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Foucaults Verständnis von Wissen

Wissen als Aussagesystem diskursiver Praxis

« Diskursanalytisches Modell Einzelne Begriffe und Konzepte (Foucault) Macht und Wissen

 
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»Michel Foucaults (1926-1984) • Diskursbegriff ist • wissenssoziologisch fundiert. Dies bedeutet zunächst einmal, dass er neben anderen Annahmen die Grundthese von der • Sozialität des Wissens teilt.

Foucault benutzt, wenn er von Wissen spricht, den Begriff des Wissens immer wieder in der Bedeutung von • ›diskursive Formationen‹ (vgl. Davidson 2003, S. 193, vgl. Kammler 2014, S.303), die ein • "Aussagesystem" (Rosa/Strecker/Kottmann 32018, S. 292) bzw. auch einen • Diskurs bilden. Aber trotz allem gehört der Begriff wohl auch zu denen, die immer wieder mit dem Thema der • "Verunklarung" bei Foucault in Verbindung gebracht werden kann.

Im allgemeinen kann  der Begriff des • Wissens bei Foucault "als empirische Gesamtheit der Elemente" (Kammler 2014, S.303) verstanden werden, "die eine • ›diskursive Praxis‹ ausmachen" (ebd.), ohne als Begriff ein Synonym für •›diskursive Praxis‹ oder ›diskursive Formation‹ darzustellen. (vgl. ebd.)

Was Foucault aber genau unter • Wissen versteht, variiert in seinem Werk. In den 1960er Jahren besitzt die Kategorie des Wissens eine herausragende Bedeutung, was sich in seinen großen historischen Untersuchungen dieser Zeit niederschlägt. Zehn Jahre später, in den 1970er Jahren, interessieren ihn aber immer stärker die • Beziehungen von Wissen und Macht, so dass seine bis dahin dominierende • archäologische Perspektive von der so genannten • genealogischen Perspektive ergänzt und überlagert wird. (vgl. Kammler 2014, S.303)

Foucault sieht jedenfalls auch • in der vielbeschworenen Wissenschaftlichkeit keine Norm, an der sich Wissen bestimmen lässt. Stattdessen fragt er danach, welche Gründe es dafür gibt, dass bestimmte Diskurse bzw. ›diskursive Formationen‹ in der Geschichte ihren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit verloren oder einen solchen Anspruch erworben haben, oder will ergründen, auch auf welche Weise sie diesen Anspruch geltend gemacht haben.

Dabei stellt er • Wissen (έπιστήμη, Episteme) und • Meinung (δοξα, doxa) nicht mehr wie »Platon (428/27-348/47 v. Chr.) einander gegenüber, sondern spricht von einer »Schwelle der Epistomologisierung.« (Balke 2014, S.248).

Wissen i. w. S. wird dann an einem bestimmten Punkt zu • Episteme, worunter er "die Gesamtheit der Beziehungen innerhalb einer diskursiven Formation" versteht, "die dem wissenschaftlichen Wissen Raum geben." (ebd.)

An diesem Punkt angelangt, "(übt) ein bestimmtes • Aussagengebiet im Rahmen einer • diskursiven Praxis, »eine beherrschende Funktion (als Modell, als Kritik, als Verifikation) im Hinblick auf das Wissen aus (...)«." (ebd.)

Allerdings ersetzt Foucault den Begriff der Episteme später mehr und mehr durch seinen • Begriff des Diskurses (vgl. Sarasin 2005/22006, S.97).

Das Zusammenwirken von Macht und Wissen in Macht-Wissens-Komplexen

Der grundsätzlich neue Ansatz Foucaults im Zusammenhang mit dem Wissen besteht allerdings darin, dass er, wie dies die • Definition des Begriffs durch Parr (2014) klarstellt, davon ausgeht, dass das, was wir als gesichertes und unumstößliches Wissen über uns und die Welt ansehen, in den Diskursen unter dem Einfluss von • Macht konstruiert wird.

Das klingt zunächst etwas irritierend, weil wir das gewöhnlich anders sehen. Wir schauen auf uns als einzelne Individuen, die Herr oder Herrin ihrer selbst sind und frei darüber entscheiden, was wir denken, fühlen, sagen oder tun. Dass das, was uns das Wissen vermittelt und als Folge davon das Gefühl gibt, ein autonomes Subjekt zu sein, obwohl wir das im Grunde nicht sind, die Wirkung einer Macht ist, die auf uns unmerklich einwirkt, rüttelt an den Grundfesten unserer Identität. Diese Wirkung beruht auf dem Zusammenspiel von Macht und Wissen sowie den Diskursen, die uns als Subjekt zu dem machen, was wir sind.

Wo Macht und • Wissen zusammenwirken, bilden sich "machtstrategische Verknüpfungen von Diskursen und Praktiken" (Fink-Eitel 1989, S.80). Ihre Verschränkung miteinander führt zu • "Macht-Wissens-Komplexen" (Bublitz 2014, S.275), die Foucault als Dispositive‹ bezeichnet. Was darunter zu verstehen ist, können das • »panoptische Dispositiv« und das • Sexualitätsdispositiv besonders gut verdeutlichen.

