ADAM.
– Wenn ich freimütig reden darf, Ihr Gnaden,
Die Sache eignet
gut sich zum Vergleich.
WALTER.
Sich
zum Vergleich? Das ist nicht klar, Herr Richter.
Vernünft'ge
Leute können sich vergleichen;
Doch wie Ihr den Vergleich schon wollt bewirken,
Da noch durchaus die Sache nicht entworren,
Das hätt ich wohl von Euch zu hören Lust.
Wie denkt Ihr's anzustellen, sagt mir an?
Habt Ihr ein Urteil schon
gefaßt?
ADAM.
Mein Seel!
Wenn ich, da
das Gesetz im Stich mich läßt,
Philosophie zu Hülfe
nehmen soll,
So war's – der Leberecht –
WALTER.
Wer?
ADAM.
Oder Ruprecht –
WALTER.
Wer?
ADAM.
Oder Lebrecht, der den Krug zerschlug.
WALTER.
Wer also war's?
Der Lebrecht oder Ruprecht?
Ihr greift, ich seh, mit Eurem Urteil ein,
Wie eine Hand in einen Sack voll Erbsen.1
ADAM.
Erlaubt!
WALTER.
Schweigt, schweigt, ich
bitt Euch.
ADAM.
Wie Ihr wollt.
Auf meine Ehr, mir wär's vollkommen recht,
Wenn sie es alle beid gewesen wären.
WALTER.
Fragt dort, so werdet
Ihr's erfahren.
ADAM.
Sehr gern.
Doch
wenn Ihr's herausbekommt, bin ich ein Schuft.
– Habt Ihr das Protokoll da in Bereitschaft?
LICHT.
Vollkommen.
ADAM.
Gut.
LICHT.
Und
brech ein eignes Blatt mir2,
Begierig, was darauf zu stehen kommt.
ADAM.
Ein eignes Blatt? Auch gut.
WALTER.
Sprich dort, mein Kind.
ADAM.
Sprich, Evchen, hörst du, sprich jetzt, Jungfer Evchen!
Gib Gotte, hörst du, Herzchen, gib, mein Seel,
Ihm und der Welt, gib ihm
was von der Wahrheit.
Denk, daß du
hier vor Gottes Richtstuhl bist,
Und daß du deinen Richter nicht mit Leugnen,
Und Plappern, was zur Sache nicht gehört,
Betrüben mußt.
Ach, was!
Du bist vernünftig.
Ein Richter
immer, weißt du, ist ein Richter,
Und einer
braucht ihn heut, und einer morgen.
Sagst du, daß es der Lebrecht war: nun gut;
Und sagst du, daß es Ruprecht war: auch gut!
Sprich
so, sprich so, ich bin kein ehrlicher Kerl,
Es wird sich
alles, wie du's wünschest finden.
Willst du mir hier von einem andern trätschen3
Und dritten etwa, dumme Namen nennen:
Sieh, Kind, nimm dich in acht, ich sag nichts weiter.
In Huisum,
hol's der Henker, glaubt dir's keiner,
Und keiner, Evchen, in den Niederlanden,
Du weißt,
die weißen Wände
zeugen nicht,
Der auch wird zu
verteidigen sich wissen:
Und deinen
Ruprecht holt die Schwerenot!4
WALTER.
Wenn Ihr doch
Eure Reden lassen wolltet.
Geschwätz,
gehauen nicht und nicht gestochen5.
ADAM.
Verstehen's Euer Gnaden
nicht?
WALTER.
Macht fort!
Ihr habt
zulängst hier auf dem Stuhl gesprochen6
cc
ADAM.
Auf Ehr!
Ich habe nicht
studiert, Euer Gnaden.
Bin ich euch Herrn aus Utrecht nicht verständlich,
Mit diesem Volk vielleicht verhält sich's anders:
Die Jungfer
weiß, ich wette, was ich will.
FRAU MARTHE.
Was soll
das? Dreist heraus jetzt mit der Sprache!
EVE.
O liebste Mutter!
FRAU MARTHE.
Du –! Ich rate dir!
RUPRECHT.
Mein Seel, 's ist schwer, Frau Marthe, dreist zu sprechen,
Wenn das Gewissen an der Kehl uns sitzt.
