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Gegen Stammtischparolen und Vorurteile argumentieren

Überblick

 
 
Stammtischparolen stellen eine besondere Art von Äußerungen dar, die ihre Bezeichnung von einer besonderen Redekonstellation erhalten haben, nämlich dem Sprechen von Männern in einer Kneipe bzw. einem Wirtshaus. Nur bestimmte Personen zählen gewöhnlich zu einer Stammtischrunde, die in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen und in gleichen oder auch wechselnden Zusammensetzungen zu einem geselligen Treffen zusammenkommt. Wer am Stammtisch Platz genommen hat, zählt zu den "Platzhirschen“ an diesem Ort, trägt dies gegebenenfalls auch durch entsprechendes Gebaren zur Schau und hat einiges zu sagen. Die Themen, über die an einem Stammtisch gesprochen werden, fallen natürlich ganz verschieden aus und hängen nicht zuletzt davon ab, wer sich zu einer solchen Stammtischrunde zusammenfindet. Folgt man einem gängigen Klischee, dann wird in meist alkoholtrunkener Runde "Gott und die Welt" zum Thema gemacht. Und für gewöhnlich teilen die "Stammtischbrüder" ihre Grundüberzeugungen in allen relevanten Fragen und wissen ihr Menschen-, Geschichts- und Gesellschaftsbild gegen das der anderen klar abzugrenzen.
Die Art und Weise, wie diese Selbstvergewisserung und Abgrenzung inhaltlich und sprachlich-rhetorisch geschieht, hat sich in dem Bedeutungsgehalt des Begriffs Stammtischparole niedergeschlagen. Hier werden Äußerungen gemacht, die mit höchstem Geltungsanspruch vertreten werden, auch wenn sich ihre Begründung meist nur auf vordergründige, nicht selten suggestiv wirkende Plausibilität stützen kann. Der "gesunde Menschenverstand“ feiert in der Runde der Stammtischbrüder fröhliche Urstände, wenn unter dem Schutz der Gleichgesinnten nicht selten lauthals und provokativ pauschale Urteile über "Gott und die Welt“ abgegeben werden. Inhaltliche Borniertheit und provokative Abgrenzung von anderen Grundüberzeugungen, Menschenbildern und Lebensformen sind für Stammtischparolen, wie sie hier verstanden werden, kategorisch.
Wer es mit Stammtischparolen in solchen Situationen zu tun hat, lernt die Grenzen vernunftorientierter Argumentation und des partnerschaftlichen Argumentierens schnell kennen. In solchen Situationen ist die Anwendung der Normen für vernünftiges Argumentieren geradezu unmöglich, weil sich dem die Rahmenbedingungen genauso entgegenstellen wie das fehlende gemeinsame Interesse an einer Konsensfindung. Wo kein "Interesse an der Erörterung der Umstände und Ursachen der Meinungsverschiedenheit gegeben" ist (Kienpointner 1996, S.26), sind Vernunft und Argumente eben machtlos.

Stammtischparolen zeichnen sich durch bestimmte Merkmale aus (vgl. auch Hufer 2001, S. 85). Sie

  • zeugen oft von gar keiner oder nur geringer Bereitschaft oder Fähigkeit, demokratische Prinzipien und Regelungen zu akzeptieren bzw. sich mit ihnen zu identifizieren.

  • beruhen auf einem pessimistischen und negativen Bild von der "Natur“ des Menschen.

  • tendieren dazu, das Verhalten von Menschen, politische und gesellschaftliche Entwicklungen biologistisch oder psychologistisch zu erklären.

  • relativieren oft den Nationalsozialismus oder verherrlichen diesen sogar

  • verharren in starren Denkschablonen, die auf Wir-Gefühle setzen.

  • beschönigen und verklären den jeweiligen Ist-Zustand (persönlich, gesellschaftlich, politisch).

  • lassen Einfühlungsvermögen in die Probleme anderer vermissen.

  • machen andere Lebensentwürfe und Lebensformen schlecht und versuchen sie zu diskriminieren.

  • zielen darauf ab, eigene oder vermeintlich eigene Besitzstände zu wahren.

  • erweisen sich als in höchstem Maße illiberal und reaktionär.

  • rufen immer wieder nach "Stärke“ und "Härte“.

  • sind unfähig oder nicht bereit, komplexe Zusammenhänge differenziert zu sehen.

  • verweigern sich entgegengesetzten Informationen oder nehmen diese überhaupt nicht wahr.

