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Simplicissimus Teutsch (1668) - 5. Buch, 24. Kapitel

[...] warum und welchergestalt Simplicius die Welt wieder verlassen

Jakob Christoph (Christoffel) von Grimmelshausen (1622-1676)


FAChbereich Deutsch
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 ▪ Dreißigjähriger Krieg (1618-1648)
Überblick
Bevölkerungsverluste
Alltag zwischen Krieg und Frieden
Quellenauswahl
Ein Kriegsbericht, 1638
Klagen der Pommerschen Gesandten
Tod und Überleben im Krieg: Bericht eines Pfarrers,  1636
Die Lage nach dem Krieg

Streng genommen ist »Jakob Christoph (Christoffel) von Grimmelshausens (1622-1676) Roman ▪Simpicissismus Teutsch (1669) keine Autobiografie, besitzt aber, darüber ist man sich einig, zahlreiche autobiografische Züge.
Die erzählte Lebensgeschichte der Titelfigur ist angereichert mit frei erfundenen Passagen und der Ausgestaltung zahlreicher literarischer Motive. Außerdem sind zahlreiche Märchen, Mythen und Schwänke in die Romanhandlung eingegangen. Was ihn aber darüber in besonderem Maße auszeichnet ist die überaus realistische Darstellung der Lebensverhältnisse im frühen 17. Jahrhundert und der Gräuel des ▪ Dreißigjährigen Krieges (1618-1648).
Am Ende seines wechselvollen Lebens zieht sich Simplicius wieder in die Einsamkeit seiner Einsiedelei zurück, die er vor langer Zeit als Zögling eines Einsiedlers in den Wäldern des Spessart notgedrungen nach dessen Tod verlassen hatte, um in die Welt hinauszuziehen.

Das 24. Kapitel
Ist das allerletzte, und zeiget an, warum und welchergestalt Simplicius die Welt wieder verlassen

Adieu Welt, denn auf dich ist nicht zu trauen, noch von dir nichts zu hoffen, in deinem Haus ist das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, das Allerbeständigste fällt, das Allerstärkste zerbricht, und das Allerewigste nimmt ein End; also, daß du ein Toter bist unter den Toten, und in hundert Jahren läßt du uns nicht eine Stund leben.

Adieu Welt, denn du nimmst uns gefangen, und läßt uns nicht wieder ledig, du bindest uns, und lösest uns nicht wieder auf; du betrübest, und tröstest nit, du raubest, und gibest nichts wieder, du verklagest uns, und hast keine Ursach, du verurteilest, und hörest keine Partei; also daß du uns tötest ohne Urteil, und begräbest uns ohne Sterben! Bei dir ist keine Freud ohne Kummer, kein Fried ohne Uneinigkeit, keine Lieb ohne Argwohn, keine Ruhe ohne Furcht, keine Fülle ohne Mängel, keine Ehr ohne Makel, kein Gut ohne bös Gewissen, kein Stand ohne Klag, und keine Freundschaft ohne Falschheit.

Adieu Welt, denn in deinem Palast verheißet man ohne Willen zu geben, man dienet ohne Bezahlen, man liebkoset, um zu töten, man erhöhet, um zu stürzen, man hilft, um zu fällen, man ehret, um zu schänden, man entlehnet, um nicht wiederzugeben, man straft, ohne Verzeihen.

Behüt dich Gott Welt, denn in deinem Haus werden die großen Herren und Favoriten gestürzt, die Unwürdigen hervorgezogen, die Verräter mit Gnaden angesehen, die Getreuen in Winkel gestellt, die Boshaftigen ledig gelassen, und die Unschuldigen verurteilt; den Weisen und Qualifizierten gibt man Urlaub, und den Ungeschickten große Besoldung, den Hinterlistigen wird geglaubt, und die Aufrichtigen und Redlichen haben keinen Kredit, ein jeder tut was er will, und keiner was er tun soll.

