Traditionelle
Szenenbilder aus Zeiten, in denen es noch keine Fotografie gab, müssen nicht zwingend in Buchausgaben der
Dramentexte selbst enthalten sein. Oft wurden sie, bis sie durch
Szenenfotos ersetzt wurden, auch in Zeitschriften oder anderen
Sammelwerken veröffentlicht.
Auch in
Buchausgaben der Dramen können sie getrennt vom Text stehen, in
diesen integriert sein oder sich auf einer eigenen Seite
befinden, die der gemeinten Textstelle nicht immer
gegenüberliegen muss.
Illustrationen erfüllen dienen in Buchausgaben von Dramentexten
nicht nur zur Ausschmückung, sondern erfüllen
appellative und
künstlerische
Aufgaben.
Szenenbilder in
Buchausgaben sollen den Text illustrieren. Sie sollen einem Drama als Lesestoff in Buchform
Aufmerksamkeit schaffen und haben damit zunächst einmal eine
werbende und damit appellative
Funktion.
Dazu soll die
Illustration an der richtigen Stelle in der Buchfassung des
Dramas platziert, eine große Anmutung entfalten, die die
Leserinnen und Leser motiviert, das Buch zu kaufen und nach dem
Kauf zur Lektüre zu motivieren. Darüber hinaus soll es, vor
allem in Zeiten, in denen es noch keine Fotografie gab, je nach
Art der Illustration auch eine Vorstellung darüber geben, wie
eine bestimmte Szene oder Handlungssituation des Dramas auf der
Bühne aussehen könnte. Dabei gibt es auch Illustrationen, die
von bestimmten Aufführungen zumindest inspiriert worden sind und
damit auch einen bedingten dokumentarischen Charakter besitzen.
Sie können dem heutigen Betrachter der Illustration Hinweise
darauf geben, wie das Stück zu der Zeit inszeniert worden ist,
in der der Illustrator sein Werk geschaffen hat.
Das
Illustrieren eines Dramentextes ist selbst eine
Form der
künstlerischen Interpretation. Ein Künstler bzw. eine
Künstlerin wählt dabei eine bestimmte Szene aus und gestaltet
seine bildliche Darstellung mit bestimmten ästhetischen Mitteln.
Historisch
betrachtet sind Buchillustrationen nicht die erste Form, wie
Bücher überhaupt bebildert worden sind. Im Mittelalter, noch vor
der Erfindung des Buchdrucks und den damit verbundenen
Fortschritten bei der druckgrafischen Reproduktion von Bildern
wurden einzelne Handschriften, meistens religiöse Texte,
aufwändig mit Buchmalereien gestaltet.
Im Zusammenhang
mit deutschen Dramentexten gewannen Illustrationen mit dem
Anwachsen des Lesepublikum seit dem 18. Jahrhundert eine größere
Bedeutung. Sie spielten fortan der Vermittlung, Rezeption und
Interpretation dramatischer Texte eine wichtige Rolle. Dabei
waren sie keineswegs bloß dekoratives Beiwerk, sondern erfüllten
vielfältige ästhetische, didaktische und kulturelle Funktionen.
In einer Zeit,
in der Theateraufführungen nicht für alle Leserinnen und Leser
zugänglich waren, fungierten Illustrationen als visuelle
Ergänzung und teilweise als Ersatz für die Teilnahme an einer
der Bühnenaufführung des Stücks. Zudem trugen sie maßgeblich
dazu bei, dass bestimmte Dramentexte besonders populär wurden
und ein Kanon dramatischer Werke entstand, der auf Bühnen ebenso
aufgeführt wie als Lesedramen rezipiert wurden.
Eine zentrale
Funktion der Dramenillustration bestand in der
Visualisierung
des dramatischen Geschehens. Die Unmittelbarkeit dramatischer
Texte und der darin enthaltenen dramatischen Rede gaben
Illustratoren die Möglichkeit,
Handlung, Figurenkonstellationen
und emotionale Höhepunkte anschaulich zu visualisieren.
Dabei wählten
sie, meist in Absprache mit den Verlegern der Texte, bestimmte
Szenen aus, die eine Schlüsselbedeutung für die gesamte
Dramenhandlung besaßen wie etwa Wendepunkte der Handlung,
besonders spannende, komische oder tragische Momente, die das
Publikum gewöhnlich emotional ansprachen und involvierten. Diese
Bildauswahl verlieh dem Text zusätzliche Anschaulichkeit und
erleichterte insbesondere ungeübten Leserinnen und Lesern den
Zugang zu dem in unvermittelt präsentierten Geschehen in einem
dramatischen Text,
Darüber hinaus
dienten Illustrationen dazu, die
Rezeption der Leserinnen und
Leser und dem möglichen Publikum zu lenken. Indem sie bestimmte
Szenen hervorhoben und andere ausblendeten, trafen sie implizite
Wertungen darüber, welche Momente als zentral für das
Verständnis des Dramas aus Sicht des Illustrators galten.
