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Hermeneutischer Zirkel

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Lese- und Rezeptionsstrategien
Lesen und Textverstehen (CI-Modell)

Die ▪ werkimmanente Interpretation basiert auf bestimmten Annahmen über Textproduktion und Textrezeption. Sie münden bei der Interpretation in die Vorstellung vom hermeneutischen Zirkel. (gr. hermeneuein = deuten, interpretieren; kirkos = Kreis).

Die Hermeneutik geht dabei zunächst einmal von der Grundregel aus, dass das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen heraus verstanden werden muss.

Die Methode Ausgehen vom Ganzen, danach Untersuchung der Teile in ihrer Funktion für das Ganze und erneut Rückkehr zum Ganzen wird als ▪ hermeneutischer Zirkel bezeichnet. Dieses zirkuläre Wieder-Zurückkehren zum Ausgangspunkt des Verstehens kann allerdings den im Prozess des Verstehens gewonnenen Verstehenszuwachs nicht ohne weiteres abbilden (s. hermeneutische Spirale).

Die Grundregel kann für das Verstehen im Allgemeinen, insbesondere aber für das  ▪ Verstehen von Texten, genutzt werden, muss aber, soll sie heute noch anwendbar sein, um kognitionspsychologische Aspekte erweitert werden.

Wer einen Text liest, geht zunächst einmal mit dem Horizont seines eigenen Wissens und seiner Erfahrungen, auch Lektüreerfahrungen, an den Text heran. Dieser stellt eine wesentliche Grundlage bei der ▪ kognitiven Verarbeitung der Textinformationen dar.

Bei der werkimmanenten Interpretation sollen diese mentalen Prozesse durch die Einnahme einer Haltung des fragenden Verstehens zumindest zum Teil bewusst gemacht, in jedem Fall aber genutzt werden, um zu einem vertieften Textverständnis zu gelangen. Auch wenn dies die Hermeneutik kognitionstheoretisch und -psychologisch noch nicht so begründet hat, handelt es sich dabei doch um einen konstruktiven Prozess, der sich im Rahmen von Wechselwirkungen bei der Text-Leser-Interaktion vollzieht, solange er nicht darauf abzielt, sich auf diese Weise eine vermeintlich objektiv richtige Textinterpretation erarbeiten zu können oder zu wollen.

Die Vorstellung, dass es gelingen könne, eine Horizontverschmelzung zwischen dem Horizont des Autors und dem des Lesers erreichen, ist und war zwar lange eine besonders liebgewonnene Zielperspektive der Hermeneutik, lässt sich aber heute in dieser Form heute nicht mehr zu halten.

Vom Vorverständnis ausgehen

Die Methode des hermeneutischen Zirkels bezieht das Vorwissen des Lesers vor allem bei der ersten Lektüre eines Textes ein. Dieses erste Vorverständnis entwickelt sich nach dem erstmaligen Lesen (Primärrezeption des Textes) zu einem ersten Textverständnis. Denn das Lesen hinterlässt bewusste oder unbewusste Spuren im Denken und Fühlen eines Lesers, die sich u. U. als  ▪ Erstleseeindrücke festhalten lassen.

Sie wirken sich in hohem Maße auf die Arbeiten aus, die im Rahmen einer Textinterpretation durchgeführt werden müssen und hängen eng mit dem gewählten ▪ Leseverfahren und der eingenommenen ▪ Lesehaltung zusammen.

Für die Interpretation eines literarischen Textes ist es sehr hilfreich, die im Rahmen der Erstleseeindrücke entstandenen Urteile, Deutungsansätze und Sinnkonstruktionen (erstes Textverständnis) wahrzunehmen und entsprechend ernst zu nehmen.

Darin gründet sich auch die "Unverzichtbarkeit hermeneutischer Textzugänge im Literaturunterricht" (Kammler 2005, S.189) Denn, wie Kammler betont, geht es "gerade in der Phase der ersten Wahrnehmung eines literarischen Textes (...) darum, den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich selbst mit ihren eigenen Assoziationen und Eindrücken einzubringen, um sich gleichzeitig auf den Text als potentiellen Vermittler von Wahrheiten einzulassen."

