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Johann Christoph Gottsched: Von Comödien oder Lustspielen  (1730, Auszüge)

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Johann Christoph Gottsched (1700-1766)
Von Comödien oder Lustspielen (1730, Auszüge)
In: Versuch einer critischen Dichtkunst 1730

"11. §. Bey uns Deutschen hat es vor und nach Opitzen1 an Comödienschreibern zwar niemals gefehlt: aber nichts destoweniger haben wir nichts rechtes aufzuweisen, was unsrer Nation Ehre machen könnte. Wir haben wohl ganze Fuder2 Comödien, die in Hans Sachsens3 Geschmacke geschrieben, und meistens aus der Bibel genommen sind. [... ]  Aber sie sind auch mehrentheils so künstlich, wie dieses nürnbergischen Meistersängers4 seine Werke [... ]

12. §. Andreas Gryphius5 hat es ohne Zweifel in Comödien bey uns im vorigen Jahrhundert am weitesten gebracht. Seine Säugamme6, sein Horribilicribrifax7 und Peter Sqvenz8 sind ziemlich wohl gerathen, und stellen solche lächerliche Thorheiten vor, die dem Zuschauer viel Vergnügen und Nutzen schaffen können. Nur in dem Zusammenhange der Auftritte, in der Menge der spielenden Personen, und in der Einheit des Ortes, hat er es, auch Art aller unsrer Alten, sehr versehen. [... ]
Was sonst von den besten deutschen Comödianten gespielet wird, das ist gemeiniglich aus dem Französischen übersetzt; welches auch so lange ganz gut ist, bis wir mit der Zeit eigene comische Poeten bekommen werden, die was gescheidtes machen können. Denn was manche Cömödianten selbst zusammen stümpeln, das ist nichts besser, als die Geburten der italienischen Schaubühne, und zeigt so viele Proben von dem Mangel ihrer Einsicht, als Auftritte ein Schmarutzer, Kuchenfresser oder altenburgischer Bauer, nur aufzuweisen hat; der verwünschten Jungfer hier nicht zu gedenken, die vollends das Abgeschmackte aufs höchste treibt. Was aber die gemeinen Possenspieler aufführen, das ist entweder aus einem Roman zusammen gestümpelt; oder aus der Ollapatrida9 entlehnet. Daher ist es kein Wunder, daß man noch nichts gescheidtes vorstellen sieht, dafern es nicht irgend aus Molieren10 entlehnt, oder ganz übersetzet worden.

13. §. Die Comödie ist nichts anders, als ein Nachahmung einer lasterhaften Handlung, die durch ihr lächerliches Wesen den Zuschauer belustigen, aber auch zugleich erbauen kann. So hat sie Aristoteles11 beschrieben, und zugleich erkläret, was er durch das Lächerliche verstünde. Er sagt aber sehr wohl, daß es was ungestaltes oder ungereimtes sey, das doch demjenigen, der es an sich hat, keinen Schmerz verursachet [... ] Es ist also wohl zu merken, daß weder das Lasterhafte noch das Lächerliche für sich allein, in die Comödie gehöret; sondern beydes zusammen, wenn es in einer Handlung verbunden angetroffen wird. Vieles läuft wider die Tugend, ist aber mehr strafbar und widerlich, oder gar abscheulich, als lächerlich. Vieles ist auch lächerlich; wie zum Exempel die Harlekinspossen12 der Italiener: aber darum ist es doch nicht lasterhaft. Beydes gehört also nicht zum Wesen eines rechten Lustspiels: denn

OMNE TULIT PUNCTUM, QUI MISCUIT VTILE DULCI, LECTOREM DELECTANDO PARITERQUE MONENDO.13

[... ]

14. §. Nach dieser Regel ist es leicht, alle Comödien zu beurtheilen: wo man denn finden wird; daß eine große Menge nicht nach den Regeln der Vernunft gemacht ist. [... ]

15. §. Zu einer comischen Handlung nun kann man eben so wenig, als zu tragischen, einen ganzen Character eines Menschen nehmen, der sich in unzähligen Thaten äußert; als z.E. einen Cartousche14 mit allen seinen Spitzbübereyen. Es muß eine einzige recht wichtige Spitzbüberey genommen werden, dazu viele Anstalten gehören, ehe sie ausgeführet werden kann; [... ]

