»Narration
- Grundlagen
Geschichtliches Erzählen
gibt es auch in Formen, die für den Geschichtsunterricht
konzipiert worden sind. Es spielte in mündlicher oder schriftlicher Form
(Lehrbuchtexte) lange Zeit die zentrale Rolle. Bis in die 1960er Jahre
hinein hat die mündliche und schriftliche Geschichtserzählung den Unterricht
und die Lehrwerke dominiert und in der Sekundarstufe I sah man in ihr "die
einzige kindgemäße Form von Präsentation geschichtlicher Inhalte" (Schmid
1982, S.58)
Lange diente die mündliche
Geschichtserzählung, die von der Lehrkraft vorgetragen wurde, dabei auch
einfach der komprimierten Stoffvermittlung unter dem Stoffdruck der
Lehrpläne. Dabei kam die Reflexion der Lehrererzählung geradezu zwangsläufig
zu kurz. Erlebnispädagogische Ansätze, die die Geschichtserzählungen (ebd.,
S.59) "mit erfundenen Personen und epischer Ausschmückung, die sich an den
Vorbildern der erzählenden Literatur" orientierten, anschaulicher und spannender machen
wollten, haben dabei, wie
Schmid (1982)
nachdrücklich betont, "bereits damals einen großen Teil der Lehrer
überfordert." Unstrittig war aber schon Ausgang der 1970er Jahre, dass die
Geschichtserzählung im Unterricht stets nur ein Medium neben anderen darstellen
durfte und immer reflektiv aufzuarbeiten war. (vgl.
ebd., S.64)
Im Zuge der
68er-Bewegung in der Bundesrepublik und der damit verbundenen
Veränderung von Unterrichtsmethoden weg vom lehrerzentrierten
Frontalunterricht verlor die Geschichtserzählung als Lehrererzählung ihren
Rang. So warfen ihr die Kritiker vor, dass ihre meist stark personalisierten
und ziemlich unreflektiert dargebotenen Erzählungen mehr Wert auf suggestive
Unterhaltung der Schüler*innen lege, als diese zu eigenem Denken anzuleiten.
Genau solche suggestiven Wirkungen von Geschichtserzählungen machte sich
hingegen die DDR gerne zu eigen, weil Geschichtserzählungen dort
politisch-ideologisch eindeutig ausgerichtet waren.
In gewisser Weise hängt die
oben erwähnte suggestive Wirkung der Geschichtserzählung im Unterricht natürlich auch damit zusammen, dass
Geschichtserzählungen damals wie heute, die Schülerinnen und Schüler
emotional ansprechen und dabei zugleich Sinnbildungsangebote machen, die,
wenn sie unhinterfragt bleiben, auch manipulativ eingesetzt werden können.
Damit dies nicht zum
manipulativen Spiel mit vermeintlichen Fakten wird, müssen sich
Geschichtserzählungen als fiktiv-faktuale Erzählungen, die im Unterricht
verwendet werden, stets auf historische Fakten und/oder Quellen beziehen, auch wenn
sie diese als Narration präsentieren. Mit ihrer dominierenden •
narrativen
Themenentfaltung sind sie aber nicht nur auf anschauliche "Unterhaltung"
aus, sondern erfüllen auch wichtige
Informationsfunktionen
hinsichtlich der von ihnen narrativierten Ereignisse. Trotz ihrer fiktiven
Imagination müssen sie daher auch immer ein
möglichst hohes Maß an
faktischer Historizität anstreben.
