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Uraufführung 13.1.1782 - Mannheim

Ifflands Gestaltung des Franz Moor

Friedrich Schiller (1759-1805): Die Räuber - Rezeptionsgeschichte

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren Friedrich Schiller Biographie
Werke Dramatische Werke Die Räuber Didaktische und methodische Aspekte Überblick Gesamttext /Recherche/Leseversion) Entstehungsgeschichte des Dramas Stoffgeschichte  • Verschiedene Fassungen Schiller zu den "Räubern" Komposition des Dramas Handlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Weitere Aspekte der Analyse Sprachliche Form Rezeptionsgeschichte Überblick [ Uraufführung in Mannheim (13.1.1782, Nationaltheater) Überblick Besetzung (Schauspieler) Iffland als Franz Moor TextauswahlBausteine ] Textauswahl Bausteine Textauswahl • Bausteine Links ins Internet Maria Stuart Lyrische Werke Sonstige Werke Bausteine Links ins Internet  Schreibformen Rhetorik Operatoren im Fach Deutsch
 

Iffland, August Wilhelm: Franz Moor als schauspielerische Gestaltung (1806)
Iffland, August Wilhelm: Über meine theatralische Laufbahn (1798) - Auszüge

Zum Zeitpunkt der • Uraufführung der "Räuber" im Januar 1782 hat das »Mannheimer Nationaltheater seit zwei Jahren ein festes Ensemble, dem herausragende Schauspieler wie »August Wilhelm Iffland (1759-1814), »Heinrich Christian Beck (1760-1803) und »David Beil (1752-1794) angehören.

Die meisten Mitglieder des Mannheimer Ensembles stammen dabei aus der Wandertheatertruppe um »Konrad Eckhof (1720-1778), der selbst einer der besten Schauspieler der Zeit ist und der wegen seiner Verdienste schon zu Lebzeiten “Vater der deutschen Schauspielkunst” genannt wird. 

Eckhof begründet 1753 in Schwerin die erste Schauspielakademie auf deutschem Boden und lehrt seine Schüler seine Auffassung von einem realistischen Darstellungsstil. Er bekommt die Leitung des von »Herzog Ernst II. Ludwig von Sachsen-Gotha-Altenburg (1745- 1804) im Herbst 1775 gegründeten, ersten deutschen »Hoftheaters mit einem festen Ensemble von Schauspielern übertragen und macht es in den folgenden drei Jahren bis zu seiner Auflösung zum Zentrum deutschen Theaterlebens.

In Gotha starten auch Iffland, Beck und Beil ihre Schauspielkarrieren. Kurz bevor das Gothaer Hofftheater an Ostern 1779, knapp ein Jahr nach dem • Tod Eckhofs im Juni 1778 aufgelöst wurde, werden die drei jungen Männer, die eine enge Freundschaft verbindet (• Freundschaftsbund vom Siebeleber Holz), zusammen mit dem größten Teil des alten Gothaer Ensembles vom Kurfürsten »Karl Theodor von der Pfalz und Bayern für das »Mannheimer Nationaltheater geworben. Zusammen mit weiteren Schauspielern bilden sie dort das erste feste Ensemble, das im Januar 1782 auch Schillers "Räuber" auf die Bühne bringt.

Iffland selbst kommt 1778 nur • sehr zögernd nach Mannheim, weil er seine Karriere eigentlich in Hamburg bei »Friedrich Ludwig Schröder (1744-1816) fortsetzen will, dessen Schauspielkunst ihn tief beeindruckt. In seinen • Erinnerungen aus dem Jahr 1798 sagt er diesem nach, dass er bei seinem Gastspiel in Mannheim mit "der ganzen Kraft, Eigenheit und Vollendung seines Genius" aufgetreten sei, wie Iffland es bis dahin "nicht gesehen noch empfunden" hatte.

Am  Mannheimer Nationaltheater, das 1.000 Plätze hatte, kommen unter ihrer Beteiligung Stücke auf die Bühne, die beim Publikum der Zeit gut ankamen. Das Repertoire bestand aus einer Mischung von personenreichen und handlungsgewaltigen Ritterdramen, bürgerliche Familienrührstücke und Opern. Vor allem die Familienrührstücke lagen dabei voll im Trend der Zeit.

Auch Iffland schrieb eine ganze Reihe solcher und ähnlicher »Bühnenstücke. Seit 1781 verfasste er "im Ton häuslicher Konversation gehaltenen und mit moralischen Lehren und Sprichwörtern durchsetzt(en)" (Bracht 1989, S.1416) über 60 Stücke und brachte sie an verschiedenen Bühnen auch als Schauspieler zur Aufführung. Zuletzt tat er dies am »Nationaltheater am Gendarmenmarkt, dessen Direktor er 1796 wurde, und zuletzt ab 1811 bis 1814 als Direktor an den Königlichen Bühnen in Berlin, dem Zentrum des deutschen Theaterlebens", das sich "unter seiner Führung zu einer »Musterbühne« im Sinne der Nationaltheaterbewegung entwickelte." (Brauneck 2012, S.286) Auch dort wirkte sein Schauspielstil prägend und unterschied sich z. B. von dem von Goethe für das Weimarer Hoftheater geforderten Deklamieren, durch die Betonung der "körperlichen Beredtsamkeit", die er selbst in seinen ca. 500 Rollen zum Ausdruck brachte. (Bracht 1989, S.1416)

Iffland selbst berichtet in seinen • Erinnerungen aus dem Jahr 1798 am Beispiel seines eigenen Rührstücks »"Albert von Thurneisen" von der "schöne(n) Wirkung" der Inszenierung, die "viele Menschen für Seelenleiden und Menschenschicksale" habe erwärmen können.