16. §. Die Fabeln15 der Comödie werden also auf eben die Art gemacht, als die tragischen; und können eben sowohl in schlechte, einfache und gemeine, dergleichen die obige ist; und in verworrene, die eine Entdeckung, oder doch einen Glückswechsel haben, eingetheilt werden. [... ] In meiner Schaubühne*, haben der politische Kanngießer16, der deutsche Franzose17, das Gespenste mit der Trummel18, und der poetische Dorfjunker19, solche Entdeckungen unbekannter Personen in sich. Der Menschenfeind20 aber, die Spielerinn21, der Bramarbas22, der Verschwender, u.a.m. sind Fabeln von der ersten Art. Dem ungeachtet haben doch alle ihren gewissen Knoten, der sich im Anfange der Comödie einwickelt, und hernach geschickt und wahrscheinlich auflöset. Dieses ist nun die ganze Kunst. Die Italiener machen gemeiniglich gar zu viel unnatürliche Künsteleyen. Sie verkleiden sich unzähligemal. Bald ist der Liebhaber eine Seule, bald eine Uhr, bald eine Trödelfrau, bald ein Gespenste, bald gar eine Baßgeige; um nur zu seinem Zwecke zu gelangen. Denn weiter ist bey ihren Comödien ohnedieß, an nichts zu gedenken; als an Liebesstreiche, da man entweder die Aeltern oder die Männer betrüget. Diese Materie aber ist schon so abgedroschen, daß ich nicht begreifen kann, wie man sie nicht längst überdrüßig geworden. Eben so kömmt es mir vor, wenn sich alle Stücke mit dem Heirathen endigen. Ist denn weiter nichts in der Welt, als das Hochzeitmachen, was einen frölichen Ausgang geben kann? Moliere23 selbst hat sich dieses Kunstgriffes zu oft bedienet: da er doch fähig gewesen wäre, hundert andere Verwickelungen und Auflösungen seiner Fabeln zu erfinden. [... ].

17. §. Die Personen, die zur Comödie gehören, sind ordentliche Bürger, oder doch Leute von mäßigem Stande, dergleichen auch wohl zur Noth Barons, Marquis und Grafen sind: nicht, als wenn die Großen dieser Welt keine Thorheiten zu begehen pflegten, die lächerlich wären; nein, sondern weil es wider die Ehrerbiethung läuft, die man ihnen schuldig ist, sie als auslachenswürdig vorzustellen. [... ]

18. §. Die ganze Fabel einer Comödie muß, ihrem Inhalte nach, die Einheit der Zeit und des Ortes24, eben so wohl, als die Tragödie, beobachten. Ein Haus oder ein Platz auf öffentlicher Straße muß der Schauplatz werden, wenn sie in der Stadt vorgeht: sonst könnte es auch wohl ein adelicher Pallast, ein Garten, oder bey Schäferstücken ein Wäldchen seyn. Aber wie er einmal ist; so muß er das ganze Stück durch bleiben, wie oben schon erwiesen worden. [... ] Die Zeit darf auch nicht länger, als etliche Stunden, nicht aber ganze Tage und Nächte dauren. Die Eintheilung derselben muß eben sowohl, wie oben in Trauerspielen, in fünf Aufzügen geschehen, ungeachtet die Italiener nur dreye zu machen pflegen: denn sonst werden sie gemeiniglich gar zu lang, und bekommen so viel Auftritte hinter einander, daß man sich verwirret. Man zählt aber die Scenen nach dem Auf- und Abtritte einer Person. So bald eine kömmt, oder eine weggeht, so rechnet man einen neuen Auftritt: und nachdem sie kurz oder lang gerathen, nachdem müssen auch viele oder wenige zu einem Aufzuge seyn. Das merke ich hier abermal an, daß die Schaubühne niemals ganz leer werden muß, als bis der Aufzug aus ist. [... ] Wenn also jemand auftritt, so muß er allezeit jemanden finden, mit dem er redet: und wenn jemand weggeht, so muß er einen da lassen, der die Bühne füllet, es wäre denn, daß er mit Fleiß dem Neuankommenden ausweichen wollte.  [... ]

