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Johann Caspar Lavater: Was ist Genie? (1778)

Literaturgeschichte Literaturepochen Sturm und Drang (1760-1785)


FAChbereich Deutsch
Glossar
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Der reformierte Schweizer Pfarrer, Philosoph und Schriftsteller »Johann Caspar Lavater (1741– 1801)  war in seiner Zeit der »Aufklärung vor allem als ein Hauptvertreter der so genannten »Physiognomik bekannt, die aus dem physiologischen Äußeren des Körpers, besonders des Gesichts, auf die seelischen Eigenschaften eines Menschen – also insbesondere dessen Charakterzüge und/oder Temperament – zu schließen versuchte. Mit seinem vierbändigen Hauptwerk "Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe (1775-1778)" beförderte er erfolgreich diesen Diskurs und.verschmolz dabei den seelischen Einfühlungsgestus der Empfindsamkeit, protestantische Offenbarungsrhetorik mit der zeitgenössischen Suche nach einer Universalsprache der Natur. Lavater legte ein riesiges Bildarchiv an, darunter Silhouetten berühmter Persönlichkeiten, Porträtzeichnungen von Adligen, Bürgern und einfachen Leuten, Schriftstellern und Verbrechern, selbst von Tieren. Hier wird eine Stelle aus diesem Werk zitiert, an der er sich zunächst einmal über das Genie an sich auslässt, ehe er sich dann anhand von Schattenrissen - nach heutigen Maßstäben rassistisch - über die Physiognomie eines Genies bzw. Nicht-Genies auslässt.

Für die Genieästhetik des Sturm und Drang gehört sein X. Fragment mit dem Titel "Genie" dennoch zu den wichtigsten Texten.

Johann Caspar Lavater: Was ist Genie? (1778)

"Was ist Genie? Wer’s nicht ist, kann nicht, und wer’s ist, wird nicht antworten. Vielleicht kann’s und darf’s einigermaßen, wer dann und wann gleichsam in der Mitte schwebt und dem’s wenigstens bisweilen gegeben ist, in die Höhe über sich und in die Tiefe unter sich hinzublicken.

Was ist Genie? Was ist’s nicht? Ist’s bloß Gabe ausnehmender Deutlichkeit in seinen Vorstellungen und Begriffen? Ist’s bloß anschauende Erkenntnis? Ist’s bloß richtig sehen und urteilen, viel wirken, ordnen, geben, verbreiten? Ist’s bloß ungewöhnliche Leichtigkeit zu lernen, zu sehen, zu vergleichen? Ist’s bloß Talent?

Genie ist Genius.

Wer bemerkt, wahrnimmt, schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, bildet, dichtet, singt, schafft, vergleicht, sondert, vereinigt, folgert, ahndet, gibt, nimmt, als wenn’s ihm ein Genius, ein unsichtbares Wesen höherer Art diktirt oder angegeben hätte, der hat Genie, als wenn er selbst ein Wesen höherer Art wäre, ist Genie.

Einen reichen oder weisen Freund haben, der uns in jeder Verlegenheit rät, in jeder Not hilft — und selbst reich sein und andern in jeder Not helfen, selbst weise, andern in jeder Verlegenheit raten zu können, siehe da den Unterschied zwischen Genie-Sein und Genie-Haben.

Wo Wirkung, Kraft, Tat, Gedanke, Empfindung ist, die von Menschen nicht gelernt und nicht gelehrt werden kann – da ist Genie. Genie. – das allererkennbarste und unbeschreiblichste Ding, fühlbar, wo es ist, und unaussprechlich wie die Liebe!

Der Charakter des Genies und aller Werke und Wirkungen des Genies ist meines Erachtens Apparition1. Wie Engelserscheinung nicht kömmt, sondern dasteht, nicht weggeht, sondern weg ist, wie Engelserscheinung ins innerste Mark trifft  – unsterblich ins Unsterbliche der Menschheit wirkt  – und verschwindet und fortwirkt nach dem Verschwinden  – und süße Schauer und Schreckenstränen und Freudenblässe zurücklässt  – so Werk und Wirkung des Genies.

Geniepropior Deus2...

