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Der reformierte Schweizer
Pfarrer, Philosoph und Schriftsteller »Johann
Caspar Lavater (1741– 1801) war in seiner Zeit der »Aufklärung
vor allem als ein Hauptvertreter der so genannten »Physiognomik
bekannt,
die aus dem physiologischen Äußeren des Körpers, besonders des Gesichts, auf
die seelischen Eigenschaften eines Menschen – also insbesondere dessen
Charakterzüge und/oder Temperament – zu schließen versuchte. Mit seinem
vierbändigen Hauptwerk "Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der
Menschenkenntniß und Menschenliebe (1775-1778)" beförderte er
erfolgreich diesen Diskurs und.verschmolz dabei den seelischen
Einfühlungsgestus der
Empfindsamkeit, protestantische Offenbarungsrhetorik mit der
zeitgenössischen Suche nach einer Universalsprache der Natur. Lavater legte
ein riesiges Bildarchiv an, darunter Silhouetten berühmter Persönlichkeiten,
Porträtzeichnungen von Adligen, Bürgern und einfachen Leuten,
Schriftstellern und Verbrechern, selbst von Tieren. Hier wird eine Stelle
aus diesem Werk zitiert, an der er sich zunächst einmal über das Genie an
sich auslässt, ehe er sich dann anhand von Schattenrissen - nach heutigen
Maßstäben rassistisch - über die Physiognomie eines Genies bzw. Nicht-Genies
auslässt.
Für die Genieästhetik des
Sturm und Drang gehört sein X. Fragment mit
dem Titel "Genie" dennoch zu den wichtigsten Texten.
Johann Caspar Lavater: Was ist Genie? (1778)
"Was ist Genie? Wer’s nicht
ist, kann nicht, und wer’s ist, wird nicht antworten.
Vielleicht kann’s und darf’s einigermaßen, wer dann und wann gleichsam in
der Mitte schwebt und dem’s wenigstens bisweilen gegeben ist, in die Höhe
über sich und in die Tiefe unter sich hinzublicken.
Was ist Genie? Was
ist’s nicht? Ist’s bloß Gabe ausnehmender Deutlichkeit in seinen
Vorstellungen und Begriffen? Ist’s bloß anschauende Erkenntnis? Ist’s bloß
richtig sehen und urteilen, viel wirken, ordnen, geben, verbreiten? Ist’s
bloß ungewöhnliche Leichtigkeit zu lernen, zu sehen, zu vergleichen? Ist’s
bloß Talent?
Genie ist Genius.
Wer bemerkt, wahrnimmt,
schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, bildet, dichtet, singt, schafft,
vergleicht, sondert, vereinigt, folgert, ahndet, gibt, nimmt, als wenn’s ihm
ein Genius, ein unsichtbares Wesen höherer Art diktirt oder angegeben
hätte, der hat Genie, als wenn er selbst ein Wesen höherer Art wäre,
ist Genie.
Einen reichen oder
weisen Freund haben, der uns in jeder Verlegenheit rät, in jeder Not
hilft — und selbst reich sein und andern in jeder Not helfen,
selbst weise, andern in jeder Verlegenheit raten zu können, siehe da den
Unterschied zwischen Genie-Sein und Genie-Haben.
Wo Wirkung, Kraft, Tat,
Gedanke, Empfindung ist, die von Menschen nicht gelernt und nicht gelehrt
werden kann – da ist Genie. Genie. – das allererkennbarste und
unbeschreiblichste Ding, fühlbar, wo es ist, und unaussprechlich wie die
Liebe!
Der Charakter des Genies
und aller Werke und Wirkungen des Genies ist meines Erachtens
Apparition1. Wie Engelserscheinung
nicht kömmt, sondern dasteht, nicht weggeht, sondern weg
ist, wie Engelserscheinung ins innerste Mark trifft –
unsterblich ins Unsterbliche der Menschheit wirkt – und
verschwindet und fortwirkt nach dem Verschwinden – und süße
Schauer und Schreckenstränen und Freudenblässe zurücklässt – so
Werk und Wirkung des Genies.
Genie —
propior Deus2...
