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teachSam-YouTubePlaylist Barockdrama und
Barocktheater
Das Laientheater gehört zu den wichtigsten •
Theaterformen in der •
Literaturepoche des •
Barock (1600-1720) (vgl. Niefanger
2000/32012, S.151)
Neben den geistlichen Spielen, wie
den Oster- und
Passionsspielen, zählen vor allem die zu den
Winterfesten zählenden, während der
Karnevalszeit stattfindenden
Fastnachtsspiele zu diesen Theaterformen.
Das Theaterspiel der Laien (=Nichtkleriker) war fest eingebettet in
den schon seit dem Mittelalter sehr umfangreichen Festkalender der
Städte, der die christlichen Feste wie z. B. Weihnachten, Ostern,
Pfingsten, Fronleichnam und etliche Feiertage zu Ehren der
Gottesmutter Maria ebenso umfasste wie Kinder-, Narren-, »Eselsfeste
oder »Eselsmessen
oder auch Jahreszeitenfeste (Karneval, Maifeiern). (vgl. Fischer-Lichte
1993, S.15)
Solche Feste standen unter der Trägerschaft der Stadt, die auch,
abgesehen von den durch die Darsteller selbst zu stellenden Kostümen
und Requisiten, für die Material- und Arbeitskosten, für die Kosten
des Bühnenaufbaus, das "Catering" für Spieler und Ehrengäste aufkam.
Große Kosten entstanden auch durch polizeiliche Maßnahmen, die für
reibungslosen Festverlauf sorgen sollten. So musste die auf dem
Marktplatz erstellte Bühne bewacht und besondere
Brandschutzmaßnahmen in Bäckereien und Schmieden durchgeführt
werden. Die städtischen Ordnungshüter, die Stadtwache erhielt
Verstärkung an den Stadttoren, um den Zustrom auswärtiger
Besucherinnen und Besuche zu kontrollieren, insbesondere
irgendwelches "Gesindel" fernzuhalten, Zugleich sorgte sie aber auch
dafür, dass auswärtige Besucherinnen und Besucher von geldgierigen
Wirten der Stadt nicht übers Ohr gehauen wurden, und Betrunkene
nicht herumgröhlten oder sonstwie randalierten. Insbesondere bei
religiösen Festen griffen die städtischen Magistrate hierbei mit
Geld- und Haftstrafen durch. (vgl. Fischer-Lichte
1993, S.16)
Im Gegensatz zu Theaterformen, in denen Amtsträger der Kirche
(Kleriker) auftraten, konnten im Laienspiel Erwachsene aller Stände
vor Publikum Theater spielen, "wobei die Rollen oft nicht nach
schauspielerischen Fähigkeiten, sondern nach Lebenswandel und
sozialem Ansehen [...] vergeben wurden." (ebd., S.165)
So wurden die wichtigen Rollen, abgesehen von den Klerikern als
Christus-Darsteller, in in den Städten vor allem an Angehörige der
städtischen Oberschicht, den »Patriziern
vergeben.
Die Aufführungen des Laienspiels erfolgten im Rahmen des »Kirchenjahres
mit seiner jährlich wiederkehrenden, festgelegte Abfolge von
christlichen Festen und Festzeiten und waren in »liturgische,
d. h. in die Ordnung und Gesamtheit der religiösen Zeremonien und
Riten des des »christlichen
Gottesdienstes und somit meistens im Allgemeinen davon. Dies
festzustellen ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil die
Theateraufführungen damit vor allem ein geistliches Ritual
darstellen, das nicht darauf aus ist, ein fiktionales Geschehen
darzustellen, sondern für ein sakrales, authentisches Geschehen
steht, "das vergegenwärtigt wird und an dem man als Spieler und
Teilnehmer des Gottesdienstes teilhat (Jan-Dirk
Müller 1998,
2000,
2004;
Ziegeler (Hg.) 2004)." (ebd., S.165)
Weil das Laienspiel , z. B. als Weihnachts-,
Oster- oder Passionspiel) ein fester Bestandteil des
Kirchenjahres war, kamen die meisten Menschen auch immer wieder mit
Theateraufführungen in Berührung und erlebten im liturgischen
Kontext hautnah die monumentale Remythisierung der Heilsgeschichte
(vgl.