ADAM.
Schweig Er
jetzt, Nasweis7,
mucks Er nicht.
FRAU MARTHE.
Wer war's?
EVE.
O Jesus!
FRAU MARTHE.
Maulaffe8, der! Der
niederträchtige!
O Jesus!
Als ob sie eine Hure
wäre.
War's der Herr Jesus?
ADAM.
Frau Marthe! Unvernunft!
Was das für –!
Laß Sie
die Jungfer9 doch gewähren!
Das Kind einschrecken10 –
Hure – Schafsgesicht!
So wird's uns nichts.
Sie wird sich schon besinnen.
RUPRECHT.
O ja, besinnen.
ADAM.
Flaps dort, schweig Er jetzt.
RUPRECHT.
Der
Flickschuster11 wird ihr schon einfallen.
ADAM.
Der Satan! Ruft
den Büttel! He! Hanfriede!12
RUPRECHT.
Nun, nun! Ich
schweig, Herr Richter, laßt's nur sein.
Sie wird Euch
schon auf meinen Namen kommen.
FRAU MARTHE.
Hör du, mach mir hier kein Spektakel, sag ich.
Hör,
neunundvierzig
bin ich alt geworden
In Ehren: funfzig möcht ich gern erleben.
Den
dritten Februar
ist mein Geburtstag;
Heut ist der erste.
Mach es kurz. Wer war's?
ADAM.
Gut,
meinethalben! Gut, Frau Marthe Rull!
FRAU MARTHE.
Der Vater sprach, als
er verschied: Hör, Marthe,
Dem Mädel schaff
mir einen wackern Mann;
Und wird sie eine liederliche Metze,
So gib dem Totengräber einen Groschen,
Und laß mich wieder auf den Rücken legen:
Mein Seel, ich glaub,
ich kehr im
Grab mich um.
ADAM.
Nun, das ist auch nicht übel.
FRAU MARTHE.
Willst du Vater
Und Mutter jetzt, mein Evchen,
nach dem vierten
Gebot13 hoch ehren, gut, so sprich:
in meine Kammer
Ließ ich den Schuster, oder einen dritten,
Hörst du?
Der Bräut'gam
aber war es nicht.
RUPRECHT.
Sie jammert mich. Laßt doch den
Krug, ich bitt Euch;
Ich will'n nach Utrecht tragen.
Solch ein Krug –
Ich wollt ich hätt ihn nur entzweigeschlagen.
EVE.
Unedelmüt'ger, du!
Pfui, schäme dich,
Daß du
nicht sagst, gut, ich zerschlug den Krug!
Pfui, Ruprecht, pfui, o
schäme dich, daß du
Mir nicht in meiner Tat vertrauen kannst.
Gab ich die Hand dir nicht, und sagte, ja,
Als du mich fragtest, Eve, willst du mich?
Meinst
du, daß du den Flickschuster nicht wert bist?
Und hättest du durchs Schlüsselloch mich mit
Dem Lebrecht aus dem Kruge trinken sehen,
Du hättest denken
sollen: Ev ist brav,
Es wird sich alles
ihr zum Ruhme lösen,
Und ist's im Leben nicht, so ist es jenseits,
Und wenn wir auferstehn ist auch ein Tag.
RUPRECHT.
Mein Seel,
das dauert mir
zu lange, Evchen.
Was ich mit
Händen greife, glaub ich gern.
EVE.
Gesetzt, es wär der
Leberecht gewesen,
Warum – des Todes will ich ewig sterben,
Hätt ich's dir Einzigem nicht gleich vertraut;
Jedoch warum vor Nachbarn, Knecht' und Mägden
–
Gesetzt, ich hätte Grund, es zu verbergen,
Warum, o Ruprecht, sprich, warum nicht sollt ich,
Auf dein Vertraun hin sagen, daß du's warst?
Warum nicht
sollt ich's? Warum sollt ich's nicht?
RUPRECHT.
Ei, so zum Henker,
sag's, es ist
mir recht,
Wenn du die Fiedel14 dir ersparen kannst.
EVE.
O du Abscheulicher! Du Undankbarer!
Wert, daß ich mir die Fiedel spare!