Oder – nenn
es, beschreib es, wie du willst! – Nenn’s
Fruchtbarkeit des Geistes,
Unerschöpflichkeit, Quellgeist! Nenn’s Kraft ohne ihresgleichen
– Urkraft, kraftvolle
Liebe; Nenn’s
Elastizität der Seele oder der Sinne und des Nervensystems
– die leicht Eindrücke annimmt und mit einem schnell
ingerirten3
Zusatze lebendiger Individualität zurückschnellt – Nenn’s
unentlehnte, natürliche, innerliche
Energie der Seele; Nenn’s
Schöpfungskraft; nenn’s
Menge in- und extensiver Seelenkräfte –
Sammlung,
Konzentrierung aller Naturkräfte; nenn’s
lebendige Darstellungskunst;
nenn’s Meisterschaft über sich
selbst; nenn’s Herrschaft
über die Gemüter; nenn’s Wirksamkeit,
die immer trifft, nie fehlt in all ihrem Wirken; Leiden, Lassen, Schweigen,
Sprechen; nenn’s Innigkeit,
Herzlichkeit, mit Kraft sie fühlbar zu machen! Nenn’s
Zentralgeist, Zentralfeuer, dem
nichts widersteht; nenn’s
lebendigen und lebendig
machenden Geist, der sein Leben füllt und leicht und vollkräftig
mitteilt: sich in alles hineinwirft mit Lebensfülle, mit Blitzeskraft –
Nenn’s Übermacht über alles, wo es hintritt,
nenn’s
Ahndung des Unsichtbaren im Sichtbaren, des Zukünftigen im
Gegenwärtigen. Nenn’s tiefes erregtes Bedürfnis mit Ahndung innerer
Kraft, die das Bedürfnis stillt und sättigt – Nenn’s
ungewöhnliche Wirksamkeit, durch ungewöhnliches Bedürfnis erregt und
unterhalten. Nenn’s
ungewöhnliche
Schnelligkeit des Geistes, entfernte Verhältnisse mit
glücklicher Überspringung der Mittelverhältnisse zusammenzufassen –
oder Ähnlichkeiten, die sich nicht
herausforschen lassen, im eilenden Vorbeiflug zu ergreifen –
Nenn’s "Vernunft
im schnellsten Flammenstrome der Empfindung und Thätigkeit.“ –
Nenn’s Glaube, Liebe, Hoffnung,
die sich nicht geben, nicht nachäffen lässt; oder nenn’s schlechtweg nur
Erfindungsgabe oder
Instinkt: Nenn’s und beschreib’s, wie du willst und kannst; allemal
bleibt das gewiß –
Das Ungelernte, Unentlehnte, Unlernbare, Unentlehnbare, innig Eigentümliche,
Unnachahmliche, Göttliche – ist Genie –
das Inspirationsmäßige ist Genie
– hieß bei allen Nationen, zu allen Zeiten Genie –
und wird’s heißen, solange Menschen denken und empfinden und reden.
Genie
blitzt; Genie schafft; veranstaltet nicht; schafft!
So wie es selbst nicht
veranstaltet werden kann, sondern ist!
Genie vereinigt, was niemand vereinigen, trennt, was niemand trennen
kann; sieht und hört und fühlt und gibt und nimmt – auf
eine Weise, deren Unnachahmlichkeit jeder andere sogleich innerlich
anerkennen muss. – Unnachahmlich
und über allen Schein von Nachahmlichkeit erhaben ist das Werk des reinen
Genius, wie der Funke
Gottes, aus dem es fließt. Über kurz oder lang wird’s erkannt –
wird seine Unsterblichkeit gesichert. Über kurz oder lang alles
herabgewürdigt, was schwachen Köpfen Genie schien und nicht war,
nur Talent, nur gelernt,
nur nachgeahmt, nur Faktize war,
nicht Geist war aus Geist;
nicht quoll aus unlernbarem Drange der Seele; nicht war Kind der Liebe!
Abdruck des innern Menschen!
Ausgeburt und
Ebenbild der verborgensten Kraft! Lauf alle Reihen der Menschen durch,
die ganze Nationen und Jahrhunderte mit Einer Stimme Genie nannten —
oder deren Werke und Wirkungen unsterblich sind und fortleben von Geschlecht
zu Geschlecht, und nie zu verkennen, nie auszulöschen sind — wenn noch so
viele, noch so stürmende Stürme über sie brausen — Nenn unter allen Einen —
der nicht gerade um deßwillen Genie hieß — und war —
weil er Ungelerntes
und Unlernbares empfand, sprach, dichtete, gab, schuf!
Unnachahmlichkeit ist der Charakter des Genies und seiner Wirkungen,
wie aller Werke und Wirkungen Gottes!
Unnachahmlichkeit; Momentaneiät; Offenbarung; Erscheinung; Gegebenheit,
wenn ich so sagen darf!
was wohl geahndet, aber nicht gewollt, nicht begehrt werden
kann — oder was man hat im Augenblicke des Wollens und
Begehrens — ohne zu wissen wie? — was gegeben wird — nicht von
Menschen; sondern von Gott, oder vom Satan! [...] "
(Lavater, Johann Caspar:
Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und
Menschenliebe. Bd. 4. Leipzig u. a., 1778.S. 80-82; Rechtschreibung behutsam
an die moderne Rechtschreibung angepasst. G.E.;
https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/lavater_fragmente04_1778?p=5)
Worterklärungen:
1
Apparition: Erscheinung
2 propier Deus:
eine eigene, besondere Art von Gott
3 ingerirten:
ingerieren = bewirken
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
30.11.2024