  • artikulieren einen frauendiskriminierenden Sexismus (→Sexismus)

  • gebärden sich äußerst aggressiv gegen sexuelle Orientierungen, die von den herkömmlichen sanktionierten Mustern der Heterosexualität abweichen

Stammtischparolen im Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

Die hier aufgeführten Merkmale lassen sich also einem »Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) zuordnen, bei dem die sieben Elemente  Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, das Bestehen auf Etabliertenvorrechten, Sexismus, Heterophobie (also die Angst vor dem 'Anderen', was auch die Homophobie, also Angst vor Homosexualität einschließt) und Islamophobie.
Und: Das Syndrom oder einzelne seiner Elemente werden von einem vergleichsweise großen Prozentsatz der Bevölkerung in Deutschland, zumindest latent, geteilt. So hat man 2004 festgestellt, dass 59,8% der Meinung waren, es lebten "zu viele Ausländer in Deutschland", 36% dafür plädierten , Ausländer "wieder in ihre Heimatländer zurückzuschicken", "wenn Arbeitsplätze in Deutschland knapp werden“. 21,9% wollten  Aussiedler gegenüber Ausländern "besser gestellt“ wissen, weil "sie deutscher Abstammung sind“. 13,2% waren der Überzeugung, dass die "Weißen zu Recht führend in der Welt sind “ und 37,7% fanden es  "ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“. (vgl. Heitmeyer 2002, 2003, 2004, zit. n. Möller (2005), Rechtsextremismus revisited. Was man weiß, was man pädagogisch tut, in: ajs-informationen 2/2005: Strategien gegen rechts, im Internet verfügbar unter; http://www.ajs-bw.de/media/files/ajs-info/ausgaben_altbis05/Moeller.pdf, abgerufen am 15,5,2015) (→Rechte und linke Orientierungen)

Rechtsextreme werben offensiv für die Ungleichwertigkeitsideologie

Während das Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit also von einem erstaunlich hohen Prozentsatz der Gesellschaft, und das übrigens in allen europäischen Ländern, latent geteilt wird, machen →Rechtsextreme ihre Elemente, kombiniert und erweitert noch mit anderen, zum Gegenstand ihrer offensiven Propaganda. Sie schüren damit diese Formen der Menschenfeindlichkeit und zielen darauf ab, die mit ihnen verbundenen Vorurteile in der Bevölkerung zu verankern. (→Sprache des Rechtsextremismus)

Motive, Inhalte und mögliche Wirkungen stehen bei Stammtischparolen dabei nach Hufer (2001, S. 86f.) in einem engen Zusammenhang. Sie

  • sind vor allem dort zu hören, wo z. B. durch Alkohol hemmende Barrieren gefallen sind und/oder ihre Verkünder sich der Zustimmung von Gleichgesinnten vor Ort sicher sein können.

  • wirken aggressiv und können Aggressionen forcieren.

  • basieren auf Vorurteilen, die von dieser Art, die Dinge zu sehen, ständig weiter bestärkt werden.

  • können auf eine autoritäre Persönlichkeit (→Adornos F-Skala) und/oder einen autoritären Charakter (Fromm) verweisen.

  • zeugen von übertriebenen Größenfantasien, aber auch von Abgrenzungsbedürfnissen gegenüber anderem.

  • tendieren zu (maßlosen) Übertreibungen.

  • beziehen sich oft auf eng überschaubare, von einander ab- und eingegrenzte, deutlich voneinander abgeriegelte Verhältnisse.

  • offenbaren eine Menge über die eigene Befindlichkeit und eigene Dispositionen ihrer Sprecher (z. B. Unzufriedenheit mit der eigenen persönlichen, beruflichen oder sozialen Situation; mangelnde Fähigkeit und Souveränität, damit umzugehen; eigene (persönliche oder soziale) Ängste) (vgl. Selbstoffenbarung)

  • erniedrigen bei Vorhandensein eines auf solchen Denkmustern beruhenden Gruppengefühls die Bereitschaft, von verbaler zu tätlicher Gewalt überzugehen.

  • können in eine Eskalationskette wie die folgende münden: Vorurteil – abfällige Bemerkung – aggressive Gereiztheit – Hass – individuelle Gewalttätigkeit – kollektive Gewaltanwendung – Pogrom.

  • beziehen sich auf viele mit Vorurteilen belastete "Objekte“, die prinzipiell austauschbar sind: Schwarze, Juden, Moslems, Türken, Asylsuchende, Homosexuelle, Arbeitslose, Behinderte, Frauen, Alte, Linke, etc.

  • können jeden treffen.

Weiterführende Links zum Thema im Internet:


Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 20.08.2016

     
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