Wert,
Daß ich mit einem Wort zu Ehren mich,
Und dich in ewiges Verderben bringe.
WALTER.
Nun –? Und dies einz'ge Wort –? Halt uns nicht auf.
Der Ruprecht also war es
nicht?
EVE.
Nein,
gnäd'ger Herr, weil er's denn selbst so will,
Um seinetwillen nur verschwieg ich es:
Den irdnen
Krug zerschlug der Ruprecht nicht,
Wenn er's Euch selber leugnet, könnt Ihr's glauben.
FRAU MARTHE.
Eve! Der Ruprecht nicht?
EVE.
Nein, Mutter, nein!
Und wenn ich's
gestern sagte, war's gelogen.
FRAU MARTHE.
Hör,
dir zerschlag ich alle
Knochen!
Sie setzt den Krug nieder.
EVE.
Tut, was Ihr wollt.
WALTER
drohend.
Frau Marthe!
ADAM.
He! Der Büttel! –
Schmeißt
sie heraus dort, die verwünschte Vettel15!
Warum soll's
Ruprecht just gewesen sein.
Hat Sie das Licht dabei gehalten, was?
Die Jungfer,
denk ich, wird es wissen müssen:
Ich bin
ein Schelm, wenn's, nicht der Lebrecht war.
FRAU MARTHE.
War es der
Lebrecht etwa? War's der Lebrecht?
ADAM.
Sprich, Evchen, war's der Lebrecht nicht, mein Herzchen?
EVE.
Er
Unverschämter, Er! Er Niederträcht'ger!
Wie kann Er sagen,
daß es Lebrecht –
WALTER.
Jungfer!
Was untersteht Sie sich? Ist das mir der
Respekt, den Sie dem Richter schuldig ist?
EVE.
Ei, was!
Der Richter dort!
Wert, selbst vor dem
Gericht, ein armer Sünder, dazustehn –
–
Er, der wohl
besser weiß, wer es gewesen!
Sich zum Dorfrichter wendend.
Hat Er den Lebrecht in die Stadt nicht gestern
Geschickt nach Utrecht, vor die Kommission,
Mit dem Attest,
die die Rekruten aushebt?
Wie kann Er sagen, daß es Lebrecht war,
Wenn Er wohl weiß, daß der in Utrecht ist?
ADAM.
Nun wer denn sonst? Wenn's Lebrecht
nicht, zum Henker –
Nicht Ruprecht ist, nicht Lebrecht ist – –
Was machst du?
RUPRECHT.
Mein Seel, Herr Richter Adam, laßt Euch sagen,
Hierin mag doch die Jungfer just nicht lügen,
Dem Lebrecht
bin ich selbst begegnet gestern,
Als er nach Utrecht ging, früh war's Glock acht,
Und wenn er auf ein Fuhrwerk sich nicht lud,
Hat sich der
Kerl, krummbeinig wie er ist,
Glock
zehn Uhr nachts noch nicht zurück gehaspelt.
Es kann ein dritter
wohl gewesen sein.
ADAM.
Ach, was!
Krummbeinig! Schafsgesicht!
Der Kerl
Geht seinen Stiefel16, der, trotz einem.
Ich will
von ungespaltnem Leibe sein17,
Wenn nicht ein Schäferhund von mäß'ger Größe
Muß seinen Trab gehn, mit ihm fortzukommen.
WALTER.
Erzähl den Hergang uns.
ADAM.
Verzeihn Euer Gnaden!
Hierauf
wird Euch die Jungfer schwerlich dienen.
WALTER.
Nicht
dienen? Mir nicht dienen? Und warum nicht?
ADAM.
Ein twatsches Kind18. Ihr seht's.
Gut, aber twatsch.
Blutjung, gefirmelt kaum19;
das schämt sich noch,
Wenn's einen Bart von weitem sieht. So'n Volk,
Im Finstern leiden sie's, und wenn es Tag wird,
So leugnen sie's vor ihrem Richter ab.
WALTER.
Ihr seid sehr nachsichtsvoll, Herr Richter Adam,
Sehr mild, in allem, was die Jungfer angeht.
ADAM.
Die Wahrheit Euch zu sagen, Herr Gerichtsrat,
Ihr Vater war ein
guter Freund von mir.