Aus der Praxis des heutigen
Geschichtsunterrichts ist das historische Erzählen nie völlig herausgefallen, denn die Schulbücher liefern meistens
monoperspektivisch und in sich kohärente Nacherzählungen über ein Ereignis,
die dann wiederum vom Schüler nacherzählt werden. Aber auch Informationen
aus Referaten oder aus Vorträgen des Lehrers werden von den Schülern
nacherzählt. So konstruieren sie bei der Reproduktion solcher Erzählungen ihre
eigene Bedeutung. Allerdings ist dabei infolge der prinzipiellen
Perspektivität jeder geschichtlichen Erzählung auch schon die Richtung
vorgegeben, in die der Autor der primären Erzählung seine Geschichte
verstanden haben will. (vgl.»Narration
- Grundlagen, abgerufen am 11.08.2024)
Geschichtserzählungen
können aber, sofern sie "gut" konstruiert sind, Geschichte nicht nur sehr anschaulich
und lebendig , sondern auch abstrakte und komplizierte Ereignisse leichter
verständlich machen. Was sie aber darüber hinaus auszeichnet, ist die
Tatsache, dass bei einem reflektierten Umgang mit ihnen, auch gelernt werden
kann, vorhandene
Sinnbildungsangebote zu dekonstruieren. Die Schülerinnen und Schüler können
damit auch ihre eigenen Erzählungen an deren
Stelle setzen und Geschichte individuelle Bedeutsamkeit verleihen.
Geschichtserzählung als Narration
Die Narrativitätsdiskussion
der Geschichtswissenschaft, die natürlich nicht gleichzusetzen ist mit dem
Pro und Contra zur Geschichtserzählung in der Schule ist, hat dennoch mehr
und mehr Einfluss auf die Geschichtsdidaktik gewonnen.
Heute wird die Narrativität
im Geschichtsunterricht auch unter diesen neuen Vorzeichen betrachtet. So geht man
auch hier davon aus, dass "erst im Erzählen den vergangenen Ereignissen ein kohärenter
Sinn verliehen werden kann" (Schrader
2013, S.40)
Weil dem so ist, sind
Erzählungen von Geschichte heutzutage im Unterricht nicht mehr nur Lehrer-
oder, in schriftlicher Form, Lehrbuchsache. Geschichte zu erzählen steht
heute auch eindeutig auf der Agenda des Schülerhandelns im
Geschichtsunterricht. Schülerinnen und Schüler, die Geschichte erzählen,
müssen über narrative Kompetenzen verfügen, die ihnen ermöglichen, aus einer
Vielzahl oder Mehrzahl historischer Ereignisse und Handlungen jene in einem
von ihnen selbst gewählten zeitlichen Rahmen auszuwählen, die sich zu einem,
umfassenden plot zusammenfügen lassen.
Historisches Erzählen ist
dabei stets mit einem hohen
Authentizitätsanspruch verbunden, damit seine Adressaten auch glauben
können, was ihnen erzählt wird. Dabei kann dieser Anspruch nach dem Grad
abgestuft werden, mit dem er sich auf die Wirklichkeit bezieht, was sich
durch die Verwendung adverbialen Bestimmungen wie
tatsächlich,
wahrscheinlich, offenbar. vermutlich etc. ausdrücken
lässt. Im
»Spannungsfeld zwischen dem Angebot zur Sinnkonstruktion und den
Geltungsansprüchen des Erzählers auf der einen und den Bedürfnissen der
Adressaten auf der anderen Seite, sich zu orientieren und historische Ereignisse zu verstehen, muss
eine historische Erzählung ausgesprochen kohärent, verständlich, richtig und
angemessen sein. (vgl.
ebd., S.42 unter Bezug auf
Pandel 2010,
S.147)
Gelungene
Geschichtserzählungen sollten daher ihren Gegenstand »empirisch
bzw. sachlich triftig, »normativ
triftig und »narrativ
triftig (kohärent) darbieten und dabei vor allem darauf achten, dass
Ort, Zeit, Figuren, Handlungen, Gedanken und Gespräche entweder realen
Gegebenheiten entsprechen oder zumindest historisch vorstellbar und damit
plausibel sind.
Sie sollten, auch wenn sie
eine • Monoperspektive anbieten, stets in den
Kontext verschiedener anderer Perspektiven auf ein Ereignis gestellt sein.
Dabei muss sich das
• Erzählen als Fingieren verstehen und sich in einer "pragmatische(n)
Literaturgeschichte" verorten, die "radikal zu ihrer Perspektivität, Kontingenz und Fragmentarität" steht (Buschmeier
2014, S.18).
