teachSam- Arbeitsbereiche:
Arbeitstechniken - Deutsch - Geschichte - Politik - Pädagogik - PsychologieMedien - Methodik und Didaktik - Projekte - So navigiert man auf teachSam - So sucht man auf teachSam - teachSam braucht Werbung


deu.jpg (1524 Byte)

 

 

Sprachliche Form: Blankvers

Überblick

Gotthold Ephraim Lessing – Nathan der Weise

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Literarische Gattungen Dramatische Texte Autorinnen und Autoren Gotthold Ephraim Lessing Nathan der Weise
teachSam-YouTube-PlaylistÜberblick Gesamttext (Recherche-/Leseversion) Entstehungsgeschichte Historischer Hintergrund Aufbau des Dramas ▪ Handlungsverlauf Wichtige Motive ▪ Figurenkonstellation ▪ Figurenkonzeption ▪ Einzelne Figuren [ Sprachliche Form (Blankvers) Überblick Funktion des Blankverses Bausteine ] Rezeptionsgeschichte ▪ Textauswahl ▪ Portfolio ▪ Klassenarbeiten / Klausuren ▪ Links ins Internet ▪ Bausteine Schreibformen Operatoren im Fach Deutsch
 

 

Strukturen dramatischer Texte
Quickie für Eilige: So analysiert man eine dramatische Szene
Überblick
Strukturbegriffe der Dramenanalyse
Überblick
Alles auf einen Blick: ›Sprungbrett‹
ABC der schulischen Dramenanalyse

Dramatische Rede
Aspekte der Sprache in dramatischen Texte
Versdrama
Überblick
Blankvers

Dramatische Texte interpretieren
Quickie für Eilige: So analysiert man eine dramatische Szene
Überblick
Strukturbegriffe für die schulische Dramenanalyse
Aspekte der schulischen Analyse und Interpretation dramatischer Texte
  Überblick
Analyse und Interpretation einer dramatischen Szene »

Die sprachliche Gestaltung der dramatischen Rede analysieren und beschreiben
Überblick
 Fragenkatalog zur sprachlichen Analyse von Versdramen

Didaktik: Das Drama im Literaturunterricht
Methodenrepertoire zur szenischen Erarbeitung von Dramentexten

docx-Download - pdf-Download

Annäherung an die sprachliche Form des Dramas

Lessing nennt sein Drama »Nathan der Weise« "Ein dramatisches Gesicht in fünf Aufzügen" und weist dabei auf die Gedichtform als sprachliches Merkmal seines dramatischen Textes hin.

Schon ein kurzer Blick auf die ersten Äußerungen von Daja und Nathan am Dramenbeginn zeigen, dass der Text nicht in Prosa-, sondern in Versform dargeboten wird.

DAJA. Er ist es! Nathan! - Gott sei ewig Dank,
   Dass Ihr doch endlich einmal wiederkommt.
NATHAN.
   Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich?
   Hab ich denn eher wiederkommen wollen?
   Und wiederkommen können? Babylon
   Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,
   Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin
   Genötigt worden, gut zweihundert Meilen;
   Und Schulden einkassieren, ist gewiss
   Auch kein Geschäft, das merklich fördert, das          10
   So von der Hand sich schlagen lässt.

Wer den Text (laut) liest, spürt leicht heraus, dass sich diese Sprache irgendwie fremd anhört. Es stellt sich nämlich ein merkwürdiger Redeklang ein, der das Gesprochene irgendwie verfremdet.

Dies liegt an der Abfolge von unbetonten und betonten Silben, der metrischen Struktur, der Verse, die sich aber nicht reimen. Der Vers, den Lessing im "Nathan" verwendet und den er aus der zunächst von ihm geschriebenen Prosafassung des Stücks entwickelte (vgl. Fick 2010, S. 489), bezeichnet man als Blankvers. (blank stammt aus dem Englischen und bedeutet ungereimt)

Allgemeine Merkmale des Blankverses

Die metrische Struktur Blankverses besteht, kurz zusammengefasst, aus reimlosen Verszeilen mit alternierendem jambischen (v-) Metrum von zehn Silben bei stumpfer Kadenz (der Vers schließt mit einer Hebung) oder elf bei klingender Kadenz (der Vers schließt mit Hebung und Senkung bzw. einer unbetonten Silbe).

Da der Blankvers gewöhnlich aus einer Abfolge von 5 Hebungen bzw. 5 auf der ersten Silbe betonten Wörtern besteht, bezeichnet man die metrische Struktur des Blankverses auch als fünfhebigen Jambus.


Für größere Ansicht bitte an*klicken*tippen!