Warning 1974), die sich "zum einen in einzelnen Spielmomenten,
die besonders zahlreich in den bevorzugt breit ausgespielten Szenen
zu finden sind – im Osterspiel also in den Teufelsszenen und in der
Krämerszene [Salbenkauf, d. Verf.], im Passionsspiel in den
Folterungs- und Passionsszenen – zum anderen in der gesamten,
den Spielen zugrunde liegenden Struktur" (Fischer-Lichte
1993, S. 21) manifestierten.
Die seit dem dem 15. Jahrhundert mehr und mehr volkssprachigen
Stücke, die allgemein Themen aus der christlichen Heilsgeschichte
thematisierten, wurden auf öffentlichen Plätzen oder in Kirchen
aufgeführt. Mancherorts wurde auf wechselnden Bühnen gespielt, die
die Zuschauer im Zuge einer Prozession erreichten.
Die Tradition der
Osterspiele reicht bis ins Hochmittelalter zurück, wo sie noch in
lateinischer Sprache im Rahmen liturgischer Handlungen in Kirchen,
meistens von Klerikern gespielt, vorgeführt wurden. Ab dem 13.
Jahrhundert kamen auch volkssprachliche Texte hinzu, die, von den
Städten selbst organisiert, auf öffentlichen Plätzen außerhalb der
Kirche aufgeführt wurden und auch Laiendarstellern das Mitspielen
eröffnete.
Die remythisierenden
Szenen, die dabei gezeigt wurden. umfassten u. a. die "Höllenfahrt Jesu,
die als formelhaft liturgischer Exorzismus vollzogen" (ebd.)
wurde, die Krämerszene, bei der sich die Figur des Rubin "auf die alten
Fruchtbarkeitsriten und -kulte des heidnischen Frühlingsfestes" beziehen
ließ (ebd.)
oder der Ehebruch von Rubin und Medica, "der als rituelle Hochzeit
erscheint, mit der am heidnischen Frühlingsfest die Fruchtbarkeit von
Mensch, Tier und Acker magisch beschworen wird;" (ebd.)
Hinzu kamen Teufelsszenen, die zur Unterhaltung des Publikums auch immer
wieder ziemlich derb ausfallen konnten, und natürlich eine ganze Reihe
anderer Szenen wie die »Pontius-
Pilatus- und »Judasszene,
Auferstehung, Grabwächterszene, der Wettlauf der beiden
Apostel
»Petrus
und »Johannes
zum Grab des gekreuzigten Jesus oder die »Marienklage.

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Im 15. Jahrhundert
entstand das so genannte »Passionsspiel,
bei dem der Leidensweg und die Kreuzigung im Mittelpunkt der
Darbietungen stehen.
Auch bei diesem
Laienspiel zeigten sich in besonders starker Weise rituelle Elemente,
vor allem in den Folter- und Passionsszenen. Was Jesus erleiden muss bis
zu seiner Kreuzigung läuft vor den Augen der Zuschauer "wie ein
grausames Ritual" (ebd.,
S.22) ab, das die Passion Jesu als "Sündenbockritual" (ebd.,
S.22 mit Bezug auf
Warning 1974)
vollzieht, bei dem Jesus als geopfert wird.
An den mehrstündigen,
mancherorts auch mehrtägigen Aufführungen waren zahlreiche
Laiendarsteller beteiligt, die nicht nur Passionsszenen i. e. S.
umfassten, sondern auch unterschiedliche neutestamentliche Nebenszenen
aus dem Leben von Jesus, der Gottesmutter Maria oder auch des Apostels »Johannes
sowie manchmal auch Szenen aus dem »Alten
Testament enthielt. (vgl.