Dieses (erste) Textverständnis erweitert das Vorverständnis und erweitert damit auch den Horizont des Vorverständnisses (V1).

Dies darf man aber nicht so verstehen, dass damit einfach zu dem bisherigen Vorverständnis etwas hinzuaddiert wird. In Wahrheit entsteht dabei nämlich etwas Neues, weil die vorläufigen Sinndeutungen neu konstruiert werden. Von diesem neuen Vorverständnis (V2) ergibt sich bei der weiteren Auseinandersetzung mit dem Text ein (erweitertes, korrigiertes) neues Textverständnis (T1).

Wird dieser Prozess weiter fortgeführt, findet ein fortlaufender Erkenntnisfortschritt statt, der prinzipiell unabgeschlossen ist.

Die "Vermutungen", mit denen wir von unserem jeweiligen Vorverständnis ausgehend über den Text anstellen,  setzen uns quasi die Brille auf, durch die hindurch wir einen Text zunächst einmal sehen.

In Form einer Zirkelbewegung, die immer wieder zur Vertiefung, Erweiterung und Neukonstruktion dieses ersten Textverständnisses zurückführt, entwickelt sich das Textverständnis immer weiter.

Die Zielvorstellung: Verringerung der hermeneutischen Differenz zwischen den Horizonten des Autors und des Lesers

Im Zuge dieser hermeneutischen Zirkelbewegung soll sich  die hermeneutische Differenz (Distanz) zwischen den Horizonten des Interpreten und des Autors (bzw. des Texthorizontes) zusehends verringern und sich tendenziell zu einer Art Horizontverschmelzung (Gadamer 1960) hinentwickeln.

Diese Vorstellung, die heute gemeinhin als überholt angesehen wird (vgl. Graf 2015, S.191), weil sie das vertiefte Textverständnis an die Verringerung der sogenannten hermeneutischen Differenz bindet, und damit stets, wenn auch im besten Falle nur annäherungsweise, vorgibt, es gäbe so etwas wie eine objektiv richtige Interpretation, kann heute wohl nur noch zur Erklärung des Hintergrunds der Methode verwendet werden.

Und doch kann das Prinzip des hermeneutischen Zirkels, nämlich der wechselseitigen Beeinflussung von textseitigem Bedeutungsangebot und leserseitiger Bedeutungserwartung" (ebd.), die "in einen tendenziell nicht abschließbaren interaktiven Leseprozess einer unendlichen Bedeutungskonstruktion" (ebd.) führt und das Prinzip, dass vor allem bei komplexen Texten schon getroffene Annahmen über die Bedeutung bestimmter Textstellen beim Lesen, der ▪ Inferenzbildung auf lokaler Textebene, stets mit dem globalen Situationsmodell abzugleichen sind, und in dieser Text-Leser-Interaktion dabei doch so etwas wie eine möglichst "textnahe Sinnkonstruktion" entstehen kann, "die sich dialogisch dem polyphonen Charakter des Romans annähern kann." (ebd., S.191)

Allerdings erlebt, sie, insbesondere im schulischen Literaturunterricht, dabei vor allem im Zusammenhang mit biografischen Ansätzen der Interpretation immer, wenn Schülerinnen und Schüler herausfinden wollen, "was der Autor mit seinem Text gemeint hat oder sagen will" immer noch skurrile Blüten. Damit soll aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden, dass biografische Ansätze, wenn sie sich ihrer Voraussetzungen bewusst sind, nicht auch interessante Erkenntnisse über einen Text vermitteln könne.

Hermeneutische Spirale

Der Begriff und die Vorstellung einer Zirkelbewegung bei der Entwicklung eines Verstehensprozesses trifft heutzutage allerdings nicht mehr auf ungeteilte Zustimmung.