Auch die
Darstellung von Gestik, Mimik und Körperhaltung der Figuren
vermittelte Deutungen: Heldinnen und Helden wurden idealisiert,
Antagonisten visuell markiert, moralische Konflikte bildlich
zugespitzt.
Auf diese Weise
beeinflussten Illustrationen die Lektüre des Textes und trugen
zur Stabilisierung bestimmter Lesarten bei. Besonders bei den
vom gebildeten Bürgertum besonders hochgeschätzten Autoren der
so genannten
Höhenkammliteratur wie »Gotthold
Ephraim Lessing (1729-1781), »Johann
Wolfgang von Goethe (1749-1832) oder auch »Friedrich
Schiller (1759-1805) prägten diese visuellen Deutungen
über Generationen hinweg die Vorstellung der Figuren und Szenen
und wurden vom •
Literaturunterricht mehr weniger kritiklos immer wieder neu
vermittelt.
Der »Kupferstecher
»Daniel
Chodowiecki (1726-1801) schuf eine Vielzahl von
Illustrationen zu unterschiedlichen Werken, tat sich aber
besonders durch seine Illustrationen der Werke von »Gotthold
Ephraim Lessing (1729-1781), »Johann
Wolfgang von Goethe (1749-1832) oder auch »Friedrich
Schiller (1759-1805) hervor.
Seine
Illustrationen zu deren Dramen wurden aber nicht selten zuerst
in einem anderen Printmedium veröffentlicht, ehe sie mehr und
mehr auch in die Printausgaben der Dramen bis heute eingingen.
Eine besondere
Rolle spielt hier der Kupferstich •
Iffland als Franz Moor (F. Catel/Meno Haas (1806) und
das Ölgemälde
Melchior (1798),
das •
August Wilhelm Iffland (1759-1814) in der Rolle des
•
Franz Moor
in •
Friedrich Schillers
Drama zeigt. Iffland verkörperte diese Rolle
nicht nur bei der
•
Uraufführung
des Stücks in Mannheim am 13.1.1782, sondern auch bei späteren
Aufführungen in Weimar.
Im Kontext der
•
Aufklärung kam den Dramenillustrationen zudem eine
didaktische Funktion zu.
Literatur wurde als Mittel moralischer Bildung verstanden, und
Bilder galten als besonders wirkungsvoll, um sittliche Inhalte
zu vermitteln.
Gute
Illustrationen sollten unter dieser moraldidaktischen
Perspektive Tugend, Schuld, Leidenschaft oder Verfehlung
veranschaulichen und beim Publikum emotionale Anteilnahme sowie
moralische Reflexion hervorrufen. In diesem Sinne fungierten sie
als visuelle Argumente, die den
ethischen Anspruch des Dramas unterstützten und verstärkten.
Oftmals besteht
nicht nur zwischen dem Text und der Illustration ein enger
Bezug, sondern auch mit der jeweiligen
zeitgenössischen
Theaterpraxis. Viele Darstellungen orientierten sich,
auch wenn die meisten wohl erfunden waren, an realen
Inszenierungen, bekannten Schauspielern oder gängigen
Bühnenbildern. Dadurch können sie bis zu einem gewissen Grade
auch Dokumente für Lesarten, Interpretationen und
Aufführungspraktiken ihrer Zeit angesehen werden.
Gleichzeitig
wirkten Illustrationen auch normierend: Sie
beeinflussten
spätere Inszenierungen, indem sie bestimmte Posen,
Raumaufteilungen oder Kostümvorstellungen als "angemessen"
etablierten. Text, Bild und Bühne standen somit in einem
wechselseitigen Austauschverhältnis.
Im 19.
Jahrhundert gewann schließlich die
repräsentative und soziale Funktion der Dramenillustration
an Bedeutung. Aufwändig illustrierte Ausgaben galten als Zeichen
von Bildung und kulturellem Prestige. Insbesondere in
bürgerlichen Haushalten dienten sie der Selbstrepräsentation und
dem Nachweis literarischen Geschmacks. Die Weiterentwicklung
druckgrafischer Techniken wie des Stahlstichs trug dazu bei,
Dramen in einer kunstvollen, sammelwürdigen Form zu
präsentieren.
In der 1877
herausgegebenen Buchausgabe zu •
Heinrich von Kleists (1777-1811)
Drama »Der
zerbrochne Krug« (Der zerbrochene Krug. Von Heinrich von Kleist.
Eingeleitet von Franz Dingelstedt. Berlin, A. Hofmann & Co.
1877) sind verschiedene •
Buchillustrationen
von
»Adolph
von Menzel (1815-1905) enthalten.