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Erzählformen und Erzählverhalten
(Petersen)
▪
Überblick
▪
Erzählform
▪
Standort des Erzählers (point of view)
▪
Erzählperspektive (Sichtweise)
▪
Erzählverhalten
▪
Erzählhaltung
▪
Darbietungsweisen
(Thomas Buddenbrook
denkt an dieser Stelle u. a. darüber nach, ob er den risikoreichen
Vorschlag folgen soll, den ihm seine Schwester Antonie, die mit der
Frau des hoch verschuldeten Junkers Ralf Maiboom befreundet ist,
unterbreitet. Er soll Maiboom fünfunddreißigtausend Courantmark für
seine nächste Getreideernte bezahlen, was ein riskante Spekulation
darstellt, auch wenn es zunächst wie ein gutes Geschäft aussieht.
Als Antonie gegangen ist, ist Senator Thomas Buddenbrook allein in
seinem Ankleidezimmer, wo die Unterredung stattgefunden hat.)
"[...]
oft erfaßte den
Senator, wie jetzt, während er matten Blickes in die Finsternis des
Salons hinüberstarrte, die Scham und eine verzweifelte Ungeduld,
wenn er sich den unbeträchtlichen Kleinbetrieb, das
pfennig(469)weise Geschäftemachen vergegenwärtigte, zu dem sich in
letzter Zeit die Firma Johann Buddenbrook erniedrigt hatte.
Aber, war es nicht
gut so? Auch das Unglück, dachte er, hat seine Zeit. War es nicht
weise, sich still zu verhalten, während es in uns herrscht, sich
nicht zu rühren, abzuwarten und in Ruhe innere Kräfte zu sammeln?
Warum mußte man jetzt mit diesem Vorschlag an ihn herantreten, ihn
aus seiner klugen Resignation vor der Zeit aufstören und ihn mit
Zweifeln und Bedenken erfüllen! War die Zeit gekommen? War dies ein
Fingerzeig? Sollte er ermuntert werden, aufzustehen und einen Schlag
zu führen? Mit aller Entschiedenheit, die er seiner Stimme zu geben
vermocht, hatte er das Ansinnen zurückgewiesen; aber war, seit Tony
aufgebrochen, wirklich das Ganze erledigt? Es schien nicht, denn er
saß hier und grübelte. »Man begegnet einem Vorschlage nur dann mit
Erregtheit, wenn man sich in seinem Widerstande nicht sicher
fühlt« … Eine verteufelt schlaue Person, diese kleine Tony! Was
hatte er ihr entgegengehalten? Er hatte es sehr gut und eindringlich
gesagt, wie er sich erinnerte. »Unreinliche Manipulation … Im Trüben
fischen … Brutale Ausbeutung … Einen Wehrlosen übers Ohr hauen …
Wucherprofit …« ausgezeichnet! Allein es fragte sich, ob dies die
Gelegenheit war, so laute Worte ins Gefecht zu führen. Konsul
Hermann Hagenström würde sie nicht gesucht und würde sie nicht
gefunden haben. War Thomas Buddenbrook ein Geschäftsmann, ein Mann
der unbefangenen That oder ein skrupulöser Nachdenker?
Oh ja, das war die
Frage; das war von jeher, solange er denken konnte, seine Frage
gewesen! Das Leben war hart, und das Geschäftsleben war in seinem
rücksichtslosen und unsentimentalen Verlaufe ein Abbild des großen
und ganzen Lebens. Stand Thomas Buddenbrook mit beiden Beinen fest
wie seine Väter in diesem harten und praktischen Leben? Oft genug,
von jeher, hatte er Ursache gehabt, daran zu zweifeln! Oft genug,
von Jugend an, hatte er diesem Leben gegenüber sein Fühlen
korrigieren müssen … Härte zufügen, Härte erleiden und es nicht als
Härte, sondern als etwas Selbstverständliches empfinden –
würde er das niemals vollständig erlernen?
