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Modelle der Perspektiven beim Erzählen

Erzählsituationen

Franz K. Stanzel (1964, 1979)

 
FAChbereich Deutsch
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Typologien des Erzählers

Perspektiven beim Erzählen

Stanzels Konzept der Erzählsituation

»Franz K. Stanzel (geb. 1924) verwendet statt des Begriffs Erzählperspektive den der Erzählsituation. (z. B. Die typischen Erzählsituationen im Roman 1955, Typische Formen des Romans 1964, Theorie des Erzählens 1979/1989)

Auch wenn dies oft übersehen wird, geschieht dies aus gutem Grund, denn sein Begriff ist gegenüber dem der Erzählperspektive im Allgemeinen "weiter gefasst" (Wolf 2013, S.186). Dies gilt auch in Bezug auf die Begriffe ▪ point of view oder den Begriff der Fokalisierung von Genette.

Das Konzept der Erzählsituation beruht bei Stanzel auf einer Kombination von drei Elementen (vgl. u. a.: Scheffel 2006, S.103)

Das allein schon macht deutlich, dass sich Stanzels Konzept der Erzählsituationen nicht auf den Begriff der Perspektive reduzieren lässt. Bei genauerem Hinsehen lässt sich das Konzept sogar als "Modellierung" der folgenden Faktoren auffassen (vgl. Wolf 2013, S.186)


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Dabei geht es Stanzel vor allem um das formale Kriterium der Mittelbarkeit des Erzählens.

Die typischen Erzählsituationen

»Franz K. Stanzel (geb. 1924) hat sein Konzept der Erzählsituationen im Verlauf von Jahrzehnten immer wieder überarbeitet (z. B. Die typischen Erzählsituationen im Roman 1955, Typische Formen des Romans 1964/1979, Theorie des Erzählens 1979) und dabei mal drei, mal vier ▪ idealtypische Erzählsituationen unterschieden. Ob drei oder vier Erzählsituationen hängt dabei davon ab, ob den anderen dreien (▪ auktoriale E., ▪ personale E. und ▪ Ich-Erzählsituation) eine ▪ neutrale Erzählsituation beigeordnet wird, die sich von jenen unterscheiden lässt.


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Am weitesten verbreitet hat sich dabei aus verschiedenen Gründen sein in dem kleinen Buch "Typische Formen des Romans" aus dem Jahr 1964 entwickeltes Konzept, indem er nur von drei Erzählsituationen (auktorial, personal, Ich-Erzählsituation) ausgeht und damit die vormals (1955) vertretene neutrale Erzählsituation als Variante der personalen Erzählsituation "ohne weitere Begründung eliminiert" (Vogt 2014, S.52, Anmerk.7) bzw. sang- und klanglos "völlig fallengeĺassen" (Genette 2. Aufl. 1998, S.270, Anm. 3) hat.

Vielleicht etwas "voreilig", wie Jochen Vogt (2014, S.90, auch S.51ff.) meint und dabei auf das ▪ Fokalisierungkonzept von Gerard Genette (2. Aufl. 1998, S.134ff.) verweist, in dem mit der sogenannten externen Fokalisierung die neutrale Erzählsituation wieder eingeführt wird. Zur begrifflichen Verwirrung über die neutrale Erzählsituation hat Stanzel also selbst erheblich beigetragen.

Von bestimmten Vertretern der neueren Erzähltheorie wird diese Vorstellung, aber auch andere ein quasi erzählerloses Erzählen unterstellende Konzepte ohnehin abgelehnt, weil Perspektive eine basale Grundeigenschaft allen Erzählens darstellt. (z. B. Schmid 2005, S.133).

Als Idealtypen können die Stanzelschen Erzählsituationen aber aller Einwände zum Trotz flexibel angewendet werden und haben "sich instrumentell - als eine Art erzähltheoretischer Werkzeugkasten - in zahllosen Einzeluntersuchungen und Interpretationen bewährt" (Vogt 2014, S.84). Dass das Konzept von seiner ganzen Anlage her der Vielfalt aller heute existierenden und morgen möglichen erzählenden Texte nicht gerecht werden kann, versteht sich dabei von selbst, schmälert indessen seinen Wert bei einer auf die Interpretation eines Erzähltextes ausgerichteten Erzähltextanalyse in keiner Weise.

Mittelbarkeit als Ausgangspunkt der Beschreibung eines Erzähltextes

Der Erzähler ist für Stanzel keine depersonalisierte Erzählinstanz, wie es Käte Hamburger (1957) vorschwebt, sondern ein (Aussage-)Subjekt, so wie es auch bei den meisten Erzähltexten vom Leser wahrgenommen wird. Diesen Subjektstatus besitzt der Erzähler selbst dann, wenn er wie z. B. im Fall der ▪ Tierfabel mit bestimmten anthropomorphen Eigenschaften ausgestattet ein Tier ist.

