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« Neunter Auftritt »

Text mit Wort- und Sacherklärungen

Heinrich von Kleist Der zerbrochne Krug Handlungsverlauf – Einzelne Szenen

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
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Neunter Auftritt

Walter. Adam. Frau Marthe usw. ohne die Magd.

ADAM.
– Wenn ich freimütig reden darf, Ihr Gnaden,
Die Sache eignet gut sich zum Vergleich.

WALTER.
Sich zum Vergleich? Das ist nicht klar, Herr Richter.
Vernünft'ge Leute können sich vergleichen;
Doch wie Ihr den Vergleich schon wollt bewirken,
Da noch durchaus die Sache nicht entworren,

Das hätt ich wohl von Euch zu hören Lust.
Wie denkt Ihr's anzustellen, sagt mir an?
Habt Ihr ein Urteil schon gefaßt?

ADAM.
Mein Seel!
Wenn ich, da das Gesetz im Stich mich läßt,
Philosophie zu Hülfe nehmen soll,
So war's – der Leberecht –

WALTER.
Wer?

ADAM.
Oder Ruprecht –

WALTER.
Wer?

ADAM.
Oder Lebrecht, der den Krug zerschlug.

WALTER.
Wer also war's? Der Lebrecht oder Ruprecht?
Ihr greift, ich seh, mit Eurem Urteil ein,
Wie eine Hand in einen Sack voll Erbsen.1

ADAM.
Erlaubt!

WALTER.
Schweigt, schweigt, ich bitt Euch.

ADAM.
Wie Ihr wollt.
Auf meine Ehr, mir wär's vollkommen recht,
Wenn sie es alle beid gewesen wären.

WALTER.
Fragt dort, so werdet Ihr's erfahren.

ADAM.
Sehr gern.
Doch wenn Ihr's herausbekommt, bin ich ein Schuft.
– Habt Ihr das Protokoll da in Bereitschaft?

LICHT.
Vollkommen.

ADAM.
Gut.

LICHT.
Und brech ein eignes Blatt mir2,
Begierig, was darauf zu stehen kommt.

ADAM.
Ein eignes Blatt? Auch gut.

WALTER.
Sprich dort, mein Kind.

ADAM.
Sprich, Evchen, hörst du, sprich jetzt, Jungfer Evchen!
Gib Gotte, hörst du, Herzchen, gib, mein Seel,
Ihm und der Welt, gib ihm was von der Wahrheit.
Denk, daß du hier vor Gottes Richtstuhl bist,
Und daß du deinen Richter nicht mit Leugnen,
Und Plappern, was zur Sache nicht gehört,
Betrüben mußt. Ach, was! Du bist vernünftig.
Ein Richter immer, weißt du, ist ein Richter,
Und einer braucht ihn heut, und einer morgen.
Sagst du, daß es der Lebrecht war: nun gut;
Und sagst du, daß es Ruprecht war: auch gut!
Sprich so, sprich so, ich bin kein ehrlicher Kerl,
Es wird sich alles, wie du's wünschest finden.
Willst du mir hier von einem andern trätschen3
Und dritten etwa, dumme Namen nennen:
Sieh, Kind, nimm dich in acht, ich sag nichts weiter.
In Huisum, hol's der Henker, glaubt dir's keiner,
Und keiner, Evchen, in den Niederlanden,
Du weißt, die weißen Wände zeugen nicht,
Der auch wird zu verteidigen sich wissen:
Und deinen Ruprecht holt die Schwerenot!4  

WALTER.
Wenn Ihr doch Eure Reden lassen wolltet.
Geschwätz, gehauen nicht und nicht gestochen5.

ADAM.
Verstehen's Euer Gnaden nicht?

WALTER.
Macht fort!
Ihr habt zulängst hier auf dem Stuhl gesprochen6 cc

ADAM.
Auf Ehr! Ich habe nicht studiert, Euer Gnaden.
Bin ich euch Herrn aus Utrecht nicht verständlich,
Mit diesem Volk vielleicht verhält sich's anders
:
Die Jungfer weiß, ich wette, was ich will.

FRAU MARTHE.
Was soll das? Dreist heraus jetzt mit der Sprache!

