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Texterörterung

Ohne Fleisch 2.0 hinein in die Katastrophe?

Kein Grund zur Entwarnung


So ganz ohne Fleisch, so jedenfalls sehen es wohl noch die meisten Männer, ist ein Mittagessen weder eine vollständige noch herzhafte Mahlzeit. Und die Currywurst, am liebsten mit Pommes, zwischen den Mahlzeiten, gehört eben dazu. Aber nur weil Männer, statistisch gesehen, deutlich mehr Fleisch essen als Frauen, heißt nicht, dass die Lust auf Steak oder Grillhähnchen eine reine Männerdomäne darstellt.
Im Durchschnitt kaufte nach Angaben des »Bundesverbandes der deutschen Fleischindustrie (BVDF) 2011 jeder private Haushalt in Deutschland während des vergangenen Jahres 31,6 Kilogramm Fleischwaren und gab dafür rund 240 Euro aus. Zwischen 2003 und 2011 sank die Nachfrage der privaten Haushalte nach Fleischwaren/Wurst um durchschnittlich 0,4 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Die Einkaufsmengen an Fleisch gingen in diesem Zeitraum jährlich um 1,6 Prozent zurück.1) Vegetariern ist dies natürlich zu wenig, rechneten sie doch unlängst in einer vom »Vegetarierbund (VEBU) herausgegebenen Studie (2011) vor, dass jeder Deutsche in seinem Leben 1094 Tiere isst, und zwar 4 Kühe und Kälber, 4 Schafe, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine und 945 Hühner. Fische und andere Meerestiere kommen noch dazu. Deutschland liegt damit zwar im Mittelfeld der entwickelten Staaten, aber der weltweite Durchschnitt liegt erheblich darunter. Allerdings kommt Deutschland, verglichen mit den USA, wo im Durchschnitt fast vier mal so viel Fleisch gegessen wird, noch scheinbar gut weg. Allerdings liegt der  weltweite Durchschnitt liegt weit darunter, weil der Fleischverzehr in den Entwicklungsländern noch immer sehr gering ist. Und auch der Rückgang des Fleischkonsums, der in entwickelten Staaten beobachtet werden kann, ist keineswegs nur auf geänderte Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen, denn auch der Bevölkerungsrückgang und die Sättigung der Märkte für Fleisch und Fleischprodukte tragen nicht unerheblich dazu bei. Und die in aller Regelmäßigkeit wiederkehrenden Fleischskandale um verdorbene oder gesundheitlich riskante Fleischprodukte führen dazu, dass einem zwar wachsenden, aber noch immer vergleichsweise geringen Anteil der Bevölkerung jeder Bissen Fleisch im Halse stecken bleibt.
Weltweit gesehen liegt der Fleischverzehr und die Fleischproduktion aber weiterhin im Trend nach oben. 280 Millionen Tonnen Fleisch wurden nach Angaben der »FAO (=Food and  Agriculture Organization of the United Nations) im Jahr 2010 produziert, das sind mehr als doppelt so viel wie 1980 und der Anstieg liegt vor allem an den aufstrebenden Volkswirtschaften in Ländern wie Brasilien und vor allem an China, das ganz allein für mehr als ein Viertel des globalen Fleischkonsums bzw. der weltweiten Fleischproduktion verantwortlich ist.3)
Entwicklung und Fleischkonsum gehen dabei eine unselige Partnerschaft ein. Denn dort, wo eine kaufkräftige Mittel- und Oberschicht entstanden ist, gehört der Verzehr von Fleisch einfach zu einem guten Leben dazu. Wo die Armen wohnen, ist Fleisch dagegen nicht angesagt: Die meisten können es sich einfach gar nicht leisten. Und wer auf dieser Welt Hunger leiden muss, wird wenig Verständnis für die Wohlstandsdiskussion haben: "Ist der Mensch ein Fleischfresser, Pflanzenfresser oder Allesfresser?" Und wer hungert, hat im Allgemeinen auch kein Internet: So bleibt ihm wohl auch der  regelrechte Glaubenskrieg erspart, der im Internet über den Fleischkonsum geführt wird. Viele haben dort  für die vom Vegetarierbund präsentierten Zahlen nur beißenden Spott übrig: "Wenn jetzt noch herauskommt, wie viele Tiere jeder Mensch in seinem Leben absichtlich oder unabsichtlich zertritt oder erschlägt (Ameisen, Spinnen, Stubenfliegen etc.), dann ist jeder Veganer dem Herzinfarkt nahe" (Burger Man in seinem Leser-Kommentar zu einem Focus-Artikel, 2.10.2011). Für sie ist das Essen von Fleisch so etwas wie ein Menschenrecht. Dazu appellieren sie schlicht an den gesunden Menschenverstand, wenn sie die Gleichung aufstellen "Alle Tiere essen Fleisch. Der Mensch ist ein Tier. Daher isst der Mensch Fleisch." Doch dieser dreigliedrige Syllogismus ist schnell als logischer Fehlschluss entlarvt. Nur die wenigsten Tiere ernähren sich nämlich von anderen Tieren. Die meisten Lebewesen sind nämlich »Pflanzenfresser. Führt die so genannte "Naturthese" also nicht weiter, dann wird gerne die Kulturthese ("Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen.") bemüht. Vereinfacht gesagt, behauptet sie unter Verweis auf evolutionsbiologische Erkenntnisse, dass die für die Entwicklung zum homo sapiens nötigen Proteinmengen zur Großhirnentwicklung