Wollen Euer Gnaden heute huldreich sein,
So tun wir hier nicht mehr, als unsre Pflicht,
Und lassen seine Tochter gehn.
WALTER.
Ich spüre große Lust in mir, Herr Richter,
Der Sache völlig auf den Grund zu kommen. –
Sei dreist, mein Kind;
sag,
wer den Krug zerschlagen.
Vor niemand stehst du, in dem Augenblick,
Der einen Fehltritt nicht verzeihen könnte.
EVE.
Mein lieber, würdiger und gnäd'ger Herr,
Erlaßt mir, Euch
den Hergang zu erzählen.
Von dieser Weigrung
denkt uneben nicht20.
Es ist des Himmels wunderbare Fügung,
Die mir den Mund in dieser Sache schließt.
Daß Ruprecht jenen Krug nicht traf, will ich
Mit einem Eid, wenn Ihr's verlangt,
Auf heiligem Altar bekräftigen.
Jedoch die gestrige Begebenheit,
Mit jedem andern Zuge, ist mein eigen,
Und nicht das ganze
Garnstück21 kann die Mutter,
Um eines einz'gen Fadens willen, fordern,
Der, ihr gehörig, durchs Gewebe läuft.
Ich
kann hier, wer den Krug zerschlug, nicht melden,
Geheimnisse, die
nicht mein Eigentum,
Müßt ich, dem
Kruge völlig fremd, berühren.
Früh oder spät will ich's ihr anvertrauen,
Doch hier das Tribunal ist nicht der Ort,
Wo sie das Recht hat, mich darnach zu fragen.
ADAM.
Nein, rechtens nicht. Auf meine
Ehre nicht.
Die Jungfer weiß,
wo unsre Zäume hängen22.
Wenn sie den Eid hier vor Gericht will schwören,
So fällt der Mutter Klage weg:
Dagegen ist nichts weiter einzuwenden.
WALTER.
Was sagt zu der
Erklärung Sie, Frau Marthe?
FRAU MARTHE.
Wenn ich gleich was
Erkleckliches23 nicht aufbring,
Gestrenger Herr, so glaubt, ich bitt Euch sehr,
Daß mir der
Schlag bloß jetzt die Zunge lähmte.
Beispiele gibt's, daß ein verlorner Mensch,
Um vor der Welt zu Ehren sich zu bringen,
Den
Meineid vor dem
Richterstuhle wagt; doch daß
Ein falscher Eid sich schwören kann, auf
heil'gem
Altar, um an den Pranger
hinzukommen24,
Das heut erfährt die Welt zum erstenmal.
Wär, daß ein andrer, als der Ruprecht, sich
In ihre Kammer gestern schlich, gegründet,
Wär's überall nur möglich, gnäd'ger Herr,
Versteht mich wohl, – so säumt ich hier nicht länger.
Den Stuhl setzt ich, zur ersten Einrichtung,
Ihr vor die Tür, und sagte, geh, mein Kind,
Die Welt ist weit, da zahlst du keine Miete,
Und lange Haare hast du auch geerbt,
Woran du dich, kommt Zeit, kommt Rat, kannst hängen.
WALTER.
Ruhig, ruhig, Frau Marthe.
FRAU MARTHE.
Da ich jedoch
Hier den Beweis
noch anders führen kann,
Als bloß durch sie, die diesen Dienst mir weigert,
Und überzeugt bin völlig, daß nur er
Mir, und kein anderer den Krug zerschlug,
So
bringt die Lust, es kurzhin abzuschwören,
Mich noch auf einen schändlichen Verdacht.
Die Nacht von gestern birgt ein anderes
Verbrechen noch, als bloß die Krugverwüstung.
Ich muß Euch sagen, gnäd'ger Herr, daß Ruprecht
Zur
Konskription25 gehört, in wenig Tagen
Soll er den Eid zur Fahn in Utrecht schwören.
Die jungen Landessöhne
reißen aus26.
Gesetzt, er hätte gestern nacht gesagt:
Was meinst
du, Evchen? Komm. Die Welt ist groß.
Zu Kist' und Kasten27
hast du ja die Schlüssel –
Und sie,
sie hätt ein wenig sich gesperrt:
So hätte ohngefähr, da ich sie störte,
– Bei ihm aus Rach, aus Liebe noch bei ihr
–
Der Rest, so wie geschehn, erfolgen können.