EVE.
O liebste Mutter!

FRAU MARTHE.
Du –! Ich rate dir!

RUPRECHT.
Mein Seel, 's ist schwer, Frau Marthe, dreist zu sprechen,
Wenn das Gewissen an der Kehl uns sitzt.

ADAM.
Schweig Er jetzt, Nasweis7, mucks Er nicht.

FRAU MARTHE.
Wer war's?

EVE.
O Jesus!

FRAU MARTHE.
Maulaffe8, der! Der niederträchtige!
O Jesus! Als ob sie eine Hure wäre.
War's der Herr Jesus?

ADAM.
Frau Marthe! Unvernunft!
Was das für –! Laß Sie die Jungfer9 doch gewähren!
Das Kind einschrecken10Hure Schafsgesicht!
So wird's uns nichts. Sie wird sich schon besinnen.

RUPRECHT.
O ja, besinnen.

ADAM.
Flaps dort, schweig Er jetzt.

RUPRECHT.
Der Flickschuster11 wird ihr schon einfallen.

ADAM.
Der Satan! Ruft den Büttel! He! Hanfriede!12

RUPRECHT.
Nun, nun! Ich schweig, Herr Richter, laßt's nur sein.
Sie wird Euch schon auf meinen Namen kommen.

FRAU MARTHE.
Hör du, mach mir hier kein Spektakel, sag ich.
Hör, neunundvierzig bin ich alt geworden
In Ehren: funfzig möcht ich gern erleben.
Den dritten Februar ist mein Geburtstag;
Heut ist der erste. Mach es kurz. Wer war's?

ADAM.
Gut, meinethalben! Gut, Frau Marthe Rull!

FRAU MARTHE.
Der Vater sprach, als er verschied: Hör, Marthe,
Dem Mädel schaff mir einen wackern Mann;
Und wird sie eine liederliche Metze,
So gib dem Totengräber einen Groschen
,
Und laß mich wieder auf den Rücken legen:
Mein Seel, ich glaub, ich kehr im Grab mich um.

ADAM.
Nun, das ist auch nicht übel.

FRAU MARTHE.
Willst du Vater
Und Mutter jetzt, mein Evchen, nach dem vierten
Gebot
13 hoch ehren, gut, so sprich: in meine Kammer
Ließ ich den Schuster, oder einen dritten,

Hörst du? Der Bräut'gam aber war es nicht.

RUPRECHT.
Sie jammert mich. Laßt doch den Krug, ich bitt Euch;
Ich will'n nach Utrecht tragen. Solch ein Krug –
Ich wollt ich hätt ihn nur entzweigeschlagen.

EVE.
Unedelmüt'ger, du! Pfui, schäme dich,
Daß du nicht sagst, gut, ich zerschlug den Krug!
Pfui, Ruprecht, pfui, o schäme dich, daß du
Mir nicht in meiner Tat vertrauen kannst.

Gab ich die Hand dir nicht, und sagte, ja,
Als du mich fragtest, Eve, willst du mich?

Meinst du, daß du den Flickschuster nicht wert bist?
Und hättest du durchs Schlüsselloch mich mit
Dem Lebrecht aus dem Kruge trinken sehen,

Du hättest denken sollen: Ev ist brav,
Es wird sich alles ihr zum Ruhme lösen,
Und ist's im Leben nicht, so ist es jenseits,
Und wenn wir auferstehn ist auch ein Tag.

RUPRECHT.
Mein Seel, das dauert mir zu lange, Evchen.
Was ich mit Händen greife, glaub ich gern.

EVE.
Gesetzt, es wär der Leberecht gewesen,
Warum – des Todes will ich ewig sterben,
Hätt ich's dir Einzigem nicht gleich vertraut;
Jedoch warum vor Nachbarn, Knecht' und Mägden

Gesetzt, ich hätte Grund, es zu verbergen,
Warum, o Ruprecht, sprich, warum nicht sollt ich,
Auf dein Vertraun hin sagen, daß du's warst?
Warum nicht sollt ich's? Warum sollt ich's nicht?

RUPRECHT.
Ei, so zum Henker, sag's, es ist mir recht,
Wenn du die Fiedel14 dir ersparen kannst.

