ZWEITE MAGD.
Gruß von Frau Küsterin1, Herr Richter
Adam;
So gern sie die Perück Euch auch –
ADAM.
Wie? Nicht?
ZWEITE MAGD.
Sie sagt, es wäre Morgenpredigt heute;
Der Küster hätte selbst die eine auf,
Und seine andre wäre unbrauchbar,
Sie sollte heut zu dem Perückenmacher.
ADAM.
Verflucht!
ZWEITE MAGD.
Sobald der Küster wiederkömmt,
Wird sie jedoch sogleich Euch seine schicken.
ADAM.
Auf meine Ehre, gnäd'ger Herr –
WALTER.
Was gibt's?
ADAM.
Ein Zufall, ein verwünschter, hat um beide
Perücken mich gebracht. Und jetzt bleibt mir
Die dritte aus, die ich mir leihen wollte:
Ich muß
kahlköpfig den Gerichtstag halten.
WALTER.
Kahlköpfig!
ADAM.
Ja, beim ewigen Gott! So sehr
Ich ohne der Perücke Beistand2 um
Mein Richteransehn auch verlegen bin.
– Ich müßt es auf dem Vorwerk3 noch
versuchen,
Ob mir vielleicht der Pächter –?
WALTER.
Auf dem Vorwerk!
Kann jemand anders hier im Orte nicht –?
ADAM.
Nein, in der Tat –
WALTER.
Der Prediger vielleicht.
ADAM.
Der Prediger? Der –
WALTER.
Oder Schulmeister.
ADAM.
Seit der Sackzehnde4 abgeschafft, Euer
Gnaden,
Wozu ich hier im Amte mitgewirkt,
Kann ich auf beider Dienste nicht mehr rechnen.
WALTER.
Nun, Herr Dorfrichter? Nun? Und der Gerichtstag?
Denkt
Ihr zu warten, bis die Haar Euch wachsen?
ADAM.
Ja, wenn Ihr mir erlaubt, schick ich aufs Vorwerk.
WALTER.
– Wie weit ist's auf das Vorwerk?
ADAM.
Ei! Ein kleines
Halbstündchen.
WALTER.
Eine halbe Stunde, was!
Und Eurer
Sitzung Stunde schlug bereits.
Macht fort!5 Ich muß
noch heut nach Hussahe.
ADAM.
Macht fort! Ja –
WALTER.
Ei, so pudert Euch
den Kopf ein!
Wo Teufel auch, wo ließt
Ihr die Perücken?
– Helft Euch so gut Ihr könnt. Ich habe
Eile.
ADAM.
Auch das.
DER BÜTTEL tritt auf.
Hier ist der Büttel!
ADAM.
Kann ich inzwischen
Mit einem guten Frühstück, Wurst aus Braunschweig,
Ein Gläschen Danziger6 etwa –
WALTER.
Danke sehr.
ADAM.
Ohn Umständ!
WALTER.
Dank', Ihr
hört's, hab's schon genossen.
Geht Ihr, und nutzt die Zeit, ich brauche sie
In meinem
Büchlein etwas mir zu merken.
ADAM.
Nun, wenn Ihr so befehlt – Komm, Margarete!
WALTER.
–
Ihr seid ja bös verletzt, Herr Richter Adam.
Seid Ihr gefallen?
ADAM.
– Hab einen wahren Mordschlag7
Heut früh, als ich dem Bett entstieg, getan:
Seht, gnäd'ger Herr Gerichtsrat,
einen Schlag
Ins Zimmer hin, ich glaubt es wär ins Grab.
WALTER.
Das tut mir leid. –
Es wird doch
weiter nicht
Von Folgen sein?
ADAM.
Ich denke nicht. Und auch
In
meiner Pflicht soll's weiter mich nicht stören. –
Erlaubt!
WALTER.
Geht, geht!
ADAM zum Büttel.
Die Kläger rufst du – Marsch!
Adam, die Magd und der Büttel ab.
Wort- und Sacherklärungen
1
Küsterin: Frau des Küsters; ein »Küster,
auch Kirchendiener, Sakristan oder Kirchwart genannt, ist eine Person,
die in einer Kirche oder Kirchengemeinde für verschiedene praktische
Aufgaben zuständig ist. Er bereitet Gottesdienste vor, kümmert sich um
die Kirche und das Kirchengebäude und unterstützt den Pfarrer oder
Pastor bei verschiedenen Aufgaben.
2
ohne der Perücke Beistand:
die Perücke zählte, wie heute noch in Englang üblich, zur Amtkleidung
eines Richters
3
Vorwerk: Als »Vorwerk
wird ein vom Hauptgut räumlich abgetrennter landwirtschaftlicher
Pachtbetrieb bezeichnet, h: mglw. außerhalb des Dorfes gelegen
4
Sackzehnde: ursprüngl. eine
Sacksteuer, die dem Pfarrer oder dem Schulmeister zugutekam;
jeder zehnte Teil eines ausgedroschenen, in Säcke abgefüllten
Getreides wurde, meistens in Geld; ausbezahlt
5
Macht fort: Seht z, dass es weitergeht!
Beeilt euch!
6
Ein Gläschen Danziger: »Danziger
Goldwasser Gewürzlikör, in dem kleine Blattgoldflocken schwimmen
7
Mordschlag: Schlag, Hinfallen auf den Boden,
das tödlich verletzt; auch nur schlimmes Hinschlagen auf den Boden; Mord
in Zusammensetzungen, als schelte für etwas äußerst Böses oder
Schlimmes, mundartlich auch bekannt mit Zusammensetzung wie Mordskerl,
mordsmäßig, mordsviel u. a.