Das Versmaß, auch Metrum genannt, legt  eine bestimmte regelmäßige Ab- und Tonfolge von betonten (und unbetonten) Silben fest.

Der Jambus ist die kleinste Einheit dieser Tonfolge und wird als Versfuß bezeichnet. Ein Jambus besteht aus der Abfolge einer unbetonten Silbe gefolgt von einer betonten. Notiert wird der Versfuß entweder nach antikem Muster als "v-" oder nach deutschem Muster xoder xX oder xx. Im deutschen Vers spricht man auch statt Betonung bzw. Nicht-Betonung von Hebung (Starkton) und Senkung (Schwachton).

Ob eine Silbe eine Hebung oder eine Senkung erforderlich macht, ergibt sich aus den Betonungsregeln, die aber unabhängig von der Bedeutung und ebenso unabhängig von Vers oder Prosa sind. Einsilbige Wörter können je nach Wortumgebung  als Hebung oder Senkung vorkommen. Mitunter ist es gar nicht so einfach herauszuhören, ob es sich bei einer Silbe um eine Hebung oder eine Senkung handelt. Vielleicht hilft da die Faustregel weiter: Als "schwer" gilt eine Silbe dann, wenn sie "schwerer" ist als ihre unmittelbare Nachbarsilbe, als "leicht", wenn sie "leichter" als die unmittelbare Nachbarsilbe ist. (vgl. Fricke/Zymner 1993, S.104)

Die Blankversgestaltung im Nathan

Wer genauer hinsieht, wird feststellen, dass Lessings Blankverse im "Nathan" entweder zehn- oder elfsilbig sind. Zehn Silben lang sind die Verse dann, wenn sie, wie man sagt, einen männlichen Ausgang haben (männliche Kadenz). Solche Versenden, von denen man auch sagt, sie seien "stumpf" bestehen aus einsilbigen Wörtern mit einer Hebung.

Lessings Blankverse mit einer Länge von 11 Silben haben dagegen einen weiblichen Ausgang (weibliche Kadenz). Ihr letzter Versfuß besteht aus zwei Silben und besteht aus einer Senkung und einer Hebung. Weil ein solcher "weiblicher Reim" mehr "klingt" als ein "männlicher Reim" spricht man in diesem Falle auch von einer klingenden Kadenz.

Ganz durchgehalten hat Lessing die Fünfhebigkeit des jambischen Metrums im "Nathan" freilich nicht, was in Rudolf Hallers "Studie über den deutschen Blankvers" (1957, S.389) schon akribisch festgestellt wurde. Und obwohl, wie Peter von Düffel (1985, S.3-4) betont, Lessing "sechshebige Verse zu eliminieren trachtete …, bleiben selbst in der zweiten Ausgabe noch mindestens 18 Verse stehen, die nach strengen Maßstäben als sechshebig (bzw. zwölf- und dreizehnsilbig) zu bezeichnen sind […] und es sind mindestens 16 vierhebige bzw. acht- und neunsilbige […] zu finden."

Dabei hat die Art und Weise, wie Lessing den Blankvers behandelte, aber System. Wenn es letztlich keinen metrischen Verstoß gibt, den er sich nicht zuschulden kommen ließ (vgl. Demetz 1984,  S.181), dann ist dies bei einem Dichter seines Ranges natürlich keine Stümperei, sondern Ausdruck eines gewollten Paradox, das nach Demetz (ganz kurz so formuliert werden kann: "Lessing nützt eine besondere Form der Sprache, aber zerstört sie zugleich." (ebd.) Was er dazu tat, ist Ergebnis "eines bewussten Kalküls" (ebd., S.182)

Die "Vers-Störungen", von denen schon die Rede war, gehören dabei als Elemente dieses Kalküls ebenso dazu wie "die völlige Rücksichtslosigkeit im Gebrauch des Spondeus, den Lessing einsetzte, wo immer es ihm behagte (selbst im letzten Versfuß); die Tonverschiebung von schwachen und starken Silben; die Kakophonien in der Häufung einsilbiger Worte; die exzentrische Stellung der Verspausen, vor allem am Anfang und Ende der Zeile; und, nicht zuletzt, eine Technik des enjambements, die fast ins Monomane grenzte." (ebd.)

Kein Wunder, dass Lessing selbst mit dem Gedanken spielte, nach dem "Nathan" noch einen theoretischen Essay zu verfassen, in dem er seine Interpunktionsprinzipien, die mit seinen "Vers-Störungen" Hand in Hand gingen, erläutern wollte.

