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Formen

Laientheater

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Das Laientheater gehört zu den wichtigsten • Theaterformen in der • Literaturepoche des • Barock (1600-1720) (vgl. Niefanger 2000/32012, S.151)

Neben den geistlichen Spielen, wie den Oster- und Passionsspielen, zählen vor allem die zu den Winterfesten zählenden, während der Karnevalszeit stattfindenden Fastnachtsspiele zu diesen Theaterformen.

Das Theaterspiel der Laien (=Nichtkleriker) war fest eingebettet in den schon seit dem Mittelalter sehr umfangreichen Festkalender der Städte, der die christlichen Feste wie z. B. Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam und etliche Feiertage zu Ehren der Gottesmutter Maria ebenso umfasste wie Kinder-, Narren-, »Eselsfeste oder »Eselsmessen oder auch Jahreszeitenfeste (Karneval, Maifeiern). (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.15)

Solche Feste standen unter der Trägerschaft der Stadt, die auch, abgesehen von den durch die Darsteller selbst zu stellenden Kostümen und Requisiten, für die Material- und Arbeitskosten, für die Kosten des Bühnenaufbaus, das "Catering" für Spieler und Ehrengäste aufkam. Große Kosten entstanden auch durch polizeiliche Maßnahmen, die für reibungslosen Festverlauf sorgen sollten. So musste die auf dem Marktplatz erstellte Bühne bewacht und besondere Brandschutzmaßnahmen in Bäckereien und Schmieden durchgeführt werden. Die städtischen Ordnungshüter, die Stadtwache erhielt Verstärkung an den Stadttoren, um den Zustrom auswärtiger Besucherinnen und Besuche zu kontrollieren, insbesondere irgendwelches "Gesindel" fernzuhalten, Zugleich sorgte sie aber auch dafür, dass auswärtige Besucherinnen und Besucher von geldgierigen Wirten der Stadt nicht übers Ohr gehauen wurden, und Betrunkene nicht herumgröhlten oder sonstwie randalierten. Insbesondere bei religiösen Festen griffen die städtischen Magistrate hierbei mit Geld- und Haftstrafen durch. (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.16)

Im Gegensatz zu Theaterformen, in denen Amtsträger der Kirche (Kleriker) auftraten, konnten im Laienspiel Erwachsene aller Stände vor Publikum Theater spielen, "wobei die Rollen oft nicht nach schauspielerischen Fähigkeiten, sondern nach Lebenswandel und sozialem Ansehen [...] vergeben wurden." (ebd., S.165) So wurden die wichtigen Rollen, abgesehen von den Klerikern als Christus-Darsteller, in in den Städten vor allem an Angehörige der städtischen Oberschicht, den »Patriziern vergeben.

Die Aufführungen des Laienspiels erfolgten im Rahmen des »Kirchenjahres mit seiner jährlich wiederkehrenden, festgelegte Abfolge von christlichen Festen und Festzeiten und waren in »liturgische, d. h. in die Ordnung und Gesamtheit der religiösen Zeremonien und Riten des des »christlichen Gottesdienstes und somit meistens im Allgemeinen davon. Dies festzustellen ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil die Theateraufführungen damit vor allem ein geistliches Ritual darstellen, das nicht darauf aus ist, ein fiktionales Geschehen darzustellen, sondern für ein sakrales, authentisches Geschehen steht, "das vergegenwärtigt wird und an dem man als Spieler und Teilnehmer des Gottesdienstes teilhat (Jan-Dirk Müller 1998, 2000, 2004; Ziegeler (Hg.) 2004)." (ebd., S.165)

Weil das Laienspiel , z. B. als Weihnachts-, Oster- oder Passionspiel) ein fester Bestandteil des Kirchenjahres war, kamen die meisten Menschen auch immer wieder mit Theateraufführungen in Berührung und erlebten im liturgischen Kontext hautnah die monumentale Remythisierung der Heilsgeschichte (vgl. Warning 1974), die sich "zum einen in einzelnen Spielmomenten, die besonders zahlreich in den bevorzugt breit ausgespielten Szenen zu finden sind – im Osterspiel also in den Teufelsszenen und in der Krämerszene [Salbenkauf, d. Verf.], im Passionsspiel in den Folterungs- und Passionsszenen –  zum anderen in der gesamten, den Spielen zugrunde liegenden Struktur" (Fischer-Lichte 1993, S. 21) manifestierten.

