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« Sechster Auftritt »

Text mit Wort- und Sacherklärungen

Heinrich von Kleist Der zerbrochne Krug Handlungsverlauf – Einzelne Szenen

 
FAChbereich Deutsch
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Sechster Auftritt

Frau Marthe, Eve, Veit und Ruprecht treten auf.Walter und Licht im Hintergrunde.

FRAU MARTHE.
Ihr krugzertrümmerndes Gesindel, ihr!
Ihr sollt mir büßen, ihr!

VEIT.
Sei Sie nur ruhig1,  
Frau Marth! Es wird sich alles hier entscheiden.

FRAU MARTHE.
O ja. Entscheiden. Seht doch. Den Klugschwätzer.
Den Krug mir, den zerbrochnen, entscheiden.
Wer wird mir den geschiednen Krug entscheiden?
Hier wird entschieden werden, daß geschieden
Der Krug mir bleiben soll.
Für so 'n Schiedsurteil
Geb ich noch die geschiednen Scherben nicht.

VEIT.
Wenn Sie sich Recht erstreiten kann, Sie hört's,
Ersetz ich ihn.

FRAU MARTHE.
Er mir den Krug ersetzen.
Wenn ich mir Recht erstreiten kann, ersetzen.
Setz Er den Krug mal hin, versuch Er's mal,
Setz Er 'n mal hin auf das Gesims2! Ersetzen!
Den Krug, der kein Gebein3  zum Stehen hat,
Zum Liegen oder Sitzen hat, ersetzen!

VEIT.
Sie hört's! Was geifert4 Sie? Kann man mehr tun?
Wenn einer Ihr von uns den Krug zerbrochen,
Soll Sie entschädigt werden
.

FRAU MARTHE.
Ich entschädigt!
Als ob ein Stück von meinem Hornvieh5 spräche.
Meint Er, daß die Justiz ein Töpfer ist?
Und kämen die Hochmögenden6 und bänden
Die Schürze vor, und trügen ihn zum Ofen7,
Die könnten sonstwas in den Krug mir tun,
Als ihn entschädigen. Entschädigen!  

RUPRECHT.
Laß Er sie, Vater. Folg Er mir. Der Drache!
's ist der zerbrochne Krug nicht, der sie wurmt,

Die Hochzeit ist es, die ein Loch bekommen,
Und mit Gewalt hier denkt sie sie zu flicken.

Ich aber setze noch den Fuß eins drauf:
Verflucht bin ich, wenn ich die Metze8 nehme.

FRAU MARTHE.
Der eitle Flaps!9 Die Hochzeit ich hier flicken!
Die Hochzeit, nicht des Flickdrahts, unzerbrochen
Nicht einen von des Kruges Scherben wert.

Und stünd die Hochzeit blankgescheuert vor mir,
Wie noch der Krug auf dem Gesimse gestern,
So faßt ich sie beim Griff jetzt mit den Händen,
Und schlüg sie gellend ihm am Kopf entzwei,
Nicht aber hier die Scherben möcht ich flicken!
Sie flicken!

EVE.
Ruprecht!

RUPRECHT.
Fort du –! 

EVE.
Liebster Ruprecht!

RUPRECHT.
Mir aus den Augen!

EVE.
Ich beschwöre dich.

RUPRECHT.
Die lüderliche10 –! Ich mag nicht sagen, was.

EVE.
Laß mich ein einz'ges Wort dir heimlich

RUPRECHT.
Nichts!

EVE.
Du gehst zum Regimente jetzt, o Ruprecht,
Wer weiß, wenn du erst die Muskete11 trägst,
Ob ich dich je im Leben wiedersehe.
Krieg ist's, bedenke, Krieg, in den du ziehst:
Willst du mit solchem Grolle von mir scheiden?

RUPRECHT.
Groll? Nein, bewahr mich Gott, das will ich nicht.
Gott schenk dir so viel Wohlergehn, als er
Erübrigen kann.
Doch kehrt ich aus dem Kriege
Gesund, mit erzgegoßnem Leib zurück,
Und würd in Huisum achtzig Jahre alt,
So sagt ich noch im Tode zu dir: Metze!

Du willst's ja selber vor Gericht beschwören.

FRAU MARTHE zu Eve.
Hinweg! Was sagt ich dir? Willst du dich noch
Beschimpfen lassen?
 Der Herr Korporal12
Ist was für dich, der würd'ge Holzgebein13,
Der seinen Stock im Militär geführt14,
Und nicht dort der Maulaffe15, der dem Stock
Jetzt seinen Rücken bieten wird
. Heut ist
Verlobung, Hochzeit, wäre Taufe heute,

Es wär mir recht, und mein Begräbnis leid ich,
Wenn ich dem Hochmut erst den Kamm zertreten16,
Der mir bis an die Krüge schwillet.

EVE.
Mutter!
 Laßt doch den Krug! Laßt mich doch in der Stadt versuchen,
Ob ein geschickter Handwerksmann die Scherben
Nicht wieder Euch zur Lust zusammenfügt.

Und wär's um ihn geschehn, nehmt meine ganze
Sparbüchse hin, und kauft Euch einen neuen.
Wer wollte doch um einen irdnen Krug,
Und stammt er von Herodes' Zeiten17 her,
Solch einen Aufruhr, so viel Unheil stiften.

FRAU MARTHE.
Du sprichst, wie du's verstehst. Willst du etwa
Die Fiedel tragen18, Evchen, in der Kirche
Am nächsten Sonntag reuig Buße tun?
Dein guter Name lag in diesem Topfe,  
Und vor der Welt mit ihm ward er zerstoßen,
Wenn auch vor Gott nicht, und vor mir und dir.
Der Richter ist mein Handwerksmann, der Schergen19,
Der Block20 ist's, Peitschenhiebe, die es braucht,
Und auf den Scheiterhaufen das Gesindel
Wenn's unsre Ehre weiß zu brennen gilt,
Und diesen Krug hier wieder zu glasieren.

