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Iffland, August Wilhelm: Franz Moor als schauspielerische
Gestaltung (1806)
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Iffland, August Wilhelm: Über meine theatralische Laufbahn
(1798) - Auszüge
Zum Zeitpunkt der • Uraufführung der "Räuber"
im Januar 1782 hat das
»Mannheimer Nationaltheater seit zwei Jahren ein festes Ensemble, dem herausragende
Schauspieler wie »August
Wilhelm Iffland (1759-1814), »Heinrich
Christian Beck (1760-1803) und »David
Beil (1752-1794) angehören.
Die meisten Mitglieder des Mannheimer Ensembles stammen dabei aus der
Wandertheatertruppe um »Konrad
Eckhof (1720-1778), der selbst einer der besten Schauspieler der
Zeit ist und der wegen seiner Verdienste schon zu Lebzeiten “Vater der
deutschen Schauspielkunst” genannt wird.
Eckhof begründet 1753 in
Schwerin die erste Schauspielakademie auf deutschem Boden und lehrt
seine Schüler seine Auffassung von einem realistischen Darstellungsstil.
Er bekommt die Leitung des von »Herzog
Ernst II. Ludwig von Sachsen-Gotha-Altenburg (1745- 1804) im Herbst
1775 gegründeten, ersten deutschen »Hoftheaters
mit einem festen Ensemble von Schauspielern übertragen und macht es in
den folgenden drei Jahren bis zu seiner Auflösung zum Zentrum deutschen
Theaterlebens.
In Gotha starten auch Iffland, Beck und Beil ihre
Schauspielkarrieren. Kurz bevor das Gothaer Hofftheater an Ostern 1779,
knapp ein Jahr nach dem •
Tod
Eckhofs im Juni 1778 •
aufgelöst wurde, werden die
drei jungen Männer, die eine enge Freundschaft verbindet (•
Freundschaftsbund vom Siebeleber Holz), zusammen mit dem größten Teil des alten Gothaer Ensembles
vom Kurfürsten
»Karl Theodor von der Pfalz und Bayern für das »Mannheimer
Nationaltheater geworben. Zusammen mit weiteren
Schauspielern bilden sie dort das erste feste Ensemble, das im Januar 1782 auch
Schillers "Räuber" auf die Bühne bringt.
Iffland selbst kommt 1778 nur
•
sehr zögernd nach Mannheim,
weil er seine Karriere eigentlich
in Hamburg bei »Friedrich
Ludwig Schröder
(1744-1816) fortsetzen will, dessen Schauspielkunst ihn tief
beeindruckt. In seinen •
Erinnerungen aus dem Jahr 1798 sagt er diesem nach, dass er bei
seinem Gastspiel in Mannheim mit "der ganzen Kraft, Eigenheit und
Vollendung seines Genius" aufgetreten sei, wie Iffland es bis dahin
"nicht gesehen noch empfunden" hatte.
Am
Mannheimer Nationaltheater, das 1.000 Plätze hatte, kommen unter ihrer
Beteiligung Stücke auf die Bühne, die beim Publikum der Zeit gut
ankamen. Das Repertoire bestand aus einer Mischung von personenreichen
und handlungsgewaltigen Ritterdramen, bürgerliche Familienrührstücke und
Opern. Vor allem die Familienrührstücke lagen dabei voll im Trend der
Zeit.
Auch
Iffland schrieb eine ganze Reihe solcher und ähnlicher »Bühnenstücke.
Seit 1781 verfasste er "im Ton häuslicher Konversation gehaltenen und
mit moralischen Lehren und Sprichwörtern durchsetzt(en)" (Bracht
1989, S.1416) über 60 Stücke und brachte sie an verschiedenen Bühnen
auch als Schauspieler zur Aufführung. Zuletzt tat er dies am »Nationaltheater
am Gendarmenmarkt, dessen Direktor er 1796 wurde, und zuletzt ab 1811
bis 1814 als Direktor an den
Königlichen
Bühnen in Berlin, dem Zentrum des deutschen Theaterlebens", das sich
"unter seiner Führung zu einer »Musterbühne« im Sinne der
Nationaltheaterbewegung entwickelte." (Brauneck
2012, S.286) Auch dort wirkte sein Schauspielstil prägend und
unterschied sich z. B. von dem von Goethe für das Weimarer Hoftheater
geforderten Deklamieren, durch die Betonung der "körperlichen
Beredtsamkeit", die er selbst in seinen ca. 500 Rollen zum Ausdruck
brachte. (Bracht
1989, S.1416)
Iffland
selbst berichtet in seinen •
Erinnerungen aus dem Jahr 1798 am Beispiel seines eigenen Rührstücks
»"Albert
von Thurneisen" von der "schöne(n) Wirkung" der
Inszenierung, die "viele Menschen für Seelenleiden und Menschenschicksale"
habe erwärmen können.