Ein weiteres Beispiel für eine solche Wirkung •"inniger Theilname" liefert seiner Ansicht nach auch sein im März 1784 in Mannheim aufgeführtes Stück »"Verbrechen aus Ehrsucht - ein ernsthaftes Familiengemählde in fünf Aufzügen". Das Stück selbst war das erste einer von Iffland geschaffenen, "analog zum Bußsakrament konzipierte(n) Schauspieltrilogie, deren Held sich durch Einsicht und Reue wieder mit seiner Liebe versöhnt, die er zuvor verschwendungssüchtig hintergangen hatte." (Bracht 1989, S.1416).

"Mehr als tausend Menschen nach und nach zu Einem Zwecke gestimmt" berichtet Iffland, "in Thränen des Wohlwollens für eine gute Sache, allmählich in unwillkührlichen Ausrufungen, endlich schwärmerisch in dem lauten Ausruf, der es bestätigt, daß jedes schöne Gefühl in ihnen erregt sey, zu erblicken – das ist ein herzerhebendes Gefühl." Die meisten Menschen verlassen "mit innigem Wohlwollen die Versammlung, bringen es mit sich in ihren häuslichen Zirkel, und verbreiten es auf ihre Angehörigen. Lange noch tönt die Stimmung nach, welche sie in den dicht gedrängten Reihen empfangen haben, und schon vertönt, wird, wenn auch später ähnliche Gefühle an dieser Saite vorüber ziehen, diese nun leichter ergriffen, und antwortet in vollerem Klange." (S.55)

Die nachhaltigste Wirkung ging von seinem "ländlichen Sittegemälde" »Die Jäger (1785) und seinem Lustspiel »Die Hagestolzen (1793) aus, das nach Ansicht »Goethes (1749-1832) das einzige unter den dramatischen Werken Ifflands sei, »wo er aus der Prosa ins Ideelle geht« (vgl. ebd. )

August Wilhelm Iffland (1759-1814) verkörpert in Schillers Stück bei der  • Uraufführung der "Räuber" im Januar 1782 im das »Mannheimer Nationaltheater und weiteren Aufführungen in Mannheim die Figur des • Franz Moor. Die herausragende schauspielerische Leistung, die dabei erbringt,  zieht offenbar auch die anderen • Schauspieler mit: • Johann Michael Boeck (• Karl Moor), • Johann David Beil (• Schweizer),• Heinrich Beck (• Kosinsky), Andreas Friedrich Pöschel (• Spiegelberg), Christian Wilhelm Dietrich Meyer (• Hermann), • Johann Georg Kirchhöfer (• der alte Moor) und • Anna Elisabeth ToscaniAmalia) mit.

Ein bedeutender • Anteil an der großen Wirkung, die Schillers Stück auf die zeitgenössischen Theaterbesucherinnen und -besucher hatte, geht zweifellos auf das Konto von »August Wilhelm Iffland (1759-1814). der ein herausragender Schauspielers seiner Zeit war. Wie kein anderer verkörperte er in einer unnachahmlichen Art und Weise die Figur des • Franz Moor. Von sich selbst sagte er, dass Franz Moor für ihn etwas geworden sei  "wie ein eignes Fach, in dem es mir, glaub' ich, gelungen ist Neuheit und Kraft zu entwickeln" (Iffland: Über meine theatralische Laufbahn, 1798) Iffland hatte in der Rolle des Franz, in der er "als Virtuose des Schmerzes und der Raserei brillierte" (Scherpe 1979/1983, S.12) auch Anteil daran, dass "Schillers Stück, das ja mit Aufstampfen, Zähneknirschen und Haaresträuben schon reichlich ausgestattet war, (...) ins Opernhafte eingebracht (wurde), in dem sich Hoftheater gefiel." (ebd.) Scherpe betont weiter, dass die auch auf Ifflands Schauspielstil zurückzuführende "gestische Übersteigerung (...) nur das Herzzerreißende und Sentimentale" übrig gelassen habe und "keineswegs die Versinnlichung des Gedankens, wie der Autor es gern gehabt hätte." (ebd.) Das spiegele sich im Übrigen auch in den • Szenenbildern (1783) von »Daniel Chodowiecki (1726-1801), in denen "das »Seelische« gebannt und (...) im theatralischen Gestus (erstarrt)" sei.

