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Einen Dramentext annotieren
Ein Bedienter tritt auf. Die Vorigen. – Nachher: Zwei Mägde.
DER BEDIENTE.
Gott helf, Herr Richter! Der Gerichtsrat Walter
Läßt seinen Gruß vermelden,
gleich wird er hier sein.
ADAM.
Ei, du gerechter Himmel! Ist er mit Holla
Schon fertig?
DER BEDIENTE.
Ja, er ist in Huisum schon.
ADAM.
He! Liese! Grete!
LICHT.
Ruhig, ruhig jetzt.
ADAM.
Gevatterchen!
LICHT.
Laßt Euern Dank vermelden.
DER BEDIENTE.
Und morgen reisen wir nach
Hussahe.
ADAM.
Was tu ich jetzt? Was laß
ich?
Er greift nach seinen Kleidern.
ERSTE MAGD tritt auf.
Hier bin ich, Herr.
LICHT.
Wollt Ihr die Hosen anziehn?1
Seid Ihr toll2?
ZWEITE MAGD tritt auf.
Hier bin ich, Herr Dorfrichter.
LICHT.
Nehmt den Rock 3.
ADAM sieht sich um.
Wer? Der Gerichtsrat?
LICHT.
Ach, die Magd ist es.
ADAM.
Die Beffchen!4 Mantel! Kragen!
ERSTE MAGD.
Erst die Weste!
ADAM.
Was? – Rock aus! Hurtig!
LICHT zum Bedienten.
Der
Herr Gerichtsrat werden
Hier sehr willkommen sein. Wir sind sogleich
Bereit ihn zu empfangen. Sagt ihm das.
ADAM.
Den Teufel auch!
Der Richter Adam läßt sich
Entschuldigen.
LICHT.
Entschuldigen!
ADAM.
Entschuld'gen.
Ist er schon unterwegs etwa?
DER BEDIENTE.
Er ist
Im Wirtshaus noch.Er
hat den Schmied bestellt;
Der Wagen ging entzwei.
ADAM.
Gut. Mein Empfehl.
Der Schmied ist faul.
Ich ließe mich entschuld'gen.
Ich hätte Hals und Beine fast gebrochen,
Schaut
selbst, 's ist ein Spektakel, wie ich ausseh;
Und jeder Schreck purgiert5
mich von Natur.
Ich wäre krank.
LICHT.
Seid Ihr bei Sinnen? –
Der Herr
Gerichtsrat wär sehr angenehm.
– Wollt Ihr?
ADAM.
Zum Henker!
LICHT.
Was?
ADAM.
Der Teufel soll mich holen,
Ist's
nicht so gut, als hätt ich schon ein Pulver!6
LICHT.
Das fehlt
noch, daß Ihr auf den Weg ihm leuchtet.7
ADAM.
Margrete! he!
Der Sack voll Knochen!8 Liese!
DIE BEIDEN MÄGDE.
Hier sind wir ja. Was wollt Ihr?
ADAM.
Fort! sag ich.
Kuhkäse, Schinken, Butter, Würste, Flaschen,
Aus der Registratur geschafft!9 Und flink! –
Du nicht. Die andere. – Maulaffe!10 Du ja!
– Gotts Blitz, Margrete! Liese soll, die Kuhmagd,
In die Registratur!
Die erste Magd geht ab.
DIE ZWEITE MAGD.
Sprecht, soll man Euch verstehn!
ADAM.
Halt's Maul jetzt, sag ich
–! Fort! schaff mir die Perücke!11
Marsch! Aus dem Bücherschrank! Geschwind! Pack dich!12
Die zweite Magd ab.
LICHT zum Bedienten.
Es ist dem Herrn Gerichtsrat, will ich hoffen,
Nichts Böses auf der Reise zugestoßen?
DER BEDIENTE.
Je, nun! Wir sind im
Hohlweg umgeworfen.13
ADAM.
Pest! Mein geschundner Fuß! Ich krieg die Stiefeln14–
LICHT.
Ei, du mein Himmel! Umgeworfen, sagt Ihr?
Doch keinen Schaden weiter –?
DER BEDIENTE.
Nichts von Bedeutung.
Der Herr
verstauchte sich die Hand ein wenig.
Die Deichsel brach.
ADAM.
Daß er den Hals gebrochen!
LICHT.
Die Hand verstaucht! Ei, Herr Gott! Kam der Schmied schon?
DER BEDIENTE.
Ja, für die Deichsel.
LICHT.
Was?
ADAM.
Ihr meint, der Doktor.
LICHT.
Was?
DER BEDIENTE.
Für die Deichsel?
ADAM.