Dabei sorgen nicht nur die Vers-Störungen und seine akustische Interpunktion dafür, dass die Welt Nathans nicht fugenlos stilisiert wird und "durch die monolithische Glätte einer verstechnischen Perfektion gänzlich ins Entfernte" rückt (ebd.) Auch das Sprachmaterial, das er verwendet ist immer wieder von volkstümlichen Prägungen, Fremdworten und auch von Worten durchsetzt, die einem niederen Stil zugeordnet werden können. (vgl. ebd., S.183)

Für Demetz (1984,  S.183) macht Lessing mit diesen Strategien eines sprachlich-metrischen Experiments im "Nathan" aus dem Blankvers eine Art "Anti-Vers" (ebd.), "welcher das Orientalische reizvoll entrückt" und zugleich versucht, "diesen Vers, um des Familiären und seiner Botschaft willen, bis an die Grenze der Zerstörung zu desintegrieren. Das hat er allerdings so konsequent getan, dass "Nathan der Weise" in seiner Sprachgestalt seiner Epoche vorauseilt. Im Schutze des Verses drängt Lessing auf eine "realistische" Bühnensprache hin, die sich der alltäglichen Sprache jenseits der Rampenlichter durch Brüche und Pausen immer intimer verbündet; eben weil er Verse schreibt, darf Lessing hinter ihrem deckenden Schilde weiter gehen, als ihm die ungeschützte "Prose" gestatten würde, und selbst volkstümliches, "fachliches" und profanes Vokabular in seinem Text absorbieren."

Dabei zeigt schon die Versanordnung der dramatischen Rede, dass die Verse keineswegs völlig gleich aufgebaut sind. Was typografisch mit der Zeilenanordnung in Versen wie ein herkömmliches Gedicht daherkommt, ist nämlich durch zwei rhetorische Hilfsmittel so arrangiert, dass eine prosanahe Rezitation möglich wird, also ein Sprechen des Textes, das die Gebundenheit der Sprache in Versen etwas abschwächt. Das entspricht auch Lessings "Forderung nach Natürlichkeit oder Realistik des gesprochenen Wortes" (Göbel 1971/1984, S. 232)

  • Realisiert wird dies zum einen durch die häufige Verwendung des Zeilensprunges (Enjambement), bei dem z. B. ein Satz über das Ende eines Verses hinweg weitergeführt wird. Das Enjambement steht damit einem versbezogenen "Herunterleiern" entgegen, das nur der metrischen Rhythmisierung folgend das Versende betont, ohne den syntaktisch-logischen Satz- bzw. Aussagenzusammenhang zu erhalten.

  • Zum anderen verteilt Lessing das, was von den Figuren gesprochen wird, oft auf ein und denselben Vers, so dass die eine Figur im jeweiligen Vers zu sprechen beginnt, eine andere den Rhythmus aufnimmt und den Vers zu Ende führt. Man nennt dies Hakenstil (Antilabe). (vgl. Fricke/Zymner 1993, S.264f.)

Wenn sich bei der von Lessing gewählten Versform "Versrhythmus und Satzrhythmus [...] oft ins Gehege [kommen]" (Nisbet 2008, S.790), dann war das von Lessing gewollt, denn ihm war wohl klar, dass sein "hemdsärmlig gehandhabter Blankvers" anstelle ausgefeilterer, aber auch gekünstelt und salbungsvoll wirkender Verse eine gewisse Distanz schafft, die der symbolischen Bedeutung des Stücks von Nutzen ist. (vgl. ebd.)

Ob der der Text heute solche Wirkungen noch entfalten kann, ist wohl eher zu bezweifeln, auch wenn die so in Versform gebrachte dramatische Rede Theaterneulingen oder auch Schülerinnen und Schülern, die dem Text in der Schule begegnen, immer noch seltsam, befremdlich, mitunter sogar unnötig geziert erscheinen mag.

docx-Download - pdf-Download

vgl. auch die Bausteine:

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 27.09.2025

 
   
   Arbeitsanregungen:

Erläutern Sie an ausgewählten Beispielen aus dem Text (z.B. I,1 oder I,2) die in dem obigen Mind Map dargestellten Merkmale des Blankverses in Lessings »Nathan der Weise«.

 
 
 

 
ARBEITSTECHNIKEN und mehr
Arbeits- und ZeitmanagementKreative ArbeitstechnikenTeamarbeit ▪ Portfolio ● Arbeit mit Bildern  Arbeit mit Texten Arbeit mit Film und VideoMündliche KommunikationVisualisierenPräsentationArbeitstechniken für das Internet Sonstige digitale Arbeitstechniken 
 

 
  Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA)
Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von
externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de
-
CC-Lizenz