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Literaturwissenschaftliche Diskursanalysen

Untersuchungsaspekte und Fragestellungen

Antihermeneutische ModelleDiskursanalytisches ModellDiskursanalyse in der Praxis

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
LiteraturAutorinnen und Autoren Literarische Gattungen Literaturgeschichte Motive der Literatur Grundlagen der Textanalyse und Interpretation Überblick Hermeneutische Modelle Antihermeneutische Modelle Überblick Dekonstruktivistisches Modell Diskursanalytisches Modell Überblick Diskursanalytischer Textbegriff Die Medialität der Diskurse Einzelne Begriffe und Konzepte (Foucault) Diskursanalyse in der Praxis   Überblick Arbeitsschrittemodell einer wissenschaftsorientierten Diskursanalyse [ Literaturwissenschaftliche Diskursanalysen Überblick Untersuchungsaspekte und Fragestellungen Interdiskursanalyse Historische Diskursanalyse der LiteraturLinks ins Internet ] Sprachwissenschaftlich-linguistische Diskursanalysen Sozialwissenschaftliche Diskursanalysen Diskursanalyse im Deutschunterricht • Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet   Intertextualität Kontextuelles Modell Sonstige Modelle Literatur und Stil Textauswahl Literaturunterricht Schreibformen  Operatoren im Fach Deutsch
 

 

Literarwissenschaftliche Diskursanalysen, die • keine Einzeltextanalysen vornehmen, setzen voraus, dass literarische Texte mit anderen Texten eng verschränkt sind und richten ihren Blick vor allem auf Zusammenhänge, die zwischen dem literarischen und dem historischen und gesellschaftlichen Diskurs bestehen. (vgl. Becker/Hummel/Sander 22018, S.237)

Dazu stellen Literaturwissenschaftliche Diskursanalysen vor allem zwei Untersuchungsaspekte ins Zentrum.

Sie

  • identifizieren einen bestimmten Diskurs und beschreiben diesen,

  • beschreiben seine Funktionsweisen, d. h. ihre jeweilige Ordnung, Konstitutionsregeln, »Klassifikations-, Anordnungs- und Verteilungsprinzipien« (Foucault 1971f./21992, S.17) (vgl. Becker/Hummel/Sander 22018, S.236)

Im Rahmen ihrer Untersuchungen fragt die literaturwissenschaftlich fundierte Diskursanalyse mit Blick auf die Entstehungsbedingungen und den Verlauf von Diskursen "nach den außerliterarischen Faktoren, die für die thematische Ausrichtung, für die Gegenstände von Diskursen verantwortlich sind, ebenso wie nach der Art und Weise, nach der ein Diskurs von wem geführt und in welchem Modus (Gattungen, Genres, Erzählverfahren) er realisiert wird." (ebd.)

Auch wenn die literaturwissenschaftliche Diskursanalyse zwischen innerdiskursiven ( z. B. literarische Konventionen, Kanon, Buchmarkt, Mäzenatentum) und externen Faktoren ( z. B. kulturpolitische Rahmenbedingungen, gesellschaftspolitische Kräfte und Kräfteverhältnisse), die den Diskurs bestimmen, unterscheidet (vgl. ebd.), bleibt die Diskursanalyse generell auf die Frage nach den allgemeinen Formationsregeln und das "komplexe Bündel von Beziehungen" (Foucault 1981, S.68) fokussiert, "die der Diskurs bewirken muß, um von diesen und jenen Gegenständen reden, sie behandeln, sie benennen, sie analysieren, sie klassifizieren, sie erklären zu können." (ebd.)

In der Praxis geht die literaturwissenschaftliche Diskursanalyse von Fragestellungen aus, die sich auf gesellschaftliche Phänomene bzw. bestimmte Diskurse beziehen, wie z. B. den Geschlechterdiskurs, den Klimadiskurs, den Lebensformendiskurs oder bestimmte Diskursstränge, die Teil eines umfassenderen Diskurses darstellen, wie z. B. Melancholie, Exil, Reisen etc. Sie ordnen literarische Texte diesen Diskursen zu und beschreiben, was sie über deren Thema sagen und nicht sagen.

Unbedeutend für die diskursanalytische Betrachtung ist der Autor bzw. die Autorfunktion. Auch das herkömmliche triadische Modell der literarischen Kommunikation mit den Instanzen des Autors als Urheber des Textes, dem als Einheit verstandenen Text, der auf den Textproduzenten und seine Entstehungsbedingungen verweist, sowie dem Leser als Adressaten, der sich in einem fortschreitenden Dialog mit dem Text nach und nach dessen Sinn aneignet, wird von der Diskursanalyse suspendiert.