Die • Macht-Wissens-Komplexe regeln und normieren unsere Vorstellungen über Recht und Moral, das gute Leben, • "guten" Urlaub, über die Zahl der Geschlechter, ja letztlich über alles, was unser Leben bestimmt, ordnet und ausmacht. Sie legen uns auf bestimmte Sichtweisen auf das Leben und die Welt ebenso fest wie auf uns selbst (Selbst, Selbstbild, Identität) und sorgen dafür, dass diese in unseren Augen als gerechtfertigt bzw. legitimiert erscheinen. Auf diese Weise entwickeln sie sich zu dem jeweils diskursspezifischen Wissen.

Objekte als Objekte des Wissens

Die Macht wirkt als "Motor" für die Konstituierung und Dynamik der Wissensproduktion (vgl. Dreesen/Kumiega/Spieß 2012 S.17) und schafft in ihrer Verschränkung mit den • diskursiven und • nichtdiskursiven Praktiken eines Diskurses oder einer "Formation" die Objekte des Wissens, die Subjekte, die Formen des Selbst, die sozialen Beziehungen und ihre Begriffe und Kategorien.

Dabei geht es nicht nur um Objekte, sondern eben auch um uns selbst, wie wir sind, denken und fühlen und wie wir uns verhalten. Daher sind wir in Wahrheit auch nicht die autonomen mit einem freien Willen ausgestatten • Subjekte, für die wir uns gerne halten. Diskurspezifisches Wissen, die Formationssysteme oder Diskurse prägen auch unser inneres und äußeres Leben als Subjekt.

Um zu verstehen, wie es sein kann, dass die Existenz von Objekten durch einen Diskurs bzw. durch die Regeln einer diskursiven Formation bestimmt werden kann, muss man sich klarmachen, was Foucault unter Objekten eigentlich versteht.

Ganz unabhängig davon, dass unsere sinnliche • Wahrnehmung und unser "Wahrnehmungssystem als Teil der biologischen Ausstattung über ein • reiches und hochstrukturiertes Reservoir an Grundkonzepten (verfügt), das "die Kategorien fes(legt), in denen die von den Sinnen gelieferten Informationen zergliedert werden" (Mausfeld 2005, online, 12.07.06, S.4f., S.6) und damit die Kategorien unserer (Außen-)Welt definiert, richtet Foucault seinen Blick dabei auf die konzeptgeleitete Verarbeitung der Welt.

Objekte sind für ihn daher auch "nicht die »wirklichen« Dinge, sondern Wissensgegenstände, also die Dinge, wie sie etwa einzelne wissenschaftliche Disziplinen innerhalb ihres Interessebereiches als der Betrachtung wert ansehen." (Knoblauch 32014, S.211)

Ein typisches Wissensobjekt, das sich unter bestimmten Machtbeziehungen 19. Jahrhundert im Diskurs der neu aufkommenden Psychopathologie konstituierte, ist das Dispositiv des so genannten "Wahnsinns". Die neue Wissenschaft, die sich wie andere der nun Konjunktur habenden Humanwissenschaften die "Vermessung des Menschen" auf die Fahnen schrieb, zog jetzt klare Grenzen zwischen dem, was als normaler und "unnormaler" Geisteszustand bzw. als normales und abnormales Verhalten fortan zu gelten hatte. (vgl. ebd. ebd., S.211f.)

Der Drang, immer mehr über den Menschen wissen zu wollen, der mehr und mehr zum Objekt wissenschaftlicher Forschung geworden war, führte in diesem Zusammenhang dazu, den bis dahin wahrscheinlich als Spinner verlachten, aber doch als irgendwie der Gemeinschaft zugehörig betrachteten "Verrückten" als gemeingefährlichen Wahnsinnigen in "Irrenhäusern" wegzusperren. Die Wissenschaft schuf damit als diskursive Praxis nicht nur den (modernen) "Irren", sondern auch die "Irrenanstalt" als Institution (nichtdiskursive Praxis), die den Diskurs über den Wahnsinn bestimmt haben. Der Diskurs über den Wahnsinn zeigt dabei auch beispielhaft auf, dass er als "eine Praxis des Denkens, Schreibens, Sprechens und auch Handelns" auch die "Gegenstände, von denen sie handelt, zugleich selbst systematisch hervorbringt." (Parr 2014, S.234)

Es gibt eine beliebig lange ausfallende List für Wissensobjekte, die im Diskurs geschaffen werden und unsere Vorstellungen von uns und der sozialen Welt um uns herum als Dispositive, als Verbindung von Macht und Wissen, bestimmen. Dazu gehören u. a. die  Konstruktion der Nation im Diskurs (Dispositiv der Nation), "die Konstruktion der Transsexualität als Folge einer binären Biologie (die, wider aller Beobachtung, nur noch zwei Geschlechtskategorien zulässt) oder auch die Konstruktion von Straftätern". (Knoblauch 32014, S.212)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 22.03.2025

    
 

 
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