So spricht sich Jürgen Bolten (1985) für den Begriff der hermeneutischen Spirale aus. Weil nämlich der Verstehensprozess zu einem fortlaufenden Verstehenszuwachs führe, werde das Vorverständnis bzw. der jeweils erreichte Vorgriff auf das Ganze des Textes fortwährend durch ein immer genauer und tiefer gehendes Verstehen ersetzt und verbessert. Dies entspricht auch eher den ▪ Wechselwirkungen zwischen textgeleiteten und leserseitigen, auf- und absteigenden kognitiven Verarbeitungsprozessen im Gehirn.

Für Bolten ergibt sich daraus die Forderung nach einem integrativen Verstehen, das verschiedene Deutungsansätze philologischer, literarischer oder wirkungsgeschichtlicher Art in einer hermeneutischen Spiralbewegung aufnimmt.

"Einen Text verstehen heißt demzufolge, Merkmale der 'Textstruktur' bzw. des '-inhaltes' und der 'Textproduktion' unter Einbeziehung der 'Text-' und 'Rezeptionsgeschichte' sowie der Reflexion des eigenen 'Interpretationsstandpunktes' im Sinne eines wechselseitigen Begründungsverhältnisses zu begreifen. Dass es dabei weder 'falsche' noch 'richtige', sondern allenfalls mehr oder minder angemessene Interpretationen geben kann, folgt aus der [...] Geschichtlichkeit der Verstehenskonstituenten und der damit zusammenhängenden Unabschließbarkeit der hermeneutischen Spirale. [...] Der Spiralbewegung entsprechend, unterliegt die Interpretation hinsichtlich ihrer Hypothesenbildung diesbezüglich einem Mechanismus der Selbstkorrektur. " (Bolten 1985, S.362f.)

* Hermeneutik = kurz: Kunst der Auslegung (Interpretation)

Fragendes Verstehen als Grundfigur

Die Einnahme einer Haltung des fragenden Verstehens ist eine der wichtigsten Voraussetzungen des hermeneutischen Zirkels auf der Seite des Lesers. Und gerade "die Dialektik von Frage und Antwort ist stets die Grundfigur des hermeneutischen Prozesses" (Reichert 1995, S. 221) 

In einer Anmerkung zu seinem Aufsatz fasst Klaus Reichert, (1995, S. 224f.) den Prozess fragenden Verstehens wie folgt zusammen:

"In unserer Interpretation eines hermetischen Gedichts wurde gezeigt, wie der Fragehorizont sich immer wieder verschiebt: Jede dem Gedicht abgelesene Antwort verwandelte sich in eine neue Frage, die zu einer wieder anderen Antwort führte. Das einzig konstante des Fragehorizonts ist seine Inkonstanz, der Wechsel von Negationen, die fortschreitend in eins gesetzt sind."

Mit einem Auszug aus Hans-Georg Gadamers Werk "Wahrheit und Methode" (1962)  zeigt Reichert die erkenntnismethodischen Grundlagen des fragenden Verstehens auf.

"Dass ein überlieferter Text Gegenstand der Auslegung wird, heißt bereits, dass er eine Frage an den Interpreten stellt. Auslegung enthält insofern stets den Wesensbezug auf die Frage, die einem gestellt ist. Einen Text verstehen, heißt diese Frage verstehen. Das aber geschieht (...) dadurch, dass man den hermeneutischen Horizont gewinnt. Diesen erkennen wir jetzt als den Fragehorizont, innerhalb dessen sich die Sinnrichtung eines Textes bestimmt. - Wer verstehen will, muss also fragend hinter das Gesagte zurückgehen. Es muss es als Antwort von einer Frage her aus verstehen, auf die es die Antwort ist. So hinter das Gesagte zurückgegangen, hat man aber notwendig über das Gesagte hinausgefragt. Man versteht den Text ja nur in seinem Sinn, indem man den Fragehorizont gewinnt, der als solcher notwendigerweise auch andere mögliche Antworten umfasst. Insofern ist der Sinne eines Satzes relativ auf die Frage, für die er eine Antwort ist, d.h. aber, er geht notwendigerweise über das in ihm selbst Gesagte hinaus. (S.351 f., zit. n. Reichert 1995, S.224)"

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Gert Egle. zuletzt bearbeitet am: 21.08.2020

 
 

 
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