Niefanger
2000/32012, S.165)
Passionsspiele konnten, das war den städtischen Behörden bewusst, ihr
Publikum in besondere Aufregung versetzen. Mit ihren zum Teil exzessiven
Darstellungen der Leidens. und Kreuzigungsgeschichte von Jesus konnte so
leicht die ohnehin stets vorhandene antisemitische Einstellung der
christlichen Stadtbevölkerung so aufgeheizt werden, dass sich der dabei
geschürte Fanatismus in Judenpogromen entladen konnte. Aus diesem Grunde
wurden in den Städten die Tore zum jüdischen Ghetto der Städte
geschlossen und bewacht werden. (vgl. Fischer-Lichte
1993, S.16)
Die Spiele inszenierten
den mythisch-archetypischen Gegensatz von Gut und Böse, der sich im
semantisierten Bühnenaufbau (vgl.
Platz-Waury 51999, S.19f.) der •
mittelalterlichen Simultanbühne
(Himmel und Hölle waren gewöhnlich an den Schmalseiten der Bühne
deutlich einander gegenüber positioniert) ebenso zeigte, wie an der Wahl der Kostüme. So trugen die
Vertreter des Guten, z. B. Gottvater und die Engel meist liturgische
Gewänder, während der Teufel mit furchterregenden Fantasiekostümen und
Masken auftrat. (vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.24)
Die meisten älteren
Passionsspiele, die noch bis ins 18. Jahrhundert durchgeführt wurden,
fielen, mit Ausnahme der »Waaler-
und der »Oberammergauer
Passionsspiele selbst in Bayern der Aufklärung zum Opfer.
Bis heute werden
Passionsspiele mit ungeheurem Aufwand alle zehn Jahre im katholisch
geprägten Regionen Bayerns und Österreichs regelmäßig veranstaltet. Das
»Oberammergauer
Passionsspiel, das 1634 zum ersten Mal aufgeführt wurde, dürfte
dabei das bekannteste sein.
In den
Fastnachtspielen, die im 15. Jahrhundert in Deutschland entstanden sind,
kann man neben dem aber (importierten) •
Wandertheater
ausländischer Komödianten eine der Wurzeln eines nicht mehr nur der
christlichen Glaubens- und Sittenlehre verpflichteten weltlichen Theaterspiels im
deutschsprachigen Raum sehen. Fastnachtsspiele sind von ihrer Gestalt
und ihrer Funktion her betrachtet allerdings sehr unterschiedlich, so
dass hier nur ein, vor allem auf die Nürnberger
Spieltradition eingegrenztes Bild wiedergegeben werden kann.
Vor einem bürgerlichen
Publikum spielten am Ende der christlichen Fastenzeit oft
Handwerksgesellen unter freiem Himmel in "meist einfache(n), recht
derbe(n) Stücken, die überwiegend der Unterhaltung und der Satire,
dadurch aber auch der moralischen Unterweisung dienten" (Niefanger
2000/32012, 165f.), dumme Bauern, betrügerische
oder skurrile Pfarrer, aufgeblasene Ärzte oder juristische Rechtsverdreher
u. ä. m. Beliebt waren auch Ehe- und Liebesangelegenheiten.
Oft geht es
auch einfach um das Fressen und Saufen und immer wieder auch um Sex bzw.
das Kopulieren. (vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.33) Der Bauer ist dabei immer wieder die
bevorzugte Narrenfigur und wird damit "typischer Repräsentant einer Welt
im Zeichen fastnächtlicher Normverkehrung, deren Reiz vorrangig in der
Sinnreduktion auf die Ebene direkter Körperlichkeit besteht; das
Vergnügen an Geschlechtlichkeit und Exkrementen aller Art beherrscht
weitgehend die Szene." (Ragotzky
2007, S.570) Hierin gleicht die Bauernfigur dem aus der Tradition
der englischen Komödianten stammenden •
Figur des Pickelhäring oder
Hanstwursts der deutschsprachigen Stehgreifkomödie.
Sprachlich jedenfalls zeigt sich die Lust
an der "schrankenlose(n) Befriedigung der vitalen Bedürfnisse in
ungetrübtem Lebens-, Liebes- und Leibesgenuß." (Fischer-Lichte 1993,
S.33)
Auch satirische Seitenhiebe auf Gott und die Welt kamen nicht zu kurz,
wenn beispielsweise der Finger auf die wenig erfolgreichen Maßnahmen von
Kirche, Kaiser und Reich zur Bannung der »Türkengefahr
gelegt wurde.
