Schubarts
Geschichte ist eine ▪
Rahmenerzählung.
Am Anfang und Ende
der Erzählung kommt ein kommentierender Erzähler zu Wort, der die
darin enthaltene Binnenerzählung in einen größeren Zusammenhang
einordnet. Er meldet sich mit einem kollektiven "wir“ zu Wort,
wendet sich aber auch mit einem individuellen "ich" und einem
distanziert und unpersönlich wirkenden "man" an die Leser*innen.
Im ersten Teil der Rahmenerzählung macht er sich Gedanken über den
im französischen und britischen Ausland verbreiteten Eindruck,
wonach es typisch deutsch sei, leidenschaftslos und geradezu
mechanisch durchs Lebens zu gehen. Allerdings lehnt er solche
Vorurteile entschieden ab und verwehrt sich, daraus ein Element des
Nationalcharakters der Deutschen zu konstruieren.
Wenn von einer
gering ausgeprägten Leidenschaftlichkeit der Deutschen überhaupt die
Rede sein können, dann erkläre sich dies nicht aus einem irgendwie
diffusen Nationalcharakter, sondern sei das Ergebnis der repressiven
politischen Verhältnisse in Deutschland und vor allem dem Fehlen
persönlicher Freiheit und von Meinungsfreiheit geschuldet.
Der Inhalt seiner Anekdote, das versucht der Erzähler am Ende
glaubhaft zu machen, sei "aus den glaubwürdigsten Zeugnissen
zusammengeflossen“. Er beweise, dass es auch in deutschen Landen
Stoffe gebe, die "in die Tiefen des menschlichen Herzens"
hinabblicken ließen. Würden solche Erzählungen und Stoffe weiter
gesammelt, könne am Ende vielleicht die Vorstellung eines mehr oder
weniger authentischen Nationalcharakters entstehen, denn, was sie
erzählten, habe sich schließlich "mitten unter uns" abgespielt.
Daher müssten sich, so fordert der Erzähler weiter, die deutschen
Schriftsteller und Philosophen auch diese Stoffe zu eigen machen.
Täten sie es, so könne ein "Genie" aus dem Stoff bzw. der Geschichte
der ungleichen Brüder bedeutendes dramatisches oder erzählendes Werk
schaffen, wenn es auf die deutschen Verhältnisse bezogen bliebe.
Zugleich warnt der
Erzähler auch davor, den Stoff der Anekdote nur in trivialer
und an der Oberfläche der Fabel (plot) orientiert zu bearbeiten. Wer
es tue, müsse sich stattdessen wirklich auf den Stoff einlassen und
mit einem klaren, philosophisch-analytischen Blick alles aus ihm
herausholen, was er an Motiven über die Grundbedingungen
menschlichen Handelns biete, um dadurch Leidenschaft bzw. "die
Rechte des offenen Herzens" zu verdeutlichen.
Für sein Drama
▪ "Die
Räuber" hat ▪
Friedrich Schiller
den Stoff der ungleichen Brüder bearbeitet und dabei Änderungen am
Plot der Erzählung von Schubart vorgenommen.
Die hauptsächlichen
Änderungen sind:
-
von den beiden
Brüdern Wilhelm und Franz wird Franz der Zweitgeborene
-
Veränderungen am
Plot, die Schiller gegenüber der Erzählung Schubarts "vornahm,
machen sie eher noch handfester und nähern sie stark der Moritat
an. Er hat indessen nicht nur gesteigert und verdüstert – bei
Schubart geht alles gut und glücklich aus -, sondern er hat die
Familiengeschichte verwickelt, zugleich noch fester in sich
zusammengeschlossen: zur Rivalität des heuchlerischen Bösewichts
um das Vatererbe fügt er noch die weitere um die Verlobte des
betrügerisch verstoßenen Bruders. Die Frage nach den Motiven des
Betrügers übergeht Schubart so ziemlich: ihm genügt die
entlarvende Bloßstellung der Scheinheiligkeit.“ (Storz
31963, S.24)
Ansonsten bleibt
auch Schiller bei der Gewichtung der beiden Charaktere.
docx-Download -
pdf-Download
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
12.01.2025