Dass •
Kurzgeschichten und andere kurze literarische Formen im Literaturunterricht heute
sehr beliebt sind, hat, wie
Kepser/Abraham (42016,
S.191) feststellen, vor allem pragmatische Gründe. Sie lassen sich
nämlich in dem üblichen 45-90-Minuten-Rhythmus von "Schulstunden" gut
unterbringen.
Allerdings hat man die
Beschäftigung mit Kurzgeschichten im Deutschunterricht lange Zeit nicht
so nüchtern und pragmatisch gesehen.
Leonie Marx
(2005, S.172-182) hat die wechselvolle Geschichte der
Kurzgeschichte in der Literaturdidaktik und die Diskussion über ihren
Bildungswert und didaktischen und methodischen Wert im Einzelnen
nachgezeichnet. Am Ende ist daraus eine in formaler und inhaltlicher
Sicht normative Auffassung von der Kurzgeschichte entstanden, die in der
Vorstellung von einem Idealtyp dieser Erzählung mündete. Lange Zeit war
damit aber auch stets die Qualitätsfrage verbunden. Sie gipfelte letzten
Ende darin, dass nur bestimmte Geschichten, die, wie Robert
Ulshöfer (1958, S.8) betonte, Vorzüge wie eine spannungs- und
wirkungsvolle Kürze aufwiesen, das "Wechselverhältnis von Sprachform und
Existenzaussage" gestalteten und durch die "Sprachbetrachtung in
Verbindung mit Untersuchungen über die Menschenzeichnung und die Art der
Daseinsbedrohung" zu einem "lohnende(n) Thema für die Schule" gemacht
werden konnten. (zit. n.
Marx
2005, S.176) Mit der Kurzgeschichte könne wegen der von ihr
repräsentierten "Dialektik zwischen formaler Bindung und Offenheit der
Problemlösung", erklärt
Seifert (1975, S.246), "die geistige Anspannung des Jugendlichen
einerseits auf die 'Gehalt-Gestalt-Einheit' konzentriert" werden.
Zugleich richte sie diese aber auch auf "die Zusammenhänge zwischen
Kunst und Gesellschaft" aus.
In der Folge diente die Kurzgeschichte
"vor allem als Medium, um das Interesse an der Literatur zu wecken, in
ihre Gesetze einzuführen, zu kritischem Nachdenken über zeitgenössische
Probleme, menschliche Reaktionsweisen und ethische Fragen anzuregen und
um zur sprachlich-stilistischen Schulung beizutragen." (ebd., S.176)
Die •
didaktischen Konzepte, die bei
der Behandlung von Kurzgeschichten dabei zum Tragen kommen, gelten für
den gesamten Bereich der • erzählenden Literatur. Es gibt also keine
besondere Didaktik und Methodik für den Umgang mit Kurzgeschichten. Was für die Konzepte im
Allgemeinen gilt, trifft also im Wesentlichen auch für die Kurzgeschichten zu.
▪
Kurzgeschichten gehören wohl im Allgemeinen nicht zu der von Kindern und
Jugendlichen bevorzugten Freizeitlektüre.
(vgl.
Pfeiffer 22013,
S.65)
Sie bevorzugen
gewöhnlich längere Erzähltexte von Autorinnen und Autoren, die zu den
Klassikern der »Kinderliteratur
zählen (z. B.
Alan
Alexander Milne (1882-1956), »Erich
Kästner (1899-1974), »Astrid
Lindgren (1907-2002), »Ottfried
Preussler (1923-2013), etc.) oder ihre Werke in neuerer Zeit
verfasst haben (z. B. »Paul
Maar (geb. 1937),
»Michael
Ende (1929-1995), »Christine
Nöstlinger (1936-2018), »Renate
Welsh (geb. 1937), etc.). (»Jugendliteratur vor 1950;
»Weitere Entwicklung;
»Jugendliteratur als brisante Literatur)
Hinzukommt, dass sie im
Jugendalter gerne auf Stoffe zurückgreifen, die entweder ihre •
Adoleszenzproblematik
thematisieren. Adoleszenzromane sind mit ihrem Bezug zur Lebenswelt der
Schülerinnen und Schüler dabei besonders motivierend. (vgl.
Josting/Dreier 22013,
S.80) Bevorzugte Genres sind dabei weiterhin »Comics,
»geschlechtsbezogene Bücher,
»Krimis,
»Liebesgeschichten
und die »fantastische Kinder- und Jugendliteratur.
Im Trend sind heutzutage wohl auch »Graphic
Novels, »Light
Novels, »Mangas, »Fantasy, »Mystery, »Dystopie etc.
Dabei ist die
Abgrenzung zwischen zwischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur
natürlich nur vage. Was zur Kinder- und Jugendliteratur gezählt wird,
ist dem historischen Wandel unterworfen und damit letzten Endes auch
Definitionssache.
So werden heute etliche
Romane, die eigentlich für ein erwachsenes Zielpublikum verfasst wurden,
eher als Jugendromane aufgefasst und manche zunächst wohl als
Jugendromane konzipierte Werke sind wie z. B. die »Harry-Potter-Reihe
von »Joanne
K. Rowling (geb. 1965) und Romane wie »Ulrich
Plenzdorfs (1934-2007) »Die
neuen Leiden des jungen W. (1972), »Alexa
Hennig von Langes (geb. 1973) Relax (1997), »Christian
Krachts (geb. 1967) »Faserland
(1995) oder »Benjamin
Stuckrad-Barres (geb. 1975) »Soloalbum
(1998) entziehen sich, wie zahlreiche andere auch, einer
Zuordnung zur Erwachsenen- bzw. Jugendliteratur. (vgl.
Pfeiffer 22013,
S.64) Zudem haben Verlage inzwischen das lukrative Geschäft mit den so
genannten All-Age-Büchern erkannt.
Diese Zusammenhänge
sind auch bei der didaktischen Reflexion über die Bedeutung von
Kurzgeschichten im Literaturunterricht und bei der Auswahl von
geeigneten Texten zu bedenken.
Sie machen deutlich,
dass auch unter diesen Voraussetzungen der alte Kanon von
"Modellgeschichten" (Marx
2005, S.178), die bei Interpretationen und in
Anthologien, sowie in den den Schulbüchern lange Jahre immer aufgetaucht
sind (vgl.
ebd.), in Frage zu
stellen ist. Die seit dem letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts
festzustellende "Erweiterung des Kurzgeschichtenkanons"
(ebd.)
hat dabei wesentlich zu einem Wandel beigetragen. Ihr ist es
nichtzuletzt zu verdanken, dass unterrichtliche Beschäftigung mit
Kurzgeschichten, nicht bei der ahistorischen Behandlung stehen blieb,
die ihr der bildungsorientierten Literaturunterricht im Kontext von
Formanalysen und Deutungsmustern zuwies, die in ihnen vor allem ein
Reservoir überzeitlicher Lebenshilfe sahen.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
14.05.2025