• Literarwissenschaftliche
Diskursanalysen, die •
keine
Einzeltextanalysen vornehmen, setzen voraus, dass
literarische Texte mit anderen Texten eng verschränkt sind und
richten ihren Blick vor allem auf Zusammenhänge, die zwischen
dem literarischen und dem historischen und gesellschaftlichen
Diskurs bestehen. (vgl.
Becker/Hummel/Sander 22018, S.237)
Dazu stellen
Literaturwissenschaftliche Diskursanalysen vor allem
zwei Untersuchungsaspekte ins Zentrum.
Sie
-
identifizieren einen bestimmten Diskurs und beschreiben
diesen,
-
beschreiben
seine Funktionsweisen, d. h. ihre jeweilige Ordnung,
Konstitutionsregeln, »Klassifikations-, Anordnungs- und
Verteilungsprinzipien« (Foucault
1971f./21992, S.17) (vgl.
Becker/Hummel/Sander 22018, S.236)
Im Rahmen ihrer
Untersuchungen fragt die
literaturwissenschaftlich fundierte Diskursanalyse mit Blick auf
die Entstehungsbedingungen und den Verlauf von Diskursen "nach
den außerliterarischen Faktoren, die für die thematische
Ausrichtung, für die Gegenstände von Diskursen verantwortlich
sind, ebenso wie nach der Art und Weise, nach der ein Diskurs
von wem geführt und in welchem Modus (Gattungen, Genres,
Erzählverfahren) er realisiert wird." (ebd.)
Auch wenn die
literaturwissenschaftliche Diskursanalyse zwischen
innerdiskursiven ( z. B. literarische Konventionen, Kanon,
Buchmarkt, Mäzenatentum) und externen Faktoren
( z. B.
kulturpolitische Rahmenbedingungen, gesellschaftspolitische
Kräfte und Kräfteverhältnisse), die den Diskurs bestimmen,
unterscheidet (vgl.
ebd.),
bleibt die Diskursanalyse generell auf die Frage nach den
allgemeinen Formationsregeln und das "komplexe Bündel von
Beziehungen" (Foucault
1981, S.68) fokussiert, "die der Diskurs bewirken muß,
um von diesen und jenen Gegenständen reden, sie behandeln, sie
benennen, sie analysieren, sie klassifizieren, sie erklären zu
können." (ebd.)
In der Praxis
geht die literaturwissenschaftliche Diskursanalyse von
Fragestellungen aus, die sich auf gesellschaftliche Phänomene
bzw. bestimmte Diskurse beziehen, wie z. B. den
Geschlechterdiskurs, den Klimadiskurs, den Lebensformendiskurs
oder bestimmte Diskursstränge, die Teil eines umfassenderen
Diskurses darstellen, wie z. B. Melancholie, Exil, Reisen etc.
Sie ordnen literarische Texte diesen Diskursen zu und
beschreiben, was sie über deren Thema sagen und nicht sagen.
Unbedeutend für
die diskursanalytische Betrachtung ist der Autor bzw. die
Autorfunktion. Auch das
herkömmliche
triadische Modell der literarischen Kommunikation mit den
Instanzen des Autors als Urheber des Textes, dem als Einheit
verstandenen Text, der auf den Textproduzenten und seine
Entstehungsbedingungen verweist, sowie dem Leser als Adressaten,
der sich in einem fortschreitenden Dialog mit dem Text nach und
nach dessen Sinn aneignet, wird von der Diskursanalyse
suspendiert.
Wer also in ihrem Umfeld nach bekannten
interpretativen Operationen sucht, wie z. B. den so
genannten •
hermeneutischen
Zirkel und das Prinzip der •
"Horizontverschmelzung"
– beides Positionen, die heute gemeinhin als überholt
angesehen werden (vgl.
Graf
2015, S.191)
– wird dies umsonst tun (vgl.