Adieu Welt, denn in dir wird niemand mit seinem rechten Namen genennet, den Vermessenen nennet man kühn, den Verzagten vorsichtig, den Ungestümen emsig, und den Nachlässigen friedsam; einen Verschwender nennet man herrlich, und einen Kargen eingezogen; einen hinterlistigen Schwätzer und Plauderer nennet man beredt, und den Stillen einen Narrn oder Phantasten; einen Ehebrecher und Jungfrauenschänder nennet man einen Buhler; einen Unflat nennet man einen Hofmann, einen Rachgierigen nennet man einen Eiferigen, und einen Sanftmütigen einen Phantasten, also daß du uns das Giebige für das Ungiebige, und das Ungiebige für das Giebige verkaufest.

Adieu Welt, denn du verführest jedermann; den Ehrgeizigen verheißest du Ehr, den Unruhigen Veränderung, den Hochtragenden Gnad bei Fürsten, den Nachlässigen Ämter, den Geizhälsen viel Schätze, den Fressern und Unkeuschen Freude und Wollust, den Feinden Rach, den Dieben Heimlichkeit, den Jungen langes Leben, und den Favoriten verheißest du beständige fürstliche Huld.

Adieu Welt, denn in deinem Palast findet weder Wahrheit noch Treu ihre Herberg! wer mit dir redet wird verschamt, wer dir traut wird betrogen, wer dir folgt wird verführt, wer dich fürchtet wird am allerübelsten gehalten, wer dich liebt wird übel belohnt, und wer sich am allermeisten auf[ dich verläßt, wird auch am allermeisten zuschanden gemacht; an dir hilft kein Geschenk so man dir gibt, kein Dienst so man dir erweist, keine lieblichen Wort so man dir zuredet, kein Treu so man dir hält, und keine Freundschaft so man dir erzeigt, sondern du betrügst, stürzest, schändest, besudelst, drohest, verzehrest und vergißt jedermann; dannenhero weinet, seufzet, jammert, klaget und verdirbt jedermann, und jedermann nimmt ein End; bei dir siehet und lernet man nichts, als einander hassen bis zum Würgen, reden bis zum Lügen, lieben bis zum Verzweifeln, handeln bis zum Stehlen, bitten bis zum Betrügen, und sündigen bis zum Sterben.

Behüt dich Gott Welt, denn dieweil man dir nachgehet, verzehret man die Zeit in Vergessenheit, die Jugend mit Rennen, Laufen und Springen über Zaun und Stiege, über Weg und Steg, über Berg und Tal, durch Wald und Wildnis, über See und Wasser, in Regen und Schnee, in Hitz und Kält, in Wind und Ungewitter; die Mannheit wird verzehrt mit Erzschneiden und -schmelzen, mit Steinhauen und -schneiden, Hacken und Zimmern, Pflanzen und Bauen, in Gedanken Dichten und Trachten, in Ratschläge ordnen, Sorgen und Klagen, in Kaufen und Verkaufen, Zanken, Hadern, Kriegen, Lügen und Betrügen; das Alter verzehrt man in Jammer und Elend, der Geist wird schwach, der Atem schmeckend, das Angesicht runzlicht, die Länge krumm, und die Augen werden dunkel, die Glieder zittern, die Nase trieft, der Kopf wird kahl, das Gehör verfällt, der Geruch verliert sich, der Geschmack geht hinweg, er seufzet und ächzet, ist faul und schwach, und hat in Summa nichts als Mühe und Arbeit bis in Tod.

Adieu Welt, denn niemand will in dir fromm sein; täglich richtet man die Mörder, vierteilt die Verräter, hänget die Dieb, Straßenräuber und Freibeuter, köpft Totschläger, verbrennt Zauberer, straft Meineidige, und verjagt Aufrührer.

Behüt dich Gott Welt, denn deine Diener haben kein andere Arbeit noch Kurzweil, als faulenzen, einander vexieren und ausrichten1, den Jungfrauen hofieren, den schönen Frauen aufwarten, mit denselben liebäugeln, mit Würfeln und Karten spielen, mit Kupplern 2 traktieren3, mit den Nachbarn kriegen, neue Zeitungen erzählen, neue Fund erdenken, mit dem Judenspieß rennen, neue Trachten ersinnen, neue List aufbringen, und neue Laster einführen.