Die seit dem dem 15. Jahrhundert mehr und mehr volkssprachigen Stücke, die allgemein Themen aus der christlichen Heilsgeschichte thematisierten, wurden auf öffentlichen Plätzen oder in Kirchen aufgeführt. Mancherorts wurde auf wechselnden Bühnen gespielt, die die Zuschauer im Zuge einer Prozession erreichten.

Osterspiele

Die Tradition der Osterspiele reicht bis ins Hochmittelalter zurück, wo sie noch in lateinischer Sprache im Rahmen liturgischer Handlungen in Kirchen, meistens von Klerikern gespielt, vorgeführt wurden. Ab dem 13. Jahrhundert kamen auch volkssprachliche Texte hinzu, die, von den Städten selbst organisiert, auf öffentlichen Plätzen außerhalb der Kirche aufgeführt wurden und auch Laiendarstellern das Mitspielen eröffnete.

Die remythisierenden Szenen, die dabei gezeigt wurden. umfassten u. a. die "Höllenfahrt Jesu, die als formelhaft liturgischer Exorzismus vollzogen" (ebd.) wurde, die Krämerszene, bei der sich die Figur des Rubin "auf die alten Fruchtbarkeitsriten und -kulte des heidnischen Frühlingsfestes" beziehen ließ (ebd.) oder der Ehebruch von Rubin und Medica, "der als rituelle Hochzeit erscheint, mit der am heidnischen Frühlingsfest die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Acker magisch beschworen wird;" (ebd.)  Hinzu kamen Teufelsszenen, die zur Unterhaltung des Publikums auch immer wieder ziemlich derb ausfallen konnten, und natürlich eine ganze Reihe anderer Szenen wie die »Pontius- Pilatus- und »Judasszene, Auferstehung, Grabwächterszene, der Wettlauf der beiden Apostel »Petrus und »Johannes zum Grab des gekreuzigten Jesus oder die »Marienklage.


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Passionsspiele

Im 15. Jahrhundert entstand das so genannte »Passionsspiel, bei dem der Leidensweg und die Kreuzigung im Mittelpunkt der Darbietungen stehen.

Auch bei diesem Laienspiel zeigten sich in besonders starker Weise rituelle Elemente, vor allem in den Folter- und Passionsszenen. Was Jesus erleiden muss bis zu seiner Kreuzigung läuft vor den Augen der Zuschauer "wie ein grausames Ritual" (ebd., S.22) ab, das die Passion Jesu als "Sündenbockritual" (ebd., S.22 mit Bezug auf Warning 1974) vollzieht, bei dem Jesus als geopfert wird.

An den mehrstündigen, mancherorts auch mehrtägigen Aufführungen waren zahlreiche Laiendarsteller beteiligt, die nicht nur Passionsszenen i. e. S. umfassten, sondern auch unterschiedliche neutestamentliche Nebenszenen aus dem Leben von Jesus, der Gottesmutter Maria oder auch des Apostels »Johannes sowie manchmal auch Szenen aus dem »Alten Testament enthielt. (vgl.  Niefanger 2000/32012, S.165) Passionsspiele konnten, das war den städtischen Behörden bewusst, ihr Publikum in besondere Aufregung versetzen. Mit ihren zum Teil exzessiven Darstellungen der Leidens. und Kreuzigungsgeschichte von Jesus konnte so leicht die ohnehin stets vorhandene antisemitische Einstellung der christlichen Stadtbevölkerung so aufgeheizt werden, dass sich der dabei geschürte Fanatismus in Judenpogromen entladen konnte. Aus diesem Grunde wurden in den Städten die Tore zum jüdischen Ghetto der Städte geschlossen und bewacht werden. (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.16)