EVE.
O du Abscheulicher! Du Undankbarer!
Wert, daß ich mir die Fiedel spare! Wert,
Daß ich mit einem Wort zu Ehren mich,
Und dich in ewiges Verderben bringe.

WALTER.
Nun –? Und dies einz'ge Wort –? Halt uns nicht auf.
Der Ruprecht also war es nicht?

EVE.
Nein, gnäd'ger Herr, weil er's denn selbst so will,
Um seinetwillen nur verschwieg ich es:
Den irdnen Krug zerschlug der Ruprecht nicht,
Wenn er's Euch selber leugnet, könnt Ihr's glauben.

FRAU MARTHE.
Eve! Der Ruprecht nicht?

EVE.
Nein, Mutter, nein!
Und wenn ich's gestern sagte, war's gelogen.

FRAU MARTHE.
Hör, dir zerschlag ich alle Knochen!

Sie setzt den Krug nieder.

EVE.
Tut, was Ihr wollt.

WALTER drohend.
Frau Marthe!

ADAM.
He! Der Büttel!
Schmeißt sie heraus dort, die verwünschte Vettel15!
Warum soll's Ruprecht just gewesen sein.
Hat Sie das Licht dabei gehalten, was?
Die Jungfer, denk ich, wird es wissen müssen:
Ich bin ein Schelm, wenn's, nicht der Lebrecht war.

FRAU MARTHE.
War es der Lebrecht etwa? War's der Lebrecht?

ADAM.
Sprich, Evchen, war's der Lebrecht nicht, mein Herzchen?

EVE.
Er Unverschämter, Er! Er Niederträcht'ger!
Wie kann Er sagen, daß es Lebrecht –

WALTER.
Jungfer!
Was untersteht Sie sich? Ist das mir der
Respekt, den Sie dem Richter schuldig ist?

EVE.
Ei, was! Der Richter dort! Wert, selbst vor dem
Gericht, ein armer Sünder, dazustehn –

Er, der wohl besser weiß, wer es gewesen!

Sich zum Dorfrichter wendend.

Hat Er den Lebrecht in die Stadt nicht gestern
Geschickt nach Utrecht, vor die Kommission
,
Mit dem Attest, die die Rekruten aushebt?
Wie kann Er sagen, daß es Lebrecht war,
Wenn Er wohl weiß, daß der in Utrecht ist?

ADAM.
Nun wer denn sonst? Wenn's Lebrecht nicht, zum Henker –
Nicht Ruprecht ist, nicht Lebrecht ist – – Was machst du?

RUPRECHT.
Mein Seel, Herr Richter Adam, laßt Euch sagen,
Hierin mag doch die Jungfer just nicht lügen,
Dem Lebrecht bin ich selbst begegnet gestern,
Als er nach Utrecht ging, früh war's Glock acht,
Und wenn er auf ein Fuhrwerk sich nicht lud,
Hat sich der Kerl, krummbeinig wie er ist,
Glock zehn Uhr nachts noch nicht zurück gehaspelt.
Es kann ein dritter wohl gewesen sein.

ADAM.
Ach, was! Krummbeinig! Schafsgesicht! Der Kerl
Geht seinen Stiefel
16, der, trotz einem.
Ich will von ungespaltnem Leibe sein17,
Wenn nicht ein Schäferhund von mäß'ger Größe
Muß seinen Trab gehn, mit ihm fortzukommen.

WALTER.
Erzähl den Hergang uns.

ADAM.
Verzeihn Euer Gnaden!
Hierauf wird Euch die Jungfer schwerlich dienen.

WALTER.
Nicht dienen? Mir nicht dienen? Und warum nicht?

ADAM.
Ein twatsches Kind18. Ihr seht's. Gut, aber twatsch.
Blutjung, gefirmelt kaum19; das schämt sich noch,
Wenn's einen Bart von weitem sieh
t. So'n Volk,
Im Finstern leiden sie's, und wenn es Tag wird,
So leugnen sie's vor ihrem Richter ab.

WALTER.
Ihr seid sehr nachsichtsvoll, Herr Richter Adam,
Sehr mild, in allem, was die Jungfer angeht.