Adieu Welt, denn niemand ist mit dir content oder zufrieden4, ist er arm, so will er haben; ist er reich, so will er viel gelten; ist er veracht, so will er hoch steigen; ist er injuriert5, so will er sich rächen; ist er in Gnaden, so will er viel gebieten; ist er lasterhaftig, so will er nur bei gutem Mut sein.

Adieu Welt, denn bei dir ist nichts Beständiges; die hohen Türm werden vom Blitz erschlagen, die Mühlen vom Wasser weggeführt, das Holz wird von den Würmern, das Korn von Mäusen, die Früchte von Raupen, und die Kleider von Schaben gefressen, das Vieh verdirbt vor Alter, und der arme Mensch vor Krankheit: Der eine hat den Grind6, der ander den Krebs, der dritte den Wolf7, der vierte die Franzosen8, der fünfte das Podagram9, der sechste die Gicht10 , der siebente die Wassersucht11 ,  der achte den Stein12, der neunte das Gries13, der zehente die Lungensucht14, der elfte das Fieber15, der zwölfte den Aussatz16, der dreizehnte das Hinfallen17, und der vierzehnte die Torheit18! In dir o Welt, tut nicht einer was der ander tut, denn wenn einer weinet, so lacht der ander, einer seufzet, der ander ist fröhlich; einer fastet, der ander zechet; einer bankettiert19, der ander leidet Hunger; einer reitet, der ander gehet; einer redt, der ander schweigt; einer spielet, der ander arbeitet; und wenn der eine geboren wird, so stirbt der ander. Also lebt auch nicht einer wie der ander, der eine herrschet, der ander dienet; einer weidet die Menschen, ein anderer hütet der Schwein; einer folgt dem Hof, der ander dem Pflug; einer reist auf dem Meer, der ander fährt über Land auf die Jahr- und Wochenmärkt; einer arbeit im Feur, der ander in der Erde, einer fischt im Wasser, und der ander fängt Vögel in der Luft; einer arbeitet härtiglich20 und der ander stiehlet und beraubet das Land.

O Welt behüt dich Gott, denn in deinem Haus führet man weder ein heilig Leben, noch einen gleichmäßigen Tod; der eine stirbt in der Wiegen, der ander in der Jugend auf dem Bett, der dritte am Strick, der vierte am Schwert, der fünfte auf dem Rad, der sechste auf dem Scheiterhaufen, der siebente im Weinglas, der achte in einem Wasserfluß, der neunte erstickt im Freßhafen, der zehente erwürgt am Gift, der elfte stirbt jähling, der zwölfte in einer Schlacht, der dreizehnte durch Zauberei, und der vierzehnte ertränkt seine arme Seel im Tintenfaß.

