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Der englische Philosoph, Schriftsteller, Politiker, Kunstkritiker und
Literaturtheoretiker der frühen
»Aufklärung
»Antony Ashley Cooper, den 3. Earl of Shaftesbury (1671-1713) geht
grundsätzlich von der Gemeinsamkeit von Natur, Kunst und Sittlichkeit aus,
da sich alle auf den gleichen Ursprungs zurückführen lassen, und betont die
Einheit von moralischer Bildung und künstlerischem Schöpfertum. Daher sieht
er auch in der Dichtung nicht nur eine Kunstform, sondern auch ein Mittel
zur moralischen und ästhetischen Erziehung. Dem Dichter fällt dabei als
einem quasi "zweiten Schöpfer" die Aufgabe zu, mit seinen Werken den
Menschen die Schönheit und Harmonie der Welt aufzuzeigen, damit den "moral
sense" der Menschen anzusprechen und sie zu einem tugendhaften Leben
anzuregen. Shaftesburys Dichtungstheorie ist eng mit seiner Moralphilosophie
verknüpft. Er glaubte an eine natürliche, angeborene moralische Fähigkeit
des Menschen, den "moral sense". Dieser Sinn ermögliche es dem Menschen, das
Gute und Schöne zu erkennen und anzustreben. Und der Dichtung und ihren
Schöpfern kommt dabei seiner Auffassung nach eine bedeutende Rolle bei der
Entwicklung und Kultivierung dieses moralischen Sinns zu. Mit seiner
gottähnlichen Schöpferkraft kann und soll ein wahrer Dichter den Menschen
die ästhetische Erfahrung einer (idealen) Welt ermöglicht, die nicht als
bloße Nachahmung der Realität daherkommt, sondern Ausdruck einer höheren
Ordnung und Schönheit ist. Shaftesburys Ideen hatten einen großen Einfluss
auf die Literatur und Ästhetik des 18. Jahrhunderts. Sie beeinflussten unter
anderem Dichter wie »Alexander
Pope (1688-1744) und »James
Thomson (1700-1748) und trugen zur Entwicklung der •
Empfindsamkeit (1740-1780) und des
•
Sturm und Drang
(1760-1785) bei.
Der Schweizer Theologe und Philosoph der Aufklärung »Johann
Georg Sulzer (1720-1799) hat in der von ihm verfassten ersten
deutschsprachigen »Enzyklopädie
mit dem Titel "Allgemeine Theorie der Schönen Künste" in seinen
Ausführungen, die alle Gebiete der Ästhetik systematisch behandelt, auch
»Antony Ashley Cooper, den 3. Earl of Shaftesbury (1671-1713) mit
seinen Ausführungen über den Dichter, sein Genie und seine Dichtkunst
zitiert, die er in seinem Werk "Soliloquy, or,
Advice to an author by Anthony Ashley Cooper Shaftesbury (Earl of)" (1771,
S.54f.), gemacht hat. Die Übersetzung des englischsprachigen Werks durch
Sulzer erfolgt auf der Grundlage zeitgenössischer Konventionen.
"Man
kann sowohl zur Beschimpfung der schlechten, als zur Ehrrettung der guten
Dichter, nichts nachdrücklichers, als die folgenden Worte eines der
feinesten Kenner (*Shaftesbury, Advice to an Author. Part. I, Sect.3) »Ich
muss gestehen«, sagt er, »dass schweerlich eine abgeschmaktere Gattung
Menschen irgend wo zu finden ist, als die, denen man in den neuern Zeiten,
wegen einiger Fertigkeit woltönend zusprechen, wegen eines unüberlegten
abgeschmakten Witzes, und einiger Einbildungskraft, den Namen der Dichter
gegeben hat. Der Mann, der den Namen eines Dichters wahrhaftig und in dem
eigentlichen Sinn verdienet, der, als ein wahrer Künstler oder Baumeister in
dieser Art, so wol Menschen als Sitten schildern, der einer Handlung ihre
gehörige Form und ihre Verhältnisse geben kann, ist, wo ich nicht irre, ein
ganz anders Geschöpf. Denn ein solcher Dichter ist in der That ein
andrer
Schöpfer, ein wahrer Prometheus1
unter Jupiter2.
