nur gut.

WALTER.
Was wir’s zu wissen brauchen?
So denk’ ich nicht. Wenn Jungfer Eve will,
Daß wir an ihre Unschuld glauben sollen:
So wird sie, wie der Krug zerbrochen worden,  
Umständlich nach dem Hergang uns berichten.
Ein Wort keck hingeworfen, macht den Richter
In meinem Aug’ der Sünd’ noch gar nicht schuldig.  

RUPRECHT.
Nun denn, so faß’ ein Herz! Du bist ja schuldlos.
Sag’s, was er dir gewollt, der Pferdefuß.4
Sieh, hätt’ ein Pferd bei dir den Krug zertrümmert,
Ich wär’ so eifersüchtig just, als jetzt
.

EVE.
Was hilft’s, daß ich jetzt schuldlos mich erzähle?
Unglücklich sind wir beid’ auf immerdar.

RUPRECHT.
Unglücklich, wir?

WALTER.
Warum ihr unglücklich?

RUPRECHT.
Was gilt’s, da ist die Konskription5 im Spiele.

EVE (wirft sich Waltern zu Füßen).
Herr, wenn ihr jetzt nicht helft, sind wir verloren!

WALTER.
Wenn ich nicht —?

RUPRECHT.
Ewiger Gott

WALTER.
Steh auf, mein Kind.

EVE.
Nicht eher, Herr, als bis ihr eure Züge,
Die menschlichen, die euch vom Antlitz strahlen
,
Wahr macht durch eine Tat der Menschlichkeit.

WALTER.
Mein liebenswertes Kind! Wenn du mir deine
Unschuldigen bewährst, wie ich nicht zweifle,

Bewähr’ ich auch dir meine menschlichen.
Steh auf!

EVE.
Ja, Herr, das werd ich.

WALTER.
Gut. So sprich.

EVE.
Ihr wißt, daß ein Edikt jüngst ist erschienen,
Das von je hundert Söhnen jeden Orts
Zehn für dies Frühjahr zu den Waffen ruft,

Der rüstigsten. Denn der Hispanier6 
Versöhnt sich mit dem Niederländer nicht,
Und die Tyrannenrute will er wieder
Sich, die zerbrochne, zusammenbinden.
Kriegshaufen sieht man ziehn auf allen Wegen,
Die Flotten rings, die er uns zugesendet,
Von unsrer Staaten Küsten abzuhalten,
Und die Miliz steht auf, die Tor’ inzwischen
In den verlaßnen Städten zu besetzen.

WALTER.
So ist es.

EVE.
Ja, so heißt’s, ich weiß.

WALTER.
Nun? Weiter?

EVE.
Wir eben sitzen, Mutter, Vater, Ruprecht
Und ich, an dem Kamin
, und halten Rat,
Ob Pfingsten sich, ob Pfingsten übers Jahr,

Die Hochzeit feiern soll
: als plötzlich jetzt
Die Kommission, die die Rekruten aushebt,
In’s Zimmer tritt, und Ruprecht aufnotiert,
Und unsern frohen Streit mit schneidendem
Machtspruch, just da er sich zu Pfingsten neigte,
Für, Gott weiß, welches Pfingstfest nun? – entscheidet.

WALTER.
Mein Kind —

EVE.
Gut, gut.

WALTER.
Das allgemeine Los.

EVE.
Ich weiß.

WALTER.
Dem kann sich Ruprecht gar nicht weigern.

RUPRECHT.
Ich denk’ auch nicht daran.

EVE.
Er denkt nicht dran,
Gestrenger Herr, und Gott behüte mich,
Daß ich in seiner Sinnesart ihn störte.
Wohl uns, daß wir was Heil’ges, jeglicher,
Wir freien Niederländer, in der Brust,
Des Streites wert bewahren: so gebe jeder denn
Die Brust auch her, es zu verteidigen.
Müßt’ er dem Feind im Treffen selbst begegnen,
Ich spräche noch, zieh hin, und Gott mit dir:
Was werd’ ich jetzt ihn weigern, da er nur
Die Wälle, die geebneten, in Utrecht,
Vor Knaben soll, und ihren Spielen schützen.

Inzwischen, lieber Herr, ihr zürnt mir nicht
Wenn ich die Mai’n7 in unserm Garten rings
Dem Pfingstfest rötlich seh’ entgegen knospen,
So kann ich mich der Tränen nicht enthalten:
Denk’ ich doch sonst, und tue, wie ich soll.

WALTER.
Verhüt’ auch Gott, daß ich darum dir zürne.
Sprich weiter.

EVE.
Nun schickt die Mutter gestern
Mich in gleichgültigem Geschäft8 in’s Amt,
Zum Richter Adam. Und da ich in das Zimmer trete,
"Gott grüß dich, Evchen! Ei, warum so traurig?"
Spricht er. "Das Köpfchen hängt dir ja wie’n Maienglöckchen!
Ich glaubte fast, du weißt, daß es dir steht.
Der Ruprecht! Gelt? Der Ruprecht!"
– Je nun freilich,
Der Ruprecht, sag’ ich; wenn der Mensch was liebt,
Muß er schon auch auf Erden etwas leiden.