Iffland war ein großer Bewunderer des Schauspielstils von »Friedrich Ludwig Schröder (1744-1816) war, dem er in seinen • Erinnerungen nachsagte, dass er bei seinem Gastspiel in Mannheim mit "der ganzen Kraft, Eigenheit und Vollendung seines Genius" aufgetreten sei, wie Iffland es bis dahin "nicht gesehen noch empfunden" hatte.

Seinem Beispiel folgend verkörperte Iffland Franz Moor, den er später auch auf anderen Bühnen darstellte, "immer feiner nuanciert und in einem ausgeklügelten Gebärdenspiel von höchster emotionaler Wirkung und symbolischer Bedeutung". (Sautermeister 2005, S.10) Dabei kam dem Schauspieler sicherlich auch entgegen, dass "die Räuber als Familiendrama angesetzt (sind)" (Scherpe 1979/1983, S.15), der sich in der Bühnentradition des Familienrührstücks als Darsteller und Autor bestens auskannte. Er wusste allzu gut Bescheid darüber und hat davon in seinen Erinnerungen vielfach Zeugnis gegeben, dass das Ziel und der Zweck diese Genres darin bestand, die Zuschauer und Zuschauerinnen mit dem Mittel der Emotionalisierung "auf den Begriff der Tugend und der wahren Menschlichkeit zu bringen." (ebd.)

Iffland hat dabei in der besonderen Art einer "Union des Theaterdichters Schiller und des Schauspielers Iffland" (ebd.) den Ruhm der Räuber maßgeblich gefördert und dies auch selbstbewusst auch als Teil seiner schauspielerischen Leistung angesehen. So könne es, seiner Ansicht nach "bei den hohen Bildern, die seine (Schillers, d. Verf.,) aufgejagte Phantasie herauswirft, (.... ) nicht möglich sein, daß der, welcher den Franz darstellt, an Mienen und Artikulationen denken wollte, die den Bösewicht bezeichnen sollten, Hier ist vom Schrecklichen die Rede, und das kann nicht kleinlich gegeben werden ... Die Schrecken, die zuletzt ihn umgeben, und wie er sie zu empfinden die Fähigkeit hat, beweisen, daß Anlagen zum Außerordentlichen in seiner Seele waren. Indem wir mit Entsetzen uns von ihm wenden, fühlen wir unwillkürlich, daß Seelenvermögen dazu gehöre, selbst diese Greuel in sich zu tragen und zu reifen. (Iffland 1806, zit. n. Buchwald 41959, S. 310)

Ifflands "von höchster sprachlicher Disziplin und streng kontrolliertem Gebärdenspiel geprägte Schauspielkunst" (Brauneck 2012, S.246) hat später sogar »Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) nach einem Gastspiel des Schauspielers am von Goethe geleiteten »Weimarer Hoftheater 1796 dazu bewegt, von dem "Natürlichkeitspostulat, das »Diderot und »Lessing aufgestellt hatten" (ebd., S.246f.) abzurücken.

Für Gert Sauermeister (2005, S.10) hat Ifflands Schauspielkunst dabei eine "im Alltag reglementierte Körpersprache in eine Sprache der Seele und der Leidenschaften" verwandelt, "die im Zuschauer die Dynamik der Affekte und zugleich eine vertieftes psychologisches Bewusstsein entbinden konnte." (ebd.) So habe die hochdifferenzierte mimisch-gestische Körpersprache Ifflands eine nachhaltige Wirkung auf ein Publikum gehabt, "das körpersprachlichen Reglementierungen im alltäglichen Lebensprozess unterworfen war. Der Körper wurde auf der Bühne aus den Fesseln der Sitte und der Gewohnheit befreit." (ebd., S.11) Mit Ifflands Verkörperung des Franz Moor könne Schiller "über seine theologische Perspektive hinaus eine anthropologische Perspektive zur Geltung bringen" (ebd.), die sich dadurch auszeichne, "dass sie das Böse nicht ausschließlich unter moralischen Gesichtspunkten betrachtet." (ebd.) Damit löst Ifflands Spiel wohl auch nach Ansicht Schillers ein, was er in seiner • Vorrede zur Erstausgabe seines Stückes formuliert hat: "Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen und Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an ihren Feinden zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nackten Abscheulichkeit enthüllen und in seiner kolossalischen Größe vor das Auge der Menschheit stellen - er selbst muß augenblicklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, - er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.
Das Laster wird hier mitsamt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet."
Ifflands Franz Moor habe, so Sautermeister, den "moralisch-amoralischen Doppelcharakter der Anthropologie Schillers" exemplarisch exemplarisch so verkörpert, dass sie am Ende auch den Atheisten Franz am Ende zwinge, sich der Herrschaft seines Gewissens und damit letztlich der Herrschaft Gottes zu beugen. (vgl. ebd., S.12

Iffland, August Wilhelm: Franz Moor als schauspielerische Gestaltung (1806)
Iffland, August Wilhelm: Über meine theatralische Laufbahn (1798) - Auszüge

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 21.11.2023

   
 

 
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