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Textauswahl: Modelle der Argumentation

Die Entwicklung des Arguments und die Funktion der Logik

Klaus Bayer

 
FAChbereich Deutsch
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"Wenn wir argumentieren wollen, sind zunächst Einfallsreichtum und Phantasie, manchmal auch Geistesblitze gefragt. Die Entwicklung eines Arguments ist ein Prozess der Entdeckung: Manchmal hat man zunächst die Konklusion im Kopf. Dann muss man entsprechende Gründe suchen. Manchmal reichen die ersten Gründe nicht aus, so dass man weitere Gründe auftreiben muss. Ein anderes Mal geht man von bestimmten Aussagen aus und muss erst noch entdecken, welche Konklusion aus diesen Aussagen abzuleiten ist. Dann wieder hat man vage Assoziationen, die sich nur langsam zu einem Argument zusammenfügen. Man beschreitet Irrwege, korrigiert sich und macht neue Versuche. Bisweilen hat man morgens beim Aufwachen ein fertiges Argument im Kopf, das man noch am Vortag nicht hat zustande bringen können. Es wäre deshalb fatal, wenn wir versuchten, unsere spontanen Gedanken auf ein Prokrustesbett* aus logischen Regeln zu spannen. Bei der Entdeckung jener Schlüsse, die wir anschließend zu Argumenten versprachlichen, kann uns die Logik nicht helfen. (G. Frege 1966a: 30f.; W. C. Salomon 1983: 29-32). […] Sie gibt uns Mittel an die Hand, korrekte Argumente von unkorrekten zu unterscheiden. Sie bietet keine Abkürzungen zur Erkenntnis; sie macht die mühsamen Wege der Beobachtung, des Denkens, des Lernens, des Formulierens und Interpretierens und der wissenschaftlichen Forschung nicht überflüssig, - wohl aber ein wenig sicherer. […] Ein korrektes Argument kann falsche Prämissen und eine falsche Konklusion haben; es kann auch falsche Prämissen und eine wahre Konklusion haben. Aber ein korrektes Argument kann niemals wahre Prämissen und eine falsche Konklusion haben. Es erlaubt uns, von wahren Prämissen sicher zu einer wahren Konklusion überzugehen. Eben das haben wir in unseren Vorüberlegungen als das Ziel unserer Schlüsse und Argumente erkannt: Es geht jeweils um den Übergang von etwas, das wir schon wissen oder zu wissen glauben, zu etwas Neuem. Die Logik verschafft uns kein neues Wissen; aber sie hilft uns, solche Übergänge zuverlässig zu machen und trügerische, falsche Übergänge zu erkennen oder von vornherein zu meiden.

(vgl. Bayer (1999, S. S. 91-93, gekürzt)

* Prokrustesbett: Prokrustes war der Beiname des Räubers Polypemon in de altgriechischen Sage; Prokrustes presste arglose Wanderer so in ein Bett, dass er ihnen die überstehenden Glieder abhieb oder die zu kurzen Glieder mit Gewalt streckte. 1) übertragene Bezeichnung für eine unangenehme Lage, in die jemand hineingezwungen wird 2) übertragene Bezeichnung für ein gewaltsames Hineinzwängen in ein bei weitem zu starres Schema.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 31.12.2018

     
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Welche Rolle spielt die Logik bei der Entwicklung von Argumenten?

  2. In welchem Verhältnis steht die Logik zu anderen Übergängen von schon Bekanntem zu Neuem wie z. B. die Assoziation oder Intuition?

  3. Worin bestehen Möglichkeiten und Grenzen der Logik der Argumentation?
     

 
      
 

 
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