Drauf er: "Du armes Ding! Hm! Was wohl gäbst du,
Wenn ich den Ruprecht dir von der Miliz befreite?“
Und ich: wenn ihr den Ruprecht mir befreitet?
Ei nun, dafür möcht’ ich euch schon was geben.
Wie fingt ihr das wohl an?
"Du Närrchen", sagt er,
"Der Physikus9, der kann, und ich kann schreiben,
Verborgne Leibesschäden sieht man nicht,
Und bringt der Ruprecht ein Attest darüber
Zur Kommission, so gibt die ihm den Abschied:
Das ist ein Handel, wie um eine Semmel." —
So, sag ich. – "Ja"– So, so! Nun, laßt’s nur sein,
Herr Dorfrichter, sprech’ ich.
Daß Gott der Herr
Gerad’10 den Ruprecht mir zur Lust erschaffen,
Mag ich nicht vor der Kommission verleugnen.
Des Herzens innerliche Schäden sieht er,
Und ihn irrt11 kein Attest vom Physikus.

WALTER.
Recht! Brav!

EVE.
"Gut," spricht er. "Wie du willst. So mag
Er seiner Wege gehn. Doch was ich sagen wollte
Die hundert Gulden, die er kürzlich erbte,
Läßt du dir doch, bevor er geht, verschreiben?“ —
Die hundert Gulden, frag’ ich? Ei, warum?
Was hat’s mir für Gefahr auch mit den Gulden?
Wird er denn weiter, als nach Utrecht gehn? —  
"Ob er dir weiter als nach Utrecht geht?
Ja, du gerechter Gott," spricht er, "was weiß ich,
Wohin der jetzo geht. Folgt er einmal der Trommel
Die Trommel folgt dem Fähndrich, der dem Hauptmann,
Der Hauptmann folgt dem Obersten, der folgt
Dem General, und der folgt den vereinten Staaten wieder,
Und die vereinten Staaten, hol’s der Henker,
Die ziehen in Gedanken weit herum.

Die lassen trommeln, daß die Felle platzen
."

WALTER.
Der Schändliche.

EVE.
Bewahr mich Gott, sprech’ ich,
Ihr habt, als ihr den Ruprecht aufnotiert,
Ja die Bestimmung deutlich ihm verkündigt.
"Ja! Die Bestimmung!" spricht er: "Speck für Mäuse!
Wenn sie die Landmiliz in Utrecht haben,
So klappt die Falle hinten schnappend zu.
Laß du die hundert Gulden dir verschreiben." —
Ist das gewiß, frag’ ich, Herr Richter Adam?
Will man zum Kriegsdienst förmlich sie gebrauchen?
"Ob man zum Kriegsdienst sie gebrauchen will?" —
"Willst du Geheimnis, unverbrüchliches,
Mir angeloben gegen jedermann?"
Ei, Herr Gott, sprech’ ich, was auch gibt’s, Herr Richter!
Was sieht er so bedenklich? Sag’ er’s heraus.

WALTER.
Nun? Nun? Was wird das werden?

EVE.
Was das wird werden?
Herr, jetzo sagt er mir, was ihr wohl wißt,
Daß die Miliz sich einschifft nach Batavia12,
Den eingebornen Kön’gen dort, von Bantam13,
Von Java 14, Jakarta15, was weiß ich? Raub
Zum Heil der Haager Krämer16 abzujagen.

WALTER.
Was? nach Batavia?

RUPRECHT.
Ich, nach Asien?  

WALTER.
Davon weiß ich kein Wort.

EVE.
Gestrenger Herr,
Ich weiß, ihr seid verbunden, so zu reden.

WALTER.
Auf meine Pflicht!

EVE.
Gut, gut. Auf eure Pflicht.
Und die ist uns, was wahr ist, zu verbergen.

WALTER.
Du hörst’s. Wenn ich —

EVE.
Ich sah den Brief, verzeiht, den Ihr
Aus Utrecht an die Ämter habt erlassen.

WALTER.
Welch einen Brief?

EVE.
Den Brief, Herr, die geheime
Instruktion, die Landmiliz betreffend
,
Und ihre Stellung17 aus den Dörfern rings.

WALTER.
Den hast du?

EVE.
Herr, den sah ich.

WALTER.
Und darin?

EVE.
Stand, daß die Landmiliz, im Wahn, sie sei
Zum innern Friedensdienste nur bestimmt,
Soll hingehalten werden bis zum März
:
Im März dann schiffe sie nach Asien ein.

WALTER.
Das in dem Brief selbst hättest du gelesen?

EVE.
Ich nicht. Ich las es nicht. Ich kann nicht lesen.
Doch er, der Richter, las den Brief mir vor.

WALTER.
So. Er, der Richter.

EVE.
Ja. Und Wort vor Wort.

WALTER.
Gut, gut. Nun weiter.