Die Spiele inszenierten den mythisch-archetypischen Gegensatz von Gut und Böse, der sich im semantisierten Bühnenaufbau (vgl. Platz-Waury 51999, S.19f.) der • mittelalterlichen Simultanbühne (Himmel und Hölle waren gewöhnlich an den Schmalseiten der Bühne deutlich einander gegenüber positioniert) ebenso zeigte, wie an der Wahl der Kostüme. So trugen die Vertreter des Guten, z. B. Gottvater und die Engel meist liturgische Gewänder, während der Teufel mit furchterregenden Fantasiekostümen und Masken auftrat. (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.24)

Die meisten älteren Passionsspiele, die noch bis ins 18. Jahrhundert durchgeführt wurden, fielen, mit Ausnahme der »Waaler- und der »Oberammergauer Passionsspiele selbst in Bayern  der Aufklärung zum Opfer.

Bis heute werden Passionsspiele mit ungeheurem Aufwand alle zehn Jahre im katholisch geprägten Regionen Bayerns und Österreichs regelmäßig veranstaltet. Das »Oberammergauer Passionsspiel, das 1634 zum ersten Mal aufgeführt wurde, dürfte dabei das bekannteste sein.

Fastnachtsspiele

In den Fastnachtspielen, die im 15. Jahrhundert in Deutschland entstanden sind, kann man neben dem aber (importierten) • Wandertheater ausländischer Komödianten eine der Wurzeln eines nicht mehr nur der christlichen Glaubens- und Sittenlehre verpflichteten weltlichen Theaterspiels im deutschsprachigen Raum sehen. Fastnachtsspiele sind von ihrer Gestalt und ihrer Funktion her betrachtet allerdings sehr unterschiedlich, so dass hier nur ein, vor allem auf die Nürnberger Spieltradition eingegrenztes Bild wiedergegeben werden kann.

Vor einem bürgerlichen Publikum spielten am Ende der christlichen Fastenzeit oft Handwerksgesellen unter freiem Himmel in "meist einfache(n), recht derbe(n) Stücken, die überwiegend der Unterhaltung und der Satire, dadurch aber auch der moralischen Unterweisung dienten" (Niefanger 2000/32012, 165f.), dumme Bauern, betrügerische oder skurrile Pfarrer, aufgeblasene Ärzte oder juristische Rechtsverdreher u. ä. m. Beliebt waren auch Ehe- und Liebesangelegenheiten.

Oft geht es auch einfach um das Fressen und Saufen und immer wieder auch um Sex bzw. das Kopulieren. (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.33) Der Bauer ist dabei immer wieder die bevorzugte Narrenfigur und wird damit "typischer Repräsentant einer Welt im Zeichen fastnächtlicher Normverkehrung, deren Reiz vorrangig in der Sinnreduktion auf die Ebene direkter Körperlichkeit besteht; das Vergnügen an Geschlechtlichkeit und Exkrementen aller Art beherrscht weitgehend die Szene." (Ragotzky 2007, S.570) Hierin gleicht die Bauernfigur dem aus der Tradition der englischen Komödianten stammenden • Figur des Pickelhäring oder Hanstwursts der deutschsprachigen Stehgreifkomödie.

Sprachlich jedenfalls zeigt sich die Lust an der "schrankenlose(n) Befriedigung der vitalen Bedürfnisse in ungetrübtem Lebens-, Liebes- und Leibesgenuß." (Fischer-Lichte 1993, S.33) Auch satirische Seitenhiebe auf Gott und die Welt kamen nicht zu kurz, wenn beispielsweise der Finger auf die wenig erfolgreichen Maßnahmen von Kirche, Kaiser und Reich zur Bannung der »Türkengefahr gelegt wurde.