19. §. Da ich von Auftritten handle, so muß ich auch der einzelnen gedenken, wo nur eine Person auftritt. Bey den Alten25 zwar hatten diese mehr Wahrscheinlichkeit, als bey uns; weil nämlich damals der Chor26 allezeit auf der Bühne stund, und mit für eine Person anzusehen war: und also redete da die einzelne Person nicht mit sich selbst. Bey uns aber ist die Bühne leer; und die Zuschauer gehören nicht mit in die Comödie: folglich hat die Person niemanden, den sie anreden könnte. Kluge Leute aber pflegen nicht laut zu reden, wenn sie allein sind; es wäre denn in besondern Affecten, und das zwar mit wenig Worten. Daher kommen mir die meisten einzelnen Scenen sehr unnatürlich vor;  [... ] Man hüte sich also davor, so viel man kann; welches auch mehrentheils angeht, wenn man dem Redenden noch sonst jemand zugiebt, der das, was er sagt, ohne Gefahr wissen und hören darf. Eben so übel steht es, wenn jemand für sich auf der Schaubühne redet, doch so, daß der andre, der dabey steht, es nicht hören soll;27 gleichwohl aber so laut spricht, daß der ganze Schauplatz es verstehen kann. Was hier für eine Wahrscheinlichkeit stecke; das habe ich niemals ergründen können: es wäre denn, daß die anwesende Person auf eine so kurze Zeit ihr Gehör verlohren hätte.[... ]

20. §. Von den Characteren in der Comödie ist weiter nichts besondres zu erinnern; als was bey der Tragödie schon vorgekommen ist. Man muß die Natur und Art der Menschen zu beobachten wissen, jedem Alter, jedem Stande, jedem Geschlechte, und jedem Volke solche Neigungen und Gemüthsarten geben, als wir von ihnen gewohnt sind. Kömmt ja einmal was außerordentliches vor; z.E. daß etwa ein Alter nicht geizig, ein Junger nicht verschwenderisch, ein Weib nicht weichherzig, ein Mann nicht beherzt ist: so muß der Zuschauer vorbereitet werden, solche ungewöhnliche Charactere für wahrscheinlich zu halten; welches durch Erzählung der Umstände geschieht, die dazu etwas beygetragen haben. Man muß aber die lächerlichen Charactere nicht zu hoch treiben. So bald der Zuschauer glauben kann, so gar thöricht würde wohl kein Mensch in der Welt seyn: so bald verliert der Character seinen Werth. Darinn verstoßen es zuweilen auch die besten Poeten; [... ]

21. §. Von den Affecten ist hier ebenfalls nichts neues zu sagen; als daß man die tragischen, nemlich die Furcht, das Schrecken und Mitleiden zu vermeiden habe. [... ] Von der Liebe und Lustigkeit darf man wohl keine Regeln geben: denn darauf verfallen die gemeinsten Comödienmacher von sich selbst. Sie mögen sich nur in acht nehmen, daß sie in der ersten, nicht die Gesetze der Schamhaftigkeit und Zucht, in der andern die Ehrbarkeit nicht aus den Augen setzen. [... ] Diese Regel ist um desto nöthiger zu wiederholen und einzuschärfen, da auch Leute, die sich einer verbesserten Schaubühne rühmen, und sich selbst für die Verbesserer derselben ausgeben, mit solchen Fratzen aufgezogen kommen; und durch das niedrigste Zeug ihre Zuhörer zu belustigen suchen. Ja sie mengen wohl in solche Stücke Zoten ein, die von ihren Verfassern aufs ehrbarste abgefasset worden, [... ]