Wer also in ihrem Umfeld nach bekannten interpretativen Operationen  sucht, wie z. B. den so genannten • hermeneutischen Zirkel und das Prinzip der • "Horizontverschmelzung" – beides Positionen, die heute gemeinhin als überholt angesehen werden (vgl. Graf 2015, S.191) – wird dies umsonst tun (vgl. Winko 1996/82008, S.471) Deren Gedanke, "dass die Geschichte immer ›unsere‹ Geschichte ist, die ›wir‹ machen, verkennt aus diskursanalytischer Perspektive das Maß an Fremdheit, das durch die Ordnungsmuster, die nicht auf Bewusstsein zurückgeführt werden können, in diese ›eigene‹ Geschichte und die ›eigenen‹ Sinnproduktionen unauslöschlich und von Anfang an eingeschrieben sind" (Sarasin 2005/22006, S.105), wird von Foucault abgelehnt. Für diesen sei die Ordnung des Diskurses eben nicht in einer höheren Ordnung der Geschichte aufgehoben, sondern kontingent, diskontinuierlich und jedem Sinn vorgängig und äußerlich. (vgl. ebd.)

Das liegt wohl in der Natur der Sache, denn die Diskursanalyse Foucaults "wurde nicht als ein Verfahren zur Beschreibung und Deutung von Literatur bzw. von Texten oder Epochen konzipiert" (Becker/Hummel/Sander 22018, S.237) und daher ist wohl, zumindest für diejenigen, die den hermeneutischen  "Verstehens- und Auslegungsprozess" als "die theoretische Basis jeglicher Interpretation" verstehen (ebd., S.193), auch "die Diskrepanz zum literarischen Text und zur hermeneutischen Basis jeglicher literaturwissenschaftlicher Interpretation vielfach unüberbrückbar" (Becker/Hummel/Sander 22018, S.237) Dabei haben auch • kognitionspsychologischer Erkenntnisse den Graben zwischen Hermeneutik und Diskursanalyse eher vertieft.

Natürlich grenzen solche Überlegungen und Einwände die Bedeutung der Diskursanalyse für die Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik deutlich ein. Die Frage: "Was bedeutet der Text?" ist nämlich für Foucault in seiner analytischen Perspektive unwichtig und lenkt von den Fragestellung ab, die ihn interessiert. So gesehen bleibt der Literaturwissenschaft, wenn sie dennoch nach eigenen Maßstäben diskursanalytisch vorgehen will, wohl nicht viel anderes übrig, als diskursanalytische gemeinsam mit hermeneutischen Fragestellungen zu verbinden und auf diese Weise, ohne Einzeltextanalyse, "die dem literarischen Text impliziten Diskurse freizulegen, den Text als • Knotenpunkte von Diskursen zu verstehen" (ebd.) und das diskursive Gewimmel in ihm und um ihn herum zu entwirren.

Der Text bleibt eine wichtige Bezugsgröße

Damit muss aber die "Idee des Textes" nicht gänzlich über den Haufen geworfen werden. zumal "der Text als abgrenzbare Einheit (...) eine Größe (ist), an welcher sich sowohl die Produzierenden als auch die Rezipierenden nach wie vor orientieren." (Bendel Larcher/Eggler (22023, S.92 Kindle Edition) Dies gilt um so mehr im literaturdidaktischen Kontext.

Schließlich werden Texte aller Art "mit Abgrenzungs- und Gliederungshinweisen, mit Verknüpfungshinweisen, mit Themahinweisen und Hinweisen auf die Textfunktion versehen (Hausendorf/Kesselheim 2008)" (Bendel Larcher/Eggler (22023, S.92 Kindle Edition) , bei literarischen Texten u. a. auch die Gattungszuordrdnung (Roman, Novelle etc.), damit die Rezipienten, entsprechendes Wissen vorausgesetzt,  erkennen können, welches Diskursfragment die Autoren der Analyse als eigenständigen Text verstanden wissen wollen, wem als Autor sie den Text selber zuschreiben oder u. U. auch zu welcher Gattung sie einen Text zählen. Daher kann man sich auch bei der Zusammenstellung eines Korpus von Diskursfragmenten "an klassischen, aus dem Alltag vertrauten Textsorten orientieren wie 'Zeitungsbericht', 'Gebrauchsanweisung', 'Werbeprospekt', 'Roman' usw." (ebd.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 22.03.2025

    
 

 
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