Behüt dich Gott Welt, denn mich verdrießt21 deine Konversation; das Leben so du uns gibst, ist ein elende Pilgerfahrt, ein unbeständigs, ungwisses, hartes, rauhes, hinflüchtiges und unreines Leben, voll Armseligkeit und Irrtum, welches vielmehr ein Tod als ein Leben zu nennen; in welchem wir all Augenblick sterben durch viel Gebrechen der Unbeständigkeit und durch mancherlei Weg des Tods! du läßt dich der Bitterkeit nicht genügen, mit der du umgeben und durchsalzen22 bist, sondern betrügst noch dazu die meisten mit deinem Schmeicheln, Anreizung und falschen Verheißungen, du gibst aus dem güldenen Kelch, den du in deiner Hand hast, Bitterkeit und Falschheit zu trinken, und machst sie blind, taub, toll, voll und sinnlos, ach wie wohl denen, die dein Gemeinschaft ausschlagen: deine schnelle augenblickliche hinfahrende Freud verachten, dein Gesellschaft verwerfen, und nicht mit einer solchen arglistigen verlornen Betrügerin zugrund gehen; denn du machest aus uns einen finstern Abgrund, ein elendes Erdreich, ein Kind des Zorns, ein stinkendes Aas, ein unreines Geschirr in der Mistgrub, ein Geschirr der Verwesung voller Gestank und Greuel, denn wenn du uns lang mit Schmeicheln, Liebkosen, Dräuen23, Schlagen, Plagen, Martern und Peinigen umgezogen und gequält hast, so überantwortest du den ausgemergelten Körper dem Grab, und setzest die Seel in ein ungewisse Chance. Denn obwohl nichts Gewissers ist als der Tod, so ist doch der Mensch nicht versichert, wie, wann und wo er sterben, und (welches das erbärmlichste ist) wo sein Seel hinfahren, und wie es derselben ergehen wird: Wehe aber alsdann der armen Seelen, welche dir o Welt, hat gedienet, gehorsamt und deinen Lüsten und Üppigkeiten hat gefolgt, denn nachdem eine solche sündige und unbekehrte arme Seel mit einem schnellen und unversehenen Schrecken aus dem armseligen Leib ist geschieden, wird sie nicht wie der Leib im Leben mit Dienern und Befreundten umgeben sein, sondern von der Schar ihrer allergreulichsten Feinde vor den sonderbaren Richterstuhl Christi geführt werden; darum o Welt behüt dich Gott, weil ich versichert bin, daß du dermaleins von mir wirst aussetzen und mich verlassen, nicht allein zwar, wenn meine arme Seel vor dem Angesicht des strengen Richters erscheinen, sondern auch wenn das allerschrecklichste Urteil ›Gehet hin ihr Vermaledeiten24 ins ewige Feuer25‹ etc. gefällt und ausgesprochen wird.

Adieu o Welt, o schnöde arge Welt, o stinkendes elendes Fleisch; denn von deinetwegen und um daß man dir gefolget, gedienet und gehorsamet hat, so wird der gottlos Unbußfertig zur ewigen Verdammnis verurteilt, in welcher in Ewigkeit anders nichts zu gewarten, als anstatt der verbrachten Freud, Leid ohne Trost, anstatt des Zechens, Durst ohne Labung26, an statt des Fressens, Hunger ohne Fülle, anstatt der Herrlichkeit und Pracht, Finsternis ohne Licht; anstatt der Wollüste, Schmerzen ohne Linderung, anstatt des Dominierens und Triumphierens, Heulen, Weinen und Weheklagen ohne Aufhören, Hitz ohne Kühlung, Feuer ohne Löschung, Kält ohne Maß, und Elend ohne End.

Behüt dich Gott o Welt, denn anstatt deiner verheißenen Freud und Wollüste werden die bösen Geister an die unbußfertige verdammte Seel Hand anlegen, und sie in einem Augenblick in Abgrund der Höllen reißen; daselbst wird sie anders nichts sehen und hören, als lauter erschreckliche Gestalten der Teufel und Verdammten, eitele Finsternis und Dampf, Feuer ohne Glanz, Schreien, Heulen, Zähnklappern und Gottslästern; Alsdann ist alle Hoffnung der Gnad und Milderung aus, kein Ansehen der Person ist vorhanden, je höher einer gestiegen, und je schwerer einer gesündiget, je tiefer er wird gestürzt, und je härtere Pein er muß leiden; dem viel geben ist, von dem wird viel gefordert, und je mehr einer sich bei dir, o arge schnöde Welt! hat herrlich gemacht, je mehr schenkt man ihm Qual und Leiden ein, denn also erforderts die göttliche Gerechtigkeit.

