Die Geschichtswissenschaft
arbeitet schon seit langem mit einem umfassenden, erweiterten Erzählbegriff,
der auf der These gründet, dass historische Erkenntnis auf narrativen
Strukturen beruht. Anfang der 1970er Jahre hat »Arthur
Coleman Danto (1924-2013) (1974)
erkannt, dass historisches Erklären stets narrativ erfolgt und "daß Erzählen
selber eine Form des Erklärens ist, und zwar genau diejenige, die für die
historische Erkenntnis spezifisch ist." (Rüsen
1982, S.133) Seine Auffassung, wonach "»Geschichten« oder Erzählungen
Formen der Erklärung" darstellen, ist heute wohl weitgehend unbestritten und
hat zu der Einschätzung geführt, dass "erst im Erzählen den vergangenen
Ereignissen ein kohärenter Sinn verliehen werden kann" (Schrader
2013, S.40) und "»Erzählen« den Vorgang im Bewußtsein" darstellt, in dem
sich die formale Struktur der historischen Erkenntnis bildet. (vgl.
Rüsen 1982, S.133)
In seiner
Auseinandersetzung mit den substantialistischen Geschichtsphilosophen betont
er, wodurch sich der Historiker vom Geschichtsphilosophen unterscheidet.
Historiker versuchten im Unterschied zu diesen "wahre und zeit-abhängige
Feststellungen über Ereignisse ihrer Zukunft (zu) treffen oder sie
(zu) beschreiben. [...] So könnte man sagen, daß Historiker bestrebt sind,
Ereignisse aus der Vergangenheit zu erklären. Ich habe nichts dagegen
einzuwenden. Ich sage lediglich, daß es zuvörderst notwendig sei, eine wahre
Beschreibung des Ereignisses zu geben, das erklärt werden soll." (Danto
1974,S.49)
Dabei ist es seiner
Auffassung nach zwar "eine logisch folgerichtige, vollständige Darstellung
der Geschichte" (ebd.,S.37),
dennoch sei es durchaus legitim nach der Bedeutung von Ereignissen zu
fragen, solange sich die Zuschreibung von Bedeutsamkeit und Sinn der
Kontexte bewusst ist, innerhalb derer diese Sinnzuschreibung erfolgt. So
bestehe der "Kontext, innerhalb dessen ein Ereignis bedeutungsvoll ist, in
einer begrenzten Reihe von Ereignissen, die zusammen ein Ganzes
konstituieren mögen, in dem das in Frage stehende Ereignis ein Teil ist." (ebd.,S.30)
Dabei ist sich
Danto (1974/1980) darüber im Klaren, dass das Erzählen einer Geschichte
in besonderer Weise von ihren Erzählern, den Historikern und
Historikerinnen, abhängig ist, denn "eine Geschichte zu erzählen ist (...)
offenkundig gleichbedeutend damit einige Geschehnisse auszuschließen;" (ebd.,
S.28)
Die folgenden Ausführungen
hat »Arthur
Coleman Danto (1924-2013) (1974)
Historikern und allen, die historische Erzählungen in allen möglichen
medialen Formen rezipieren, geradezu ins Stammbuch geschrieben:
"Historische Aussagen
werden von Historikern gemacht und Historiker haben ihre Motive, wenn
sie historische Aussagen lieber über den einen Gegenstand als über einen
anderen machen. Nicht allein dies, sondern Historiker haben auch gewisse
Empfindungen den Dingen der Vergangenheit gegenüber, deren Beschreibung sie
geben wollen. Manche dieser Empfindungen mögen persönlicher Art sein, manche
wieder mögen von Mitgliedern der verschiedenen Gruppen geteilt werden, den
ein Historiker zugehört. Derartige Einstellungen und Wertungen veranlassen
Historiker dazu, auf einiges größeres Gewicht zu legen, gewisse Dinge zu
übersehen, ja sie sogar zu entstellen. Wegen dieses Bündels von
Einstelllungen und Voreingenommenheiten, die sie mitbringen, sind sie selbst
nicht immer imstande, die Entstellungen zu entdecken, die ihnen unterlaufen.
Jene aber, die vorgeben, Entstellungen aufgedeckt zu haben, bringen wiederum
selbst eine besondere Reihe von Einstellungen mit und demgemäß ihre je
eigenen Weise, zu gewichten, wegzulassen und zu entstellen. Überhaupt keine
Einstellungen haben würde bedeuten, keine menschliches Wesen zu sei, doch
Historiker sind nun einmal Menschen und können dementsprechend keine
vollkommen objektiven Aussagen über die Vergangenheit machen. Jede
historische Aussage ist, infolge untilgbarer persönlicher Faktoren, eine
Entstellung und demzufolge nie ´ganz wahr. Es gelingt uns also nicht,
Aussagen über die Vergangenheit zu machen, die unbedingt wahr sind." (ebd., S.58f.)