ADAM.
Die Wahrheit Euch zu sagen, Herr Gerichtsrat,
Ihr Vater war ein guter Freund von mir.
Wollen Euer Gnaden heute huldreich sein,
So tun wir hier nicht mehr, als unsre Pflicht,
Und lassen seine Tochter gehn
.

WALTER.
Ich spüre große Lust in mir, Herr Richter,
Der Sache völlig auf den Grund zu kommen
. –
Sei dreist, mein Kind; sag, wer den Krug zerschlagen.
Vor niemand stehst du, in dem Augenblick,
Der einen Fehltritt nicht verzeihen könnte
.

EVE.
Mein lieber, würdiger und gnäd'ger Herr,
Erlaßt mir, Euch den Hergang zu erzählen.
Von dieser Weigrung denkt uneben nicht20.
Es ist des Himmels wunderbare Fügung,
Die mir den Mund in dieser Sache schließt.

Daß Ruprecht jenen Krug nicht traf, will ich
Mit einem Eid, wenn Ihr's verlangt,
Auf heiligem Altar bekräftigen
.
Jedoch die gestrige Begebenheit,
Mit jedem andern Zuge, ist mein eigen
,
Und nicht das ganze Garnstück21 kann die Mutter,
Um eines einz'gen Fadens willen, fordern,
Der, ihr gehörig, durchs Gewebe läuft.
Ich kann hier, wer den Krug zerschlug, nicht melden,
Geheimnisse, die nicht mein Eigentum,
Müßt ich, dem Kruge völlig fremd, berühren.
Früh oder spät will ich's ihr anvertrauen,
Doch hier das Tribunal ist nicht der Ort,
Wo sie das Recht hat, mich darnach zu fragen
.

ADAM.
Nein, rechtens nicht. Auf meine Ehre nicht.
Die Jungfer weiß, wo unsre Zäume hängen22.
Wenn sie den Eid hier vor Gericht will schwören,
So fällt der Mutter Klage weg:
Dagegen ist nichts weiter einzuwenden.

WALTER.
Was sagt zu der Erklärung Sie, Frau Marthe?

FRAU MARTHE.
Wenn ich gleich was Erkleckliches23 nicht aufbring,
Gestrenger Herr, so glaubt, ich bitt Euch sehr,
Daß mir der Schlag bloß jetzt die Zunge lähmte.
Beispiele gibt's, daß ein verlorner Mensch,
Um vor der Welt zu Ehren sich zu bringen,
Den Meineid vor dem Richterstuhle wagt; doch daß
Ein falscher Eid sich schwören kann, auf heil'gem
Altar, um an den Pranger hinzukommen24,
Das heut erfährt die Welt zum erstenmal.
Wär, daß ein andrer, als der Ruprecht, sich
In ihre Kammer gestern schlich, gegründet,
Wär's überall nur möglich, gnäd'ger Herr,
Versteht mich wohl, – so säumt ich hier nicht länger.
Den Stuhl setzt ich, zur ersten Einrichtung,
Ihr vor die Tür, und sagte, geh, mein Kind,

Die Welt ist weit, da zahlst du keine Miete,
Und lange Haare hast du auch geerbt,
Woran du dich, kommt Zeit, kommt Rat, kannst hängen
.

WALTER.
Ruhig, ruhig, Frau Marthe.

FRAU MARTHE.
Da ich jedoch
Hier den Beweis noch anders führen kann,
Als bloß durch sie, die diesen Dienst mir weigert,
Und überzeugt bin völlig, daß nur er
Mir, und kein anderer den Krug zerschlug,
So bringt die Lust, es kurzhin abzuschwören,
Mich noch auf einen schändlichen Verdacht.

Die Nacht von gestern birgt ein anderes
Verbrechen noch, als bloß die Krugverwüstung.

Ich muß Euch sagen, gnäd'ger Herr, daß Ruprecht
Zur Konskription25 gehört, in wenig Tagen
Soll er den Eid zur Fahn in Utrecht schwören.
Die jungen Landessöhne reißen aus26.
Gesetzt, er hätte gestern nacht gesagt:
Was meinst du, Evchen? Komm. Die Welt ist groß.
Zu Kist' und Kasten27 hast du ja die Schlüssel
Und sie, sie hätt ein wenig sich gesperrt:
So hätte ohngefähr, da ich sie störte,
– Bei ihm aus Rach, aus Liebe noch bei ihr

Der Rest, so wie geschehn, erfolgen können.