nur über fleischliche Nahrung ausreichend zur Verfügung gestanden hätten. Wie dem auch sein, ernährungswissenschaftlich betrachtet, ist Fleisch jedenfalls kein Stück Lebenskraft, sondern eher das Gegenteil. Wer wenig Fleisch ist, lebt gesünder. Wer dagegen hungert, und das sind, sage und schreibe, eine Milliarde Menschen auf der Welt (BBC 2009), dem wird auch das zunächst einmal egal sein. Dabei ließe sich dies ohne Weiteres ändern, wie Olivier de Schutter, der  Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zum Recht auf Nahrung 2009 erklärte: "Wenn wir den Fleischkonsum in den reichen Ländern reduzieren, ihn weltweit bis 2050 auf einem Pro-Kopf-Verbrauch auf dem Niveau von 2000 festschreiben – also auf jährliche 37,4 kg/Kopf – dann könnten ungefähr 400 Millionen Kilo Getreide für die menschliche Ernährung freisetzt werden. Das ist genug um 1,2 Milliarden Menschen mit ausreichend Kalorien zu versorgen."
Aber trotz alledem: Die Fleischlobby lässt sich nicht so leicht in die Fleischsuppe spucken. Auch wenn sie den Rückgang bei der Fleischnachfrage spüre, sei die Nachfrage nach Fleisch und Fleischwaren "angesichts der erheblich gestiegenen Zahlen von Substitutionsprodukten" jedoch weiterhin "stabil". Nur keine Unruhe aufkommen lassen, lautet wohl hier die Devise. Und so durfte denn auch der Vegetarierbund (VEBU) beim 20. Deutschen Fleischkongress bei einer Podiumsdiskussion mit aufs Podest, um u. a. seine Vorstellungen vom "Fleisch 2.0 - pflanzlich, locker, fair"  dazulegen. Dabei bezeichnet der Begriff "Fleisch 2.0" die mittlerweile schon in zahlreichen Supermärkten, Online-Shops und Restaurants erhältlichen Alternativen zu herkömmlichem Fleisch "rein pflanzlich, ökologisch, lecker, gesund und ohne Tierleid".2)  Und auch die deutschen Metzger haben im gnadenlosen Preiskrieg mit den Discountern, über deren Ladentische heute das Fleisch mit einem "Super-Fleisch-Leistungsverhältnis"  (Netto-Markt-Werbung) zu Dumpingpreisen geht, offenbar zur Kenntnis genommen, was Sebastian Zösch, dem Geschäftsführer des VEBU, über die 40% der niederländischen Metzger berichtet, die schon Fleischalternativen auf pflanzlicher Basis anbieten. "Pflanzliches Fleisch ist das Fleisch der Zukunft", sagt er.
Die Zukunft sieht indessen alles andere als rosig aus. Denn die Tiere aus der landwirtschaftlichen Massenproduktion werden mit Kraftfutter gemästet, zu dem inzwischen ein Drittel der weltweiten Getreideproduktion verarbeitet wird. Und würden die Chinesen so viel Fleisch essen wie ein durchschnittlicher Europäer, wären die Folgen gravierend, und kämen die Inder, von denen jeder gerade mal 14 Gramm Fleisch pro Kopf und Jahr verbraucht, 3)  noch hinzu, wären die Folgen unabsehbar. Aber schon heute verdanken wir der gewaltigen Fleischproduktion viele Probleme, die längst über das persönliche Gesundheitsrisiko des einzelnen hinausgehen, der zu viel Fleisch verzehrt. Die Umweltschäden und Umweltbelastungen, die damit einhergehen, sind schon seit längerem bekannt. In Südamerika wird der für ein gesundes Weltklima unersetzliche Regenwald abgeholzt, um Rinderweiden Platz zu machen, die entweder als Steak oder Hundefutter nach ihrer Schlachtung und Verarbeitung bei uns auf den Markt kommen, der Wasserverbrauch bei der Tiermast ist unglaublich hoch und die Antibiotika, die in den Mastställen verabreicht werden, sind längst zu einer Gefahr für die Gesundheit der Menschen geworden, die Fleisch verzehren. Und den weltweiten Klimawandel forciert die ganze Tierhaltung dazu noch erheblich. Denn wer sehr viel Fleisch isst, produziert damit weit, wenn man alles zusammenrechnet, mehr als das Fünffache an Treibhausgasen als jemand, der sich vegetarisch ernährt.
Trotz alledem, der Fleischhunger der Welt ist noch immer ungestillt und wird wohl auch in den nächsten Jahren weiter wachsen, solange jedenfalls, bis es zu einer Katastrophe kommt. Es könne nämlich "auch eine Seuche sein, die uns zur Umkehr zwingt", erklärte Jonathan Safran Foer, der sich als Autor des US-Beststellers Eating Animals einen Namen gemacht hat, in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit v. 12.8.2010). Was der Menschheit damit drohe, so die Botschaft, werde aus den Mastställen stammen, die auf der ganzen Welt verteilt seien. Einen Vorgeschmack darauf haben wir schon bekommen: Das »Vogelgrippe-Virus H5N1 hat uns als nur angedeutet, wo es derzeit hingeht, wenn sich nicht bald etwas Grundlegendes ändert: Von der Risikogesellschaft hin zur Katastrophengesellschaft, in der, wie der Soziologe Kurt Beck (1986, S.105) sagt, "der Ausnahme- zum Normalzustand" wird. Politik, die Gesellschaft als Ganzes, aber auch der Einzelne stehen in der Pflicht. Nur einmal in der Woche Fleisch und oder überhaupt nur "Fleisch 2.0" wären ein wichtiger Schritt.