22. §. Und dieses führet mich auf die Schreibart der Comödien. Sie besteht aus den Gedanken und Ausdrückungen derselben, und hierinn ist die Comödie von der Tragödie sehr unterschieden. Das macht, daß dort fast lauter vornehme Leute; hier aber Bürger und geringe Personen, Knechte und Mägde vorkommen: dort die heftigsten Gemüthsbewegungen herrschen, die sich durch einen pathetischen Ausdruck zu verstehen geben; hier aber nur lauter lächerliche und lustige Sachen vorkommen, wovon man in der gemeinen Sprache zu reden gewohnt ist. Es muß also eine Comödie eine ganz natürliche Schreibart haben, und wenn sie gleich in Versen gesetzt wird, doch die gemeinsten Redensarten beybehalten. [... ] Wir haben auch im Deutschen schon etliche Exempel davon erlebet, die nicht übel gerathen sind. Nur es muß keine poetische Schreibart darinnen herrschen, und außer dem Sylbenmaaße sonst nichts gleißendes oder gekünsteltes dabey vorkommen. Es schicken sich aber nach dem Muster der Alten keine andere, als jambische Verse dazu, und zwar lange sechsfüßige, oder gar achtfüßige, mit ungetrennten Reimen; oder welches noch besser wäre, ohne alle Reime, wie auch die Italiener des XV. Jahrhunderts sie gemacht haben, und die Engländer sie noch diese Stunde machen. [... ]

23. §. Von der Lustigkeit im Ausdrucke möchte mancher fragen, wie man dazu gelangen könne? Ich antworte, das Lächerliche der Comödien muß mehr aus den Sachen, als Worten entstehen. Die seltsame Aufführung närrischer Leute, macht sie auslachenswürdig. Man sehe einen Bramarbas28 und Stiefelius29, einen deutschen Franzosen30 und politischen Kannengießer31 in unsrer Schaubühne an: so wird man sich des Lachens nicht enthalten können; obgleich kein Wort an sich lächerlich ist. [... ] Allein kleine Geister, die keine Einsicht in die Moral besitzen, und das ungereimte Wesen in den menschlichen Handlungen weder wahrnehmen noch satirisch vorstellen können, haben sich auf eine andre Art zu helfen gesucht. Sie haben das Lächerliche nicht in den Sachen, sondern in närrischen Kleidungen, Worten und Geberden zu finden gemeynet. Daher hat Harlekin32 und Scaramutz33 die Hauptperson ihrer Lustspiele werden müssen. Diese müssen durch bunte Wämser, wunderliche Posituren und garstige Fratzen, den Pöbel zum Gelächter reizen. Von diesen allen haben die Alten nichts gewußt; [... ]

24. §. Terenz34 hat seine Comödien ohne eine lustige Person lächerlich genug zu machen gewußt: das neue französische Theater hat gleichfalls bisher keinen Harlekin nöthig gehabt, die Zuschauer zu belustigen, obgleich Moliere darinn ein böses Exempel gegeben hatte. Destouches35, und einige andere nämlich, haben sich gar wohl ohne diese phantastische Person behelfen können: und ein Poet setzet sich wirklich in Verdacht, als verstünde er sein Handwerk, das ist, die Satire nicht; wenn er ohne die Beyhülfe eines unflätigen Possenreißers, nichts lustiges auf die Schaubühne bringen kann. Boileau36 hat diese schmutzige Zoten seinen Schülern ernstlich untersagt; und den Moliere selbst nicht geschont, der sich auch oft dem Pöbel in diesem Stücke bequemet hatte. [... ] Hieraus ist nun leicht zu schließen, was von dem THEATRE ITALIEN37 und THEATRE DE LA FOIRE38, wo lauter abgeschmacktes Zeug vorkömmt, für ein Werks zu machen sey: darüber ein Kluger entweder gar nicht lacht; oder sich doch schämt, gelachet zu haben; imgleichen was von allen deutschen Narren zu halten sey, sie mögen nun von alter Erfindung seyn, wie Hans Wurst39 oder Pickelhering40, dessen sich Weise noch immer bedienet hat; oder auch von neuer Art, wie der sogenannte Peter41, oder Crispin42, oder wie sie sonst heißen mögen. Eben die Gründe, die wider jene streiten, sind auch allen diesen Geschöpfen einer unordentlichen Einbildungskraft zuwider, die kein Muster in der Natur haben.