RUPRECHT.
Das Rabenaas! Was
das für Reden sind!
Zu Kist' und Kasten –
WALTER.
Still!
EVE.
Er, austreten!28
WALTER.
Zur Sache hier. Vom Krug ist hier die Rede. –
Beweis,
Beweis, daß
Ruprecht ihn zerbrach!
FRAU MARTHE.
Gut, gnäd'ger Herr.
Erst will ich hier beweisen,
Daß Ruprecht mir den Krug zerschlug,
Und dann will ich im Hause untersuchen. –
Seht,
eine Zunge, die mir Zeugnis redet,
Bring ich für jedes Wort auf, das er sagte,
Und hätt in Reihen gleich sie aufgeführt,
Wenn ich von fern geahndet nur, daß diese
Die ihrige für mich nicht brauchen würde.
Doch wenn ihr Frau Brigitte jetzo ruft,
Die ihm die
Muhm29 ist, so genügt mir die,
Weil die den
Hauptpunkt just bestreiten wird.
Denn die, die hat Glock halb auf eilf im Garten,
Merkt wohl, bevor der Krug zertrümmert worden,
Wortwechselnd mit der Ev ihn schon getroffen;
Und wie die
Fabel30, die er aufgestellt,
Vom Kopf zu Fuß dadurch gespalten wird,
Durch diese einz'ge Zung, ihr hohen Richter,
Das überlaß ich selbst euch einzusehn.
RUPRECHT.
Wer hat mich –?
VEIT.
Schwester Briggi31?
RUPRECHT.
Mich mit Ev? Im Garten?
FRAU MARTHE.
Ihn mit der
Ev, im Garten, Glock halb eilf,
Bevor er noch, wie er geschwätzt, um eilf
Das Zimmer überrumpelnd eingesprengt:
Im Wortgewechsel, kosend bald, bald zerrend,
Als wollt er sie zu etwas überreden.
ADAM für sich.
Verflucht! Der Teufel
ist mir gut.
WALTER.
Schafft diese Frau herbei.
RUPRECHT.
Ihr Herrn, ich bitt euch:
Das ist
kein wahres Wort, das ist nicht möglich.
ADAM.
O wart, Halunke! – He! Der Büttel! Hanfried! –
Denn auf
der Flucht zerschlagen sich die Krüge –
–
Herr
Schreiber, geht, schafft Frau Brigitt herbei!
VEIT.
Hör, du verfluchter Schlingel, du, was machst du?
Dir brech ich alle Knochen noch.
RUPRECHT.
Weshalb auch?
VEIT.
Warum verschwiegst du, daß du mit der
Dirne32
Glock halb auf eilf im Garten schon
scharwenzt33?
Warum verschwiegst du's?
RUPRECHT.
Warum ich's verschwieg?
Gotts Schlag und Donner, weil's nicht wahr ist, Vater!
Wenn das die Muhme Briggi zeugt, so hängt mich.
Und bei den Beinen sie meinthalb dazu.
VEIT.
Wenn aber
sie's bezeugt – nimm dich in acht!
Du und die saubre
Jungfer Eve dort,
Wie ihr auch vor Gericht euch stellt, ihr
steckt
Doch unter einer Decke noch. 's ist irgend
Ein schändliches Geheimnis noch, von dem
Sie weiß, und nur aus Schonung hier nichts sagt.
RUPRECHT.
Geheimnis! Welches?
VEIT.
Warum hast du eingepackt?
He?
Warum hast du
gestern abend eingepackt?
RUPRECHT.
Die Sachen?
VEIT.
Röcke, Hosen, ja, und Wäsche;
Ein Bündel, wie's ein Reisender just auf
Die Schultern wirft?
RUPRECHT.
Weil ich nach Utrecht soll!
Weil ich zum Regiment
soll! Himmel – Donner –!
Glaubt Er, daß ich –?
VEIT.
Nach Utrecht? Ja, nach Utrecht!
Du hast geeilt, nach Utrecht hinzukommen!
Vorgestern wußtest du noch nicht, ob du
Den fünften oder sechsten Tag wirst reisen.
