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Baustein: Den
Epilog
eines barocken Lustspiels analysieren
Die deutsche Komödie des
•
Barock (1600-1720) geht auf "eine eigenständige
Komödientradition" (Brenner
1999, S.562, zit. n.
Niefanger
2000/32012, S.194) in Deutschland zurück, die
ihre
Wurzeln im deutschen humanistischen und volkssprachlichen
Renaissance-Drama hat.
Auch in den Aufführungen des
• Jesuitentheaters und
des • protestantischen
Schultheaters wird die antike Komödientradition mit Aufführungen •
römischer
Komödien von »Plautus
(250-184 v. Chr.) und »Terenz
(185? -160 v. Chr.) hoch- und damit wachgehalten, so dass deren
Arsenal typisierter • lustiger
Personen wie z. B. der miles gloriosus (der
selbstgefällige Soldat), die Kupplerin, der wollüstige Alte oder die
schwatzhafte Prostituierte nicht in Vergessenheit geraten sind.
Hinzu kommt der internationale Einfluss, mit dem die die seit dem
frühen 17. Jahrhundert in den deutschsprachigen Raum kommenden
• Wandertruppen, allen
voran die
• englischen Komödianten,
aber auch Theaterkompagnien aus Frankreich, den Niederlanden
und Italien zur Entwicklung der deutschen Komödie und zur
Professionalisierung der Schauspielkunst beigetragen haben.
Dabei fiel den Komödien im Barock eine doppelte Aufgabe zu. Im
Zusammenhang mit der •
Sozialdisziplinierung "warnen sie vor Sittenverfall und der
Missachtung sozialer Regeln (Brenner
1999, 569)", außerdem verweisen sie "durch ihre unernsten
Verkehrungen auf den Scheincharakter der Welt" (Niefanger
2000/32012, S.194), die im Begriff der •
Vergänglichkeit (Vanitas) gefasst,
alle Dinge der Welt unter dem Blickwinkel unaufhaltsam verrinnender
Zeit als nichtig betrachtet. Die Komödie des Barock "dekonstruiert",
wie Niefanger
(ebd.,S.195) es ausdrückt, "allzu perfide Inszenierungen im •
theatrum mundi", dem
Topos vom großen Welttheater, der als
Metapher für die
Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt steht und gleichzeitig
signalisiert, wie Theater und Welt in dieser Zeit aufeinander zu
beziehen sind, nämlich als "Theatralisierung des Lebens und in der
Ausweitung des Theaters unter universalem Aspekt" (Fischer-Lichte
1993/21999, S.40).
Die barocke Komödie erzeugte auf dieser Grundlage ihre komischen
Wirkungen. Sie resultieren
aus der Diskrepanz, die zwischen Sein und
Schein und/oder tatsächlicher und erstrebter sozialer Rolle bestand. Die barocke Freude am Rollenspiel und dem Rollenwechsel, die in den
Lustspielen dieser Zeit immer wieder sichtbar wird, funktioniert nur
in der Welt des Scheins, ist insofern immer nur ein Spiel für eine
gewisse Zeit, die am Ende von der metaphysischen Ordnung eingeholt
wird, den Menschen an den Platz zurückstellt, der ihm in der
göttlichen Ordnung zugewiesen worden ist.
Wenn sich die Barockkomödie mit ihren Verstößen gegen die herrschenden Sprachnormen
(z. B. durch Missachtung der Stilebenen) über die herrschenden
Verhältnisse lustig macht, tut sie dies, ohne diese angesichts des guten Ausgangs
(Happyend) der dargestellten Geschichten grundsätzlich in Frage zu
stellen.