Dreh- und Angelpunkt ist
dabei die Aufgabe eines Objektivitätsanspruchs und die Anerkennung der Tatsache, dass Literaturgeschichte
stets unter einer Perspektive verfasst worden ist und auch künftig werden
wird. (vgl.
ebd.,
S.25f.).
Historisches Erzählen kann
sowohl im Lehrer- als auch im Schülerhandeln im Literaturunterricht eine wichtige
Rolle spielen.
Ob und wie Lehrkräfte
im Unterricht Geschichtserzählungen einsetzen, ist dabei sehr verschieden.
Selbst beim entdeckenden Lernen können sie eingesetzt werden, weil auch da
"viele Informationen (...) vom Lehrer selbst nachgetragen werden" (Fingerhut
2002/2012, S.299), die Schülerinnen und Schüler in ihrem
eigenverantwortlich angelegten Lernprozess nicht ohne Weiteres verfügbar
sind. Als instruktionistische Appelle sollten sie indessen nicht
"rüberkommen", sondern nur Lernimpulse setzen, denen die Schüler*innen kraft
eigener Entscheidung folgen können oder nicht.
In jedem Fall fordert
Fingerhut
(2002/2012): "LehrerInnen müssen Geschichten aus der Literaturgeschichte
»erzählen« können." (ebd.)
So könnten beispielsweise "biografische Hintergründe spannend erzählt werden
und Suchpfade für selbständiges Arbeiten der SchülerInnen eröffnen." (ebd.)
Für die Schülerinnen und
Schüler ist das Erzählen im Kontext (literar-)historischen Lernens
zunächst wichtig, "weil die bloße Aufzählung von Ereignissen und Fakten
keine reflektierende, perspektivische und erklärende Auseinandersetzung mit
den historischen Fakten erlaubt" (ebd.,
S.49) Werden den Schülerinnen und Schülern als reine Zeittafeln präsentiert,
erlangen diese erst dann ihre Bedeutsamkeit, wenn sie in eine Erzählung
transponiert werden. Dementsprechend kann "Ereignissen nur in einer
Erzählung Sinn verliehen werden." (ebd.,
S.49) Anders und pointiert ausgedrückt: "Historisches Lernen (kann) ohne
narrative Kompetenz nicht stattfinden." (ebd.)
Für die Schülerinnen und
Schüler erhält das Erzählen damit den Charakter "einer produktiven
Lernhandlung, wenn der Schüler in der Lage ist, historische
Sinnbildungsangebote nicht nur zu rezipieren, sondern auch selbst zu
produzieren" (ebd.
S.509) Dies stellt freilich hohe Anforderungen an die narrative Kompetenz
der Schülerinnen und Schüler, die nicht nur mit der allgemeinen
Lesekompetenz zusammenhängen, wenn es darum geht, herkömmliche narrative
Sinnbildungsangebote kritisch zu reflektieren. Dazu gehören auch Kompetenzen
zur Analyse narrativer Strukturen in Geschichtserzählungen sowie unter dem
Blickwinkel einer kohärenten,
verständlichen, richtigen und angemessenen sowie adressatenorientierten
Erzählung Sprachkompetenz
und in einem engeren Sinn auch
Formulierungskompetenz.
Ein erzählkompetenter
Schüler kann beim so genannten Narrativieren, wie
Pandel (2010)
die dem ursprünglichen Erzählen nahe stehende Form historischen Erzählens
nennt,
-
aus Quellen
zeitdifferente Ereignisse entnehmen
-
Sinnbildungsmuster auf
Ereignisse anwenden (z. B. Auftieg-Fall)
-
Handlungssubjekte
festlegen
-
einen Anfang und ein Ende
bestimmen
-
die »empirische
Triftigkeit belegen
-
hierarchische Komplexität
herstellen
-
perspektivisch erzählen
und umerzählen
-
diskursive Elemente, z.
B. Theorieaussagen, einfügen
-
kontrovers argumentieren
-
eigene Darstellungen im
Präteritum verfassen
(vgl.
Pandel 2010,
S.128-131, zit. n.
