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Argumentieren

Warum eigentlich Argumentieren lernen?

Sechs und mehr Gründe für die vernunftorientierte Argumentation

 
 
  Im Alltagsleben geben wir eigentlich immer wieder unsere Meinung kund. Wir nehmen Stellung dazu, ob uns etwas passt oder nicht passt, sprechen uns für das eine oder andere aus, begründen Entscheidungen oder streiten uns schlicht mit jemandem über einen bestimmten Sachverhalt. Was so selbstverständlich zu unserer alltäglichen Kommunikation gehört, muss, so kommt es vielen vor, eigentlich nicht gelernt werden. Natürlich ist uns dabei schon mehr oder weniger bewusst, dass die Art und Weise, wie wir argumentieren, irgendwoher kommt. So nehmen wir an, dass wir uns im Laufe der Zeit eben eine Meinung zu einer Sache gebildet haben, Erfahrungen gemacht haben, die wir dann in Auseinandersetzungen mit anderen über einen Sachverhalt oder ein Problem einbringen. Und wie wir das dann tun? Das hängt natürlich von einer Menge Faktoren ab: von der eigenen Stimmung, von der Situation allgemein, von dem jeweiligen Kommunikationspartner oder schlicht davon, worum es eben geht. So weit, so gut!
Argumentieren kann aber auch in einem anderen Kontext als den oben beschriebenen Alltagssituationen betrachtet werden. Dann geht es z. B. darum, welche Bedeutung das Argumentieren für die Teilhabe an wichtigen politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Entwicklungen besitzt. Wer zu argumentieren versteht, so die Annahme, kann, entsprechendes Wissen und andere Faktoren vorausgesetzt, Diskurse dieser Art verfolgen und sich unter Umständen aktiv daran beteiligen. Ohne Argumentation keine Teilhabe, so könnte man das Ganze zuspitzen.

Wer argumentiert,

  • ist in der Lage, notwendige Kritik an unseren "schnellen, aber irrtums- und verführungsanfälligen Intuitionen" zu leisten

  • kann mit Argumenten sein eigenes Weltbild konstruieren, Zusammenhänge erklären und Voraussagen treffen, sowie das eigene Wissen dadurch erweitern, dass bestimmte Hypothesen widerlegt werden

  • kann sich "angesichts der unvermeidlichen Unsicherheit und Vorläufigkeit menschlicher Erkenntnis" einen kritischen Standpunkt bewahren

  • kann mit seiner Kritik u. U. bestimmte Irrtümer und Vorurteile aufbrechen

  • setzt sich in Konflikten relativ friedlich mit anderen Meinungen auseinander

  • lernt sich in andere Vorstellungen einzufühlen und "fremde Positionen nicht einfach als fremd und böswillig abzulehnen, sondern ihre Begründungen nachzuvollziehen.“ (Klaus Bayer (1999, S.65f.)

Darüber, welche individuellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen erfüllt sein müssen, dass möglichst alle Menschen ihre Argumente in die verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Diskurse einbringen können, gibt es keine einhellige Meinung. Und auch über dabei verfolgten Argumentationsziele gehen die Meinungen auseinander.

  • Im Idealfall könnte es auf einen herrschaftsfreien Diskurs hinauslaufen, wie er von dem deutschen Philosophen »Jürgen Habermas (geb. 1929) beschrieben wird. In seinem →Idealmodell kritischer Argumentation setzt er den Akzent darauf, dass nur eine Kommunikation, die auf freiwillige, gewaltlose, gleichberechtigte und vernünftige Konsensherstellung zielt, letzten Endes auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit die Vergesellschaftung der Individuen ermöglicht.
  • Die Kritik am herrschaftsfreien Diskurs und seinen Kriterien betont hingegen, dass dieses Idealmodell "in jeder Hinsicht utopische Anforderungen an Sachwissen, Logikkenntnisse, Selbstkontrolle, Selbsterkenntnis und Durchhaltevermögen der Diskussionsteilnehmer" stelle und "außerdem herrschaftsfreie gesellschaftliche Institutionen"(Kienpointner 1996, S. 20) voraussetze, die es in der Realität nicht gibt. Ferner wird auch hervorgehoben, dass Argumentation immer auch Machtausübung darstelle, weil sie auf den unterschiedlichen, miteinander konkurrierenden Weltbildern der Menschen beruhe. Denn: "Wer argumentiert, der tritt nicht nur für seine Ansichten in der gerade aktuellen Diskussion ein, sondern für das Weltbild, das ihm selbst nützt“ (Klaus Bayer 1999, S.65f.). Daraus ergibt sich nach Bayer der Schluss: "Wer argumentiert, übt Macht aus; [...] Eine gänzlich herrschaftsfreie Interaktion zwischen Menschen als evolutionär entstandenen und deshalb unvermeidlich miteinander konkurrierenden Lebewesen ist allerdings gar nicht denkbar." (ebd., S.67)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017

 
      
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus: Worin bestehen die Unterschiede zwischen dem Alltagsverständnis von Argumentieren und seiner philosophischen bzw. soziologischen Betrachtung.

  2. Erläutern Sie: Inwiefern ist Argumentation stets Machtausübung?

  3. Diskutieren Sie die Frage: Ist der Mensch von Natur aus ungeeignet für einen herrschaftsfreien Diskurs?
     

 

                                            

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