EVE.
Gott im Himmel, ruf’ ich,
Das junge Volk, das blüh’nde, nach Batavia!
Das Eiland18, das entsetzliche, wo von
Jedweden Schiffes Mannschaft, das ihm naht,
Die eine Hälfte stets die andere begräbt.
Das ist ja keine offen ehrliche
Konskription, das ist Betrug, Herr Richter,
Gestohlen ist dem Land die schöne Jugend,
Um Pfeffer und Muskaten19 einzuhandeln.
List gegen List jetzt, schaff’ er das Attest
Für Ruprecht mir, und alles geb ich ihm
Zum Dank, was er nur redlich fordern kann.

WALTER.
Das machtest du nicht gut.

EVE.
List gegen List.

WALTER.
Drauf er?

EVE.
"Das wird sich finden," spricht er, "Evchen,
Vom Dank nachher, jetzt gilt es das Attest.
Wann soll der Ruprecht gehn?"
– In diesen Tagen.
"Gut," spricht er, "gut. Es trifft sich eben günstig.
Denn heut noch kommt der Physikus in’s Amt;
Da kann ich gleich mein Heil mit ihm versuchen.
Wie lange bleibt der Garten bei dir offen?"
Bei mir der Garten, frag’ ich?
"Ja, der Garten."
Bis gegen zehn, sag’ ich. Warum, Herr Richter?
"Vielleicht kann ich den Schein dir heut noch bringen." —
Er mir den Schein! Ei, wohin denkt er auch?
Ich werd’ den Schein mir morgen früh schon holen. —
"Auch gut," spricht er. "Gleichviel. So holst du ihn.
Glock halb auf neun früh morgens bin ich auf."

WALTER.
Nun?

EVE.
Nun – geh’ ich zur Mutter heim, und harre,
Den Kummer, den verschwiegnen, in der Brust,
In meiner Klause, durch den Tag, und harre,
Bis zehn zu Nacht auf Ruprecht, der nicht kömmt.

Und geh verstimmt Glock zehn die Trepp’ hinab,
Die Gartentür zu schließen, und erblicke,
Da ich sie öffn’, im Dunkel fernhin wen
,
Der schleichend von den Linden her mir naht.
Und sage: Ruprecht! –
"Evchen," heisert 20 es. —
Wer ist da? frag ich.
"St! Wer wird es sein?"
Ist er’s, Herr Richter?
"Ja, der alte Adam" —

RUPRECHT.
Gott’s Blitz!

EVE.
Er selbst —

RUPRECHT. Gott’s Donnerwetter!

EVE. Ist’s,
Und kommt, und scherzt, und kneipt mir in die Backen21,
Und fragt, ob Mutter schon zu Bette sei.

RUPRECHT.
Seht, den Halunken!

EVE.
Drauf ich: Ei, was Herr Richter,
Was will er auch so spät zu Nacht bei mir?
"Je, Närrchen," spricht er Dreist heraus, sag’ ich;
Was hat er hier Glock zehn bei mir zu suchen?
"Was ich Glock zehn bei dir zu suchen habe?" —
Ich sag’, laß er die Hand mir weg! Was will er?
"Ich glaube wohl, du bist verrückt," spricht er.
"Warst du nicht heut Glock elf im Amt bei mir,
Und wolltest ein Attest für Ruprecht haben?"
Ob ich? – Nun ja. – "Nun gut. Das bring ich dir."
Ich sagt’s ihm ja, daß ich’s mir holen wollte.
"Bei meiner Treu! Die ist nicht recht gescheut.
Ich muß Glock fünf Uhr morgen früh verreisen,
Und ungewiß, wann ich zurücke kehre,
Liefr’ ich den Schein noch heut ihr in die Hände;
Und sie, nichts fehlt, sie zeigt die Türe mir;
Sie will den Schein sich morgen bei mir holen." —
Wenn er verreisen will Glock fünf Uhr morgen
Davon ja wußt’ er heut noch nichts Glock elf?
"Ich sag’s," spricht er, "die ist nicht recht bei Troste.
Glock zwölf bekam ich heut die Ordre22 erst." —
Das ist was anderes, das wußt’ ich nicht.
"Du hörst es ja," spricht er. – Gut, gut, Herr Richter.
So dank’ ich herzlich ihm für seine Mühe.
Verzeih er mir. Wo hat er das Attest?

WALTER.
Wißt ihr was von der Ordre?  

LICHT.
Nicht ein Wort.
Vielmehr bekam er kürzlich noch die Ordre,
Sich nicht von seinem Amte zu entfernen
.
Auch habt ihr heut zu Haus’ ihn angetroffen.

WALTER.
Nun?

EVE.
Wenn er log, ihr Herrn, konnt ich’s nicht prüfen.
Ich mußte seinem Wort vertraun.

WALTER.
Ganz recht.
Du konntest es nicht prüfen. Weiter nur.
Wo ist der Schein, sprachst du?