Gleich jenem obersten Künstler oder der allgemeinen bildenden Natur, formet
er ein Ganzes, wol zusammenhängend, und in sich selbst wol abgemessen, mit
richtiger Anordnung und Zusammenfügung seiner Theile. Er bezeichnet das
Gebieth jeder Leidenschaft, und kennet genau jeder derselben Ton und Maaß,
wodurch er sie mit Richtigkeit schildert; er zeichnet das Erhabene der
Empfindungen und der Handlung und unterscheidet das Schöne von dem
Hässlichen, das Liebenswürdige von dem Verächtlichen. Der sittliche
Künstler, der auf diese Weise dem Schöpfer nachahmen
kann und eine solche
Kenntnis der innem Gestalt und des Baues seiner Mitgeschöpfe hat, wird, wie
ich denke, schweerlich sich selbst misskennen, oder über diejenigen
Verhältnisse unwissend seyn, die die Harmonie der Seele ausmachen; denn eine
niederträchtige Sinnesart macht die eigentliche Dissonanz und Disproportion
aus. Und ob gleich nichtswürdige Menschen auch ihren hohen Ton und
natürliche Fähigkeit zu handeln haben können; so ist es doch nicht möglich,
dass richtige Urtheilskraft und sittliches Gefühl sich da finden sollten, wo
Harmonie und Redlichkeit mangeln.«"
(in: Georg Sulzer, Allgemeine Theorie der schönen Künste 1, Von A
bis J, 1792) S.268 (
https://www.digitale-sammlungen.de/view/bsb10903915?page=267)
Worterläuterungen:
1 Prometheus: »Prometheus
ist in der griechischen Mythologie ein Mitglied des »Göttergeschlechts
der »Titanen.
Seine Geschichte wurde vom griechischen Dichter »Hesiod
(geb. ca. 700 v. Chr.) überliefert. Prometheus war der Sohn des »Iapetos
und der »Okeanidin »Klymene,
deren Kinder sonst noch »Atlas, »Menoitios
und »Epimetheus
waren. Prometheus soll der klügste und weiseste der vier Brüder gewesen
sein. Prometheus gilt der Sage nach als Schöpfer der Menschen, die er aus
Lehm formte und denen er sehr zugetan war.
2 Jupiter: »Zeus,
oberster, der »olympischen
Götter
Die englische Originalversion des obigen Auszugs aus: "Soliloquy, or,
Advice to an author by Anthony Ashley Cooper Shaftesbury (Earl of)" (1771,
S.54f.) lautet:
I must confess there is hardly any where to be found a more insipid Race
of Mortals , than those whom we Moderns are contented to call Poets,
for having attain'd the chiming Faculty of a Language, with an injudicious
random use of Wit and Fancy. But for the Man, who truly and in a just sense
deserves the Name of Poet , and who as a real Master or Architect in
the kind, can describe both Men and Manners , and give to an
Action its just Body and Proportions; he will be found, if I mistake
not, a very different Creature . Such a Poet is indeed a
second Maker: a just PROMETHEUS, under
JOVE. Like that Sovereign Artist or universal Plastick Nature, he forms a
Whole, coherent and proportion'd in itself, with due Subjection and
Subordinacy of constituent Parts . He notes the Boundarys of the Passions ,
and knows their exact Tones and Measures; by which he justly
represents them, marks the Sublime of Sentiments and Actions, and
distinguishes the Beautiful from the Deform'd, the Amiable
from the Odious. The Moral Artist ,
who can thus imitate the Creator,
and is thus knowing in the inward Form and Structure of his
Fellow-Creatures, will hardly, I presume, be
found unknowing in Himself , or at a loss in those Numbers which make
the Harmony of a Mind.
In der Übersetzung von google translate lautet der Text auf Deutsch:
"Ich muss gestehen, dass es kaum eine langweiligere Rasse von Sterblichen
gibt als diejenigen, die wir Modernen gerne Dichter nennen, weil wir die
klingende Fähigkeit einer Sprache durch einen unüberlegten, willkürlichen
Einsatz von Witz und Fantasie erlangt haben . Aber für den Mann, der
wirklich und in einem gerechten Sinne den Namen eines Dichters verdient und
der als wahrer Meister oder Architekt in dieser Art sowohl Menschen als auch
Manieren beschreiben und einer Handlung ihren gerechten Körper und ihre
richtigen Proportionen verleihen kann; Wenn ich mich nicht irre, wird er ein
ganz anderes Geschöpf sein. Ein solcher
Dichter ist tatsächlich ein zweiter Schöpfer:
ein gerechter PROMETHEUS unter JOVE. Wie dieser souveräne Künstler oder die
universelle plastische Natur bildet er ein Ganzes, das in sich kohärent und
proportioniert ist, mit der gebührenden Unterwerfung und Unterordnung der
Bestandteile. Er notiert die Grenzen der Leidenschaften und kennt ihre
genauen Töne und Maße; wodurch er sie gerecht darstellt, das Erhabene der
Gefühle und Taten kennzeichnet und das Schöne vom Deformierten, das
Liebenswürdige vom Abscheulichen unterscheidet. Der moralische Künstler, der
auf diese Weise den Schöpfer nachahmen kann und daher die innere Form und
Struktur seiner Mitgeschöpfe kennt, wird, wie ich annehme, kaum unwissend
über sich selbst oder ratlos in Bezug auf die Zahlen sein, die die Harmonie
herstellen eines Geistes."
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
29.11.2024
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