Ach, was! Für die Hand.
DER BEDIENTE.
Adies, ihr Herrn. –
Ich glaub, die Kerls sind toll.
Ab.
LICHT.
Den Schmied meint ich.
ADAM.
Ihr gebt Euch bloß,
Gevatter.15
LICHT.
Wieso?
ADAM.
Ihr seid verlegen.
LICHT.
Was!
Die erste Magd tritt auf.
ADAM.
He! Liese!
Was hast du da?
ERSTE MAGD.
Braunschweiger Wurst, Herr
Richter.
ADAM.
Das sind Pupillenakten.16
LICHT.
Ich, verlegen!
ADAM.
Die kommen wieder zur
Registratur.
ERSTE MAGD.
Die Würste?
ADAM.
Würste! Was! Der Einschlag17 hier.
LICHT.
Es war ein Mißverständnis.
DIE ZWEITE MAGD tritt auf.
Im Bücherschrank,
Herr Richter, find ich die
Perücke nicht.
ADAM.
Warum nicht?
ZWEITE MAGD.
Hm! Weil Ihr –
ADAM.
Nun?
ZWEITE MAGD.
Gestern abend –
Glock eilf –
ADAM.
Nun? Werd ich's hören?
ZWEITE MAGD.
Ei,
Ihr kamt ja,
Besinnt Euch, ohne die Perück ins Haus.
ADAM.
Ich, ohne die Perücke?
ZWEITE MAGD.
In der Tat.
Da ist die Liese, die's bezeugen kann.
Und Eure andr' ist beim Perückenmacher.18
ADAM.
Ich wär –?
ERSTE MAGD.
Ja, meiner Treu19, Herr Richter Adam!
Kahlköpfig wart
Ihr, als Ihr wiederkamt;
Ihr spracht, Ihr wärt
gefallen, wißt Ihr nicht?
Das Blut
mußt ich Euch noch vom Kopfe waschen.
ADAM.
Die Unverschämte!
ERSTE MAGD.
Ich will nicht ehrlich sein.20
ADAM.
Halt's Maul,
sag ich, es ist kein wahres Wort.
LICHT.
Habt Ihr die Wund
seit gestern schon?
ADAM.
Nein,
heut.
Die Wunde heut und gestern die Perücke.
Ich trug sie weiß gepudert auf dem Kopfe,21
Und nahm sie mit dem Hut, auf Ehre, bloß,
Als ich ins Haus trat, aus Versehen ab.
Was die gewaschen hat
22, das weiß ich nicht.
– Scher dich zum
Satan, wo du hingehörst!
In die Registratur!
Erste Magd ab.
Geh, Margarete!
Gevatter Küster
23 soll
mir seine borgen;
In meine hätt die Katze heute morgen
Gejungt,24
das Schwein! Sie läge eingesäuet
Mir unterm Bette da, ich weiß nun schon.
LICHT.
Die Katze? Was? Seid Ihr –?
ADAM.
So wahr ich
lebe.
Fünf Junge, gelb und schwarz, und eins ist weiß.
Die schwarzen will ich in der Vecht25 ersäufen.
Was soll man machen? Wollt Ihr eine haben?
LICHT.
In die Perücke?
ADAM.
Der Teufel soll mich holen!
Ich hatte die Perücke aufgehängt,
Auf einen Stuhl, da ich zu Bette ging,
Den Stuhl berühr ich in der Nacht, sie fällt –
LICHT.
Drauf nimmt die Katze sie ins Maul –
ADAM.
Mein Seel –
LICHT.
Und trägt sie unters Bett und jungt darin.
ADAM.
Ins Maul? Nein –
LICHT.
Nicht? Wie sonst?
ADAM.
Die Katz? Ach, was!
LICHT.
Nicht? Oder Ihr vielleicht?
ADAM.
Ins Maul! Ich glaube –!
Ich stieß sie mit dem Fuße heut hinunter,
Als ich es sah.
LICHT.
Gut, gut.
ADAM.
Kanaillen die
26
Die balzen
sich und jungen, wo ein Platz ist.
ZWEITE MAGD kichernd.
So soll ich hingehn?
ADAM.
Ja, und meinen Gruß
An Muhme 27
Schwarzgewand,
die Küsterin.
Ich schickt ihr die Perücke unversehrt
Noch heut zurück –
ihm brauchst du nichts zu sagen.
Verstehst du mich?
ZWEITE MAGD.
Ich werd es schon bestellen.
Ab.
» Dritter Auftritt
Wort- und Sacherklärungen
1
Wollt Ihr die Hosen anziehn?:
Adam schlüpft in seiner Aufregung und Verwirrung versehentlich mit
den Armen in die Hosenbeine.