EVE.
"Hier," sagt er, "Evchen";
Und zieht ihn vor."„Doch höre,“ fährt er fort,
"Du mußt, so wahr ich lebe, mir vorher  
Noch sagen, wie der Ruprecht zubenamst?23
Heißt er nicht Ruprecht Gimpel?"
– Wer? Der Ruprecht?
"Ja. Oder Simpel24? Simpel oder Gimpel.25"
Ach, Gimpel! Simpel! Tümpel heißt der Ruprecht.
"Gott’s Blitz, ja," spricht er; "Tümpel! Ruprecht Tümpel!
Hab ich, Gott töt mich, mit dem Wetternamen26
Auf meiner Zunge nicht Versteck gespielt!" —
Ich sag’, Herr Richter Adam, weiß er nicht —?
"Der Teufel soll mich holen, nein!" spricht er. —  
Steht denn der Nam’ hier im Attest noch nicht?
"Ob er in dem Attest —?“ – Ja, hier im Scheine.
"Ich weiß nicht, wie du heute bist," spricht er.
"Du hörst’s, ich sucht’ und fand ihn nicht, als ich
Heut Nachmittag bei mir den Schein hier mit
Dem Physikus zusammen fabrizierte
.“ 
Das ist ja aber dann kein Schein, sprech’ ich.
Das ist, nehm er’s mir übel nicht, ein Wisch27 , das!
Ich brauch’ ein ordentlich Attest, Herr Richter.
"Die ist, mein Seel, heut," spricht er, "ganz von Sinnen.
Der Schein ist fertig, ge- und unterschrieben,
Datiert, besiegelt auch, und in der Mitte
Ein Platz, so groß just, wie ein Tümpel, offe
n;
Den füll ich jetzt mit Tinte aus, so ist’s
Ein Schein, nach allen Regeln, wie du brauchst." —
Doch ich: wo will er in der Nacht, Herr Richter,
Hier unterm Birnbaum auch den Platz erfüllen?
"Gott’s Menschenkind auch, unvernünftiges!"
Spricht er; "du hast ja in der Kammer Licht,
Und Tint und Feder führ’ ich in der Tasche.
Fort! Zwei Minuten braucht’s, so ist’s geschehn.

RUPRECHT.
Ei, solch ein blitz-verfluchter Kerl!

WALTER.
Und darauf gingst du mit ihm in die Kammer?

EVE.
Ich sag: Herr Dorfrichter, was das auch für
Anstalten sind
! Ich werde jetzt mit ihm,
Da Mutter schläft, in meine Kammer gehn.
Daraus wird nichts, das konnt’ er sich wohl denken.
"Gut," spricht er, "wie du willst. Ich bins zufrieden.
So bleibt die Sach’ bis auf ein andermal.
In Tagner 28 drei bis acht bin ich zurück.“ —
Herr Gott, sag’ ich, er in acht Tagen erst!
Und in drei Tagen geht der Ruprecht schon

WALTER.
Nun, Evchen, kurz —

EVE.
Kurz, gnäd’ger Herr —

WALTER.
Du gingst —

EVE.
Ich ging. Ich führt’ ihn in die Kammer ein.

FRAU MARTHE.
Ei, Eve! Eve!

EVE.
Zürnt nicht!

WALTER.
Nun jetzt – weiter?

EVE.
Da wir jetzt in der Stube sind zehnmal
Verwünscht’ ich’s schon, eh wir sie noch erreicht

Und ich die Tür behutsam zugedrückt,
Legt er Attest und Tint’ und Feder auf den Tisch,
Und rückt den Stuhl herbei sich, wie zum Schreiben.

Ich denke, setzen wird er sich: doch er,
Er geht und schiebt den Riegel vor die Türe,
Und räuspert sich, und lüftet sich die Weste,
Und nimmt sich die Perücke förmlich ab,
Und hängt, weil der Perückenstock29 ihm fehlt,
Sie auf den Krug dort, den zum Scheuern30 ich
Bei mir auf’s Wandgesimse hingestellt.
Und da ich frag’, was dies auch mir bedeute?
Läßt er am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder,
Und faßt mich so, bei beiden Händen, seht,
Und sieht mich an.

FRAU MARTHE.
Und sieht —?

RUPRECHT.
Und sieht dich an —?

EVE.
Zwei abgemessene Minuten starr mich an.

FRAU MARTHE.
Und spricht —?

RUPRECHT.
Spricht nichts —?

EVE.
Er, Niederträcht’ger, sag’ ich,
Da er jetzt spricht; was denkt er auch von mir?
Und stoß’ ihm vor die Brust, daß er euch taumelt
Und: Jesus Christus! ruf’ ich: Ruprecht kömmt!
Denn an der Tür ihn draußen hör’ ich donnern.

RUPRECHT.
Ei, sieh! da kam ich recht.

EVE.
"Verflucht!" spricht er,
"Ich bin verraten!"– und springt, den Schein ergreifend,
Und Tint’ und Feder, zu dem Fenster hin
.
"Du!" sagt er jetzt, "sei klug!"– und öffnet es.
"Den Schein holst du dir morgen bei mir ab.
Sagst du ein Wort, so nehm’ ich ihn, und reiß’ ihn,
Und mit ihm deines Lebens Glück, entzwei."

RUPRECHT.
Die Bestie!

EVE.
Und tappt sich auf die Hütsche31,
Und auf den Stuhl, und steigt auf’s Fensterbrett,
Und untersucht, ob er wohl springen mag.
Und wendet sich, und beugt sich zum Gesimse,
Wo die Perück’ hängt, die er noch vergaß
.
Und greift und reißt vom Kruge sie, und reißt
Von dem Gesims den Krug herab:
Der stürzt; er springt; und Ruprecht kracht ins Zimmer.

