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Analyse von Alltagsargumentationen

Leitfragen zur Argumentationsanalyse

 
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Mit Leitfragen Alltagsargumentationen analysieren

Angelehnt an die Ausführungen von Klaus Bayer (1999, S.192-209) lässt sich folgender Katalog von Leitfragen zur Analyse von Alltagsargumentationen aufstellen.

  1. Liegt überhaupt eine Argumentation vor?

    • Handelt es sich um eine Äußerung zu einem strittigen Problem?

    • Lässt sich eine überwiegend argumentative Entfaltung des Themas erkennen?

  2. Welches ist die Hauptthese (Spitzenformulierung)? Gibt es unter Umständen mehrere?

    • Welcher übergeordneten These lassen sich Argumente und untergeordnete Thesen zuordnen?

    • Ist die Hauptthese den nachfolgenden Argumenten als so genannte "Spitzenformulierung" (A. Naess) vorangestellt?

  3. Ist die Hauptthese deskriptiv oder normativ?

    • Ist die Hauptthese auf Sachverhalte bezogen und empirisch nachprüfbar? (deskriptiv)
      Beispiel: In der Prüfung sind drei Schüler durchgefallen.

    • Hängt ihre Geltung von den politischen und moralischen Ansichten und den Interessen des Sprechers ab? Sind es Aussagen, die ein Sollen ausdrücken? (normativ)
      Beispiel: Das Mitbringen von Handys in die Schule sollte untersagt werden.

  4. Verweisen Hauptthese und Argumentation auf ein bestimmtes Weltbild?

    • Lassen sich die unausgesprochenen (impliziten) Voraussetzungen einer Argumentation auf ein bestimmtes Weltbild des Sprechers zurückführen?

    • Können bestimmte Fehlschlüsse einer Argumentation darauf zurückgeführt werden, dass ein bestimmtes Weltbild des Sprechers oder vom Sprecher gestützt werden soll.
      Problem: unliebsame Argumentationen werden mitunter zu schnell auf dahinter stehende Weltbilder zurückgeführt, ohne sich mit ihnen sachlich auseinanderzusetzen

  5. Welche Argumente werden vorgebracht?

    • Welche einzelnen Aussagen zum Thema werden nacheinander gemacht? (Aussagenliste)

  6. Welche Beziehung besteht zwischen den Argumenten?

    • Welche Aussagen lassen sich der/den Hauptthesen direkt zuordnen?

    • Welche Aussagen stehen in keinem unmittelbaren funktionalen Bezug zur Hauptthese?

  7. Wie lässt sich die Argumentation im Überblick darstellen?

    • Lassen sich die argumentativen Strukturen schematisch darstellen (z. B. Baumdiagramm, allgemeines Argumentationsschema, Pro-Contra-Tabellenmodell, Argumentationsmodell von Stephen Toulmin etc.)
      Problem: Argumentationsstruktur nicht immer eindeutig darstellbar wegen: mangelnder hierarchischer Struktur, willkürliche Reihenfolge und schwieriger Unterscheidung von Hauptargumente für die Hauptthese und Nebenargumenten)

  8. Um welche Typen von Argumenten handelt es sich?

    • Wird in Bezug auf die Hauptthese induktiv (vom Besonderen auf das Allgemeine) oder deduktiv (vom Allgemeinen auf das Besondere) geschlossen?
      Beispiel: Alle Männer, die ich bisher kennen gelernt habe, waren Machos. Also sind alle Männer Machos. (induktiv) – Alle Wale sind Säugetiere. Dies ist ein Wal. Dies ist ein Säugetier. (deduktiv)
      Problem: Wenn die dargestellten Erfahrungen mit Männern wahr sind, ist der Schluss auf andere Männer u. U. wahrscheinlich, aber keinesfalls sicher wahr. – Wenn die beiden erstgenannten Äußerungen (Prämissen) über den Wal zutreffen, ist auch der Schluss "Dies ist ein Säugetier." wahr.

  9. Wie sind die Argumente mit normativer Schlussfolgerung zu analysieren?

    • Auf welchen Gegenstand bezieht sich die normative Bewertung?

    • Mit welchen Alternativen wird der Gegenstand verglichen?

    • Unter welchem Aspekt/ in welcher Hinsicht wird der Gegenstand bewertet?

    • Worin besteht der Istwert des Gegenstandes und worin sein Sollwert?

    • Welchen Stellenwert besitzen jeweils der Gegenstand und seine Alternativen? Welche Ränge nehmen der Gegenstand und seine jeweils möglichen Alternativen unter Einwirkung personen-, gruppen- oder gesellschaftsbedingter Sichtweisen in einer Rangordnung ein?

  10. Welche impliziten Aussagen müssen expliziert werden?

    • Welche Aussagen müssen notwendigerweise ergänzt werden, um die Argumentation klar zu strukturieren und gegebenenfalls verständlicher zu machen?

    • Welche impliziten Aussagen sind mögliche Quellen für Missverständnisse?
      Problem: Da Alltagsargumentationen häufig einen impliziten Charakter haben und trotzdem (!) funktionieren, muss vom Ziel der Argumentationsanalyse abhängig gemacht werden, wie weit Analyse und Ergänzung von Fehlendem vorangetrieben werden soll.

  11. Sind die Argumente korrekt? Gibt es offensichtliche Fehlschlüsse?

    • Welche offensichtlichen Fehlschlüsse lassen sich feststellen?

    • Gibt es induktive Argumente, die zwar nicht gänzlich inkorrekt, aber doch wenig zuverlässig sind?

  12. Wie lassen sich Pro- und Contra-Argumente gegeneinander abwägen?

    • Welche Argumente werden vorgebracht und welche werden (bewusst, unbewusst) nicht erwähnt?

    • Sind die vorgebrachten Argumente haltbar? Lassen sich die behaupteten Aussagen über Sachverhalte empirisch nachprüfen? Sind die behaupteten Folgen normativer Aussagen wahrscheinlich?

    •  Besitzen die Argumente Relevanz für die Thesen/Konklusionen?

  13. Wird die Abwägung der Argumente durch Unsachlichkeit erschwert?

    • Werden irrelevante oder unhaltbare Argumente oder unzulängliche Präzisierungen angebracht, die die Adressaten unzulässig beeinflussen sollen (tendenziöses Gerede)?
      Beispiele: Typisch Frau! – Wenn ich so viel Geld hätte wie du, würde ich auch so reden.

    • Werden Fakten falsch oder unvollständig dargestellt, um die Adressaten unzulässig zu beeinflussen (tendenziöse Faktendarstellung) ?

    • Werden bestimmte Argumente so wiedergegeben, dass sie einseitig eine Position in einer Kontroverse stärken sollen (tendenziöse Wiedergabe)?

    • Werden die äußeren Umstände (sprachlicher, medialer, raum-zeitlicher Kontext etc.) so gestaltet, dass damit eine bestimmte Position begünstigt wird?
      Beispiele: Gegenargumente werden als Fußnoten aufgeführt; Mimik, Gestik, räumliche Platzierung usw. (tendenziöse Präparierung der äußeren Umstände)?

(vgl. Bayer (1999, S.192-209, ergänzt)

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.12.2018

     
 

 
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