2 toll:
von Sinnen, verrückt
3 Rock:
Oberbekleidungsstück für Männer, »Herrenrock
4
Beffchen: Teil der Amtskleidung, Halsbinde, Kragen
5
purgiert: reinigen in der Art eines Abführmittels
6
Pulver:
h: Abführmittel
7...
daß Ihr
auf den Weg ihm leuchtet: h: wegschickt; gewöhnlich
leuchtete ein Diener nachts seinem Herrn mit einer Laterne auf
seinen Wegen
8
Sack voll Knochen:
herabsetzende volkstümliche Bemerkung über das Aussehen einer sehr
schlanken bzw. dürr erscheinenden Frau
9 ...
Aus der Registratur geschafft: »Registratur
ist der Ort, an der das Schriftgut des Gerichts (Klagen, Urteile
etc.) aufbewahrt werden
10
Maulaffe: Der Begriff »"Maulaffe"abgleitet
von den Tongefäßen in Form eines Kopfes/Gesichts, das zur
Aufbewahrung von Kienspänen diente; seit dem 15. Jahrhundert wird
unter Maulaffe (im 16. Jahrhundert auch Affenmaul) ein Gaffer
verstanden, "einer, der mit offenem Maul dasteht und gafft" – bis
heute gebräuchlich in der
Redewendung "Maulaffen feilhalten".
11
Perücke: Eine
Richterperücke ist bis heute ein traditionelles Symbol für die
Justiz, insbesondere in Ländern mit einer langen Geschichte des
Rechtsstaats. Sie ist oft weiß oder grau und dient als Zeichen von
Würde und Autorität für Richter und Anwälte. Die Perücke soll dem
Gerichtssaal eine gewisse Förmlichkeit und Würde verleihen
12
Pack dich!: h: Verschwinde! Entferne
dich!
13
Wir sind im Hohlweg
umgeworfen: Ein Hohlweg ist ein Weg, der durch langjährige
Nutzung und den Einfluss von Regenwasser tief in das umgebende
Gelände eingeschnitten ist. Diese Vertiefung kann bis zu 10 Meter
betragen. Hohlwege sind oft in Lössböden zu finden und entstehen
durch den Abtrag des Bodens durch Menschen, Tiere und Fahrzeuge. In
einem solchen Hohlweg ist der Wagen des Gerichtsrats umgestürzt.
14
Ich krieg die Stiefeln:
ergänzt werden muss "an" (Adam kann seinen Stiefel nicht anziehen
wegen des Verbandes, den er anlegt hat.
15
Ihr gebt Euch bloß:
i. S. von eine Blöße geben, sich blamieren, eine Peinlichkeit
erleben oder eine Schwäche zeigen
16
Pupillenakten: Vormundschaftsakten;
von lat. pupillus = Waise; Eine Pupille ist ein unter Vormundschaft
gestelltes Kind (Mündel)
17
Einschlag: Papier, in das die Würste eingewickelt sind, hier
sind es offensichtlich Amtspapiere bzw. Akten
18
Perückenmacher: Das Handwerk
des Perückenmachers war früher, als Perücken auch eine besondere
Mode waren, ein "offizielles" Handwerk
19
meiner Treu: allgemeine
Bekräftigungsformel
20
Ich will nicht ehrlich sein:
ergänzt werden muss etwa: wenn es nicht stimmt: ehrlich bedeutet
hier etwa "ehrbar" oder "rechtschaffen"; die ganze Formulierung ist
eine Bekräftigungs- bzw.- Beteuerungsformel
21
weiß gepudert: Die Perücken wurden, in der Regel mit Mehl,
weiß eingestäubt (gepudert)
22
Was die gewaschen hat: was die
dahergeredet, geschwätzt hat
23
Küster: (von lateinisch custos = Hüter, Wächter‘) oder
Kirchendiener, Messner verantwortlich für die Vorbereitung des
Kirchenraums und der Sakristei für den Gottesdienst
24
Gejungt: Junge zur Welt gebracht
25
Vecht: Rheinmündungsarm bei Utrecht
26
Kanaillen: aus dem Frz.; Gesindel,
Pack, Pöbel, niederes Volks
27
Muhme: h: vertrauliche respektvolle Anrede für die Frau des
"Gevatters Küster". Im allgemeinen ältere deutsche
Verwandtschaftsbezeichnung für Tante; wurde früher aber von den
Kindern auch so ähnlich verwendet wie heute "Tante", um eine
gewisse Vertrautheit auszudrücken; in einigen Regionen bezeichnete
der Begriff Muhme einfach eine ältere Frau.