•
Johann Christoph Gottsched: Von Comödien oder Lustspielen (1730,
Auszüge)
Das, was die •
Wanderbühnen unter dem Beifall ihres Publikums allerorten
zum Besten gaben, erregte den Unmut etlicher
Intellektueller im Land, die fast unisono mit den Kritikern der
Kirche, Pietisten und sonstigen "Moralaposteln" befürchteten, die Possen, Zoten und
Anzüglichkeiten, die dabei zur Schau gestellt würden, könnten zu
einem Verfall der Sitten beitragen.
Daher befassten
sie sich mit der Frage, wie diese Erscheinungen von der Bühne zu
vertreiben waren und zugleich eine Geschmacksveränderung des
Publikums bewirkt werden konnte, das genau daran offenbar die
größte Freude hatte.
Zudem wünschten sie
diese Intellektuellen ein
anspruchsvolleres Theater und Theaterspiel, das sich an den
französischen Vorbildern der Zeit orientierte. Nur so, so
meinten sie, käme das Theater auf die Höhe der Zeit mit ihrer
Betonung von Vernunft und bürgerlicher Moral.
Auch »Johann
Christoph Gottsched (1700-1766) wollte mit seiner
Literatur- und Bühnenreform u. a.
die derben körpersprachlichen Ausdrucksformen der Komödianten
zugunsten einer stilistisch gehobeneren sprachlichen Komik
zurückdrängen. Was er propagierte, kann aber auch als "Akt
kultureller Disziplinierung" (Alt
2007, S.245) verstanden werden, die sich mit ihrer
Affektkontrolle in die verschiedenen •
Prozesse der Sozialdisziplinierung der frühen Neuzeit fügte
und im kulturellen Bereich ihren Beitrag zur •
Sozialisation der Gesamtgesellschaft (vgl.
Schulze 1987,
S.274)
leistete.
Gottsched (1700-1766) leitete in dieser Zeit mit seiner
Literaturreform eine beispiellose
Wende in der deutschen Theatergeschichte ein, die man als die
Literarisierung des Theaters
bezeichnen kann.
Sie basierte im Kern auf der
Literarisierung
des Lustspiels, dessen bis dahin stark vom nonverbalen Spiel und körpersprachlichem Ausdruck lebenden Darstellungstechniken "sozialdiszipliniert"
werden sollten. Zudem sollte das Lustspiel mit einer letztlich
moraldidaktisch begründeten Vermittlungsfunktion betraut werden
(vgl. Alt
2007, S.246), die die zu einem Theater passte, das eine
Institution werden sollte, "von der aus »moralische Lehrsätze
... seinen Zuschauern auf sinnliche Art eingeprägt« werden
sollten" (Brauneck
2012, S.199)
Gottsched
empfand nicht die geringste Sympathie für das in seinen Augen platte
Komödienspektakel, das die •
Wanderbühnen ihrem Publikum darboten. Er wertete ihre
Vorstellungen als ›lauter schwülstige und mit
Harlekins=Lustbarkeiten untermengte Haupt= und Staats = Actionen‹,
lauter unnatürliche Romanstreiche und Liebesverwirrungen, lauter
pöbelhafte Fratzen und Zoten" (zit. n.
Stephan
1992, S.133) ab.
Statt des "Pöbeltheaters"
(ebd.) der Wandertruppen und der Stegreifkomödie
(Hanswurst-Figuren) sollte auch die
• Komödie der
Aufklärung » das
Publikum nicht nur unterhalten, sondern vor allem
erziehen und moralisch verbessern. (delectare et prodesse).
Häufig
thematisierte sie die Überlegenheit bürgerlicher Tugenden
(Fleiß, Bescheidenheit, Vernunft) im Vergleich zur
Lasterhaftigkeit des Adels oder eben auch mit Blickrichtung auf
die ungebildete Bevölkerungsmehrheit. Was dem Lachen preisgeben
wurde, sollte zum Nachdenken anregen. Die
didaktische Orientierung der Komödie sollte dazu sittliche,
aber auch ganz lebenspraktische Fehler aufzeigen, die besser
vermieden werden sollten.
Vor allem die so
genannten »Haupt-
und Staatsaktionen, einer Mischung aus dramatischen Vorlagen
und Stegreiftheater, bei dem die Schauspieler "aus dem »Stegreif" wie schon bei der •
Commedia
dell’arte (Improvisationskomödie) spielten, zielten bei
ihrer Inszenierung mehr auf möglichst spektakuläre Effekte,
zeigten möglichst pompöse Szenen (z. B. Krönungsszenen und
Festgelage), bei denen die Schauspieler prachtvolle
Kostüme trugen und kümmerten sich recht wenig um die
dichterische Vorlage, die sie eigentlich nur als Sprungbrett für
ihre Improvisationen nutzen. Effekt und Wirkung war alles, das
künstlerische Niveau dagegen galt nichts.