Behüt dich Gott o Welt, denn obwohl der Leib bei dir ein Zeitlang in der Erden liegen bleibt und verfaulet, so wird er doch am Jüngsten Tag wieder aufstehn, und nach dem letzten Urteil mit der Seel ein ewiger Höllenbrand sein müssen; alsdann wird die arme Seel sagen: ›Verflucht seist du Welt! weil ich durch dein Anstiften Gottes und meiner selbst vergessen, und dir in aller Üppigkeit, Bosheit, Sünd und Schand die Tag meines Lebens gefolgt hab; verflucht sei die Stund, in der mich Gott erschuf! verflucht sei der Tag, darin ich in dir o arge böse Welt geborn bin! O ihr Berg, Hügel und Felsen fallet auf mich, und verbergt mich vor dem grimmigen Zorn des Lamms, vor dem Angesicht dessen, der auf dem Stuhl sitzet; Ach Wehe und aber Wehe in Ewigkeit!

O Welt! du unreine Welt, derhalben beschwöre ich dich, ich bitte dich, ich ersuche dich, ich ermahne und protestiere wider dich, du wollest kein Teil mehr an mir haben; und hingegen begehre ich auch nicht mehr in dich zu hoffen, denn du weißt, daß ich mir hab vorgenommen, nämlich dieses: Posui finem curis, spes &fortuna valete.27

Alle diese Wort erwog ich mit Fleiß und stetigem Nachdenken, und bewogen mich dermaßen, daß ich die Welt verließ, und wieder ein Einsiedel ward: Ich hätte gern bei meinem Saurbrunnen im Mückenloch28 gewohnt, aber die Baurn in der Nachbarschaft wollten es nicht leiden, wiewohl es für mich ein angenehme Wildnis war; sie besorgten, ich würde den Brunnen verraten, und ihre Obrigkeit dahin vermögen, daß sie wegen nunmehr erlangten Friedens Weg und Steg dazu machen müßten. Begab mich derhalben in eine andere Wildnis, und fing mein Spessarter Leben wieder an 29; ob ich aber wie mein Vater sel.30 bis an mein End darin verharren werde, stehet dahin. Gott verleihe uns allen seine Gnade, daß wir allesamt dasjenige von ihm erlangen, woran uns am meisten gelegen, nämlich ein seliges 31

aus: Grimmelshausen, [H. J. Christoffel von]: Der abenteuerliche Simplicissimus. München 1956, S. 476-483
(Quelle: http://www.zeno.org/nid/20004914988, gemeinfrei)

Worterklärungen

1 einander vexieren und ausrichten: vexieren = zum besten halten, foppen, verspotten, sein Spiel mit jemandem treiben; ausrichten = h. im Sinne von brandmarken, verurteilen

2 Kuppler: Personen, meistens Frauen als Kupplerinnen, die Kuppelei als die vorsätzliche Vermittlung und Beförderung der Unzucht betreiben; da sich Kuppelei speziell auf Anbefohlene (Kinder, Mündel u. ä.) bezieht, umfasst der Begriff auch die Heiratsvermittlung Minderjähriger; wird für Kuppelei bezahlt, dann gehört sie zur »Prostitution.

3 traktieren: (schlecht) behandeln

4 content: lat.; sich begügend

5 injuriert: lat.; beleidigt, Ehre verletzend

6 Grind: erbliche chronische Pilzerkrankung des Kopfhaares, das zu einer fest anhaftenden, gelblich-bräunliche Schuppenbildung führt

7 den Wolf haben: ggf.  nhd. Bauchwolf = »Gürtelrose, ggf. auch: »Lupus erythematodes, eine Schmetterlingsflechte/ Schmetterlingskrankheitt eine seltene Autoimmunerkrankung; früher verglich man die Narben, die nach dem Abheilen der Hautschäden verbleiben, mit Narben von Wolfsbissen.

