docx-Download
-
pdf-Download
▪
Erzählformen und Erzählverhalten
(Petersen)
▪
Überblick
▪
Erzählform
▪
Standort des Erzählers (point of view)
▪
Erzählperspektive (Sichtweise)
▪
Erzählverhalten
▪
Erzählhaltung
▪
Darbietungsweisen
(1874 wirkt
•
Thomas Buddenbrook (1826-1875)
im Alter von 48 Jahren vorzeitig gealtert und angesichts der
geschäftlichen Aussichten und seiner einander fremd gewordenen
Beziehung zu seiner Frau mehr und mehr depressiv. In dieser Zeit
beschäftigt er sich mit der Philosophie »Arthur Schopenhauers
(1788-1860) (Buch und Autor werden im Roman aber nicht genannt) und
erlebt dabei eines Nachts eine Vision, in der ihm der Tod als
Befreiung aus dem Gefängnis vorkommt, indem sich sein Ich befindet.)
"[...] Manchmal setzte er sich, auf der Höhe der kleinen Terrasse, in den von
Weinlaub gänzlich eingehüllten Pavillon und blickte, ohne etwas zu
sehen, über den Garten hin auf die rote Rückwand seines Hauses. [...]
Er begriff nicht Alles; Prinzipien und Voraussetzungen blieben ihm unklar,
und sein Sinn, in solcher Lektüre ungeübt, vermochte gewissen
Gedankengängen nicht zu folgen. Aber gerade der Wechsel von Licht und
Finsternis, von dumpfer Verständnis(655) losigkeit, vagem Ahnen und
plötzlicher Hellsicht hielt ihn in Atem, und die Stunden schwanden, ohne
dass er vom Buche aufgeblickt oder auch nur seine Stellung im Stuhle
verändert hätte. [...]
Dann aber stieß er auf ein umfängliches
Kapitel, das er vom ersten bis zum letzten Buchstaben durchlas, mit fest
geschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen, ernst, mit einem
vollkommenen, beinahe erstorbenen, von keiner Regung des Lebens um ihn
her beeinflussbaren Ernst in der Miene. Es trug aber dieses Kapitel den
Titel: »Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres
Wesens an sich«. –
Ihm fehlten wenige Zeilen, als um vier Uhr das Folgmädchen durch den
Garten kam und ihn zu Tische bat. [...]
Was war dies? fragte er sich, während er ins Haus ging, die Haupttreppe
erstieg und sich im Esszimmer zu den Seinen setzte … Was ist mir
geschehen? Was habe ich vernommen? Was ist zu mir gesprochen worden, zu
mir, Thomas Buddenbrook, Ratsherr dieser Stadt, Chef der Getreidefirma
Johann Buddenbrook …? War dies für mich bestimmt? Kann ich es ertragen?
Ich weiß nicht, was es war … ich weiß nur, dass es zu viel, zu viel ist
für mein Bürgerhirn …
In diesem Zustande eines schweren, dunklen, trunkenen und
gedankenlosen Überwältigtseins, verblieb er den ganzen Tag. Dann
aber kam der Abend, und, unfähig, seinen Kopf länger auf den
Schultern zu halten, ging er frühzeitig zu Bette. Er schlief drei
Stunden lang, tief, unerreichbar tief, wie noch niemals in seinem
Leben. Dann erwachte er, so jäh, so köstlich erschrocken wie man
einsam erwacht, mit einer keimenden Liebe im Herzen.
Er wusste sich allein in dem großen Schlafgemach, [...]