Die Handwerksgesellen zogen am Faschnachtabend in "Spielrotten, angeführt von einem Spielhauptmann, durch die Stadt, um in Wirts- und Bürgerhäusern uneingeladen und unangemeldet" ((ebd.) ein kurzes Spiel von etwa 15 bis 30 Minuten vorzuführen, das im Durchschnitt etwa 200 Verse umfasste. Aber es gab auch Großformen von 1300 bis 4000 Verse, die mit lehrhaften Intentionen ein ernstes Thema behandelten. (vgl. Ragotzky 2007, S.569)

In Nürnberg, das wie z. B. Lübeck eine eigene Spieltradition entwickelt hat  und von dessen Fastnachtsspielen aus dem 15.Jahrhundert ca. 100 Spieltexte überliefert sind (vgl. ebd., S.570), führte man Reihen- oder Revuespiele, Handlungsspiele oder eine Mischung zwischen beidem auf.

In den Reihen- oder Revuespielen schuf lediglich das Thema die Klammer zwischen den unterschiedlichen einzelnen Darbietungen und Vorträgen, während die Handlungsspiele auch von der dramatischen Interaktion der dargestellten Figuren bzw. Typen lebten.

Ob das Fastnachtspiel als kritisch-satirische Gegenwelt der einfachen Leute aufzufassen ist (vgl. Bachtin 1990) oder eine kathartische Funktion im Dienste der Kirche besaß (vgl. Moser 1993), oder gar eine Mischung von beidem war, ist letzten Endes wohl nicht zu entscheiden. (vgl. ebd., S.166),


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Im 16. Jahrhundert, indem »Hans Sachs (1494-1676) mit seinen zahlreichen Stücken die Fastnachtsspiele in Nürnberg und anderswo prägte (z. B. »Drei Fastnachtsstücke: »Das Narrenschneiden, »Der fahrend Schüler im Paradeis, »Der bös Rauch), änderte sich der Charakter der Spiele. Fortan sollten die Spiele auch eine erzieherische Funktion haben und so trat ein "freundliches-didaktisches Moralisieren" an die Stelle des sprachlichen Auslebens vitaler Bedürfnisse. (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.37) Zwar gibt es nach wie vor das allseits bekannte Typenarsenal (dumme Bauern etc.), aber "hier (setzt) die hübsche junge Frau ihrem alten eifersüchtigen Ehemann nicht schamlos Hörner auf, sondern kuriert ihn durch kluges und tugendhaftes Verhalten von seiner Eifersucht (Der Eifersüchtige, 1553)." (ebd.)

Die Stücke von »Hans Sachs (1494-1676), ihre Aufführungspraxis und die genannten Veränderungen führten dazu, dass die Stücke mehr und mehr aus dem Kontext des städtischen Karnevals verschwinden. Die Theatergruppen, die sie spielten, blieben oft über Jahre zusammen und suchten sich feste Spielorte, wo sie ihre Stücke aufführen konnten. Allerdings gab es auch Fastnachtsspieldichter, die die didaktisch-moralisierende Tendenzen von Hans Sachs nicht mittrugen. So hat z. B. »Jacob Ayrer (1544-1605) mit seinen Stücken um 1600 herum noch einmal auf die alten Traditionen zurückgegriffen. (vgl. ebd., S.38)

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist das Theater kein Faktor mehr, der die verschiedenen Momente städtischer Festkultur integrieren kann. Es wird in den Städten mehr und mehr von • protestantischen Schulmeistern und katholischen Ordensleuten (z.B. dem • Jesuitentheater der Jesuitenkollegien) dominiert, die auch den öffentlichen Raum für ihr religionspolitisch und -pädagogisch ausgerichtetes Theaterspiel lange besetzen, solange jedenfalls, bis ihnen dort durch die ausländischen Komödianten aus England, Frankreich, den Niederlanden und Italien mit ihren Wanderbühnen, die sich mehr und mehr verbreiteten, nicht eine neue Konkurrenz erwuchs. (vgl. ebd., S.39)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 02.08.2025

 
 

 
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