RUPRECHT.
Gott’s Schlag und Wetter!

EVE.
Jetzt will, ich jetzt will reden,
Gott der Allwissende bezeugt es mir!
Doch dieser – schnaubend fliegt er euch durch’s Zimmer,
Und stößt —

RUPRECHT.
Verflucht!

EVE.
Mir vor die Brust

RUPRECHT.
Mein Evchen!

EVE.
Ich taumle sinnlos32 nach dem Bette hin.

VEIT.
Verdammter Hitzkopf, du!

EVE.
Jetzt steh’ ich noch,
Goldgrün, wie Flammen rings, umspielt es mich,
Und wank’, und halt’ am Bette mich; da stürzt
Der von dem Fenster schmetternd schon herab;
Ich denk’, er steht im Leben nicht mehr auf.
Ich ruf’: Heiland der Welt! und spring’ und neige
Mich über ihn, und nehm’ ihn in die Arme,
Und sage: Ruprecht! Lieber Mensch! Was fehlt dir?
Doch er —

RUPRECHT.
Fluch mir!

EVE.
Er wütet

RUPRECHT.
Traf ich dich?

EVE.
Ich weiche mit Entsetzen aus.

FRAU MARTHE.
Der Grobian!

RUPRECHT.
Daß mir der Fuß erlahmte!

FRAU MARTHE.
Nach ihr zu stoßen!

EVE.
Jetzt erscheint die Mutter,
Und stutzt, und hebt die Lamp’ und fällt ergrimmt,
Da sie den Krug in Scherben sieht, den Ruprecht
Als den unzweifelhaften Täter an.
Er, wutvoll steht er, sprachlos da, will sich
Verteidigen:
doch Nachbar Ralf fällt ihn,
Vom Schein getäuscht, und Nachbar Hinz ihn an,
Und Muhme 33 Sus’ und Lies’ und Frau Brigitte,
Die das Geräusch zusammt herbeigezogen,
Sie alle, taub, sie schmähen ihn und schimpfen,
Und sehen großen Auges auf mich ein,
Da er mit Flüchen, schäumenden, beteuert,
Daß nicht er, daß ein andrer das Geschirr,
Der eben nur entwichen sei, zerschlagen.

RUPRECHT.
Verwünscht! Daß ich nicht schwieg! Ein anderer!
Mein liebes Evchen!

EVE.
Die Mutter stellt sich vor mich,
Blaß, ihre Lippe zuckt, sie stemmt die Arme.
"Ists," fragt sie, "ists ein anderer gewesen?"
Und: Joseph, sag’ ich, und Maria, Mutter;
Was denkt ihr auch? – "Und was noch fragt ihr sie,"
Schreit Muhme Sus’ und Liese: "Ruprecht war’s!"
Und alle schrein: "der Schändliche! Der Lügner!"
Und ich – ich schwieg, ihr Herrn; ich log, ich weiß,
Doch log ich anders nicht, ich schwör’s, als schweigend.

RUPRECHT.
Mein Seel, sie sprach kein Wort, das muß ich sagen.

FRAU MARTHE.
Sie sprach nicht, nein, sie nickte mit dem Kopf bloß,
Wenn man sie, obs der Ruprecht war, befragte.

RUPRECHT.
Ja, nicken. Gut.

EVE.
Ich nickte? Mutter!

RUPRECHT.
Nicht?
Auch gut.

EVE.
Wann hätt’ ich —?

FRAU MARTHE.
Nun? Du hättest nicht,
Als Muhme Suse vor dir stand, und fragte:
Nicht, Evchen, Ruprecht war es? ja genickt?

EVE.
Wie? Mutter? Wirklich? Nickt’ ich? Seht —

RUPRECHT.
Beim Schnauben,
Beim Schnauben, Evchen!
Laß die Sache gut sein.
Du hieltst das Tuch, und schnäuztest heftig drein;
Mein Seel, es schien, als ob du’n bissel nicktest.

EVE (verwirrt).
Es muß unmerklich nur gewesen sein.

FRAU MARTHE.
Es war zum Merken just genug.

WALTER.
Zum Schluß jetzt —?

EVE.
Nun war auch heut am Morgen noch mein erster
Gedanke, Ruprecht alles zu vertraun
.
Denn weiß er nur der Lüge wahren Grund,
Was gilt’s, denk ich, so lügt er selbst noch mit,
Und sagt, nun ja, den irdnen Krug zerschlug ich,
Und dann so kriegt’ ich auch wohl noch den Schein.
Doch Mutter, da ich in das Zimmer trete,
Die hält den Krug schon wieder, und befiehlt,
Sogleich zum Vater Tümpel ihr zu folgen;
Dort fordert sie den Ruprecht vor Gericht.
Vergebens, daß ich um Gehör ihn bitte,
Wenn ich ihm nah, so schmäht und schimpft er mich,
Und wendet sich, und will nichts von mir wissen.

RUPRECHT.
Vergib mir.