Die Barockkomödie, die vor allem mit den Lustspielen von •
Andreas
Gryphius (1616-1664), »Christian
Weise (1642-1708) und »Christian
Reuter (1665-1712) Werke auf einem höheren literarischen Niveau
hervorbrachte, kann in zwei Gattungstypen
eingeteilt werden: Die Bauern- und Handwerkerkomödie und die am
Muster der »Commedia
dell'arte orientierte Komödie, die in ihrer Darstellung über
soziale Grenzen hinweg Liebes- und Intrigenhandlungen präsentierte.
Beide Typen rütteln dabei in keiner Weise an der "gottgewollte(n)
soziale(n) Ordnung, deren hierarchische Struktur vom
Komödiengeschehen nicht in Frage gestellt, vielmehr bestätigt werden
sollte." (Alt
2007, S. 175)
»Heinrich
Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (1564-1613), der Herzog »zu
Braunschweig und Lüneburg und Fürst »von
Braunschweig-Wolfenbüttel engagierte 1592 die •
englischen Komödianten um
Robert Browne und Thomas Sackville über mehrere Jahre hinweg an
seinem »Wolfenbüttler
Hof, weshalb Wolfenbüttel als das erste Theater mit einem festen
Theater in Deutschland gilt. Er selbst verfasste für die englische
Truppe einige Lustspiele. Auch wenn sie der "drastischen Spielweise
der englischen Komödianten verpflichtet" (Niefanger
2000/32012, S.195) waren, wollte er damit doch über
die Ziele der herkömmlichen volkstümlichen Schwankliteratur
hinausgehend, seine Zuschauer*innen belehren und zu einem moralisch
bewussten Verhalten erziehen.
In seiner Komödie
Vincentio Ladislao Sacrapa von Mantua
(1594), die er selbst in einer »Prosafassung
und und »Elias
Herlitz (1566-1615) in einer
»Versfassung niederschrieben (ebd.),
griff er das von »Plautus
(250-184 v. Chr.) überlieferte Thema des Söldnerführers "Bramarbas"
auf, der mit seinem Hang zur Gewalt, seiner Prahlerei und Dummheit
u. ä. m. ein ganzes Sammelsurium negativer Charaktereigenschaften
aufweist.
In den sechs Akten des Lustspiels wird an der Hauptfigur, dem
selbstverliebten Kriegshelden Ladislaus, in der Tradition
des »Miles
Gloriosus von »Plautus
gezeigt, wohin ihn seine Selbstüberschätzung und Angeberei führt.
Den Typ des "bramabassierenden" Angebers und Wichtigtuers findet man
auch in der »Capitano-Figur
der »Commedia
dell’Arte oder in der Figur des angeberischen Höflings
Don Adriano de Armado
in »William
Shakespeares (1564-1614) Komödie »Vergebliche
Liebesmüh (Love's Labour Lost, 1623). Allerdings wird der Typus
im Lustspiel des Herzogs stärker ironisiert und im Kontext der
eingestreuten Musik- und Tanzeinlagen stärker als groteske Figur
akzentuiert.
Am Ende wird Ladislaus mit
Schimpf und Schande davon gejagt und muss die Stadt fluchtartig
verlassen. Mit der folgenden Bühnenanweisung endet die Komödie in
der Prosafassung:
"IOHAN BOUSET VND DIE ANDERN. Pfeiffen alle hinter jhm her,
Lachen jhn aus, schregen jhn an, Herr Kempffer zu Roß vnd Fuß, Vnd
andern dergleichen Speywort brauchen sie mehr, vnd werffen jhn mit
faulen Eyern vom Platz. Er ist wol zornig, vnd wil wiederumb von
sich schlagen vnd werffen, Aber viel Hunde ist der Hasen Todt, Er
mus dauon lauffen, Vnd gehen alle abe."
Die von »Elias
Herlitz (1566-1615) besorgte
»Versfassung des Stückes hat einen
Epilog angefügt, der die
die besondere Kommunikation mit dem Publikum und die Intentionen des
Verfassers unterstreicht.
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Baustein: Den
Epilog
eines barocken Lustspiels analysieren
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
05.09.2025
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