Winko 1996/82008, S.471)
Deren Gedanke, "dass die Geschichte immer ›unsere‹ Geschichte
ist, die ›wir‹ machen, verkennt aus diskursanalytischer
Perspektive das Maß an Fremdheit, das durch die Ordnungsmuster,
die nicht auf Bewusstsein zurückgeführt werden können, in diese
›eigene‹ Geschichte und die ›eigenen‹ Sinnproduktionen
unauslöschlich und von Anfang an eingeschrieben sind" (Sarasin
2005/22006, S.105), wird von Foucault abgelehnt.
Für diesen sei die Ordnung des Diskurses eben nicht in einer
höheren Ordnung der Geschichte aufgehoben, sondern
kontingent,
diskontinuierlich und jedem Sinn vorgängig und äußerlich. (vgl.
ebd.)
Das liegt wohl in
der Natur der Sache, denn die Diskursanalyse Foucaults "wurde
nicht als ein Verfahren zur Beschreibung und Deutung von
Literatur bzw. von Texten oder Epochen konzipiert" (Becker/Hummel/Sander 22018, S.237)
und daher ist wohl, zumindest für diejenigen, die den
hermeneutischen "Verstehens- und Auslegungsprozess" als "die theoretische Basis
jeglicher Interpretation" verstehen (ebd.,
S.193), auch "die Diskrepanz zum literarischen Text
und zur hermeneutischen Basis jeglicher
literaturwissenschaftlicher Interpretation vielfach
unüberbrückbar" (Becker/Hummel/Sander 22018,
S.237) Dabei haben auch •
kognitionspsychologischer Erkenntnisse
den Graben zwischen Hermeneutik und Diskursanalyse eher
vertieft.
Natürlich
grenzen solche Überlegungen und Einwände die Bedeutung der
Diskursanalyse für die Literaturwissenschaft und
Literaturdidaktik deutlich ein. Die Frage: "Was bedeutet der
Text?" ist nämlich für Foucault in seiner analytischen
Perspektive unwichtig und lenkt von den Fragestellung ab, die
ihn interessiert. So gesehen bleibt der Literaturwissenschaft,
wenn sie dennoch nach eigenen Maßstäben diskursanalytisch
vorgehen will, wohl nicht viel anderes übrig, als
diskursanalytische gemeinsam mit hermeneutischen Fragestellungen
zu verbinden und auf diese Weise, ohne Einzeltextanalyse, "die
dem literarischen Text impliziten Diskurse freizulegen, den Text
als •
Knotenpunkte von Diskursen zu verstehen" (ebd.)
und das
diskursive Gewimmel in ihm und um ihn herum zu
entwirren.
Damit muss aber
die "Idee des Textes" nicht gänzlich über den Haufen geworfen
werden. zumal "der Text als abgrenzbare Einheit (...) eine Größe
(ist), an welcher sich sowohl die Produzierenden als auch die
Rezipierenden nach wie vor orientieren." (Bendel Larcher/Eggler (22023,
S.92 Kindle Edition) Dies gilt um so mehr im
literaturdidaktischen Kontext.
Schließlich
werden Texte aller Art "mit Abgrenzungs- und
Gliederungshinweisen, mit Verknüpfungshinweisen, mit
Themahinweisen und Hinweisen auf die Textfunktion versehen (Hausendorf/Kesselheim
2008)" (Bendel Larcher/Eggler (22023,
S.92 Kindle Edition) , bei literarischen Texten u. a. auch die
Gattungszuordrdnung (Roman, Novelle etc.), damit die
Rezipienten, entsprechendes Wissen vorausgesetzt, erkennen
können, welches Diskursfragment die Autoren der Analyse als
eigenständigen Text verstanden wissen wollen, wem als Autor sie
den Text selber zuschreiben oder u. U. auch zu welcher Gattung
sie einen Text zählen. Daher kann man sich auch bei der
Zusammenstellung eines Korpus von Diskursfragmenten "an
klassischen, aus dem Alltag vertrauten Textsorten orientieren
wie 'Zeitungsbericht', 'Gebrauchsanweisung', 'Werbeprospekt',
'Roman' usw." (ebd.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
22.03.2025