WALTER.
Nun laß dir sagen, liebes Kind,
Wie zu so viel, stets tadelnswerten, Schritten
— Ich sage tadelnswert, wenn sie auch gleich
Verzeihlich sind – dich ein gemeiner, grober Betrug verführt.

EVE.
So? Wirklich?

WALTER.
Die Miliz
Wird nach Batavia nicht eingeschifft:

Sie bleibt, bleibt in der Tat bei uns, in Holland.

EVE.
Gut, gut, gut. Denn der Richter log; nicht wahr?
So oft: und also log er gestern mir.
Der Brief, den ich gesehen, war verfälscht;
Er las mir’s aus dem Stegreif nur so vor.

WALTER.
Ja, ich versichr’ es dich.

EVE.
O gnäd’ger Herr! —
O Gott! Wie könnt ihr mir das tun? O sagt — 

WALTER.
Herr Schreiber Licht! Wie lautete der Brief?
Ihr müßt ihn kennen.

LICHT. Ganz unverfänglich.
Wie’s überall bekannt ist. Die Miliz
Bleibt in dem Land, ’s ist eine Landmiliz
.

EVE.
O Ruprecht! O mein Leben! Nun ist’s aus.

RUPRECHT.
Evchen! Hast du dich wohl auch überzeugt?
Besinne dich!

EVE.
Ob ich —? Du wirst’s erfahren.

RUPRECHT.
Stand’s wirklich so —?
Du hörst es, alles, alles;

Auch dies, daß sie uns täuschen sollen, Freund.

WALTER.
Wenn ich mein Wort dir gebe —

EVE.
O gnäd’ger Herr!

RUPRECHT.
Wahr ist’s, es wär das erste Mal wohl nicht —  

EVE.
Schweig! ’S ist umsonst

WALTER.
Das erste Mal wär’s nicht?

RUPRECHT.
Vor sieben Jahren soll was Ähnliches
Im Land geschehen sein

WALTER.
Wenn die Regierung
Ihn hinterginge, wär’s das erste Mal.

So oft sie Truppen noch nach Asien schickte,
Hat sie’s den Truppen noch gewagt zu sagen
.
Er geht

EVE.
Du gehst. Komm.

WALTER.
Wo er hinbeordert;
In Utrecht wird er merken, daß er bleibt.

EVE.
Du gehst nach Utrecht. Komm. Da wirst du’s merken.
Komm, folg’. Es sind die letzten Abschiedsstunden,
Die die Regierung uns zum Weinen läßt;
Die wird der Herr uns nicht verbittern wollen.

WALTER.
Sieh da! So arm dein Busen an Vertrauen?

EVE.
O Gott! Gott! Daß ich jetzt nicht schwieg.

WALTER.
Dir glaubt’ ich Wort vor Wort, was du mir sagtest;
Ich fürchte fast, daß ich mich übereilt.

EVE.
Ich glaub’ euch ja, ihr hört’s, so wie ihr’s meint.
Komm fort.

WALTER.  
Bleib. Mein Versprechen will ich lösen.
Du hast mir deines Angesichtes Züge
Bewährt
, ich will die meinen dir bewähren;
Müßt ich auf andere Art dir den Beweis
Auch führen, als du mir. Nimm diesen Beutel.

EVE.
Ich soll —

WALTER. 
Den Beutel hier mit zwanzig Gulden!
Mit so viel Geld kaufst du den Ruprecht los.

EVE.
Wie? Damit —?

WALTER.
Ja, befreist du ganz vom Dienst ihn.
Doch so. Schifft die Miliz nach Asien ein,
So ist der Beutel ein Geschenk, ist dein.
Bleibt sie im Land’, wie ich’s vorher dir sagte,
So trägst du deines bösen Mißtrauns Strafe,

Und zahlst, wie billig, Beutel, samt Intressen34,
Vom Hundert vier, terminlich mir zurück.

EVE.
Wie, gnäd’ger Herr? Wenn die —

WALTER.
Die Sach ist klar.

EVE.
Wenn die Miliz nach Asien sich einschifft,
So ist der Beutel ein Geschenk, ist mein.

Bleibt sie im Land, wie ihrs vorher mir sagtet,
So soll ich bösen Mißtrauns Straf’ erdulden,
Und Beutel, samt, wie billig, Interessen —
(Sie sieht Ruprecht an).

RUPRECHT.
Pfui! ’S ist nicht wahr! Es ist kein wahres Wort!

WALTER.
Was ist nicht wahr?

EVE.
Da nehmt ihn! Nehmt ihn! Nehmt ihn!

WALTER.
Wie?

EVE.
Nehmt, ich bitt’ euch, gnäd’ger Herr, nehmt, nehmt ihn!

WALTER.
Den Beutel?

EVE.
O Herr Gott!

WALTER.
Das Geld? Warum das?
Vollwichtig neugeprägte Gulden sind’s.
Sieh her, das Antlitz hier des Spanierkönigs:
Meinst du, daß dich der König wird betrügen?

EVE.  
O lieber, guter, edler Herr, verzeiht mir.
O der verwünschte Richter!

RUPRECHT.
Ei, der Schurke!