RUPRECHT.
Das Rabenaas! Was das für Reden sind!
Zu Kist' und Kasten –

WALTER.
Still!

EVE.
Er, austreten!28

WALTER.
Zur Sache hier. Vom Krug ist hier die Rede. –
Beweis, Beweis, daß Ruprecht ihn zerbrach!

FRAU MARTHE.
Gut, gnäd'ger Herr. Erst will ich hier beweisen,
Daß Ruprecht mir den Krug zerschlug,
Und dann will ich im Hause untersuchen
. –
Seht, eine Zunge, die mir Zeugnis redet,
Bring ich für jedes Wort auf, das er sagte,
Und hätt in Reihen gleich sie aufgeführt,
Wenn ich von fern geahndet nur, daß diese
Die ihrige für mich nicht brauchen würde.

Doch wenn ihr Frau Brigitte jetzo ruft,
Die ihm die Muhm29 ist, so genügt mir die,
Weil die den Hauptpunkt just bestreiten wird.
Denn die, die hat Glock halb auf eilf im Garten,
Merkt wohl, bevor der Krug zertrümmert worden,
Wortwechselnd mit der Ev ihn schon getroffen;

Und wie die Fabel30, die er aufgestellt,
Vom Kopf zu Fuß dadurch gespalten wird,
Durch diese einz'ge Zung, ihr hohen Richter,
Das überlaß ich selbst euch einzusehn.

RUPRECHT.
Wer hat mich –?

VEIT.
Schwester Briggi31?

RUPRECHT.
Mich mit Ev? Im Garten?

FRAU MARTHE.
Ihn mit der Ev, im Garten, Glock halb eilf,
Bevor er noch, wie er geschwätzt, um eilf
Das Zimmer überrumpelnd eingesprengt
:
Im Wortgewechsel, kosend bald, bald zerrend,
Als wollt er sie zu etwas überreden.

ADAM für sich.
Verflucht! Der Teufel ist mir gut.

WALTER.
Schafft diese Frau herbei.

RUPRECHT.
Ihr Herrn, ich bitt euch:
Das ist kein wahres Wort, das ist nicht möglich.

ADAM.
O wart, Halunke! – He! Der Büttel! Hanfried! –
Denn auf der Flucht zerschlagen sich die Krüge
Herr Schreiber, geht, schafft Frau Brigitt herbei!

VEIT.
Hör, du verfluchter Schlingel, du, was machst du?
Dir brech ich alle Knochen noch.

RUPRECHT.
Weshalb auch?

VEIT.
Warum verschwiegst du, daß du mit der Dirne32  
Glock halb auf eilf im Garten schon scharwenzt33?
Warum verschwiegst du's?

RUPRECHT.
Warum ich's verschwieg?
Gotts Schlag und Donner, weil's nicht wahr ist, Vater!
Wenn das die Muhme Briggi zeugt, so hängt mich.
Und bei den Beinen sie meinthalb dazu
.

VEIT.
Wenn aber sie's bezeugt – nimm dich in acht!
Du und die saubre Jungfer Eve dort,
Wie ihr auch vor Gericht euch stellt, ihr steckt
Doch unter einer Decke noch. 's ist irgend
Ein schändliches Geheimnis noch, von dem
Sie weiß, und nur aus Schonung hier nichts sagt.

RUPRECHT.
Geheimnis! Welches?

VEIT.
Warum hast du eingepackt?
He? Warum hast du gestern abend eingepackt?

RUPRECHT.
Die Sachen?

VEIT.
Röcke, Hosen, ja, und Wäsche;
Ein Bündel, wie's ein Reisender just auf
Die Schultern wirft?

RUPRECHT.
Weil ich nach Utrecht soll!
Weil ich zum Regiment soll! Himmel – Donner –!
Glaubt Er, daß ich –?

VEIT.
Nach Utrecht? Ja, nach Utrecht!
Du hast geeilt, nach Utrecht hinzukommen!
Vorgestern wußtest du noch nicht, ob du
Den fünften oder sechsten Tag wirst reisen.