Die Bedeutung des
historiografischen Erzählens gründet auf seinem lebensweltlichen Bezug und
dem Bedürfnis der Menschen, sich in ihrer Lebenswelt zu orientieren und
ihren eigenen Platz im Lauf der Dinge zu finden, oder anders ausgedrückt:
ihre Identität im Wandel der Zeit zu erfahren und zur Geltung zu bringen.
Sie verarbeiten ihre Zeiterfahrungen und Zeiterwartungen narrativ, d.h. sie
erzählen, was sie dabei erleben und welchen Sinn das für sie hat. Sie tun
dies dabei in der Sprachhandlung des Erzählens. Wird Erzählen als
"Sinnbildung über Zeitveränderung" aufgefasst, dann zählt es angesichts
seines lebensweltlichen Bezugs "zu dem Phänomen kultureller
Daseinsbewältigung, die die Menschen als Gattung definieren." (Rüsen 1982, S.135)
Dabei gehört zu dieser Sinnbildung, das man sich an Vergangenes erinnert,
dabei auch auf das kulturelle Gedächtnis zurückgreift, um aus dem
Vergangenen und den damit zusammenhängenden Veränderungen Rückschlüsse auf
Zukünftiges ziehen kann. Ferner müssen dabei die Zeiterfahrungen und
Zeiterwartungen in einen Zusammenhang in Form einer Kontinuitätsvorstellung
gebracht werden, um eine "handlungsleitende Orientierung" (ebd.)
geben zu können. Und schließlich müssen auch die Intentionen und Motive des
jeweiligen Erzählers zur Bildung einer bestimmten Kontinuitätsvorstellung
betrachtet werden, die von vielen verschiedenen Komponenten abhängen.
Wissenschaftliche Erzählen
"bringt (...) in den Sinnbildungsprozeß des historischen Erzählens nichts
qualitativ anderes ein" (ebd.,
S.139), unterscheidet sich aber dennoch von allen anderen Arten historischen
Erzählens, weil "sie die in allem historischen Erzählen zumindest angelegten
Begründungen für die Geltung der erzählten Geschichten systematisch
aufbereitet und zu einem Gefüge regelhafter Prozesse institutionalisiert." (ebd.,
S.137) Ihre Erzählungen sollen ihren Gegenstand aus diesem Grund »empirisch
bzw. sachlich triftig, »normativ
triftig und »narrativ
triftig (kohärent) darbieten und dabei vor allem darauf achten, dass
Ort, Zeit, Figuren, Handlungen, Gedanken und Gespräche entweder realen
Gegebenheiten entsprechen oder zumindest historisch vorstellbar und damit
plausibel sind.
Historisches Erzählen ist
stets mit einem hohen
Authentizitätsanspruch verbunden, damit seine Adressaten auch glauben
können, was ihnen erzählt wird. Dabei kann dieser Anspruch nach dem Grad
abgestuft werden, mit dem er sich auf die Wirklichkeit bezieht, was sich
durch die Verwendung adverbialer Bestimmungen wie
tatsächlich,
wahrscheinlich, offenbar. vermutlich etc. ausdrücken
lässt. Im
»Spannungsfeld zwischen dem Angebot zur Sinnkonstruktion und den
Geltungsansprüchen des Erzählers auf der einen und den Bedürfnissen der
Adressaten auf der anderen Seite, sich zu orientieren und historische Ereignisse zu verstehen, muss
eine historische Erzählung ausgesprochen kohärent, verständlich, richtig und
angemessen sein. (vgl. Schrader
2013, S.42 unter Bezug auf
Pandel 2010,
S.147)

Sie sollten, auch wenn sie
eine • Monoperspektive anbieten, stets in den
Kontext verschiedener anderer Perspektiven auf ein Ereignis gestellt sein.
Dabei muss sich das
• Erzählen als Fingieren verstehen und sich in einer "pragmatische(n)
Literaturgeschichte" verorten, die "radikal zu ihrer Perspektivität, Kontingenz und Fragmentarität" steht (Buschmeier
2014, S.18).
Dreh- und Angelpunkt ist
dabei die Aufgabe eines Objektivitätsanspruchs und die Anerkennung der Tatsache, dass Literaturgeschichte
stets unter einer Perspektive verfasst worden ist und auch künftig werden
wird. (vgl.
ebd.,
S.25f.).