Die Handwerksgesellen
zogen am Faschnachtabend in "Spielrotten, angeführt von einem
Spielhauptmann, durch die Stadt, um in Wirts- und Bürgerhäusern
uneingeladen und unangemeldet" ((ebd.)
ein kurzes Spiel von etwa 15 bis 30 Minuten vorzuführen, das im
Durchschnitt etwa 200 Verse umfasste. Aber es gab auch Großformen von
1300 bis 4000 Verse, die mit lehrhaften Intentionen ein ernstes Thema
behandelten. (vgl.
Ragotzky 2007,
S.569)
In Nürnberg,
das wie z. B. Lübeck eine eigene Spieltradition entwickelt hat und
von dessen
Fastnachtsspielen aus dem 15.Jahrhundert ca. 100 Spieltexte überliefert
sind (vgl. ebd.,
S.570), führte man Reihen- oder
Revuespiele, Handlungsspiele oder eine Mischung zwischen beidem auf.
In den Reihen- oder
Revuespielen schuf lediglich das Thema die Klammer zwischen den
unterschiedlichen einzelnen Darbietungen und Vorträgen, während die
Handlungsspiele auch von der dramatischen Interaktion der dargestellten
Figuren bzw. Typen lebten.
Ob das Fastnachtspiel
als kritisch-satirische Gegenwelt der einfachen Leute aufzufassen ist
(vgl.
Bachtin 1990) oder eine kathartische Funktion im Dienste der Kirche
besaß (vgl.
Moser 1993),
oder gar eine Mischung von beidem war, ist letzten Endes wohl nicht zu
entscheiden. (vgl.
ebd.,
S.166),

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Im 16. Jahrhundert, indem »Hans
Sachs (1494-1676) mit seinen zahlreichen Stücken die
Fastnachtsspiele in Nürnberg und anderswo prägte (z. B. »Drei
Fastnachtsstücke: »Das
Narrenschneiden, »Der
fahrend Schüler im Paradeis, »Der
bös Rauch), änderte sich der
Charakter der Spiele. Fortan sollten die Spiele auch eine erzieherische
Funktion haben und so trat ein "freundliches-didaktisches Moralisieren"
an die Stelle des sprachlichen Auslebens vitaler Bedürfnisse. (vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.37) Zwar gibt es nach wie vor das allseits
bekannte Typenarsenal (dumme Bauern etc.),
aber "hier (setzt) die hübsche junge Frau ihrem alten eifersüchtigen
Ehemann nicht schamlos Hörner auf, sondern kuriert ihn durch kluges und
tugendhaftes Verhalten von seiner Eifersucht (Der Eifersüchtige,
1553)." (ebd.)
Die Stücke von »Hans
Sachs (1494-1676), ihre Aufführungspraxis und die genannten
Veränderungen führten dazu, dass die Stücke mehr und mehr aus dem
Kontext des städtischen Karnevals verschwinden. Die Theatergruppen, die
sie spielten, blieben oft über Jahre zusammen und suchten sich feste
Spielorte, wo sie ihre Stücke aufführen konnten. Allerdings gab es auch
Fastnachtsspieldichter, die die didaktisch-moralisierende Tendenzen von
Hans Sachs nicht mittrugen. So hat z. B. »Jacob Ayrer
(1544-1605) mit seinen Stücken um 1600 herum noch einmal auf die
alten Traditionen zurückgegriffen. (vgl.
ebd., S.38)
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist das Theater kein Faktor mehr, der die
verschiedenen Momente städtischer Festkultur integrieren kann. Es wird
in den Städten mehr und mehr von •
protestantischen Schulmeistern und katholischen Ordensleuten (z.B.
dem • Jesuitentheater der
Jesuitenkollegien) dominiert, die auch den öffentlichen Raum für ihr
religionspolitisch und -pädagogisch ausgerichtetes Theaterspiel lange
besetzen, solange jedenfalls, bis ihnen dort durch die ausländischen
Komödianten aus England, Frankreich, den Niederlanden und Italien mit
ihren •
Wanderbühnen, die sich
mehr und mehr verbreiteten, nicht eine neue Konkurrenz erwuchs. (vgl.
ebd., S.39)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
02.08.2025
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