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Aspekte der Szenenanalyse (III,6)

"Als ob die Wahrheit eine Münze wäre" - Saladins Wahrheitsbegriff

« Nathan der Weise Handlungsverlauf Akte und Szenen Dritter Akt 6. Auftritt (III,6)

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Literarische Gattungen Dramatische Texte Autorinnen und Autoren Gotthold Ephraim Lessing Nathan der Weise
teachSam-YouTube-PlaylistÜberblick Gesamttext (Recherche-/Leseversion) Entstehungsgeschichte Historischer Hintergrund Aufbau des Dramas Handlungsverlauf Inhalt Akte und Szenen Inhaltsüberblick (I,1 - V,8) Szenenüberblick Akt-/Szenenschema 1.Akt 2. Akt  Dritter Akt • Inhaltsüberblick Szenenüberblick III,1 III,2 III,3 III,4 III,5   III,6 Nathan entscheidet sich im Selbstgespräch für eine Antwort mit Hilfe eines Märchens Text III,6 [ Aspekte der Szenenanalyse "Als ob die Wahrheit eine Münze wäre" - Saladins Wahrheitsbegriff ]Bausteine Fragen und Antworten (KI) III,7 III,8 III,9 III,10 Bausteine Fragen und Antworten (KI)4. Akt 5. Akt  Orte der Handlung Bausteine Wichtige Motive ▪ Figurenkonstellation ▪ Figurenkonzeption ▪ Einzelne Figuren ▪ Sprachliche Form (Blankvers) ▪ Rezeptionsgeschichte ▪ Textauswahl ▪ Portfolio ▪ Klassenarbeiten / Klausuren ▪ Links ins Internet ▪ Bausteine Schreibformen Operatoren im Fach Deutsch
 

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In seinem • Monolog (III,6) überlegt sich • Nathan, wie er auf die Frage Saladins nach der wahren Religion (III,5) reagieren soll. Dieser will ihn nämlich damit so unter Druck setzen, dass Nathan ihm den noch gegenüber Al-Hafi aus kaufmännischen Überlegungen heraus verweigerten Kredit (I,3) aus Sorge um sein eigenes Leben gewährt.

Nathan, der, als ihn Daja über seine Einbestellung beim Sultan informiert (• II,6) noch glaubt, der Sultan wolle Waren kaufen, die er von seiner Geschäftsreise mitgebracht hat, hört von Daja aber auch - wo auch immer sie diese Information her hat -, dass der Sultan offenbar nur an seiner Person interessiert ist. Noch ehe sich Nathan im Gespräch mit dem Tempelherrn (• II,7), in das Daja mit ihrer auch Nathan überraschenden Nachricht platzt, erste Gedanken zur wahren Identität des Tempelherrn macht, sieht er sich Saladin, der den jungen Christen verschont und damit die Rettung Rechas beim Brand überhaupt ermöglichte, verbunden und verpflichtet: "Dies/", betont er, " Hat alles zwischen uns verändert; hat/ Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das/ Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,/ Und kaum, kann ich es nun erwarten, was/ Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin/ Bereit zu allem; bin bereit ihm zu/ Gestehn, daß ich es Euertwegen bin." (V 1349-1356) (Hervorh. d. Verf.) Nathans Äußerung schließt dabei wohl auch ein, dem Sultan doch noch Kredit zu geben, und das nun sogar gegen alle Warnungen Al-Hafis (• II,9), der ihn darauf hinweist, dass ihn Saladins Freigiebigkeit und Verschwendung ruinieren könne ("Ich sollt' es wohl/ Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag/ Aushöhlen wird bis auf die Zehen?" (V.1443-1445)

So zeigt sich Nathan, der sich aber offenbar aus taktischen Gründen vorgenommen hat, bei seiner Begegnung mit dem Sultan zunächst einmal so tun, als gehe er davon aus, dass Saladin sich für sein Warenangebot interessiere ("Du sollst das Beste haben/ Von allem; sollst es um den billigsten/ Preis haben." (III,5  V.1824-1826). Und so verwundert es ihn sehr, dass er vom Sultan nicht um Geld angegangen wird, sondern mit der Frage nach der religiösen Wahrheit konfrontiert wird (III,6: "Ich bin
Auf Geld gefasst; und er will - Wahrheit. Wahrheit!
" V. 1866f.)

Nachdem der Sultan abgegangen ist, um Nathan einen Moment Zeit zum Überlegen zu geben, macht sich Nathan Gedanken über die Absichten des Sultan und seine mögliche Antwort. Dabei wird deutlich, "dass er in der Tat Argwohn gegenüber Saladins Motiven hegt, die seinem Wunsch nach einer einfachen Antwort auf eine in Wahrheit höchst komplizierte Frage zugrunde liegen." (Atkins 1951/1984, S.160) Daher will er vorsichtig sein und den Sultan, statt mit einer klaren Antwort, mit einem "Märchen" (V. 1890) abspeisen. Insofern ist die Ring-Parabel, die Nathan dem Sultan "auftischt" zunächst einmal Teil einer kommunikativen Ablenkungsstrategie, die Saladin von "seinem Ausgangsproblem einer apriorischen Rechtfertigung von Nathans scheinbaren Judentum abzulenken" (Atkins 1951/1984, S.161), von dem er ja nicht weiß, dass Nathan darüber längst hinausgewachsen ist und eben nicht mehr jener "Stockjude" (V. 1885) ist, für den ihn der Sultan noch immer hält, um darauf aufbauend, sein von Sittah ausgehecktes "Erpressungsgeschäft" (Leisegang (1931/1984, S.125) durchziehen zu können.

