Die Lage des •
Theaters und das Theaterwesens in
Europa im 18. Jahrhundert, so auch in der •
Literaturepoche
der • Aufklärung
(1720-1785), war sehr unterschiedlich (vgl.
Beck 2007,
S.124f.) Seine Entwicklung vollzog sich vor allem im Umfeld der jeweiligen
Volkstheater.
In diesem Zusammenhang
werden darunter keine Theater verstanden, die sich auf die Aufführung von
Volksstücken wie Possen und Schwänke verlegt haben. Stattdessen sollen damit
Theaterformen bezeichnet werden, die sich außerhalb der höfischen
Institutionen entwickelten und "als Alternative zum herrschenden Hoftheater
und nachfolgenden bildungsbürgerlichen Theater – eine Form anspruchsvollen
Emanzipationstheaters darstellen, in dem das ›Volk‹ als Publikum über seine
Bedürfnisse und Interessen aufgeklärt und aktiviert werden soll" (Müller
2007, S.799)
Die höfischen
Theater in den verschiedenen Ländern fanden oft erst nach und nach Anschluss an die
vom Volkstheater vorangebrachten Theaterentwicklung. Zugleich ging auch der
Einfluss des • Laientheaters
mit seinen geistlichen Spielen und Fastnachtsspielen zurück, so dass
auch sie keine wesentlichen Akzente mehr in der europäischen
Theatergeschichte setzen konnten.
In Italien, wo man schon am
Beginn des 16. Jahrhunderts als erstes Land in Europa den Übergang vom
Laien- zu einem Berufstheater vollzogen hatte, standen mit Beginn der
Aufklärung Auseinandersetzungen um die »Commedia
dell'Arte im Mittelpunkt, deren Improvisations- bzw. Stegreiftheater und
Einsatz typisierender Masken, die eine Art "Markenzeichen´" (Brauneck
2012, S. 147) ihres Theaterspiels darstellten zusehends kritisch gesehen
wurde.
Trotzdem gingen von den
italienischen Berufskomikern, deren wichtigstes Spielmotiv Liebesgeschichten
in allen denkbaren Variationen waren, bis ins 18. Jahrhundert hinein
wichtige Impulse für die professionelle Theaterentwicklung aus.
Ihre "verspielte
ästhetische Gegenwelt zu den Vernunft- und Fortschrittspostulaten der
Aufklärung" (ebd.,
S. 150), die »Commedia
dell'Arte-Gruppen in ihrem virtuosen Stegreiftheater mit "unverbindliche(r)
Leichtigkeit" (ebd.)
mit so großem Erfolg vor allem in Italien, Spanien und Frankreich dargeboten
hatten, passte nicht mehr in den Mainstream der geistigen,
gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen der Zeit, hatte sich, wie
Brauneck (2012,
S. 130) lapidar konstatiert, Ende des 18. Jahrhunderts einfach "überlebt":
"Die Zukunft gehörte der psychologisch differenzierten, realistischen
Schauspielkunst, die dem Geist der neuen, nun auch bürgerlich geprägten
Theaterkultur entsprach."
In
Spanien erhielt das Volkstheater schon im 16. Jahrhundert mit den »Corralbühnen
in den Innenhöfen der »Theaterbruderschaften,
dauerhafte Spielstätten. In den teil sehr engen Freilufttheatern der
ursprünglich religiösen Bruderschaften, in denen sich Komiker, Schauspieler
und Autoren zusammenfanden, waren die Zuschauer nach gesellschaftlichem Rang
und Geschlecht getrennt. Im »Corral
des Príncipe (Teatro del Príncipe) in Madrid fanden annähernd 2.000
Zuschauer*innen Platz, die den mit zunächst geringem bühnetechnischen
Aufwand inszenierten Darbietungen von Logen oder dichtgedrängt vom Innenhof
aus zusehen konnten. Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurde die Bühnentechnik
verbessert und das Schauspielgewerbe professionalisierte sich zusehends hin
zu einem kommerziellen Schauspielgewerbe, das von einem als freier
Unternehmer wirtschaftenden Prinzipal geleitet wurde. (Brauneck
2012, S. 143f.)
In
Frankreich setzte sich allmählich das »klassizistische
»Regeldrama
»Pierre
Corneilles (1606-1686) und »Jean
Racine (1639-1699) im Bereich der •
Tragödie und »Molières
(1622-1673) bei der •
Komödie durch, auch
wenn daneben noch längere Zeit das von der italienischen »Commedia
dell'Arte beeinflusste »Théâtre
Itallien existierte.
Im
Unterschied zu den anderen Ländern entwickelte sich in Frankreich schon im
frühen 17. Jahrhundert ein Berufstheater, das in die staatliche
Kulturpolitik integriert war. Das »Théâtre
de l’Hôtel de Bourgogne war wie das »Théâtre
du Marais oder das »Hôtel
du Petit-Bourbon mit seinem
»Grande
Salle waren feste Spielstätten, wo französische Berufsschauspieler mit
königlichen Lizenzen für ihr Auftreten ausgestattet ihre Stücke zunächst in
italienischer, dann ab 1684 auch in französischer Sprache aufführten.