25. §. Maschinen müssen in Comödien nicht vorkommen: weil die Götter sich in die thörichten Handlungen schlechter Leute nicht mischen. [... ] Die Kleidungen der Personen müssen nach ihrem Character und Stande eingerichtet seyn: nur der Harlekin hat hier, ich weis nicht warum, eine Ausnahme. Er soll zuweilen einen Herrendiener bedeuten: allein, welcher Herr würde sich nicht schämen, seinem Kerle eine so buntscheckigte Lieberey zu geben? Der Scapin43 hat eine spanische Tracht; und das kann man in einem spanischen Stücke schon gelten lassen; allein bey uns schickt sichs nicht. Den Scaramutz44, Pantalon45, Anselmo46, Doctor 47 und Capitain48, Pierrot49 und Mezetin50, und wie die närrischen Personen der italienischen Comödien mehr heißen, können wir auch entbehren. Denn warum soll man immer bey einerley Personen bleiben? Die Namen dörfen auch in einer Comödie nicht aus der Historie genommen werden. So bald die Personen neue Charactere haben, müssen sie auch neue Namen bekommen: um die Verwirrung zu vermeiden, die sonst bey dem Zuschauer vieler Comödien entstehen könnte. Die Verzierungen der Schaubühne stellen den Ort vor, wo die ganze Fabel gespielet wird. Gemeiniglich ist es ein Bürgerhaus, oder eine Gasse der Stadt, da man an beyden Seiten verschiedene Häuser sieht. Die Musik anlangend, so wissen wir, daß in der neuen Comödie und bey den Römern keine Chöre gebraucht worden. [... ]

26. §. Wir Deutschen müssen uns so lange mit Uebersetzungen aus dem Französischen behelfen, bis wir werden Poeten bekommen, die selbst etwas regelmäßiges machen können. In meiner Schaubühne habe ich ihnen nunmehr zehn Muster von der guten Art vorgeleget; wenn sie sich den Geschmack nach diesen bilden, so werden sie auf keinen unrechten Weg gerathen. Es sind auch bereits verschiedene Proben von guten Köpfen gemacht worden, die ich in den folgenden Theilen ans Licht stellen werde. Es kömmt nur darauf an, daß unsre große Herren sich endlich einen Geschmack von deutschen Schauspielen beybringen lassen: denn so lange sie nur in ausländische Sachen verliebt sind, so lange ist nicht viel zu hoffen. Etliche von unsern Comödianten haben ihre Schaubühne allbereit bey vielen Kennern durch die ordentlichsten und auserlesensten Stücke beliebt gemacht; und wenn sie fortfahren, so wird auch mit der Zeit in diesem Stücke Deutschland den Ausländern nichts nachgeben dörfen."

Quelle: Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. 12 Bände, Band 6,2, Berlin und New York 1968–1987, S. 335-360. -  http://www.zeno.org/nid/2000487448X

Anmerkungen und Worterklärungen:

*Schaubühne: »Deutsche Schaubühne nach den Regeln der alten Griechen und Römer eingerichtet (1740-45; 6 Bde.), eingerichtet und mit einer Vorrede herausgegeben von J. C. Gottscheden (=Sammlung von Übersetzungen und Original werken)

1 Opitzen: »Martin Opitz (1597-1639) Begründer der Schlesischen Dichterschule, deutscher Dichter und ein bedeutender Theoretiker des • Barock (1600-1720), der mit seiner • Literaturreform die neue "Kunstdichtung", mit der vorwiegend protestantische Humanisten auf der Grundlage einer Sprach- und Literaturreform in klarer Abgrenzung z. B. zum Meistergesang u. ä. in der frühen Neuzeit "die deutsche Sprache im humanistische(n) Sinne literaturtauglich" (Meid 2008, S.5) machen wollte. Mit seinem Hauptwerk, dem "»Buch von der Deutschen Poeterey" (1602) gilt Opitz als Begründer und Motor der gelehrten Literaturreform in Deutschland.