Gottsched ging
es bei seiner Literaturreform daher zunächst einmal um die
Etablierung von Regeln (z.
B. • Lehre von den drei Einheiten,
Ständeklausel, •
plausible, weil mimetische Handlungsgestaltung., symmetrische Strukturen).

Für
größere (740px) und
große Ansicht (1200px) bitte an*klicken*tippen!
Dabei
orientierte er sich am »französischen Klassizismus (»Pierre
Corneille (1606-1684),
»Jean Racine (1639-1699),
»Moliere
(1622-1673) und zum Teil aber auch an
»Aristoteles
(384-322 v. Chr.)
und seiner •
Tragödientheorie. Die
Regeln sollten die deutsche Bühne von der als "primitiv"
empfundenen Wandertruppe und der »Stegreifkomödie
(»Hanswurst-Figuren) befreien.
Gemeinsam mit •
Caroline Neuber (1697-1760), die
eine wegen ihrer zahlreichen Gastspiele z. B. in Hamburg,
Frankfurt, Braunschweig oder Straßburg bekanntesten
Theaterkompanien, oft die
Neuber'sche Truppe genannt, als
Prinzipalin, wie man damals sagte, leitete, und seiner Frau
•
Luise
Adelgunde Victorie (1713-1762), die einige der neuen
regelkonformen Komödien verfasste, sollte nach dem Willen
Gottscheds "das Stegreifspiel, alles Possenhafte und Burleske
wie auch alle spektakulären Effekte der Bühnenmaschinerie [...]
zurückgedrängt, vor allem der »Hanswurst
– die Symbolfigur für alle oberflächlichen Rivalitäten – sollte
von der Bühne vertrieben werden." (Brauneck
2012, S.199)
Etliche, besonders weithin bekannte Wandertheatergruppen,
darunter auch die Neubersche Truppe von »Caroline
Neuber (1697-1760), begannen in dieser Zeit damit, ihr
Improvisationsspiel einzuschränken, sich strenger an die zumeist
französischen Dramentexte zu halten und diese mittels des
französisch-pathetischen Theaterstils (siehe Regeldrama)
darstellerisch umzusetzen.
Angesichts der Tatsache, dass das
Publikum die Hanswurstiaden der anderen Wandertheater eigentlich
mit großem Genuss sahen, war der Weg, den Caroline Neuber nicht
ohne Risiko, schließlich hatte sie auch dafür zu sorgen, dass
ihre Theaterkompanie finanziell versorgt war. Dass sie diese
Risiken einging, und dabei die ersten Schritte "in die Richtung
einer disziplinierten Schauspielkunst, weg von einem den Stars
in den Truppen überlassenen Improvisationstheater" (Brauneck
2012, S.199) ging, macht sie im Nachhinein zur wichtigsten
Theaterreformerin ihrer Zeit. Was sie antrieb, forderte auch von den Schauspielern ein höheres Können und
verhalf dem deutschen Theater zu einer künstlerischen
Aufwertung.
In der Blütezeit der
deutschen Komödie der Aufklärung Gottschedscher Prägung zwischen
1740 und 1760 bestimmte sie mit ihrer
moralischen und
didaktischen Ausrichtung, ihrer Vernunftorientierung, ihrer
plausiblen Handlungsführung, ihren bestimmten Regel folgenden
Strukturen, mit ihrer •
Tendenz zur Typen- statt
der Charakterkomödie, ihrer •
Ablehnung des "Hanswurst" und
des derben Humors, ihrer •
Fokussierung auf die bürgerlichen Lebenswelt
bei Beachtung
der sog. Ständeklausel und ihrer Art,
•
Konflikte durch rationale Einsicht und vernünftiges Handeln zu
lösen, die Komödienproduktion der Zeit. Nach ihrer Blütezeit
hatte sie allerdings kaum noch literarische Bedeutung. (vgl.
Steinmetz 1996a, S.1)
Allerdings führte dies in einer Zeit, die sich
bereits von den klassischen Vorgaben löste, in Frankreich ebenso
wie in Deutschland, zu Kritik.
Die auf Typisierung und
Repräsentation hin ausgelegte französische Darstellungsweise mit
ihren höfischen Kostümen und Gebärden wurde vom weniger
gebildeten deutschen Publikum nicht verstanden und blieb
deswegen erfolglos.
Auch etliche
namhafte Dichter, darunter vor allem »Gotthold
Ephraim Lessing (1729-1781), fühlten sich trotz der
unbestreitbaren Niveauverbesserung, die die Literarisierung des
Theaters mit sich brachte, von der "starre(n)
Regeldogmatik Gottscheds und seiner Freunde" (Stephan
1992, S.135) in ihrer Gestaltungsfreiheit eingeengt, so dass
die vom Ehepaar Gottsched geprägte aufklärerische Komödie in
Deutschland vergleichsweise schnell ihren herausragenden Platz
verlor.
Gert Egle. zuletzt bearbeitet am:
04.09.2025