Ein
weiteres Beispiel für eine solche Wirkung •"inniger
Theilname" liefert seiner Ansicht nach auch sein im März 1784 in
Mannheim aufgeführtes Stück »"Verbrechen
aus Ehrsucht - ein ernsthaftes Familiengemählde in fünf Aufzügen".
Das Stück selbst war das erste einer von Iffland geschaffenen, "analog
zum Bußsakrament konzipierte(n) Schauspieltrilogie, deren Held sich
durch Einsicht und Reue wieder mit seiner Liebe versöhnt, die er zuvor
verschwendungssüchtig hintergangen hatte." (Bracht
1989, S.1416).
"Mehr als tausend Menschen nach und nach zu Einem
Zwecke gestimmt" berichtet Iffland, "in Thränen des Wohlwollens für eine gute Sache,
allmählich in unwillkührlichen Ausrufungen, endlich schwärmerisch in dem
lauten Ausruf, der es bestätigt, daß jedes schöne Gefühl in ihnen erregt
sey, zu erblicken – das ist ein herzerhebendes Gefühl." Die meisten
Menschen verlassen "mit innigem Wohlwollen die Versammlung, bringen es
mit sich in ihren häuslichen Zirkel, und verbreiten es auf ihre
Angehörigen. Lange noch tönt die Stimmung nach, welche sie in den dicht
gedrängten Reihen empfangen haben, und schon vertönt, wird, wenn auch
später ähnliche Gefühle an dieser Saite vorüber ziehen, diese nun
leichter ergriffen, und antwortet in vollerem Klange." (S.55)
Die
nachhaltigste Wirkung ging von seinem "ländlichen Sittegemälde" »Die
Jäger (1785) und seinem Lustspiel »Die
Hagestolzen (1793) aus, das nach Ansicht »Goethes
(1749-1832) das einzige unter den dramatischen Werken Ifflands sei,
»wo er aus der Prosa ins Ideelle geht« (vgl.
ebd. )
•
August
Wilhelm Iffland
(1759-1814) verkörpert in Schillers Stück bei der
• Uraufführung der "Räuber"
im Januar 1782 im das
»Mannheimer Nationaltheater
und weiteren Aufführungen in Mannheim die Figur des
•
Franz Moor.
Die herausragende schauspielerische Leistung, die dabei erbringt, zieht
offenbar auch die anderen
•
Schauspieler mit: •
Johann Michael Boeck (•
Karl Moor),
• Johann
David Beil (•
Schweizer),•
Heinrich Beck (•
Kosinsky), Andreas Friedrich
Pöschel (• Spiegelberg), Christian Wilhelm Dietrich Meyer (•
Hermann),
• Johann Georg Kirchhöfer (•
der alte Moor) und
• Anna Elisabeth Toscani
• Amalia)
mit.
Ein bedeutender •
Anteil an der großen Wirkung, die Schillers Stück auf die
zeitgenössischen Theaterbesucherinnen und -besucher hatte, geht
zweifellos auf das Konto von »August
Wilhelm Iffland
(1759-1814). der ein herausragender Schauspielers seiner Zeit war. Wie kein anderer
verkörperte er in einer unnachahmlichen Art und Weise die Figur des • Franz
Moor. Von sich selbst sagte er, dass Franz Moor für ihn
etwas geworden sei "wie ein
eignes Fach, in dem es mir, glaub' ich, gelungen ist Neuheit und
Kraft zu entwickeln"
(Iffland: Über meine theatralische Laufbahn, 1798)
Iffland hatte in der Rolle des Franz, in der er "als Virtuose des
Schmerzes und der Raserei brillierte" (Scherpe
1979/1983, S.12) auch Anteil daran, dass "Schillers Stück, das ja
mit Aufstampfen, Zähneknirschen und Haaresträuben schon reichlich
ausgestattet war, (...) ins Opernhafte eingebracht (wurde), in dem sich
Hoftheater gefiel." (ebd.)
Scherpe betont weiter, dass die auch auf Ifflands Schauspielstil
zurückzuführende "gestische Übersteigerung (...) nur das Herzzerreißende
und Sentimentale" übrig gelassen habe und "keineswegs die Versinnlichung
des Gedankens, wie der Autor es gern gehabt hätte." (ebd.)
Das spiegele sich im Übrigen auch in den •
Szenenbildern (1783) von
»Daniel Chodowiecki
(1726-1801), in denen "das »Seelische« gebannt und (...) im
theatralischen Gestus (erstarrt)" sei.
Iffland war ein großer Bewunderer des Schauspielstils von »Friedrich
Ludwig Schröder
(1744-1816) war, dem er in seinen •
Erinnerungen nachsagte, dass er bei seinem Gastspiel in Mannheim mit
"der ganzen Kraft, Eigenheit und Vollendung seines Genius" aufgetreten
sei, wie Iffland es bis dahin "nicht gesehen noch empfunden" hatte.
