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Lessing wusste ziemlich genau, was für
eine Wirkung die Gestaltung seines Dramas • »Nathan der Weise«
in • Blankversen auf die zeitgenössischen Zuschauern des Stückes haben würde. Diese
waren nämlich bis dahin eine solche Versform im Theater nicht gewöhnt.
So
konnte Lessing also damit rechnen, was er auch seinem Bruder Karl
geschrieben hat, dass das Ganze in den Ohren des Theaterpublikums seiner
Zeit irgendwie fremdartig, geradezu exotisch klingen
würde. (vgl.
Fricke/Zymner
1993, S.264f.)
Die die alternierende Abfolge von betonten und
unbetonten Silben, ein Versmaß, das man als
Jambus bezeichnet,
verlieh den
Äußerungen der Figuren u. U. eine Art morgenländisches Flair. Damit wurde
"die 'morgenländische' Handlung in redeklanglicher Hinsicht
orientalisch" koloriert. (vgl.
ebd.)
In gewisser Weise hat sich Lessing mit dem
poetisch stilisierenden •
Blankvers dabei "in
ein folgenschweres Dilemma manövriert". (Demetz 1984,
S.181).
Mit seiner Entscheidung für die
•
Ringerzählung Boccaccios brachte er
etwas Orientalisches in sein Stück ein, das die gewünschte Wirkung aber nur
dann entfalten konnte, wenn es sich als etwas Zauberhaftes und Exotisches
gewissermaßen aus der Distanz rezipieren ließ und nicht in eine Gemengelage
mit der für ein Familienstück typischen Rührung geriet, die den Zuschauer
zur "Identifikation mit den Tränen, Tugenden und Seligkeiten seiner Helden"
veranlassen will. (ebd.)
Blankvers in geschichtsphilosophischer Dimension
Für
Gerhard
Kaiser (1976b, S.133ff.) hat die Verwendung des Blankverses durch
Lessing eine geschichtsphilosophische Dimension.
Wenn es in dem
analytisch
angelegten Stück darum gehe, "ein Erkennen und Erkennenlassen von
Zusammenhängen und Zusammengehörigkeiten" zu ermöglichen, das mit Hilfe
einer Sprache realisiert werde, "die auf vernunfthelle Durchleuchtung der
Vorstellungen und Leidenschaften gerichtet" sei, die Wahrheit aber, wie die
Ringparabel
zeige, letztlich eine Idee sei, werde dies eben auch durch die Sprache
stilisiert, die mit dem Blankvers eine idealisierende Form habe.
Blankvers als Teil einer "Guerilla-Strategie" Lessings im
Fragmentenstreit?
Ein weiterer Grund, der Lessing veranlasst haben könnte, seinen "Nathan" als
Gedicht abzufassen, könnte auch persönlich-politischer Natur sein.
Salopp formuliert: Ausgerechnet die Verssprache könnte als eine Art
"Guerilla-Strategie" in einem Schreibkonzept fungiert haben, mit dem Lessing
den "Maulkorb", dem ihn seine Polemik mit dem Hamburger
Hauptpastor »Johann
Melchior Goeze (1717-1787)
einbrachte, zu umgehen versuchte.(• Fragmentenstreit)
Lessing hat
demnach mit dem Stück als Ganzem und seiner sprachlichen Form im
Besonderen auch auf das ihm vom Herzog auferlegte
▪
Veröffentlichungsverbot
von Texten reagiert, die sich kritisch mit der lutherischen
Lehrmeinung auseinandersetzten.
"Lessing fand
den Ausweg, seine Gedanken zu Grundfragen menschlichen Glaubens
und gesellschaftlichem Zusammenlebens in einem Theaterstück zu
verarbeiten. Dazu galt es, die argumentative Erörterung der
Zeitschriftenartikel in einen Handlungsverlauf zu verwandeln,
abstrakte Begriffe in ein anschauliches Geschehen, Thesen und
Argumente in lebendige Figuren - und diese Handlung war aus dem
zeitlichen Hier und Jetzt seiner Gegenwart in den Abstand einer
anderen Zeit und eines anderen Ortes zu versetzen. Selbst die
Sprache goss er, anstelle der Prosa, in die verfremdende - und
gleichzeitig den Anspruch der Aussage steigernde,
eindringlichere - rhythmisch bewegte Versform." (Sedding
1992, S.5)
In diesem "ästhetischen Reflexionsraum" (Fick
2010, S. 489) konnte er umsetzen, was er sich u. a. mit dem
"Nathan" selbst vorgenommen hatte: "Ich muss versuchen, ob man
mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch
ungestört will predigen lassen." (Brief an Elise Reimarus,
6.9.1778, zit. n.
ebd.)
Interessant
vielleicht auch in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass sich
beim Umschreiben der "bewegtesten Passagen des Lessingschen
Stücks ohne Rücksicht auf Versende und Versanfang als Prosa"
herausstellen kann, "dass der Dialog des 'Nathan' den viel
späteren
Sekundenstil, welcher die zivile Umgangssprache fast
stenographisch festhalten will, fernhin, aber entschlossen
vorausnimmt." (Demetz
1984, S.184)
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vgl. auch die Bausteine:
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
28.09.2025
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