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Zeitgestaltung

Überblick

Thomas Mann - Buddenbrooks - Aspekte der Erzähltextanalyse

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
Literatur Literarische Gattungen Autorinnen und Autoren Thomas ManN (1875-1955) Buddenbrooks  Gesamttext/Rechercheversion Didaktische und methodische Aspekte Überblick Die Familiengeschichte der Buddenbrooks ASPEKTE DER ERZÄHLTEXTANALYSE Überblick [ Zeitgestaltung Überblick◄ • Bausteine ] Raumgestaltung Erzählverhalten Darbietungsformen Figurengestaltung Einzelne Figuren Komparativisches ErzählenTextauswahl Bausteine Links ins Internet Schreibformen Operatoren im Fach Deutsch
 

Der in elf Teile mit jeweils einer unterschiedlichen Anzahl von Kapiteln gegliederte Roman Buddenbrooks von ▪  Thomas Mann umfasst, auch wenn er den im Untertitel des Romans zum Ausdruck gebrachten "Verfall einer Familie" an vier Generationen der Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook erzählt, nur etwa den Zeitraum von 40 Jahren zwischen 1835 und 1877.

Die erzählte Zeit des Romans setzt mit dem Jahr 1835 ein, kurz nachdem die Familie Buddenbrook ihr neues Haus in der Mengestraße in Lübeck bezogen hat. Auch wenn die Vorgeschichte der Familie immer wieder einmal thematisiert wird, so z. B. durch die Eintragungen in der so genannten Familien-Mappe oder im Rahmen von Äußerungen einzelner Figuren, kommt die Erzählung ohne Bruch in der linearen Chronologie der Ereignisse oder längere Rückblenden aus. Unter dem Blickwinkel der • Reihenfolge (Ordnung) des erzählten Geschehens handelt es sich um • lineares Erzählen, das auch synthetisches oder chronologisches Erzählen genannt wird: in linearer Weise folgt ein Ereignis auf das andere.


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Da eine Geschichte nicht "alles" erzählen kann, bringt der Handlungszeitraum von 42 Jahren in den Buddenbrooks es mit sich, dass der Erzähler auch auf Techniken zur • Zeitraffung zurückgreift und damit die • Erzählgeschwindigkeit (Erzähltempo) variiert.

Dies ist in den Buddenbrooks nicht anders als bei anderen erzählenden Texten. Dementsprechend wechselt die Erzählgeschwindigkeit auch hier zwischen verschiedenen Formen. Dieses auch anisynchron genannte Erzählen rhythmisiert mit seiner Mischung auch in Thomas Manns Roman die Erzählung. Sein Geschwindigkeitsspektrum umfasst dabei vor allem anisynchrone Textpartien mit ▪ Zeitdeckung, ▪ Zeitraffung, ▪ Aussparung (Ellipse), ▪ Zeitdehnung oder ▪ Pausen, die ein jeweils eigenes Verhältnis von Erzählzeit zu erzählter Zeit aufweisen.

Zeitdeckung

Erzählzeit ≈ erzählte Zeit

Zeitraffung  

Erzählzeit < erzählte Zeit

Zeitdehnung

Erzählzeit > erzählte Zeit

Aussparung (Ellipse)