WALTER.
Weiß Er zur Sache was zu melden, Vater?

VEIT.
Gestrenger Herr, ich will noch nichts behaupten.
Ich war daheim, als sich der Krug zerschlug,
Und auch von einer andern Unternehmung
Hab ich, die Wahrheit zu gestehn, noch nichts,
Wenn ich jedweden Umstand wohl erwäge,
Das meinen Sohn verdächtig macht, bemerkt.
Von seiner Unschuld völlig überzeugt,
Kam ich hieher, nach abgemachtem Streit
Sein ehelich Verlöbnis aufzulösen,
Und ihm das Silberkettlein einzufordern,
Zusamt dem Schaupfennig34, den er der Jungfer
Bei dem Verlöbnis vor'gen Herbst verehrt.
Wenn jetzt von Flucht was, und Verräterei
An meinem grauen Haar zutage kommt,
So ist mir das so neu, ihr Herrn, als euch:
Doch dann der Teufel soll den Hals ihm brechen.  

WALTER.
Schafft Frau Brigitt herbei, Herr Richter Adam.

ADAM.
Wird Euer Gnaden diese Sache nicht
Ermüden
? Sie zieht sich in die Länge.
Euer Gnaden haben meine Kassen noch,
Und die Registratur – Was ist die Glocke?

LICHT.
Es schlug soeben halb.

ADAM.
Auf eilf!

LICHT.
Verzeiht, auf zwölfe.

WALTER.
Gleichviel.

ADAM.
Ich glaub, die Zeit ist, oder Ihr verrückt.
Er sieht nach der Uhr.
Ich bin kein ehrlicher Mann. – Ja, was befehlt Ihr?

WALTER.
Ich bin der Meinung –

ADAM.
Abzuschließen? Gut –!

WALTER.
Erlaubt! Ich bin der Meinung, fortzufahren.

ADAM.
Ihr seid der Meinung – Auch gut. Sonst würd ich
Auf Ehre, morgen früh, Glock neun, die Sache,
Zu Euerer Zufriedenheit beend'gen
.

WALTER.
Ihr wißt um meinen Willen.

ADAM.
Wie Ihr befehlt.
Herr Schreiber, schickt die Büttel ab; sie sollen
Sogleich ins Amt die Frau Brigitte laden.

WALTER.
Und nehmt Euch – Zeit, die mir viel wert, zu sparen –
Gefälligst selbst der Sach ein wenig an.
 

Licht ab.

Wort- und Sacherklärungen

1 Wie eine Hand in einen Sack voll Erbsen: vollkommen zufällig, willkürlich  herausgegriffen

2 brech ein eignes Blatt mir: lege ein neues Blatt Papier an

3 trätschen: tratschen, daherquatschen

4 Schwerenot: »Fallsucht  (Epilepsie) hier unter Umständen auch:  Schwermut, Depression

5 gehauen nicht und nicht gestochen: sprichwörtl. Redensart, die vom Fechten herkommt; Ungewisses, Unbestimmte, Ungenaues

6 auf dem Stuhl gesprochen: auf dem Richterstuhl gesessen, Recht gesprochen

7 Nasweis: vorlauter Mensch, meistens im Zusammenhang mit Kinder Bezeichnung für ein altkluges, besserwisserisches Kind

8 Maulauffe: eigentl. »Kienspanhalter (Maulaffe); aber auch abwertend für einen Gaffer oder jemanden, der dumm und mit aufgerissenem Mund herumsteht

9 Jungfer: junge, bürgerliche Frau (Ggs. adeliges "Fräulein")

10 einschrecken: in Angst und Schrecken versetzen, h: einschüchtern

11 Flickschuster: »Schuhmacher/Schuster, dem es untersagt war, Lederschuhe herzustellen; seine Aufgabe bestand darin, diese Schuhe nur zu reparieren, gemeint ist Leberecht

12 Hanfriede: mmdt. Vorname, gebildet aus Johann Friedrich

13 nach dem vierten Gebot: Viertes Gebot (Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden." (1529 »Kleiner KatechismusLuther, 1483-1546) der biblischen »Zehn Gebote

14 Fiedel: Holzstück, das um Hals und Hände eines am »Pranger stehenden Delinquenten gelegt wird, so ähnlich wie Musiker ihre Geige um den Hals hängen: an der Fiedel stehen, am Pranger;

15 Vettel: (lateinisch: vetula "altes Weib"“) abwertende Bezeichnung für eine alte Frau, der meist ein verdorbener Charakter unterstellt wird.