WALTER.
So glaubst du jetzt, daß ich dir Wahrheit gab?

EVE.
Ob ihr mir Wahrheit gabt? O scharfgeprägte,
Und Gottes leuchtend Antlitz drauf. O Himmel!  
Daß ich nicht solche Münze mehr erkenne!

WALTER.
Hör’, jetzt geb’ ich dir einen Kuß. Darf ich?

RUPRECHT.
Und einen tüchtigen. So. Das ist brav.

WALTER.
Du also gehst nach Utrecht?

RUPRECHT.
Nach Utrecht geh’ ich,
Und steh ein Jahr lang auf den Wällen Schildwach,

EVE.
Und ich geh einen Sonntag um den andern,
Und such’ ihn auf den Wällen auf
, und bring’ ihm
Im kühlen Topf von frischgekernter 35 Butter:
Bis ich ihn einst mit mir zurückenehme.

WALTER.
Und ich empfehle meinem Bruder ihn,
Dem Hauptmann von der Landmiliz, der ihn
Aufnimmt, wollt ihr, in seine Kompanie?

EVE.
Das wollt ihr tun?

WALTER.
Das werd’ ich gleich besorgen.

EVE.
O guter Herr! O wie beglückt ihr uns.

WALTER.
Und ist sein kurzes Dienstjahr nun verfloßen,
So komm’ ich Pfingsten, die nächstfolgenden,
Und melde mich als Hochzeitsgast
: ihr werdet
Das Pfingstfest über’s Jahr doch nicht versäumen?

EVE.
Nein, mit den nächsten Mai’n blüht unser Glück.

WALTER.
Ihr seid damit zufrieden doch, Frau Marthe?

RUPRECHT.
Ihr zürnt mir jetzo nicht mehr, Mutter – nicht?

 FRAU MARTHE.
Warum soll ich zürnen, dummer Jung? Hast du
Den Krug herunter vom Gesims geschmissen?

WALTER.
Nun also. – Er auch, Vater.

VEIT.
Von Herzen gern.

WALTER.
Nun möcht’ ich wissen, wo der Richter blieb?

LICHT.
Der Richter? Hm! Ich weiß nicht, Euer Gnaden
Ich steh hier schon geraume Zeit am Fenster,
Und einen Flüchtling seh’ ich, schwarz orniert
,
Das aufgepflügte Winterfeld durchstampfen
Als ob er Rad36 und Galgen flöhe.

WALTER.
Wo?

LICHT.
Wollt Ihr gefälligst euch hierher bemühen –
(Sie treten alle an’s Fenster.)

WALTER.
Ist das der Richter?

LICHT.
Ja, wer scharfe Augen hätte –

RUPRECHT.
Der Henker hol’s!

LICHT.
Ist er’s?

RUPRECHT.
So wahr ich lebe!
Sieh, Ev’, ich bitte dich –

EVE.
Er ist’s.

RUPRECHT.
Er ist’s!
Ich seh’s an seinem hinkenden Galopp.

VEIT.
Der dort den Fichtengrund heruntertrabt, Der Richter?

FRAU MARTHE.
So wahr ich ehrlich bin. Seht nur,
Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht.

WALTER.
Geschwind, Herr Schreiber, fort! Holt ihn zurück!
Daß er nicht Übel rettend ärger mache.
Von seinem Amt zwar ist er suspendiert,
Und euch bestell’ ich, bis auf weitere
Verfügung, hier im Ort es zu verwalten;
Doch sind die Kassen richtig, wie ich hoffe,
So wird er wohl auf irgend einem Platze
Noch zu erhalten sein. Fort, holt ihn wieder.

(Licht ab.)

(Quelle: Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug, ein Lustspiel, Berlin: Realschulbuchhandlung 1811, S. 145–174. zitiert nach »https://www.deutschestextarchiv.de/book/show/kleist_krug_1811  (Zugriff am 02.04.2024). Der in der Druckfassung fehlende Szenenschluss ist dem Vorschlag von Helmut Sembdner folgend ab V. 475 nach der Handschrift ergänzt (vgl. Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug, ein Lustspiel, hrsg. von Roland Reuß in Zus. mit Peter Staengle, Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe); Die Rechtschreibung ist behutsam modernisiert, pdf-Version https://km.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-km/intern/PDF/Dateien/Gymnasium/Dokumente_Abitur/
Abitur_2026/Zerbrochner_Krug_Variantfassung_bf.pdf)

Wort- und Sacherklärungen

1 Pätschchen: Händchen

2 Den Hals noch judiziert er mir in’s Eisen: sorgt dafür, dass der Hals in Ketten gelegt wird

3 Wenn von dem Turm die Vesper geht: Läuten zu der als Vesper bezeichneten Abendandacht.

4 Pferdefuß: Anspielung auf den Klumpfuß von Dorfrichter Adam

5 Konskription: Aushebung von Soldaten, die in Listen erfasst wurden

6 Hispanier: Spanier. Die Stelle bezieht sich auf den »spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), einem »dynastischen »Erbfolgekrieg zwischen den Herrscherhäusern »Habsburg und »Bourbon um die Nachfolge »Karls II. (1661-1700), des letzten Habsburgers auf dem spanischen Thron, und um das »Mächtegleichgewicht in Europa. in dem u. a. Spanien gegen die »Vereinigten Niederlande kämpfte.