Quellen:

1) Pressemitteilung des BVDF vom 5.3.2012
2) PM des VEBU vom 27.02.2012
3) Immel, Karl Albrecht: Getreide als Kraftfutter, in: Welternährung. Die Zeitung der Welthungerhilfe, 1/2012, S.2)
4) Brot für die Welt - Kampagne für Ernährungssicherheit, März 2010

Gert Egle, www.teachsam.de,  24.3.04)

 

   Arbeitsanregungen zur Texterörterung:
  1. Geben Sie den Text in Form einer strukturierten Textwiedergabe wieder.

  2. Arbeiten Sie heraus, wie sich der weltweite Fleischkonsum und die globale Produktion von Fleisch entwickeln.

  3. Erläutern Sie die im Text genannten Probleme, die damit im Zusammenhang stehen.

  4. Nehmen Sie zu seinen Aussagen und Lösungsvorschlägen auch auf Grund eigener Erfahrungen kritisch Stellung.

   Arbeitsanregungen zur Visualisierung:
  1. Visualisieren Sie den Text.

  2. Machen Sie Vorschläge, wie der Staat, die Gesellschaft und der Einzelne zu einer Reduzierung des Fleischkonsums beitragen könnte.

Bildstatistik: Fleischkonsum und Entwicklung

 

                  
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