2 Fuder: Ladung eines zweispännigen Wagens

3 Hans Sachsens: »Hans Sachs (1494-1676), deutscher Schuhmacher, Spruchdichter, Meistersinger und Dramatiker; im Zusammenhang mit der Entwicklung des Dramas im Barock gehören z. B. seine Fastnachtsspiele zum Laientheater der Zeit; für »Martin Opitz (1597-1639) war »Hans Sachs (1494–1576) kaum mehr als ein "geistloser Vielschreiber" (Meid 1982, S.10) und der Meistergesang ein "Musterbeispiel dichterischer Rückständigkeit und Stümperei": "In der Verachtung des Meistergesangs drückt sich zugleich ein sozialer Sachverhalt aus: Eine geistige Elite, die sich weitgehend mit der fürstlich-höfischen Kultur identifizierte und in ihrem Bereich Aufstiegschancen suchte (und fand), distanzierte sich bewusst von den Kunstübungen einer niedrig eingestuften Gruppe von kleinbürgerlichen Handwerkerdichtern." (ebd., S.11)

4 Meistersängers:  Unter dem Meistergesang versteht man "das Dichten und den Vortrag von Meisterliedern durch die Meistersinger, Einwohner dt. Städte, meist süddt. »Reichsstädte, die sich im 15. bis 17. Jh., vereinzelt auch noch im 18. und 19. Jh., zum Zweck des Dichtens und Vortragens von Meisterliedern zu 'Gesellschaften' oder 'Bruderschaften' zusammenschlossen." (Brunner 1997/2006, S.258)

5 Andreas Gryphius: »Andreas Gryphius (1616-1664), deutscher Dichter und Dramatiker des • Barock (1600-1720); neben seiner Lyrik verfasste er auch Trauerspiele und • Lustspiele.

6 Säugamme: Seugamme ist der Titel eines • Lustspiels von »Andreas Gryphius (1616-1664) aus dem Jahr 1663 Seugamme oder Untreues Hausgesinde. Lust-Spiell / Deutsch Auffgesetzet Von ANDREA GRYPHIO. Breßlau / Bey Veit Jacob Dreschern / Buchhändl. Jm Jahr M. DC. LXJJJ.)

7 Horribilicribrifax: Horribilicribrifax Teutsch (1663) Lustspiel von »Andreas Gryphius (1616-1664)

8 Peter Sqvenz: • Absurda Comica oder Herr Peter Squenz (1658)Lustspiel von »Andreas Gryphius (1616-1664)

9 Ollapatrida: Ollapatrida des durchgetriebenen Fuchsmundi (1711) von »Joseph Anton Stranitzky (1676-1726), österreichischer Schauspieler, Theaterschriftsteller und Theaterleiter; gilt als Begründer des »Alt-Wiener Volkstheaters und Erfinder des darin auftretenden Wiener »Hanswursts.

10 Molieren: »Moliere (1622-1673) französischer Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker; machte die Komödie zu einer der Tragödie potenziell gleichwertigen Gattung

11 Aristoteles: »Aristoteles (384-322 v. Chr.), griechischer Universalgelehrter; in seiner »Poetik entwickelt er u. a, bestimmte • Strukturprinzipien der Tragödie (sog. aristotelische Regeln) wie z. B. das • mimetische Prinzip (Plausiblitätsprinzip), die  • Lehre von den drei Einheiten (• Einheit der Zeit, • Einheit des Ortes, Einheit der Handlung (Ganzheit)), • Ständeklausel, • Fallhöhe, • Unverdientheitsklausel

12 Harlekinspossen: »Harlekin abgeleitet vom italienischen Arlecchino, wohl berühmteste »Figur der Commedia dell’arte, die vor allem mit ihren Wortspielen und Späßen (Possen) als Spaßmacher eine zentrale Rolle spielt.

13 OMNE TULIT PUNCTUM, ..:  (wörtlich übersetzt = "Derjenige erntet vollen Beifall, der das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet, indem er den Leser sowohl erfreut als auch belehrt."; lateinisches Zitat von »Horaz (65 v. Chr. - 8 v. Chr.) aus seiner »Ars Poetica, die als eine Art Handbuch für das Verfassen von Dichtung gilt, die auch auf die griffige Formel delectare et prodesse (nützen und unterhalten) gebracht werden kann.