Seinem Beispiel folgend verkörperte Iffland Franz Moor, den er später auch auf anderen Bühnen
darstellte, "immer feiner nuanciert und in
einem ausgeklügelten Gebärdenspiel von höchster emotionaler Wirkung und
symbolischer Bedeutung". (Sautermeister 2005,
S.10) Dabei kam dem Schauspieler sicherlich auch entgegen, dass "die
Räuber als Familiendrama angesetzt (sind)" (Scherpe
1979/1983, S.15), der sich in der Bühnentradition des
Familienrührstücks als Darsteller und Autor bestens auskannte. Er wusste
allzu gut Bescheid darüber und hat davon in seinen Erinnerungen vielfach
Zeugnis gegeben, dass das Ziel und der Zweck diese Genres darin bestand,
die Zuschauer und Zuschauerinnen mit dem Mittel der Emotionalisierung
"auf den Begriff der Tugend und der wahren Menschlichkeit zu bringen." (ebd.)
Iffland hat dabei in der besonderen Art einer "Union des
Theaterdichters Schiller und des Schauspielers Iffland" (ebd.)
den Ruhm der Räuber maßgeblich gefördert und dies auch
selbstbewusst auch als Teil seiner schauspielerischen Leistung
angesehen. So könne es, seiner Ansicht nach "bei den hohen Bildern, die
seine (Schillers, d. Verf.,) aufgejagte Phantasie herauswirft,
(.... ) nicht möglich sein, daß der, welcher den Franz
darstellt, an Mienen und Artikulationen denken wollte, die den Bösewicht
bezeichnen sollten, Hier ist vom Schrecklichen die Rede, und das kann
nicht kleinlich gegeben werden ... Die Schrecken, die zuletzt ihn
umgeben, und wie er sie zu empfinden die Fähigkeit hat, beweisen, daß
Anlagen zum Außerordentlichen in seiner Seele waren. Indem wir mit
Entsetzen uns von ihm wenden, fühlen wir unwillkürlich, daß
Seelenvermögen dazu gehöre, selbst diese Greuel in sich zu tragen und zu
reifen. (Iffland 1806, zit. n.
Buchwald 41959, S. 310)
Ifflands "von höchster sprachlicher Disziplin und streng kontrolliertem
Gebärdenspiel geprägte Schauspielkunst" (Brauneck
2012, S.246) hat später sogar
»Johann
Wolfgang von Goethe (1749-1832) nach einem Gastspiel des
Schauspielers am von Goethe geleiteten »Weimarer
Hoftheater 1796 dazu bewegt, von dem "Natürlichkeitspostulat, das »Diderot
und »Lessing
aufgestellt hatten" (ebd.,
S.246f.) abzurücken.
Für Gert
Sauermeister (2005, S.10) hat Ifflands Schauspielkunst dabei
eine "im Alltag reglementierte Körpersprache in eine Sprache der Seele
und der Leidenschaften" verwandelt, "die im Zuschauer die Dynamik der
Affekte und zugleich eine vertieftes psychologisches Bewusstsein
entbinden konnte."
(ebd.) So habe die hochdifferenzierte mimisch-gestische
Körpersprache Ifflands eine nachhaltige Wirkung auf ein Publikum gehabt,
"das körpersprachlichen Reglementierungen im alltäglichen Lebensprozess
unterworfen war. Der Körper wurde auf der Bühne aus den Fesseln der
Sitte und der Gewohnheit befreit."
(ebd., S.11) Mit Ifflands Verkörperung des Franz Moor könne Schiller
"über seine theologische Perspektive hinaus eine anthropologische
Perspektive zur Geltung bringen"
(ebd.), die sich dadurch auszeichne, "dass sie das Böse nicht
ausschließlich unter moralischen Gesichtspunkten betrachtet."
(ebd.) Damit löst Ifflands Spiel wohl auch nach Ansicht Schillers
ein, was er in seiner •
Vorrede zur Erstausgabe seines Stückes formuliert hat: "Wer sich den
Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen und Religion, Moral und
bürgerliche Gesetze an ihren Feinden zu rächen, ein solcher muß das
Laster in seiner nackten Abscheulichkeit enthüllen und in seiner
kolossalischen Größe vor das Auge der Menschheit stellen - er selbst muß
augenblicklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, - er muß sich
in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren Widernatürlichkeit
sich seine Seele sträubt.
Das Laster wird hier mitsamt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet."
Ifflands Franz Moor habe, so Sautermeister, den "moralisch-amoralischen
Doppelcharakter der Anthropologie Schillers" exemplarisch exemplarisch
so verkörpert, dass sie am Ende auch den Atheisten Franz am Ende zwinge, sich der
Herrschaft seines Gewissens und damit letztlich der Herrschaft Gottes zu
beugen. (vgl. ebd.,
S.12
•
Iffland, August Wilhelm: Franz Moor als schauspielerische
Gestaltung (1806)
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Iffland, August Wilhelm: Über meine theatralische Laufbahn
(1798) - Auszüge
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
21.11.2023