Oder  – nenn es, beschreib es, wie du willst!  – Nenn’s Fruchtbarkeit des Geistes, Unerschöpflichkeit, Quellgeist! Nenn’s Kraft ohne ihresgleichen  Urkraft, kraftvolle Liebe; Nenn’s Elastizität der Seele oder der Sinne und des Nervensystems  – die leicht Eindrücke annimmt und mit einem schnell ingerirten3 Zusatze lebendiger Individualität zurückschnellt  – Nenn’s unentlehnte, natürliche, innerliche Energie der Seele; Nenn’s Schöpfungskraft; nenn’s Menge in- und extensiver Seelenkräfte   Sammlung, Konzentrierung aller Naturkräfte; nenn’s lebendige Darstellungskunst; nenn’s Meisterschaft über sich selbst; nenn’s Herrschaft über die Gemüter; nenn’s Wirksamkeit, die immer trifft, nie fehlt in all ihrem Wirken; Leiden, Lassen, Schweigen, Sprechen; nenn’s Innigkeit, Herzlichkeit, mit Kraft sie fühlbar zu machen! Nenn’s Zentralgeist, Zentralfeuer, dem nichts widersteht; nenn’s lebendigen und lebendig machenden Geist, der sein Leben füllt und leicht und vollkräftig mitteilt: sich in alles hineinwirft mit Lebensfülle, mit Blitzeskraft  – Nenn’s Übermacht über alles, wo es hintritt, nenn’s Ahndung des Unsichtbaren im Sichtbaren, des Zukünftigen im Gegenwärtigen. Nenn’s tiefes erregtes Bedürfnis mit Ahndung innerer Kraft, die das Bedürfnis stillt und sättigt  – Nenn’s ungewöhnliche Wirksamkeit, durch ungewöhnliches Bedürfnis erregt und unterhalten. Nenn’s ungewöhnliche Schnelligkeit des Geistes, entfernte Verhältnisse mit glücklicher Überspringung der Mittelverhältnisse zusammenzufassen  – oder Ähnlichkeiten, die sich nicht herausforschen lassen, im eilenden Vorbeiflug zu ergreifen  – Nenn’s "Vernunft im schnellsten Flammenstrome der Empfindung und Thätigkeit.“  – Nenn’s Glaube, Liebe, Hoffnung, die sich nicht geben, nicht nachäffen lässt; oder nenn’s schlechtweg nur Erfindungsgabe oder Instinkt: Nenn’s und beschreib’s, wie du willst und kannst; allemal bleibt das gewiß – Das Ungelernte, Unentlehnte, Unlernbare, Unentlehnbare, innig Eigentümliche, Unnachahmliche, Göttliche  – ist Genie  – das Inspirationsmäßige ist Genie  – hieß bei allen Nationen, zu allen Zeiten Genie  – und wird’s heißen, solange Menschen denken und empfinden und reden. Genie blitzt; Genie schafft; veranstaltet nicht; schafft! So wie es selbst nicht veranstaltet werden kann, sondern ist! Genie vereinigt, was niemand vereinigen, trennt, was niemand trennen kann; sieht und hört und fühlt und gibt und nimmt  – auf eine Weise, deren Unnachahmlichkeit jeder andere sogleich innerlich anerkennen muss. – Unnachahmlich und über allen Schein von Nachahmlichkeit erhaben ist das Werk des reinen Genius, wie der Funke Gottes, aus dem es fließt. Über kurz oder lang wird’s erkannt  – wird seine Unsterblichkeit gesichert. Über kurz oder lang alles herabgewürdigt, was schwachen Köpfen Genie schien und nicht war, nur Talent, nur gelernt, nur nachgeahmt, nur Faktize war, nicht Geist war aus Geist; nicht quoll aus unlernbarem Drange der Seele; nicht war Kind der Liebe! Abdruck des innern Menschen! Ausgeburt und Ebenbild der verborgensten Kraft! Lauf alle Reihen der Menschen durch, die ganze Nationen und Jahrhunderte mit Einer Stimme Genie nannten — oder deren Werke und Wirkungen unsterblich sind und fortleben von Geschlecht zu Geschlecht, und nie zu verkennen, nie auszulöschen sind — wenn noch so viele, noch so stürmende Stürme über sie brausen — Nenn unter allen Einen — der nicht gerade um deßwillen Genie hieß — und war — weil er Ungelerntes und Unlernbares empfand, sprach, dichtete, gab, schuf! Unnachahmlichkeit ist der Charakter des Genies und seiner Wirkungen, wie aller Werke und Wirkungen Gottes! Unnachahmlichkeit; Momentaneiät; Offenbarung; Erscheinung; Gegebenheit, wenn ich so sagen darf! was wohl geahndet, aber nicht gewollt, nicht begehrt werden kann — oder was man hat im Augenblicke des Wollens und Begehrens — ohne zu wissen wie? — was gegeben wird — nicht von Menschen; sondern von Gott, oder vom Satan! [...] " 

(Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 4. Leipzig u. a., 1778.S. 80-82; Rechtschreibung behutsam an die moderne Rechtschreibung angepasst. G.E.; https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/lavater_fragmente04_1778?p=5)

Worterklärungen:

1 Apparition: Erscheinung
2 propier Deus: eine eigene, besondere Art von Gott
3 ingerirten: ingerieren = bewirken

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 30.11.2024

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus: Welche Vorstellungen über den Dichter und seine Dichtkunst entwickelt Lavater in dem Text?

  2. Welche Bedeutung besitzt für ihn das künstlerische Genie? – Zeigen Sie dabei auch, wie die sprachlich-stilistische Gestaltung des Textes diese Position stützen soll.

  3. Recherchieren Sie im Internet über heutige Definitionen von Genie. – Was bedeutet eigentlich der Begriff Universalgenie?

 
 
 

 
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