14 Cartousche: »Cartouche (1683-1721), französischer Räuber, Mörder und Bandenchef

15 Fabeln: die Geschichte (story, plot)

16 politische Kanngießer:  »Der politische Kanngießer (dän.: Den politiske kandestøber), erste Komödie von »Ludvig Holberg (1684-1754). Erstmals kam sie 1722 zur Aufführung. Die Titelfigur wurde sprichwörtlich: »"Kannegießerei“ meint das "schwätzerische Politisieren ohne viel Sachverstand".

17 deutsche Franzose:

18 Gespenste mit der Trummel: Gespenst mit der Trommel; Gespenste mit der Trammel „oder der wahrsagende Ehemann" eine Übersetzung von Destouches französischer Bearbeitung von Joseph Addison, The Drummer (1716). In: Die Deutsche Schaubühne II, 1741, S. 231-358. 356

19 poetische Dorfjunker:

20 Menschenfeind: »Der Menschenfeind (Originaltitel: Le Misanthrope ou l’Atrabilaire amoureux) ist eine Komödie von »Molière (1622-1673); sie handelt von Alceste, einem ehrlichen, aber radikal aufrichtigen Mann, der die Heuchelei und Oberflächlichkeit der höfischen Gesellschaft verachtet. Trotz seiner Menschenverachtung ist er in die kokette Célimène verliebt, die selbst ein Teil dieser Gesellschaft ist und ihn durch ihre Wankelmütigkeit enttäuscht. Am Ende zieht sich Alceste enttäuscht aus der Gesellschaft zurück, da er keine Kompromisse mit deren Unaufrichtigkeit eingehen will.

21 Spielerinn:

22 Bramarbas: "Bramarbas oder der großsprecherische Offizier“ ist der deutsche Titel der dänischen Komödie Jacob von Tyboe (Jacob von Tyboe, eller Den Stortalende SoldatText in dt. Übers.) des Schriftstellers »Ludvig Holberg (1684-1754); die Übersetzung und der Titel stammen von »Johann Christoph Gottsched (1700-1766), der sie 1741 in seiner Deutschen Schaubühne veröffentlichte. Die Herkunft des Wortes (bramabassieren) ist nicht bekannt, eventuell ist es verwandt mit dem spanischen bramar, was "brüllen, toben" bedeutet.

 23 Moliere: vgl. Anmerkung 10

24 Einheit der Zeit und des Ortes: Zwei der von »Aristoteles (384-322 v. Chr.) in seiner »Poetik festgelegten, auf das • mimetische Prinzip (Plausiblitätsprinzip) zurückzuführenden • Strukturprinzipien der Tragödie (sog. aristotelische Regeln); • Einheit der Zeit (die Handlung der Tragödie sollte nur etwa einen Tagesablauf umfassen) • Einheit des Ortes (die Handlung der Tragödie sollte nur an einem Ort spielen)

25 Alten: gemeint ist die • antike griechische TragödieAischylos (525-456 v. Chr.),  »Sophokles (497/496-406/405 v. Chr.), »Euripides (480-406 v. Chr.).

26 Chor: in der antiken griechischen Tragödie besaß der Chor verschiedene Funktionen: er ist a) eine allwissende Instanz, die über Zukunft und Schicksal im Bilde ist und kann das Geschehen unter eine verallgemeinernde Perspektive bringen; b) Vermittler von Informationen, derz. B. zu Beginn der Tragödie, den Mythos, um den es darin geht, erzählt und erläutert; c) parteiische Instanz, die aber auch eigene Positionen vertreten oder zur Parteinahme durch die Figuren der Tragödie auffordern oder veranlassen kann

27 wenn jemand für sich auf der Schaubühne redet, doch so, daß der andre, der dabey steht, es nicht hören sol: vgl. Beiseite-Sprechen

28 Bramarbas: vgl. Anm. 22

29 Stiefelius: Figur des Magister Stiefelius, Liebhaber von Leonore der Tochter der Hartmannin in "Bramarbas oder der großsprecherische Offizier“ der dänischen Komödie Jacob von Tyboe (Jacob von Tyboe, eller Den Stortalende SoldatText in dt. Übers.) des Schriftstellers »Ludvig Holberg (1684-1754); die Übersetzung und der Titel stammen von »Johann Christoph Gottsched (1700-1766),

30 deutschen Franzosen:

31 politischen Kannengießer: vgl. Anm. 18

32 Harlekin: vgl. Anm. 12

33 Scaramutz: Genosse des Harlekins auf dem italienischen Theater.

34 Terenz: »Publius Terentius Afer, zumeist einfach Terenz (zwischen 195 und 184 v. Chr.- 159 oder 158 v. Chr. , einer der berühmtesten Komödiendichter der römischen Antike.