WALTER.
Weiß Er zur Sache was zu melden, Vater?
VEIT.
–
Gestrenger Herr,
ich will
noch nichts behaupten.
Ich war daheim,
als sich der Krug zerschlug,
Und auch von einer andern Unternehmung
Hab ich, die Wahrheit zu gestehn, noch nichts,
Wenn ich jedweden Umstand wohl erwäge,
Das meinen Sohn verdächtig macht, bemerkt.
Von seiner Unschuld völlig überzeugt,
Kam ich hieher, nach abgemachtem Streit
Sein ehelich Verlöbnis aufzulösen,
Und ihm das
Silberkettlein einzufordern,
Zusamt dem
Schaupfennig34, den er der
Jungfer
Bei dem Verlöbnis
vor'gen Herbst verehrt.
Wenn jetzt von Flucht was, und Verräterei
An meinem grauen Haar zutage kommt,
So ist mir das so neu, ihr Herrn, als euch:
Doch dann
der Teufel soll den Hals ihm brechen.
WALTER.
Schafft
Frau Brigitt herbei, Herr Richter Adam.
ADAM.
–
Wird Euer
Gnaden diese Sache nicht
Ermüden?
Sie zieht sich in
die Länge.
Euer Gnaden haben
meine Kassen noch,
Und die Registratur – Was ist die
Glocke?
LICHT.
Es schlug soeben halb.
ADAM.
Auf eilf!
LICHT.
Verzeiht, auf zwölfe.
WALTER.
Gleichviel.
ADAM.
Ich glaub, die
Zeit ist, oder Ihr verrückt.
Er sieht nach der Uhr.
Ich bin kein ehrlicher Mann.
– Ja, was befehlt Ihr?
WALTER.
Ich bin der Meinung –
ADAM.
Abzuschließen? Gut –!
WALTER.
Erlaubt! Ich bin der
Meinung, fortzufahren.
ADAM.
Ihr seid der Meinung – Auch gut.
Sonst würd ich
Auf Ehre, morgen früh, Glock neun, die Sache,
Zu Euerer Zufriedenheit beend'gen.
WALTER.
Ihr wißt um meinen Willen.
ADAM.
Wie Ihr befehlt.
Herr Schreiber, schickt die Büttel ab; sie sollen
Sogleich ins Amt
die Frau Brigitte laden.
WALTER.
Und nehmt Euch – Zeit, die mir viel wert, zu sparen –
Gefälligst selbst der Sach ein wenig an.
Licht ab.
Wort- und Sacherklärungen
1
Wie eine Hand in einen Sack voll Erbsen: vollkommen zufällig,
willkürlich herausgegriffen
2
brech ein eignes Blatt mir:
lege ein neues Blatt Papier an
3
trätschen: tratschen, daherquatschen
4
Schwerenot: »Fallsucht
(Epilepsie) hier unter Umständen auch: Schwermut, Depression
5
gehauen nicht und nicht
gestochen: sprichwörtl. Redensart, die vom Fechten herkommt;
Ungewisses, Unbestimmte, Ungenaues
6
auf dem
Stuhl gesprochen: auf dem Richterstuhl gesessen, Recht
gesprochen
7
Nasweis: vorlauter Mensch, meistens im
Zusammenhang mit Kinder Bezeichnung für ein altkluges,
besserwisserisches Kind
8
Maulauffe: eigentl. »Kienspanhalter
(Maulaffe); aber auch
abwertend für einen Gaffer oder jemanden, der dumm und mit aufgerissenem
Mund herumsteht
9
Jungfer: junge, bürgerliche Frau (Ggs.
adeliges "Fräulein")
10
einschrecken: in Angst und Schrecken
versetzen, h: einschüchtern
11
Flickschuster: »Schuhmacher/Schuster,
dem es untersagt war, Lederschuhe herzustellen; seine Aufgabe bestand
darin, diese Schuhe nur zu reparieren, gemeint ist Leberecht
12
Hanfriede: mmdt. Vorname,
gebildet aus Johann Friedrich
13
nach dem vierten Gebot:
Viertes Gebot (Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß
dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden." (1529 »Kleiner
Katechismus (»Luther,
1483-1546) der biblischen
»Zehn
Gebote
14
Fiedel: Holzstück, das um Hals und Hände eines
am »Pranger
stehenden Delinquenten gelegt wird, so ähnlich wie Musiker ihre
Geige um den Hals hängen: an der Fiedel stehen, am Pranger;
15
Vettel: (lateinisch: vetula "altes Weib"“)
abwertende Bezeichnung für eine alte Frau, der meist ein verdorbener
Charakter unterstellt wird.