Die Mittelbarkeit ist für ihn das wichtigste Gattungsmerkmal erzählender Text, die sich im Erzählvorgang und dem erzählten Vorgang zeigt. Die Mittlerrolle wird dabei vom Erzähler wahrgenommen, der sie einerseits zwischen dem Autor und der erzählten Geschichte, andererseits zwischen der Geschichte und ihrem Leser spielt.

Der reale Autor kommt in der Geschichte nicht selbst zu Wort. Stattdessen beauftragt er den Erzähler als eine Art Stellvertreter. Dieser Erzähler ist in der Regel fiktiv und die Beziehung zwischen Erzähler und Autor lässt sich vereinfacht auf den Satz bringen: "Der reale Autor erfindet, der fiktive Erzähler erzählt, was gewesen ist." (Scheffel 2006, S.106) So ist jeder "implizit dargestellte Erzähler ein Konstrukt" (Schmid 2011, S.131)

Der Erzähler wird vom realen Autor mit bestimmten Fähigkeiten ausgestattet, die ihm unterschiedliche Möglichkeiten zur Gestaltung der Geschichte lassen. Es kommt vor, dass man den Erzähler quasi persönlich zu fassen glaubt, aber genauso gut kann es sein, dass er sich so sehr hinter das erzählte Geschehen zurückzieht, dass es den Anschein hat, es gäbe ihn gar nicht.

Die Kritik an Stanzels Konzept: Mangelnde theoretische Stringenz und Vermischung analytischer Kategorien

Gegen das Konzept der Erzählsituationen von Franz K. Stanzel werden vor allem die folgenden Einwände erhoben:

  1. Auch entgegen des von ihm selbst erhobenen Anspruchs eine "Theorie des Erzählens" (1989) zu entwickeln, ist sein Konzept der Erzählsituationen und vor allem seine späteren Überarbeitungen mit ihrer "ganze(n) Komplexität (und manchmal auch Unentwirrbarkeit)" (Genette 2. Aufl. 1998, S.270) keine systematische und analytische Erzähltheorie im strengen Sinne, die x-beliebige Erzähltexte bis ins letzte Detail dekonstruiert, sondern eher "eine Art Beschreibungssystem zur Erfassung erzählender Dichtung" (Petersen 1993, S.2).
    Als "Interpretationshilfe" (Stanzel 1964/1979, S,10), das ein "bestimmendes Gestaltungsgefüge sichtbar" (ebd.) machen will, stützt sich Stanzels Konzept dabei auf "die unbezweifelbare empirische Beobachtung, "dass sich die überwältigende Mehrzahl der literarischen Erzählungen auf diese drei Situationen verteilt, die er zu Recht 'typisch' nennt." (Genette 2. Aufl. 1998, S.269) Da er sein Konzept "nun einmal empirisch, das heißt aus der Beobachtung vielfältiger Erzähltexte" (Vogt 2014, S.84) gewonnen hat, könnte man es statt analytisch besser aös synthetisch (Cohn 1981) oder u. U. auch "synkretistisch"  (Genette 2. Aufl. 1998, S.269) bezeichnen. Es vermengt verschiedene Elemente des Erzählens miteinander und belässt sie "in ihrer Komplexität": er zerlegt sie nicht analytisch in ihre konstruktiven Elemente. Dementsprechend sind auch die verschiedenen Erzählsituationen zusammengesetzte (synthetische) Kategorien" (Vogt 2014, S. 88).

  2. Dies wiederum führt zum zweiten Kritikpunkt an Stanzels Konzept der Erzählsituationen. Dabei wird immer wieder betont, dass die "Erzählsituationen" Stanzels  zwei Parameter miteinander kombinieren, die eigentlich auseinanderzuhalten seien: die Teilhabe des Erzählers an der Geschichte (»Er«- vs. »Ich«-Erzählung) und die Erzählperspektive (»auktorial« vs. »personal«) (vgl. Schmid 2011, S.132)

Aus diesem Grund spricht auch manches dafür, statt "irgendwelche komplexe »Erzählsituationen«" zu beschreiben (ebd.), für eine Typologie des Erzählers nur "elementare Kriterien zugrunde (zu) legen, ohne sie mit anderen zu kombinieren." (ebd.) (s. dazu: ▪ Kriteriengeleitete Beschreibung von Erzählertypen (Dichotomien)

Dies gilt vor allem auch dann, wenn man bedenkt, dass "das literarische Erzählen (...) ohnehin so vielgestaltig (ist), dass es sich empfiehlt, es nicht nur mit einer Minimaldefinition zu beschreiben, sondern ein möglichst breites Spektrum seiner Erscheinungsformen zu erfassen." (Martínez 2011a, S.11)

Allerdings kann man die Tatsache, dass Stanzels Konzept systematisch-theoretische Anforderungen nicht erfüllt, auch - und dies vor allem unter literaturdidaktischem Aspekt - als Vorteil sehen, weil es sich, wie Jochen Vogt (2014, S.84) meint, flexibel anwenden und fortschreiben lasse "und sich instrumentell - als eine Art erzähltheoretischer Werkzeugkasten - in zahllosen Einzeluntersuchungen und Interpretationen bewährt hat." (ebd.)

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 04.10.2019

 
 

 
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