In seinem "Sammlungs"-Monolog vergleicht • Nathan den WahrheitsbegriffSaladins mit einer Münze und dessen Umgang mit der Wahrheit mit einem Münzenwurf. Dabei ist für ihn die Frage, welche Münze Wahrheit beanspruchen kann, wie Demetz (1984, S.204) herausarbeitet, entscheidend: "Die Wahrheit, als Traditionelles, als »uralte Münze, die gewogen ward« (V. 354)? Oder das Wahre, als »so neue Münze,/ die nur der Stempel macht, die man aufs Brett / nur zählen darf« (V.355-357)?" Und in diesem Vergleich sieht sich Nathan vor die Frage gestellt, ob er sich eben für die Tradition entscheiden soll und damit "für eine Antwort, die schon in der Vergangenheit von Generationen von Vorfahren unpersönlich gewogen ward? Oder soll er sich für das andere Wahre entscheiden, das in neuerer Zeit auch anders entsteht - durch den Prägestempel nämlich, der (das Negativ der Münze enthaltend) vom Münzenschmied mit dem wuchtigen Hammer über das Metall getrieben wird; darf er die in einem einzigen Schlag vom neuen Münzenschmied geprägte Münze auf das Brett nur zählen?"

Mit seiner Einschätzung von • Saladins Umgang mit der von ihm geforderten objektiven Wahrheit zeigt • Nathan, dass für ihn die Wahrheit per Stempelaufdruck, Wahrheiten also, die ideologisch und dogmatisch, letztlich von subjektiven Interessen geleitet sind, letztlich keine Wahrheiten im ursprünglichen Sinne darstellen.

In der Literaturwissenschaft gibt es zahlreiche Auffassungen darüber, was unter der • "alten Münze", von der Nathan in seinem • Monolog (III,6) spricht¨, zu verstehen ist. Beispielhaft dafür, wie Demetz (1984, S.204) die bildhaften Elemente analysiert: "Vergangenheit und Gegenwart (gewogene und geprägte Münze), die Unpersönlichkeit der Tradition (»gewogen ward« / passive Verbalkonstruktion) und das Persönliche der gegenwärtigen Einsicht (Stempel und neuer Münzenschmied); verbunden sind Vergangenheit und Unpersönliches, Gegenwart und persönliche Einsicht ... soll Nathan die Antwort als Noch-Jude geben, welcher der »uralten« noch »gewogenen« Münze vertraut; oder schon als Nicht-Mehr-Jude, der sich frei zu jener neuen Währung bekennt, die er selbst als Münzenschmied prägt? Das eine darf er nicht mehr, das andere will er noch nicht."
Am ehesten trifft es wohl die These, dass mit der alten Münze die • "innere Wahrheit der Religion" gemeint ist, deren Wert in sich selbst ruht und anders als die • »neue Münze, die nur den Stempel macht«, weder durch ideologische und dogmatische Prägungen noch mit begrifflichen Formeln ausgedrückt werden kann.

Indem Lessings Begriff von Wahrheit der Bibel damit vorgeordnet ist, steht er auch im Gegensatz zum Wahrheitsbegriff, den die Lutheraner damals vertraten. Für diese sind die Aussagen der Bibel und insbesondere die des Neuen Testaments als Lehren von Jesus Christus wahr. Daneben gibt es aber auch "Wahrheitskriterien, die unabhängig von einzelnen Inhalten sind. Für die lutherischen Christen gilt, dass die Wahrheit der Religion sich erst im subjektiven Vollzug, d. h. im Glauben, realisiert. [...] Die Lektüre der Bibel löst kraft übernatürlichen Beistands im Menschen eine seelische Bewegtheit aus, die als »Seligkeit« umschrieben wird. In ihr wird die Religion als >wahr< erfahren." (Fick 2010, S.415)  Dementsprechend kann sich die Wahrheit einer Religion auch nicht dadurch beweisen lassen, dass man die Art und Weise ihrer Überlieferung für wahr und damit unhinterfragbar erklärt. So steht denn auch für Lessing fest: "Die Religion ist nicht wahr, weil die Evangelisten und Apostel sie lehrten: sondern sie lehrten sie, weil sie wahr ist. Aus ihrer inneren Wahrheit müssen die schriftlichen Überlieferungen erklärt werden, und alle schriftlichen Überlieferungen können ihr keine Wahrheit geben, wenn sie keine hat." (Lessing, Werke in drei Bänden, München 2003, Bd. III, S.328, zit. n. Benedict 2011.) Was Lessing damit formuliert, ist seine Vorstellung von der, wie er es nennt, inneren Wahrheit der Religion, die "nach Lessing in allen positiven Religionen vorhanden und zugleich in der gesellschaftlich notwendigen natürlichen Religion (ist), ohne die kein Gemeinwesen bestehen kann." (Benedict 2011)  Auch wenn Lessing diese innere Wahrheit nicht genauer bestimmt (vgl. Fick 2010, S.420), ergänzt er das Konstrukt doch durch das Konzept der praktischen Liebe, das religiöse Menschen, insbesondere Christen, auszeichnen sollte. Ohne praktische Humanität, so seine Botschaft, kann Religion ihre ethische Kraft nicht beweisen.

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.06.2025

 
 

 
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