16
Geht seinen Stiefel:
macht große, raumgreifende Schritte
17
von ungespaltnem Leibe sein:
einen Leib/Körper ohne Beine haben, d. h. nicht normal sein
18
twatsches Kind: ein dummes,
albernes Kind (vgl. Quatsch)
19
gefirmelt kaum: hat erst unlängst das
katholische
Sakrament der
Firmung
(Einsegnung) erhalten; sie stellt die Fortführung der Taufe dar und
bildet zusammen mit dieser und der Erstkommunion die Sakramente der
christlichen Initiation; als Hinweis auf das jugendliche Alter von Eve
zu lesen
20
Von dieser Weigrung
denkt uneben nicht: Wegen der Weigerung denkt nicht schlecht
21
Garnstück: Stück gesponnenen Garns, einem
langen, dünnen Gebilde aus einer oder mehreren Fasern unterschiedlicher
Werkstoffe
22
Zäume hängen: umgangsspr. etwa: wie das
hier gemacht wird;
23
Erkleckliches: etwas Substantielles,
Ausreichendes, (erklecken = ausreichen)
24
Pranger: »Pranger
(auch Schandpfahl, Schandbühne), Vorrichtung zur öffentlichen
Zurschaustellung und Bestrafung von Verurteilten, oft in Form eines
Pfostens oder einer Bühne, an dem die Person gefesselt wurde;
ursprünglich eher Folter-Werkzeug und Stätte, an der die öffentliche
Prügelstrafe (Stäupen) vollzogen wurde; ab dem 13. Jahrhundert
weite Verbreitung auch Vollstreckung von Ehrenstrafen; Strafe zielte vor
allem auf die öffentliche Schande, die eine verurteilte Person erdulden
musste; machte oft ein "normales" Weiterleben in der Gemeinschaft
unmöglich oder erschwerte es; die am Pranger stehende Person war den
Schmähungen der Passanten ausgesetzt, zu dem auch das Bewerfen der
betroffenen Person mit Gegenständen und das Prügeln vielerorts
dazugehörten;
25
Konskription: Liste, auf der die Namen
der zum Militärdienst eingezogenen Männer stehen
26
Die jungen Landessöhne
reißen aus: Viele der zum Militärdienst verpflichteten,
desertierten vor oder kurz nach Dienstantritt
27
Kist' und Kasten: Truhen, in denen
Wertvolles aufbewahrt wurde, und Schränke
28
austreten: desertieren, Fahnenflucht
begehen
29
Muhm: Muhme, Tante
30
Fabel: aufgetischte, erfundene Geschichte
31
Briggi: Kur- bzw. Koseform für
Brigitte
32
Dirne: nicht abwertend für junge Frau
33
scharwenzt: flirtest, herummachst (ugs,)
"Scharwenzel" ist ein Bube im Kartenspiel und wurde im übertragenen Sinn
als Bezeichnung für einen unterwürfigen Diener und Schmeichler verwendet
34
Schaupfennig: »Schaumünzen
(je nach Stückelung Schaupfennig, Schaugroschen, Schaugulden oder
Schautaler); Gedenkprägungen, die auf einen besonderen Anlass hin
geprägt und oft zu Geschenkzwecken ausgegeben wurden; Name verweist
darauf, dass solche Münzen ursprünglich nicht dem Zahlungsverkehr
dienten, sondern zur Schau, d. h. zur Erinnerung an eine denkwürdige
Begebenheit geprägt wurden und damit eigentlich Medaillen waren; wurden
bei Taufen, Hochzeiten, Todesfällen, Ordensverleihungen, guten
Schulabschlüssen oder sonstigen Anlässen als Erinnerungsstücke, oft mit
einem vielfachen Nennwert der Umlaufmünze, geprägt und/oder
verschenkt/verliehen.