Erzählzeit < ∞ erzählte Zeit
Pause Erzählzeit ∞ > erzählte Zeit

Kommt in dem Roman die Vorgeschichte zur Sprache, handelt sich in den Kategorien der älteren Erzähltheorie um einen Rückgriff, mit dem, wie schon Eberhard Lämmert (1955/93, S.122) darlegt, Erzähler oder handelnde Personen an beliebiger Stelle der Erzählung "ein Requisit oder ein Erlebnis aus der Vergangenheit" herbeiholen, "um damit die augenblickliche Situation in Zusammenhänge einzuweisen oder den augenblicklichen Erzählgegenstand an Ort und Stelle ausholend zu erläutern." Der Rückgriff "(hat) keine eigene Geschichte zum Inhalt" und "bleibt ganz dem Gegenwartsgeschehen verbunden und erzählt lediglich beifügend oder vergleichend ein isoliertes Stück Vergangenheit." (ebd.) So bleibt das Vergangene in Thomas Manns Roman, wie Grawe (1988, S.72) betont, "kurzer, nicht szenisch ausgestalteter Bericht". Beispiele dafür seien der berichtende Rückgriff auf die Einstellung Ida Jungmanns im ersten Teil oder die in den Dialog integrierte Erinnerung an die Geschichte des Hauses oder die Erlebnisse von Antoinette Buddenbrook, geb. Duchamps (? -1842) aus dem Jahre 1806, als die französischen Besatzungstruppen das Tafelsilber der Familie rauben. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch immer wieder die Lektüre der Familienchronik, der so genannten "Familien-Mappe" (S.57/S.31), durch eines der Familienmitglieder, z. B. durch den • Konsul Johann (Jean) Buddenbrook (ca. 1800 - 1855) nach der Geburt der Tochter •  Clara (1838-1864) (II, S.51/S.27) oder durch • Antonie Buddenbrook, verh. Grünlich, Permaneder (1827-?) vor ihrer Verlobung (III,S.157f./S.93).

Auf der Ebene der Darstellung (Exegesis) verzichtet der Erzähler auf • Vorausdeutungen (Prolepsen). Außer mit dem Untertitel des Romans, "Verfall einer Familie", der eine • zukunftsgewisse Vorausdeutung des Autors darstellt, kommt es also kaum zu expliziten Rezeptionslenkungen dieser Art. Eine besondere Rolle spielt dabei allerdings das komparativische Erzählen, einem Verfahren, mit dem der Erzähler bestimmte Elemente der erzählten Welt selbst in eine Beziehung zueinander setzt und damit nicht nur den Bedeutungszusammenhang innerhalb des ganzen Romans schafft, sondern "auch die nötige Bewegung in den Erzählfluss (bringt), um den Verfall einer Familie als Prozess zu charakterisieren." (Koopmann 1995, S.67f.)

Dessen ungeachtet liefert der Erzähler aber auf der Ebene des Dargestellten (Diegesis) eine Reihe von symbolischen Hinweisen, die als zukunftsungewisse Vorausdeutungen angesehen werden können. Sie sind auf den Wahrnehmungshorizont einer Figur der erzählten Geschichte beschränkt und zeigen sich, wenn Figuren  über ein aus ihrer Sicht später mögliches Ereignis äußern. Als Formen der Anachronie finden sie sich in der erzählten Rede oder dem erzählten Denken von Figuren und umfassen "Prophezeiungen von problematischer Gewissheit, scheinbar zukunftsweisende Träume und alle möglichen Arten von Wünschen oder Ängsten, die sich auf die Zukunft beziehen." (Martínez/Scheffel (1999/2016, S.40) Darüber hinaus geben die Motive des Verfalls, die im Verlauf der erzählten Ereignisse immer weiter zunehmen und deutlicher werden, einem kompetenten Leser die Möglichkeit, sich immer wieder die düstere Zukunft der Buddenbrooks vorzustellen. Dabei spielt die Darstellung der dritten Generation der Familie um ihre zentralen Figuren • Thomas Buddenbrook (1826-1875) und Antonie Buddenbrook, verh. Grünlich, Permaneder (1827-?) eine besondere Rolle, weil sich in ihrer "Geschichte" die Wende zum Verfall der Familie besonders deutlich zeigt. Thomas verspekuliert sich bei der Pöppenrader Getreideernte, einem hochriskanten Geschäft, das so gar nicht zu den bisherigen geschäftlichen Gepflogenheiten passt, die die Buddenbrooks bis dahin praktizieren (• Thomas Buddenbrooks Gedanken über das Geschäftsleben und seinen Charakter, sein "Schopenhauer-Erlebnis", das ihm eines Nachts die Vision bringt, den Tod als Befreiung aus dem Gefängnis anzusehen, indem sich sein Ich befindet.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 16.05.2024

 
 

 
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