Und siehe da: plötzlich war es, wie wenn die Finsternis vor
seinen Augen zerrisse, wie wenn die sammtne Wand der Nacht sich
klaffend teilte und eine unermesslich tiefe, eine ewige Fernsicht
von Licht enthüllte … Ich werde leben! sagte Thomas
Buddenbrook beinahe laut und fühlte, wie seine Brust dabei vor
innerlichem Schluchzen erzitterte. Dies ist es, dass ich leben
werde! Es wird leben … und dass dieses Es nicht ich bin, das ist nur
eine Täuschung, das war nur ein Irrtum, den der Tod berichtigen
wird. So ist es, so ist es! … Warum? – Und bei dieser Frage schlug
die Nacht wieder vor seinen Augen zusammen. Er sah, er wusste und
verstand wieder nicht das Geringste mehr und ließ sich tiefer in die
Kissen zurücksinken, gänzlich geblendet und ermattet von dem
bisschen Wahrheit, das er so eben hatte erschauen dürfen. [...]
Was war der Tod? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen
und wichtigtuerischen Worten: er fühlte sie, er besaß sie zuinnerst.
Der Tod war ein Glück, so tief, dass es nur in begnadeten
Augenblicken, wie dieser, ganz zu ermessen war. Er war die Rückkunft
von einem unsäglich peinlichen Irrgang, die Korrektur eines schweren
Fehlers, die Befreiung von den widrigsten Banden und Schranken –
einen beklagenswerten Unglücksfall machte er wieder gut.
Ende und Auflösung? Dreimal erbarmungswürdig Jeder, der diese
nichtigen Begriffe als Schrecknisse empfand! Was würde enden und was
sich auflösen? Dieser sein Leib … Diese seine Persönlichkeit und
Individualität, dieses schwerfällige, störrische, fehlerhafte und
hassenswerte Hindernis, etwas Anderes und Besseres zu sein!
War nicht jeder Mensch ein Missgriff und Fehltritt? Geriet er
nicht in eine peinvolle Haft, sowie er geboren ward? Gefängnis!
Gefängnis! Schranken und Bande überall! Durch die Gitterfenster
seiner Individualität starrt der Mensch hoffnungslos auf die
Ringmauern der äußeren Umstände, bis der Tod kommt und ihn zu
Heimkehr und Freiheit ruft …
Individualität! … Ach, was man ist, kann und hat, scheint arm,
grau, unzulänglich und langweilig; was man aber nicht ist, nicht
kann und nicht hat, das eben ist es, worauf man mit jenem
sehnsüchtigen Neide blickt, der zur Liebe wird, weil er sich
fürchtet, zum Hass zu werden.
Ich trage den Keim, den Ansatz, die Möglichkeit zu allen
Befähigungen und Betätigungen der Welt in mir … Wo könnte ich sein,
wenn ich nicht hier wäre! Wer, was, wie könnte ich sein, wenn ich
nicht ich wäre, wenn diese meine persönliche Erscheinung mich nicht
abschlösse und mein Bewusstsein von dem aller derer trennte, die
nicht ich sind! Organismus! Blinde, unbedachte, bedauerliche
Eruption des drängenden Willens! Besser, wahrhaftig, dieser Wille
webt frei in raum- und zeitloser Nacht, als dass er in einem Kerker
schmachtet, der von dem zitternden und wankenden Flämmchen des
Intellektes notdürftig erhellt wird!
In meinem Sohne habe ich fortzuleben gehofft? In einer noch
ängstlicheren, schwächeren, schwankenderen Persönlichkeit?
Kindische, irregeführte Torheit! Was soll mir ein Sohn? Ich
brauche keinen Sohn! … Wo ich sein werde, wenn ich tot bin?