7 Mai'n: »Maibäume (meistens Birken), die nach lokalem Brauchtum von jungen, unverheirateten Männer eines Dorfes vor den Häusern aller unverheirateten Frauen als eine Art "Gunstbeweis" aufgestellt werden. (= »Liebesmaien)

8 in gleichgültigem Geschäft: in derselben Angelegenheit

9 Physikus: Arzt

10 Gerad': unversehrt, gerade gewachsen.

11 irrt: täuscht

12 Batavia: »Batavia von 1619 bis 1799 das Hauptquartier der »Niederländischen Ostindien-Kompanie in Asien. Heute ist es unter dem Namen »Jakarta die ehemalige Hauptstadt der »Republik Indonesien. Die Stadt liegt an der Nordküste »Javas, an einer gut geschützten Bucht, in einer flachen und an manchen Stellen morastigen Umgebung, durchzogen von Kanälen und Flüssen. Batavia bestand aus einer Altstadt im tiefsten und ungesunden Teil und einer etwas höher gelegenen Neustadt im modernen Stil. Zur Zeit der Niederländischen Ostindien-Kompanie zählte Batavia 30.000 bis 50.000 Einwohner.

13 Bantam: Hafenstadt auf der Insel »Java. 1810 wurde die dort ansässige niederländische Handelsniederlassung nach Batavia verlegt.

14 Java: Neben »Sumatra, »Borneo und »Sulawesi ist »Java eine der vier »Großen Sundainseln. Die Insel gehört vollständig zur »Republik Indonesien, auf ihr liegt auch die größte Stadt und ehemalige Hauptstadt Indonesiens, »Jakarta.

15 Jakarta: ehemalige Hauptstadt der »Republik Indonesien, heute die bevölkerungsreichste Stadt Südostasiens

16 Haager Krämer: Händler aus dem niederländischen »Den Haag, nach 1648 Residenz der Statthalter der »Republik der Sieben Vereinigten Provinzen.

17 Stellung: hier: Bereitstellung von Soldaten

18 Eiland: dichterische Bezeichnung für eine Insel; heute zumeist in der Bedeutung "kleine Insel" verwendet

19 Muskaten: Muskat ist ein Gewürz aus der geriebenen Muskatnuss, dem Samen des »Muskatnussbaums

20 heisert: heiser klingendes, gedämpftes Flüstern.

21 kneipt mir in die Backen: jemanden an den Wangen kneifen, also zwischen zwei Fingern zu quetschen. Dies kann als eine Form der Zuneigung oder des Scherzes, aber auch als Ausdruck von Missbilligung oder Ärger verwendet werden.

22 Ordre:  franz. für Order = Befehl, Anweisung, Anordnung,

23 zubenamst: wie Ruprecht mit Nachnamen heißt

24 Simpel: im Deutschen Bez. für eine eine einfache, schlichte abwertend auch für eine dumme, naive Person

25 Gimpel: Vogelart (Pyrrhula pyrrhula), auch Dompfaff oder seltener Blutfink genannt, aus der Familie der »Finken (Fringillidae); früher auch ein Symbol für Tölpelhaftigkeit, Ungeschicklichkeit und Dummheit

26 Wetternamen: mglw. Anspielung darauf, dass Tümpel bei der Schneeschmelze im Frühling, bei heftigen Regenfällen, bei Überschwemmungen oder beim Austritt von Grundwasser in Senken gebildet werden und deshalb auch einen stark schwankenden Wasserstand besitzen.

27 Wisch: wertloses Schriftstück, wertloser Fetzen Papier

28 Tagner: Tage (Dialekt)

29 Perückenstock: spezielles Möbelstück (Perückenklotz) oder Stock, an dem man Perücken, wen sie nicht getragen werden, aufhängen kann

30 Scheuern: polieren, reinigen

31 tappt sich auf die Hütsche:  tritt auf den Schemel bzw. die kleine Fußbank

32 sinnlos: ganz benommen

33 Muhme: vertrauliche respektvolle Anrede; Im allgemeinen ältere deutsche Verwandtschaftsbezeichnung für Tante; wurde früher aber von den Kindern auch so ähnlich verwendet wie heute "Tante", um eine gewisse Vertrautheit auszudrücken; in einigen Regionen bezeichnete der Begriff Muhme einfach eine ältere Frau.

34 Intressen:  h: Zinsen.

35 frischgekernter: niederdt. kernen = Butter machen.
36 Rad: Hinrichtungswerkzeug beim »Rädern als einer vom europäischen Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit praktizierten Form der Hinrichtung; den Betroffenen wurden dabei mit einem großen Wagenrad, dem Richtrad, zunächst die Glieder gebrochen; danach wurden zwischen die Radspeichen geflochten und zur Abschreckung ausgestellt. Da es eine besonders qualvolle und entehrende Todesart war, blieb das Rädern der Sanktionierung von Kapitalverbrechen vorbehalten.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.01.2026

 
 

 
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