8 den Franzosen haben: in deutschsprachigen Quellen als »Blattern«, »Franzosen«, »Franzosenkrankheit«, »Franzosenpocken« oder »Morbus gallicus« bezeichnet; Form der venerischen Syphilis vor allem nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges verbreitete sich die Krankheit durch die in ihre Heimat zurückkehrenden Soldaten sehr stark; in Frankreich Mal de naple; "dass die Krankheit in Frankreich selbstverständlich nicht den diskriminierenden Namen Franzosenkrankheit trug, ist wohl wenig verwunderlich. Die Schuld für den Ausbruch dieser neuen Krankheit auf den geographischen Nachbarn und oftmals politischen Gegner zu schieben, war allerdings keinesfalls nur eine deutsche oder französische Strategie. Während die neue Krankheit in Deutschland und Italien als »französische Krankheit« bekannt war, nannten sie die Polen »deutsche Krankheit« und die russische Bevölkerung bezeichnete sie wiederum als »polnische Krankheit«". (Stein 2003, S.12, Anm.5); vgl. in diesem Zusammenhang auch die Bezeichnung »Spanische Grippe (1918-1920), »Asiatische Grippe (1957/58), »Hongkong-Grippe (1968) »Russische Grippe (1977/78) die während der »COVID-19-Pandemie ab 2020 zumindest zeitweilig übliche Praxis neue Virusmutanten nach ihrem ersten geografischen Auftreten als südafrikanische, brasilianische, britische oder indische Varianten zu bezeichnen, eine Praxis, die dann allerdings durch neutrale Bezeichnungen weitgehend ersetzt wurde; auch der ehemalige US-Präsident »Donald Trump (2017 bis 2021 der 45. Präsident der Vereinigten Staaten) bediente mit seiner Bezeichnung des COVID-19-Virus als "chinesisches Virus" populistisch mit dem seit der Franzosenkrankheit üblichen Muster, die Verantwortung dem politischen Gegner zuzuschreiben;

9 Podagram: podagra = Fußzehengicht; eine (chronische) Gichterkrankung des Großzehengrundgelenks oder des Sprunggelenks mit starken Schmerzen, Schwellungen und Rötungen; auch durch einen akuten Gichtanfall an anderen Gelenken ausgelöste Schmerzattacken bezeichnet man heut im weiteren Sinne als Podagra

10 Gicht: auch »Urikopathie bzw. Arthritis urica Stoffwechselerkrankung, die durch hohe Harnsäurekonzentrationen im Blut unbehandelt zu Veränderungen an Gelenken und Nieren führt;
schubweiser Verlauf der Krankheit; sehr schmerzhaft ohne, aber auch  bei Berührung, starke Schwellung des Gelenks und heiß.

11 Wassersucht: »Ödem = Schwellung von Körpergewebe aufgrund einer Einlagerung von Flüssigkeit aus dem Gefäßsystem.

12 Stein: »Gallenstein (= Gallengrieß), wenn sich Gallensteine im Gallengang oder in der Gallenblase verklemmen und den Zu- oder Abfluss der Galle behindern, kann es zu heftigen Koliken und Entzündungen (Cholezystitis) kommen;  »Nierenstein: kristalline Ablagerungen (Harnsteine) des Nierenbeckenkelchsystems; wandern sie in den Harnleiter werden sie zu Harnleitersteinen und können eine Kolik auslösen; eine Ansammlung vieler kleiner Nierensteine wird auch Nierengrieß genannt.

13 Gries: Blasengrieß, Steinbildung in Blase und Nieren

14 Lungensucht: allg. Begriff für bestimmte Krankheiten der Lunge wie z. B. »Lungenentzündung oder »Tuberkulose (TBC) =  eine weltweit verbreitete bakterielle Infektionskrankheit; bis heute erkranken weltweit etwa 10 Millionen Menschen daran; die TBC führt die weltweite Statistik der tödlichen Infektionskrankheiten an

15 Fieber: »Fleckfieber bzw. Flecktyphus auch; Kriegspest, Läusefieber, Läusefleckfieber, Lazarettfieber oder Faulfieber; eine Infektion mit Mikroorganismen (Bakterien), die durch Läuse, vor allem die Kleiderlaus übertragen wird;  Bezeichnung Fleckfieber abgeleitet von dem dabei auftretenden charakteristischen Fieberverlauf und einem Symptom der Erkrankung, einem rotfleckigen Hautausschlag, der unter anderem Gesicht ("Fleckfiebergesicht") und Extremitäten befallen kann.