35 Destouches: »Philippe Néricault Destouches (1680-1754), französischer Komödiendichter

36 Boileau: »Nicolas Boileau (1636-1711), frz. Autor, der sich für die Einhaltung der aristotelischen Regeln stark machte - vgl. Anm. 11

37 Theatre Italien: Sammlung von Komödien; am bedeutendsten wohl die Sammlung Gherardi; als »Théâtre-Italien oder Comédie-Italienne auch eine Pariser Theater- und Opern-Institution des 18. und 19. Jahrhunderts, die in verschiedenen Häusern spielte.

38 Theatre de la Foire: (= Pariser Jahrmarktstheater); eine Sammlung von Komödien, hrsgg. von Alain René Le Sage (1668-1747); als Jahrmarktstheater ein größeres Spektrum von Unterhaltungsveranstaltungen in Paris seit dem 17. Jahrhundert, zu denen Theater-Parodien, Marionettentheater, Artistik, Pantomime, Vaudeville und später die Opéra-comique gehörten;

39 Hans Wurst: »Hanswurst; derb-komische Gestalt der deutschsprachigen »Stegreifkomödie seit dem 16. Jahrhundert; populäre bäuerliche Figur, die vor allem in Stücken des Jahrmarkttheaters und der • Wanderbühnen auftrat

40 Pickelhering: auch • Pickelhäring, Narrenfigur • englischer Wanderbühnen, die Ende des 17./ Anfang des 18. Jahrhunderts in den deutschsprachigen Raum kamen und von Stadt zu Stadt zogen

41 Peter: dt. Bezeichnung für die französische Figur des Pierrot (französische Übersetzung des italienischen Namens im Diminutiv Pedrolino, deutsch: "Peterchen" oder "Peterle"), dieim französischen Theater schon seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auftaucht und wahrscheinlich von italienischen »Commedia dell’arte-Gruppen übernommen wurde und dort ein Rivale von Arlecchino, dem späteren Harlekin ist;

42 Crispin: komische Figur des französischen Lustspiels (»Comédie Italienne), aus der »Commedia dell’arte übernommen; skrupelloser Diener und Vertrauter des Helden.

43 Scapin: in der »Commedia dell’arte Scapin (italienisch Scappino) komische Dienerfigur, eine Variante des Brighella bzw. des Mezzetino.

44 Scaramutz: vgl. Anm. 33

45 Pantalon: »Pantalone in der italienischen »Commedia dell’arte ein alter, geschäftstüchtiger, gleichzeitig geiziger, meist verliebter und stets betrogener Modenarr, der in gelben Pantoffeln, rotem Wams und enger roter Strumpfhose sowie einem schwarzen Umhang auftritt, meist seinen Geldbeutel gut sichtbar in Höhe der Geschlechtsteile befestigt und einen spitzen Bart trägt.

46 Anselmo:

47 Doctor: »Dottore (oft auch Dottore Gratiano oder Graziano, Balanzone, Scarpazon, Forbizone, Boloardo); in der italienischen »Commedia dell’arte Figur, die sich den Liebesangelegenheiten der jüngeren Generation (der amorosi bzw. innamorati) und den Dienern (Zanni) entgegenstellt

48 Capitain: »Il Capitano (auch Capitano Spavento, Capitano Corazza, Capitano Cardone, Rinoceronte, Terremoto, Spezzaferro, Spaccamonti, Rodomonte etc); Figur in der italienischen »Commedia dell’arte, sie durch ihre Prahlerei, Grausamkeit, Gier, Niedertracht und  Hochmut, gepaart mit einer außerordentlichen Feigheit charakterisiert ist.

49 Pierrot: vgl. Anm. 41

50 Mezetin: »Mezzetino; in der italienischen »Commedia dell’arte (Diener-)Figur

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 21.08.2025

   
 

 
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