(470) Er erinnerte
sich des Eindruckes, den die Katastrophe des Jahres 66 auf ihn
hervorgebracht hatte, und er rief sich die unaussprechlich
schmerzlichen Empfindungen zurück, die ihn damals überwältigt
hatten. Er hatte eine große Summe Geldes verloren … ach, nicht das
war das Unerträglichste gewesen! Aber er hatte zum ersten Male in
vollem Umfange und am eigenen Leibe die grausame Brutalität des
Geschäftslebens verspüren müssen, in dem alle guten, sanften und
liebenswürdigen Empfindungen sich vor dem einen rohen, nackten und
herrischen Instinkt der Selbsterhaltung verkriechen, und in dem ein
erlittenes Unglück bei den Freunden, den besten Freunden nicht
Teilnahme, nicht Mitgefühl, sondern – »Mißtrauen«, kaltes,
ablehnendes Mißtrauen hervorruft. Hatte er das nicht gewußt? War er
berufen, sich darüber zu verwundern? Wie sehr hatte er sich später
in besseren und stärkeren Stunden darüber geschämt, daß er in den
schlaflosen Nächten von damals sich empört, voll Ekel und unheilbar
verletzt gegen die häßliche und schamlose Härte des Lebens
aufgelehnt hatte!
Wie albern das
gewesen war! Wie lächerlich jedes Mal diese Regungen gewesen waren,
wenn er sie empfunden hatte! Wie war es überhaupt möglich, daß sie
in ihm entstanden? Denn nochmals gefragt: War er ein praktischer
Mensch oder ein zärtlicher Träumer?
Ach, diese Frage
hatte er sich schon tausendmal gestellt, und er hatte sie, in
starken und zuversichtlichen Stunden, bald so und – in müden – bald
so beantwortet. Aber er war zu scharfsinnig und ehrlich, als daß er
sich nicht schließlich die Wahrheit hätte gestehen müssen, daß er
ein Gemisch von Beidem sei.
Zeit seines Lebens
hatte er sich den Leuten als thätiger Mann präsentiert; aber soweit
er mit Recht dafür galt – war er es nicht, mit seinem gern citierten
Goetheschen Wahl- und Wahrspruch – aus bewußter Überlegung gewesen?
Er hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt … aber waren sie
nicht nur aus dem Enthusiasmus, der Schwungkraft hervorgegangen, die
er der Reflexion verdankte? Und da er nun daniederlag, da seine
Kräfte – wenn auch, Gott gebe es, nicht für immer – erschöpft
schienen: (471) war es nicht die notwendige Folge dieses unhaltbaren
Zustandes, dieses unnatürlichen und aufreibenden Widerstreites in
seinem Innern? … Ob sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater die
Pöppenrader Ernte auf dem Halme gekauft haben würden? Gleichviel! …
Gleichviel! … Aber daß sie praktische Menschen gewesen, daß sie es
voller, ganzer, stärker, unbefangener, natürlicher gewesen waren,
als er, das war es, was feststand! …
Eine große Unruhe
ergriff ihn, ein Bedürfnis nach Bewegung, Raum und Licht. Er schob
seinen Stuhl zurück, ging hinüber in den Salon und entzündete
mehrere Gasflammen des Lüstre über dem Mitteltische. Er blieb
stehen, drehte langsam und krampfhaft an der langen Spitze seines
Schnurrbartes und blickte, ohne etwas zu sehen, in diesem luxuriösen
Gemache umher. Es nahm zusammen mit dem Wohnzimmer die ganze
Frontbreite des Hauses ein, war mit hellen, geschweiften Möbeln
ausgestattet und trug, mit seinem großen Konzertflügel, auf dem
Gerdas Geigenkasten stand, seiner mit Notenbüchern beladenen Etagère
daneben, dem geschnitzten Stehpult und den Basreliefs von
musizierenden Amoretten über den Thüren, den Charakter eines
Musikzimmers. Der Erker war mit Palmen angefüllt.
Senator Buddenbrook
stand zwei oder drei Minuten, ohne sich zu bewegen. Dann raffte er
sich auf, ging ins Wohnzimmer zurück, trat ins Speisezimmer und
erleuchtete auch dies. [...] "
(Quelle: Thomas Mann, Buddenbrooks, Frankfurt; Fischer 1999/2008,
VIII, 4 - S. 468f.; Mann, Thomas. Buddenbrooks: Verfall einer
Familie (Fischer Klassik) (S.282-284). FISCHER E-Books.
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