16 Aussatz: »Lepra: chronische Infektionskrankheit mit langer Inkubationszeit, die durch das Mycobacterium leprae ausgelöst wird und mit auffälligen Veränderungen an Haut, Schleimhäuten, Nervengewebe und Knochen verbunden ist; im Mittelalter wurde Lepra auch Lazarus-Krankheit genannt; zur Isolierung (Absonderung) der Leprösen wurden außerhalb der Städte Siechenhäuser (genannt auch Sondersiechenhäuser) errichtet, die auch Lazarus-Häuser genannt wurden. Deshalb heißen heute in Frankreich einige Vorstädte Saint Lazare und in Italien San Lazzaro. Den gleichen Ursprung hat das deutsche Wort Lazarett; Lepra verschwand - aus weitgehend unbekannten Gründen - mit dem Ende des 16. Jahrhunderts weitgehend aus der Reihe der chronischen Volkskrankheiten in Mitteleuropa; wer im Mittelalter in Europa an Lepra erkrankte, musste oft in der Öffentlichkeit (außerhalb eines »Leprosoriums) ein »Lazaruskleid tragen und dazu eine »Warnklapper (Lazarus- oder Lepra-Klapper) oder eine Glocke benutzen, um andere auf Distanz zu halten.

17 Hinfallen: wahrscheinlich: »Epilepsie seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar im Deutschen in früheren Jahrhunderten, abgeleitet von Fall "Sturz", "Fall", Fallsucht (auch mittelhochdeutsch "fallende Sucht"; auch heute manchmal noch zerebrales Anfallsleiden oder zerebrales Krampfleiden genannt, bezeichnet eine Erkrankung mit mindestens einem spontan aufgetretenen epileptischen Anfall

18 Torheit: h: geistige Verwirrtheit

19 bankettiert: feiert, hält Bankette (Festgelage) ab, schlemmt

20 hartäglich: hart, zu hart

21 verdrießt: bekümmert, bereitet Sorge

22 durchsalzen: h: i. S. v. durch und durch, vollständig (eben wie ganz und gar mit Salz bestreut)

23 Dräuen: Drohen

24 Vermaledeiten: äußerst unangenehm, verflucht, verwünscht, verflixt, verdammt

25 ewiges Feuer: gemeint ist das ewige Höllenfeuer

26 Labung: Erfrischung, Stärkung,

27 Posui finem curis, spes &fortuna valete: lat.; Ich habe meinen Sorgen ein Ende gesetzt. Hoffnung und Glück, lebet wohl!

28 bei meinem Saurbrunnen im Mückenloch: gemeint ist die Einsiedelei, wo Simplicius nach dem Überfall und der Zerstörung des Hauses seines Ziehvaters als Kind von einem Eremiten in dessen Einsiedelei in den Wäldern des Spessart erzogen wird und wo er bis zu dessen Tod lebt.

29 mein Spessarter Leben: »Spessart = Mittelgebirge zwischen »Vogelsberg, »Rhön und »Odenwald in Bayern und Hessen, gemeint ist das Leben von Simplicius im Spessart, bevor er in die Welt hinausgezogen ist

30 wie mein Vater sei: gemeint könnte sein Vater/Ziehvater, sonst von ihm Knän genannt, sein oder der Einsiedler, bei dem er nach der Ermordung seines Vaters durch marodierende Truppen danach aufwächst

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Die Lage nach dem Krieg

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 03.09.2023

     
    
   Arbeitsanregungen
  1. Wie urteilt Simplicius über die Welt?
  2. Worauf führt er die Fehlentwicklungen zurück?
  3. Sieht er Lösungsansätze?
  4. Was ist seine persönliche Alternative?
  5. Welchen der vom Erzähler vorgetragenen Kritikpunkten an der Welt würden Sie auch heute noch zustimmen? Begründen Sie Ihre Zustimmung mit eigenen Beispielen?
  6. Ergänzen Sie die Kritik mit modernen Beispielen.
 
 
 

 
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