16 Geht seinen Stiefel: macht  große, raumgreifende Schritte

17 von ungespaltnem Leibe sein: einen Leib/Körper ohne Beine haben, d. h. nicht normal sein

18 twatsches Kind: ein dummes, albernes Kind (vgl. Quatsch)

19 gefirmelt kaum: hat erst unlängst das katholische Sakrament der Firmung (Einsegnung) erhalten; sie stellt die Fortführung der Taufe dar und bildet zusammen mit dieser und der Erstkommunion die Sakramente der christlichen Initiation; als Hinweis auf das jugendliche Alter von Eve zu lesen

20 Von dieser Weigrung denkt uneben nicht: Wegen der Weigerung denkt nicht schlecht

21 Garnstück: Stück gesponnenen Garns, einem langen, dünnen Gebilde aus einer oder mehreren Fasern unterschiedlicher Werkstoffe

22 Zäume hängen: umgangsspr. etwa: wie das hier gemacht wird;

23 Erkleckliches: etwas Substantielles, Ausreichendes, (erklecken = ausreichen)

24 Pranger: »Pranger (auch Schandpfahl, Schandbühne), Vorrichtung zur öffentlichen Zurschaustellung und Bestrafung von Verurteilten, oft in Form eines Pfostens oder einer Bühne, an dem die Person gefesselt wurde; ursprünglich eher Folter-Werkzeug und Stätte, an der die öffentliche Prügelstrafe (Stäupen) vollzogen wurde;  ab dem 13. Jahrhundert weite Verbreitung auch Vollstreckung von Ehrenstrafen; Strafe zielte vor allem auf die öffentliche Schande, die eine verurteilte Person erdulden musste; machte oft ein "normales" Weiterleben in der Gemeinschaft unmöglich oder erschwerte es; die am Pranger stehende Person war den Schmähungen  der Passanten ausgesetzt, zu dem auch das Bewerfen der betroffenen Person mit Gegenständen und das Prügeln vielerorts dazugehörten;

25 Konskription: Liste, auf der die Namen der zum Militärdienst eingezogenen Männer stehen

26 Die jungen Landessöhne reißen aus: Viele der zum Militärdienst verpflichteten, desertierten vor oder kurz nach Dienstantritt

27 Kist' und Kasten: Truhen, in denen Wertvolles aufbewahrt wurde, und Schränke

28 austreten: desertieren, Fahnenflucht begehen

29 Muhm: Muhme, Tante

30 Fabel: aufgetischte, erfundene Geschichte

31 Briggi: Kur- bzw. Koseform für Brigitte

32 Dirne: nicht abwertend für junge Frau

33 scharwenzt: flirtest, herummachst (ugs,) "Scharwenzel" ist ein Bube im Kartenspiel und wurde im übertragenen Sinn als Bezeichnung für einen unterwürfigen Diener und Schmeichler verwendet

34 Schaupfennig: »Schaumünzen (je nach Stückelung Schaupfennig, Schaugroschen, Schaugulden oder Schautaler);  Gedenkprägungen, die auf einen besonderen Anlass hin geprägt und oft zu Geschenkzwecken ausgegeben wurden; Name verweist darauf, dass solche Münzen ursprünglich nicht dem Zahlungsverkehr dienten, sondern zur Schau, d. h. zur Erinnerung an eine denkwürdige Begebenheit geprägt wurden und damit eigentlich Medaillen waren; wurden bei Taufen, Hochzeiten, Todesfällen, Ordensverleihungen, guten Schulabschlüssen oder sonstigen Anlässen als Erinnerungsstücke, oft mit einem vielfachen Nennwert der Umlaufmünze, geprägt  und/oder verschenkt/verliehen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 23.11.2025

 
 

 
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