Der in elf Teile
mit jeweils einer unterschiedlichen Anzahl von Kapiteln gegliederte
Roman ▪
Buddenbrooks von ▪
Thomas Mann umfasst, auch wenn er den
im Untertitel des Romans zum Ausdruck gebrachten "Verfall einer
Familie" an vier Generationen der Lübecker Kaufmannsfamilie
Buddenbrook erzählt, nur etwa den Zeitraum von 40 Jahren zwischen
1835 und 1877.
Die
erzählte Zeit
des Romans setzt mit dem Jahr 1835 ein, kurz nachdem die Familie
Buddenbrook ihr neues Haus in der Mengestraße in Lübeck bezogen hat.
Auch wenn die Vorgeschichte der Familie immer wieder einmal
thematisiert wird, so z. B. durch die Eintragungen in der so
genannten Familien-Mappe oder im Rahmen von Äußerungen einzelner
Figuren, kommt die Erzählung ohne Bruch in der linearen Chronologie
der Ereignisse oder längere Rückblenden aus. Unter dem Blickwinkel
der •
Reihenfolge (Ordnung) des erzählten Geschehens handelt es sich
um •
lineares Erzählen, das auch synthetisches oder chronologisches
Erzählen genannt wird: in linearer Weise folgt ein Ereignis auf das
andere.

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Da eine Geschichte nicht "alles" erzählen kann, bringt der
Handlungszeitraum von 42 Jahren in den Buddenbrooks es mit
sich, dass der Erzähler auch auf Techniken zur •
Zeitraffung zurückgreift und damit die •
Erzählgeschwindigkeit (Erzähltempo) variiert.
Dies ist in den
Buddenbrooks nicht anders als bei anderen erzählenden Texten.
Dementsprechend wechselt die Erzählgeschwindigkeit auch hier
zwischen verschiedenen Formen. Dieses auch
anisynchron
genannte Erzählen rhythmisiert mit seiner Mischung auch in Thomas
Manns Roman die Erzählung. Sein
Geschwindigkeitsspektrum umfasst dabei vor allem anisynchrone
Textpartien mit ▪
Zeitdeckung, ▪
Zeitraffung, ▪
Aussparung (Ellipse), ▪
Zeitdehnung
oder ▪ Pausen,
die ein jeweils eigenes
Verhältnis von
Erzählzeit zu
erzählter Zeit
aufweisen.
Kommt in dem Roman die
Vorgeschichte zur Sprache, handelt sich in den Kategorien der
älteren Erzähltheorie um einen
Rückgriff, mit
dem, wie schon Eberhard
Lämmert (1955/93, S.122) darlegt, Erzähler oder handelnde
Personen an beliebiger Stelle der Erzählung "ein Requisit oder ein
Erlebnis aus der Vergangenheit" herbeiholen, "um damit die
augenblickliche Situation in Zusammenhänge einzuweisen oder den
augenblicklichen Erzählgegenstand an Ort und Stelle ausholend zu
erläutern." Der Rückgriff "(hat) keine eigene Geschichte zum
Inhalt" und "bleibt ganz dem Gegenwartsgeschehen verbunden und
erzählt lediglich beifügend oder vergleichend ein isoliertes Stück
Vergangenheit." (ebd.)
So bleibt das Vergangene in Thomas Manns Roman, wie
Grawe
(1988, S.72) betont, "kurzer, nicht szenisch ausgestalteter
Bericht". Beispiele dafür seien der berichtende Rückgriff auf die
Einstellung Ida Jungmanns im ersten Teil oder die in den Dialog
integrierte Erinnerung an die Geschichte des Hauses oder die
Erlebnisse von
•
Antoinette
Buddenbrook, geb. Duchamps (? -1842) aus dem Jahre 1806,
als die französischen Besatzungstruppen das Tafelsilber der Familie
rauben. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch immer
wieder die Lektüre der Familienchronik, der so genannten
"Familien-Mappe" (S.57/S.31), durch eines der Familienmitglieder, z.
B. durch den •
Konsul
Johann (Jean) Buddenbrook (ca. 1800 - 1855) nach der
Geburt der Tochter •
Clara (1838-1864)
(II, S.51/S.27) oder durch •
Antonie Buddenbrook, verh.
Grünlich, Permaneder (1827-?) vor ihrer Verlobung
(III,S.157f./S.93).
Auf
der Ebene der Darstellung (Exegesis)
verzichtet der Erzähler auf •
Vorausdeutungen (Prolepsen). Außer mit dem Untertitel des
Romans, "Verfall einer Familie", der eine •
zukunftsgewisse Vorausdeutung des Autors darstellt, kommt es
also kaum zu expliziten Rezeptionslenkungen dieser Art. Eine
besondere Rolle spielt dabei allerdings das ▪
komparativische Erzählen, einem Verfahren, mit dem der
Erzähler bestimmte Elemente der erzählten Welt selbst in eine Beziehung zueinander
setzt und damit nicht nur den Bedeutungszusammenhang
innerhalb des ganzen Romans schafft, sondern "auch die nötige Bewegung in den Erzählfluss
(bringt), um den Verfall einer Familie als
Prozess zu charakterisieren." (Koopmann
1995, S.67f.)
Dessen ungeachtet
liefert der Erzähler aber auf der Ebene des Dargestellten (Diegesis)
eine Reihe von symbolischen Hinweisen, die als zukunftsungewisse
Vorausdeutungen angesehen werden können. Sie sind auf den
Wahrnehmungshorizont einer Figur der erzählten Geschichte beschränkt
und zeigen sich, wenn Figuren über ein aus ihrer Sicht später
mögliches Ereignis äußern. Als Formen der
Anachronie finden sie sich in der erzählten Rede oder dem erzählten
Denken von Figuren und umfassen "Prophezeiungen von problematischer
Gewissheit, scheinbar zukunftsweisende Träume und alle möglichen Arten
von Wünschen oder Ängsten, die sich auf die Zukunft beziehen." (Martínez/Scheffel (1999/2016,
S.40) Darüber hinaus geben die Motive des Verfalls, die im Verlauf
der erzählten Ereignisse immer weiter zunehmen und deutlicher
werden, einem kompetenten Leser die Möglichkeit, sich immer wieder
die düstere Zukunft der Buddenbrooks vorzustellen. Dabei spielt die
Darstellung der dritten Generation der Familie um ihre zentralen
Figuren • Thomas Buddenbrook (1826-1875)
und •
Antonie Buddenbrook, verh.
Grünlich, Permaneder (1827-?) eine besondere Rolle, weil
sich in ihrer "Geschichte" die Wende zum Verfall der Familie
besonders deutlich zeigt. Thomas verspekuliert sich bei der
Pöppenrader Getreideernte, einem hochriskanten Geschäft, das so gar
nicht zu den bisherigen geschäftlichen Gepflogenheiten passt, die
die Buddenbrooks bis dahin praktizieren (• Thomas Buddenbrooks
Gedanken über das Geschäftsleben und seinen Charakter,
sein "Schopenhauer-Erlebnis",
das ihm eines Nachts die Vision bringt, den Tod als Befreiung aus dem Gefängnis
anzusehen,
indem sich sein Ich befindet.