Wort- und Sacherklärungen

1 Sei Sie nur ruhig: »Höflichkeitsform bei der Anrede; die Anrede in der 3. Person Singular (Er, Sie), die heute nur noch vereinzelt im Dialekt oder in humoristischer Weise verwendet wird (manchmal spricht man auch von "Erzen" im Ggs. zum "Siezen") ist als  großgeschriebene Anrede in Anlehnung an die 3. Person Singular im 17. Jahrhundert die höchste und im Briefverkehr vorherrschende Höflichkeitsform, bis sie im frühen 18. Jahrhundert durch das plurale "Sie" ersetzt wurde und folglich im Rang herabsank und der das singularische Erzen Ausdruck der Hierarchie gegenüber Untergebenen wurde.

2 Gesims: »Gesims Giebelgesims, Dachgesims, Fenstergesims etc. )ist ein waagerechtes, vorstehendes Bauteil an Gebäuden, das zur Gliederung von Fassaden dient und Regenwasser ableiten kann. Es kann sowohl dekorative als auch funktionale Zwecke erfüllen.

3 Gebein: eigtl. Knochen, gemeint: keine eigenes Gerüst, Untergestell bzw. keine Beine besitzt

4 geifert: »geifern. 1. Speichel aus dem Mund fließen lassen 2. [abwertend, übertragen]; in Wut und Empörung giftig reden, dass einem der Speichel (Geifer) aus dem Mund läuft

5 Hornvieh: allg. Vieh, das Hörner trägt, besonders aber das Rindvieh;  übertragen auch Synonym für Hornochse, ein Wort, das als Schimpfwort für einen dummen uneinsichtigen Mensch verwendet wird

6 die Hochmögenden: Titel niederländischer Abgeordneter; auch:  Hochmögende Herren

7 Ofen: Ofen, in dem Tongefäße gebrannt werden, Brennofen

8 Metze: ursprgl. Koseform von Mechthild, dann mehr und mehr abwertend für eine leicht zu sexuellen Handlungen zu bewegenden Frau aus unteren Gesellschaftsschichten; auch Bezeichnung für eine Prostituierte;

9 Flaps: Flegel, Schuft

10 Die lüderliche: Die liederliche; von »Luder, das in der Jägersprache ein totes Tier bezeichnet, das zum Anlocken von Beutegreifern verwendet wird. Das Luder wird an einem Luderplatz ausgelegt; heute auch ein Schimpfwort für ein "Liederliches Frauenzimmer"; in dieser Bedeutung Ende des 20. Jahrhunderts eine populäre Bezeichnung für Frauen, die durch Einsatz ihrer körperlichen Reize Aufmerksamkeit erregen, prominente Männer verführen und dadurch die eigene Karriere beschleunigen. In Komposita wie Boxenluder, Partyluder und Promiluder war es im Sprachgebrauch der verschiedener Medien weit verbreitet.

11 Muskete: Die »Muskete ist ein schweres, langes Vorderladergewehr mit glattem (zuglosem) Lauf

12 Korporal: Korporal (von lat. corpus bzw. corporis für der Körper, engl. corporal, frz. caporal) in vielen Streitkräften der unterste Rang der Unteroffiziere

13 Holzgebein: Sprechender Name, der auf die die Invalidität (Holzfuß als Prothese) seines Trägers anspielt

14 Der seinen Stock im Militär geführt: Der an den Soldaten die Prügelstrafe anordnete oder beaufsichtigte; ein Form der legalen (!) Prügelstrafe bei Soldaten war z. B. das sog. Spießrutenlaufen, bei der der Soldat durch eine Reihe von Kameraden laufen musste, die ihn mit Ruten schlugen.

15 Maulaffe: eigentl. »Kienspanhalter (Maulaffe); aber auch abwertend für einen Gaffer oder jemanden, der dumm und mit aufgerissenem Mund herumsteht

16 Wenn ich dem Hochmut erst den Kamm zertreten: sprichwörtliche Redewendung, die auf den Kamm treten, d. h. jemanden con oben ducken; hier etwa: Wenn ich dem Hochmut den aufgestellten Hahnenkamm niederdrücke

17 Herodes' Zeiten: »Herodes (73 - 4 v. Chr.) war ein vom Römischen Reich abhängiger jüdischer König In den Kindheitsgeschichten des »Matthäusevangeliums spielt Herodes eine zentrale Rolle als Rivale und Verfolger des neugeborenen »Jesus von Nazareth (Kindermord in Bethlehem)

18 Die Fiedel tragen: Holzstück, das um Hals und Hände eines am »Pranger stehenden Delinquenten gelegt wird, so ähnlich wie Musiker ihre Geige um den Hals hängen: an der Fiedel stehen, am Pranger;

19 Schergen: Gerichtsdiener, (veraltet: Häscher); Person, die unter Anwendung von Gewalt die Aufträge eines Dritten (oft staatlichen Gewaltinhabers) vollstreckt; Handlanger; im heutigen Sprachgebrauch oft ein "Henkersknecht", Büttel, käuflicher Verräter oder generell eine Person, die einem Schurken dienstbar ist und seine Befehle ausführt, bezeichnet.

20 Block: Holzblock, an dem eine zu körperlicher Züchtigung z. B. durch Peitschenhiebe verurteilte Person festgebunden wurde

»Siebter Auftritt

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 28.11.2025

 
 

 
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