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Wanderbühne

Die Narrenfigur des Pickelhäring

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Baustein: Den Theaterzettel einer Wanderbühne analysieren (1688)

Zu den Auftritten der • englischen Komödianten gehörte von Anfang an eine Narrenfigur, die in der Entwicklung dieser, aber auch anderer • Wanderbühnen auf deutschem Boden eine besondere Rolle spielte und unterschiedliche Funktionen besaß. Sie zählt zu den • lustigen Personen, einem Arsenal von Figuren, die schon aus der • antiken griechischen und • römischen Komödie (z. B. • Aristophanes 455-386 v. Chr., »Plautus (250-184 v. Chr., »Terenz 185? -160 v. Chr.) bekannt waren.

Bei den englischen Komödianten wurde dieser Narr Pickelhäring (auch: Pickelhering) genannt.

Pickel ist in der Bedeutung von »Pökeln zu verstehen. Der Ausdruck bedeutet also "Pökelhering" oder so etwas wie "eingesalzener Fisch". Wie bei der Wurst als Wortbestandteil des »Hanswurst, des derb-komischen Gegenstücks der deutschsprachigen Stegreifkomödie seit dem 16. Jahrhundert, oder der Suppe von »Jean Potage, dem französischen Pendant der Figur, bezieht sich der Name, der wie ein eingeführtes Markenzeichen das ganze 17. Jahrhundert für diese Narrenfigur fungierte (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.75), auf die schichte Nahrung des einfachen Volkes.


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Der Pickelhering (oder Pickelhäring) ist ein Clown, der in den zunächst in englischer Sprache präsentierten Stücken die Aufgabe hatte, "für eine störungsfreie und erfolgreiche Kommunikation zwischen Bühne und Zuschauern zu sorgen." (ebd., S.74) Seine Aufgabe bestand darin, "als »Verteidiger der animalisch-vegetativen Sphäre« (IV Chatholy MB, 118) menschlichen Lebens und von den Disziplinierungsakten der Vernunfterziehung unberührter Vertreter naiv-schlauen Pragmatismus aufzutreten, um die Intrigen und Verstrickungen der Komödienhandlung witzig zu kommentieren." (Alt 2007, S.169)

Auch in Pausen sollte er für Unterhaltung des Publikums sorgen. Im Laufe der Zeit wurde die Narrenfigur aber für die Stücke selbst immer wichtiger und damit zu einer handelnden Figur. Oft entwickelte er sich zur Hauptattraktion überhaupt und wurde dadurch angesichts der Begeisterung, die sein Narrenspiel beim Publikum auslöste, für die Vorführungen der Theatertruppen unverzichtbar.

Wenn die Figur in ihren wechselnden Kostümen unter Namen wie z. B. Jan Bouset, Hans Knapkäse, Junker Hans von Stockfisch, Hans Supp, Hans Wurst, Hans Leberwurst, Peter Leberwurst etc. (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.75) angekündigt wurde und die Bühne betrat, wussten die Zuschauer*innen daher gut, was kommen würde. Stets repräsentierten sie den gleichen Typ des Narren.

Die Narrenfigur des Pickelhäring etc. hatte dabei eine Reihe mehr oder weniger variabler Merkmale.

Sie war bäuerlicher Herkunft, war ohne moralische Zweifel allein an Materiellem interessiert und war bereit, für eine Flasche Wein oder zur Vermeidung von Prügeln selbst seine eigene Großmutter dem Teufel zu verkaufen (vgl. ebd., S.76) Mitunter schlüpfte er, wenn es sich für ihn rentierte, sogar ohne jeden Skrupel in die Rolle des Henkers. Selbst zeigt er sich aber gewöhnlich sehr feige, auch wenn er für sich in grenzenloser Selbstüberschätzung immer wieder die Gleichheit gegenüber seinem Herrn reklamiert. Die ständische Ordnung als solche wurdedamit aber nicht in Frage gestellt.


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Unersättlich säuft und frisst der Pickelhäring sich durch, oft "verbunden mit einer an den ungeeignetsten Orten lustvoll und demonstrativ vollzogenen Ausscheidung". (ebd., S.76) Darüber hinaus handelt der Pickelhäring von seinen sexuellen Bedürfnissen angetrieben, die er stets im Hier und Jetzt zu befriedigen sucht. Dementsprechend ist auch seine Sprache und sein mimisch-gestisches Spiel voll von sexuellen Anzüglichkeiten, "die unmißverständlich dem Fäkal- und Sexualbereich zuzuordnen sind." (ebd.)

Was die Narren in dieser Hinsicht boten, bewegte sich mit ihrer exzessiven Freizügigkeit zumindest am Rand der • Scham- und Peinlichkeitsschwellen der Zeit, die mehr und mehr körperliche Vorgänge verbargen (Bologne 2001, S.12)

In dem in gewisser Hinsicht in allen Epochen der Geschichte vorhandenem "Gleichgewicht zwischen exzessiver Freizügigkeit und exzessiver Prüderie" (ebd., S.2) scheinen ihre Darbietungen den Zuschauerinnen und Zuschauern aller Stände, mit Ausnahme des Klerus, der sie naturgemäß verurteilte, in einer sich mehr und mehr repressiv entwickelnden Sexualität besonderes Vergnügen und ein soziales Ventil zur Entlastung geboten haben. Insofern holte, wie auch  Erika Fischer-Lichte (1993, S.78) betont, die Wanderbühne "das Ausgegrenzte in den Rahmen der Gesellschaft zurück", indem sie eine "Entlastungsfunktion für diejenigen Zuschauer (übernahm), die sich dem Druck des Zivilisationsprozesses, den Anforderungen der neuen Verhaltensideale noch nicht gewachsen fühlten." Insofern schufen sie auch ein Ventil gegen die ▪ soziale Disziplinierung der frühneuzeitlichen Gesellschaft.

In manchem ähnelte die Pickelhäring-Figur den komischen Figuren des • Fastnachtsspiels der Nürnberger Tradition, denn beide zeichnen sich durch ihren sprachlich und gestischen Ausdruck eines auf "die schrankenlose Befriedigung der vitalen Bedürfnisse in ungetrübtem Lebens-, Liebes. und Leibesgenuß" (Fischer-Lichte 1993, S.76) aus. Allerdings erhält die Narrenfigur eben durch die ihr zugeschriebenen Merkmale eine bestimmte Funktion im Rahmen einer besonderen Figurenkonstellation.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 14.10.2025

     
 

 
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