1680
verfügte ein Dekret des Königs den Zusammenschluss der Theatertruppen, die
im Hotel de Bourgogne und im »Salle de la Bouteille (Théâtre Guénégaud) auftraten, zur »Comédie
Francaise, dem Nationaltheater, die etwas später im Palais des Quatres
Nationes eine dauerhafte Spielstätte bekam.
Mit
ihren • dramentheoretischen Positionen hatte
die französische Klassik auf das von »Johann
Christoph Gottsched (1700-1766) propagierte regelpoetisch
aufgebaute Drama der Aufklärung in Deutschland eine gewisse Zeit lang großen
Einfluss. Mit der von ihm vertretenen •
Literarisierung des Theater sollte die deutsche Bühne von der als
"primitiv" empfundenen Wandertruppe und der »Stegreifkomödie
(»Hanswurst-Figuren) befreit
und zu einer Institution werden, die ihre •
Zuschauer
erziehen und moralisch verbessern sollte. (delectare et prodesse).
In
England gab es dagegen schon längere Zeit dauerhafte Spielstätten und
private Theater außerhalb Londons wie z. B. das »Globe
Theatre (1599), wo alle Stücke das »William
Shakespeares (1564-1616) mit prächtigen Kostümen und viel Musik aber nur
wenigen Kulissen oder Requisiten aufgeführt wurden. Es bot wie das
Blackfriars Theatre (1576), das »Rose
(1587),oder das »Swan
Theatre (1595) bis zu 3.000 Zuschauer*innen Platz. (Brauneck
2012, S. 143). Daneben gab es in der »elisabethanischen
Zeit aber noch etliche weitere Theater, von denen heute nichts mehr
übrig ist.
Die Theater waren ähnlich gebaut: Im "Pit", d. h. auf dem Erdboden, standen
die einfachen Leute, während die Reichen in den mehrgeschossigen,
überdachten Galerien saßen. In der Mitte des Pits stand ein erhöhtes
Spielpodest, gut sichtbar von allen Rängen. Die große Bühne enthielt eine
kleinere Bühne und die Garderobe der Darsteller. Darüber befand sich ein
Balkon mit Strohdach, auf dem ein Turm für den Trompeter stand, der den
Beginn ankündigte. Dort war auch die Flugmaschine für besondere Auftritte
untergebracht. Auf dem Dach wehte eine Fahne mit dem Emblem des Theaters,
z. B. ein Schwan beim »Swan
Theatre (1595). Während einfache Theater offen waren, waren das
Blackfriars, das Salisbury Court Theatre und das Cockpit Theatre bereits
überdacht.
Die Bühnen im »elisabethanischen
Zeitalter waren der Raum, auf dem sich die professionelle
Schauspielkunst in England in dieser Zeit weit entwickelte. Bis 1660
bestanden die Schauspieltruppen, die nach ihrem Patron benannt waren (z. B.
»Lord
Chamberlain's Men), nur aus Angehörigen des männlichen Geschlechts, die
auch die Frauenrolle spielten. Da die englischen Theater unter den
theaterfeindlichen Repressalien der calvinistischen Puritaner zu leiden
hatten, verließen einige mehr oder weniger namhafte •
Gruppen englischer
Komödianten England (z. B. die •
Truppe von Robert
Browne (ca.1533-1622) und zogen als •
Wandertruppen schon seit
dem 16. Jahrhundert in anderen Ländern Europas umher. Sie brachten nicht nur
neue Stoffe und Stücke mit, sondern allem voran einen neuen Spielstil und
eine zum Teil beachtlichte schauspielerische Leistung, die, wie
Szyrocki
(1979/1994, S.296), betont, in den Handwerker- und Schulstücken,
die das breite Publikum sonst zu sehen bekam, nicht erreicht wurde. Dies
förderte die Entstehung eines Berufstheaters in Deutschland.

Im
deutschsprachigen Raum gab es • kaum feste Theaterspielstätten.
Bestenfalls gab es
•
Hoftheater in verschiedenen Residenzen der absolutistischen Fürsten, die
aber kein festes professionelles Ensemble besaßen. Dort gastierten
hin und wieder professionelle Sänger, Schauspieler oder Tänzer,
manchmal wurden auch • Wanderbühnen für
kurze Zeit engagiert.
Was sonst zur Aufführung gebracht wurde, waren in
diesen Liebhaber- oder auch Dilettantentheater genannten Einrichtungen
kleinere und größere Stücke, in denen alle Rollen von Mitgliedern des Hofes
übernommen wurden und einem kleineren Kreis ausgewählter Zuschauer*innen
dargeboten wurden.
Daneben gab es vor allem etliche •
Wanderbühnen professioneller
Theatertruppen, die von Stadt zu Stadt zogen und allerlei verschiedene
Stücke im Repertoire hatten, von englischen Komödien mit und ohne die •
Narrenfigur des
Pickelhäring bis hin zu regelechten »Hanswurst-Tiaden bzw.
»Haupt-
und Staatsaktionen mit komischen Nachspielen. Sie spielten
ohne größeren bühnentechnischen Aufwand, wo immer man es ihnen gestattete,
oft in einfachen Bretterbuden, in Scheunen, Wirtshäusern und unter freiem
Himmel auf öffentlichen Plätzen, oft auch inmitten von Jahrmärkten und
Messen, wo aufzutreten ihnen schon seit Ende des 16. Jahrhunderts am ehesten
erlaubt wurde.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
04.09.2025
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