Aber es ist so leuchtend klar, so überwältigend einfach! In allen
denen werde ich sein, die je und je Ich gesagt haben, sagen und
sagen werden: besonders aber in denen, die es voller, kräftiger,
fröhlicher sagen …
Irgendwo in der Welt wächst ein Knabe auf, gut ausgerüstet und
wohlgelungen, begabt, seine Fähigkeiten zu entwickeln, gerade
gewachsen und ungetrübt, rein, grausam und munter, einer von diesen
Menschen, deren Anblick das Glück der Glücklichen erhöht und die
Unglücklichen zur Verzweiflung treibt: – Das ist mein Sohn. Das
bin ich, bald … bald … sobald der Tod mich von dem armseligen
Wahne befreit, ich sei nicht so wohl er wie ich …
Habe ich je das Leben gehasst, dies reine, grausame und starke
Leben? Torheit und Missverständnis! Nur mich habe ich gehasst,
dafür, dass ich es nicht ertragen konnte. Aber ich liebe euch … ich
liebe euch Alle, ihr Glücklichen, und bald werde ich aufhören, durch
eine enge Haft von euch ausgeschlossen zu sein; bald wird das in
mir, was euch liebt, wird meine Liebe zu euch frei werden und bei
und in euch sein … bei und in euch Allen! – –
Er weinte; presste das Gesicht in die Kissen und weinte,
durchbebt und wie im Rausche emporgehoben von einem Glück, dem keins
in der Welt an schmerzlicher Süßigkeit zu vergleichen. Dies war es,
dies Alles, was ihn seit gestern Nachmittag trunken und dunkel
erfüllt, was sich inmitten der Nacht in seinem Herzen geregt und ihn
geweckt hatte wie eine keimende Liebe. Und während er es nun
begreifen und erkennen durfte – nicht in Worten und auf einander
folgenden Gedanken, sondern in plötzlichen, beseligenden Erhellungen
seines Inneren – war er schon frei, war er ganz eigentlich schon
erlöst und aller natürlichen wie künstlichen Schranken und Bande
entledigt. Die Mauern seiner Vaterstadt, in denen er sich mit Willen
und Bewusstsein eingeschlossen, taten sich auf und erschlossen
seinem Blicke die Welt, die ganze Welt, von der er in jungen Jahren
dies und jenes Stückchen gesehen, und die der Tod ihm ganz und gar
zu schenken (659) versprach. Die trügerischen Erkenntnisformen des
Raumes, der Zeit und also der Geschichte, die Sorge um ein
rühmliches, historisches Fortbestehen in der Person von Nachkommen,
die Furcht vor irgend einer endlichen historischen Auflösung und
Zersetzung, – dies Alles gab seinen Geist frei und hinderte ihn
nicht mehr, die stete Ewigkeit zu begreifen. Nichts begann und
nichts hörte auf. Es gab nur eine unendliche Gegenwart, und
diejenige Kraft in ihm, die mit einer so schmerzlich süßen,
drängenden und sehnsüchtigen Liebe das Leben liebte, und von der
seine Person nur ein verfehlter Ausdruck war – sie würde die Zugänge
zu dieser Gegenwart immer zu finden wissen.
Ich werde leben! flüsterte er in das Kissen, weinte und … wusste
im nächsten Augenblick nicht mehr, worüber. Sein Gehirn stand still,
sein Wissen erlosch, und in ihm gab es plötzlich wieder nichts mehr
als verstummende Finsternis. Aber es wird wiederkehren! versicherte
er sich. Habe ich es nicht besessen? … Und während er fühlte, wie
Betäubung und Schlaf ihn unwiderstehlich überschatteten, schwor er
sich einen teuren Eid, dies ungeheure Glück niemals fahren zu
lassen, sondern seine Kräfte zu sammeln und zu lernen, zu lesen und
zu studieren, bis er sich fest und unveräußerlich die ganze
Weltanschauung zu eigen gemacht haben würde, aus der dies Alles
hervorgegangen war.
Allein das konnte nicht sein, und schon am nächsten Morgen, als
er mit einem ganz kleinen Gefühl von Geniertheit über die geistigen
Extravaganzen von gestern erwachte, ahnte er etwas von der
Unausführbarkeit dieser schönen Vorsätze. [...]
(Quelle: Thomas Mann, Buddenbrooks, Frankfurt; Fischer 1999/2008, X, 4 -
S. 653-659; Mann, Thomas. Buddenbrooks: Verfall einer Familie (Fischer
Klassik) (S.395-398). FISCHER E-Books. Kindle-Version. an die moderne
Rechtschreibung angepasst, G. E.)