Schrader 2013, S.51)
Damit Schülerinnen und
Schüler historische Ereignisse in einer Narration aufeinander beziehen oder
das Verhältnis zwischen Ereignissen herzustellen zu können, benötigen sie
Wissen, das sie in dafür geeigneten Unterrichtssettings und Lernarrangements
erwerben können. Mit einer Vielfalt unterschiedlicher Materialien aus
verschiedenen kulturellen Bereichen, aus schriftlichen Quellen, aus in
Auszügen präsentierten literarischen und pragmatischen Texten, aus Bildern,
Fotos oder filmischen "Quellen" oder auch Sachgegenstände umfassen können,
können sie sich eine Narration im Bereich der Literaturgeschichte
erarbeiten.
In Anlehnung an
Memminger (2007)
und Pandel (2010)
haben verschiedene Autoren des Wikis »Narration
- Grundlagen eine ganze Reihe von Beispiele zusammengestellt, die zeigen
sollen, wie Narrationen in den Geschichtsunterricht einfließen können.
Einige der dort präsentierten Anregungen werden hier aufgegriffen und hin
und wieder mit Hinweisen auf den •
Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) versehen.

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-
So können die
im Deutschunterricht hinlänglich bekannten Formen •
kreativen Schreibens in der Schule, die im •
handlungs- und produktionsorientierten Unterricht als •
produktive
Textarbeit schon lange bei der •
schulischen
Interpretation literarischer Texte eingesetzt (vgl. •
Surfbrett Kreatives
Schreiben) werden. Sie schaffen unterschiedliche Zugangsweisen und
gestalten verschiedene Umgangsweisen mit Texten unterschiedlicher medialer Art bei der
(literaturgeschichtlichen) Kontextarbeit und können für
unterschiedliche Erzählungen genutzt werden. Hier stehen sie aber
eindeutig im Zusammenhang mit faktualem Erzählen, das stets auf die
historischen Fakten und Quellen bezogen wird, mit dem die
Geschichtserzählung ihren Authentizitätsanspuch verbindet. Viele
solcher •
Aufgaben zum kreativen Schreiben (Tagebucheinträge Interviews,
innere Monologe etc,) können auch unter Zuhilfenahme von •
Künstlicher Intelligenz (KI) organisiert werden. Indem
insbesondere literarhistorische Quellen (Texte, Bilder,
Tondokumente) aber auch vorhandene Lehrbuchtexte (neu)
narrativiert werden, wird eine multiperspektivische Sicht auf
historische Ereignisse gefördert.
-
Auch die
Auseinandersetzung mit Quellen, die im Rahmen der schulischen
Kontextarbeit einbezogen werden, kann enger mit kreativem Schreiben
kombiniert werden. So können z. B. unbearbeitete Quellen aus
dem Mittelalter und aus der Frühen Neuzeit in
moderne oder einfache Sprache "übersetzt" werden, wobei auch
hier KI eingesetzt werden kann. Außerdem können die Quellen auch
narrativiert, d. h. nacherzählt werden.
-
Schülerinnen und
Schüler können bei einer "´Lückentextpräsentation"
didaktisch gesetzte Leerstellen mit eigenen Gedanken und
Formulierungen auffüllen oder aus bestimmten Varianten, die
vorgegeben sind, eine passende auswählen.
-
Sie können beim
Schreiben zu Bildern ihre eigene
Narration verfassen. Dabei sollten aber mindestens zwei Bilder als
Materialgrundlage dienen, die entweder aus unterschiedlichen Zeiten
stammen oder einen kontrastiven Blick auf zeitgenössische Phänomene
ermöglichen.
-
Aber auch
szenische Verfahren, wie sie aus
der so genannten •
Szenische Interpretation bekannt sind, können für
eigenständige Narrationen der Schülerinnen und Schüler genutzt
werden.
-
Einen besonderen
Reiz haben wohl auch die so genannten
kontrafaktischen Szenarien
nach dem Muster "Was wäre geschehen, wenn…". Dabei sollte eine
Erzählung dieser Art bis zu einem gewissen Punkt authentisch und
plausibel sein und von keinen fiktiven Personen handeln. Diese Art
der Narration zielt darauf, den Schülerinnen und Schülern bei
der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten zu helfen.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
31.12.2024
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