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In seinem
•
Monolog
(III,6) überlegt sich
•
Nathan, wie er auf die
•
Frage
Saladins nach der wahren Religion
(III,5) reagieren soll. Dieser will ihn nämlich damit so unter Druck setzen, dass
Nathan ihm
den noch gegenüber
Al-Hafi
aus kaufmännischen Überlegungen heraus
verweigerten Kredit (I,3)
aus Sorge um sein eigenes Leben gewährt.
Nathan, der, als ihn Daja über
seine Einbestellung beim Sultan informiert (•
II,6)
noch glaubt, der Sultan wolle Waren kaufen, die er von seiner Geschäftsreise
mitgebracht hat, hört von Daja aber auch - wo auch immer sie diese
Information her hat -, dass der Sultan offenbar nur an seiner Person
interessiert ist. Noch ehe sich Nathan im Gespräch mit dem Tempelherrn (•
II,7),
in das Daja mit ihrer auch Nathan überraschenden Nachricht platzt, erste
Gedanken zur wahren Identität des Tempelherrn macht, sieht er sich Saladin,
der den jungen Christen verschont und damit die Rettung Rechas beim Brand
überhaupt ermöglichte, verbunden und verpflichtet: "Dies/", betont er, " Hat
alles zwischen uns verändert;
hat/ Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das/ Mich seinem Dienst auf ewig
fesselt. Kaum,/
Und kaum, kann ich es nun erwarten, was/ Er mir zuerst befehlen wird.
Ich bin/ Bereit zu allem;
bin bereit ihm zu/ Gestehn, daß ich es Euertwegen bin." (V
1349-1356) (Hervorh. d. Verf.) Nathans Äußerung schließt dabei wohl auch
ein, dem Sultan doch noch Kredit zu geben, und das nun sogar gegen alle
Warnungen Al-Hafis (•
II,9),
der ihn darauf hinweist, dass ihn Saladins Freigiebigkeit und Verschwendung
ruinieren könne ("Ich sollt' es wohl/ Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu
Tag/ Aushöhlen wird bis auf die Zehen?" (V.1443-1445)
So zeigt sich Nathan, der sich aber offenbar aus taktischen Gründen
vorgenommen hat, bei seiner Begegnung mit dem Sultan zunächst einmal so tun,
als gehe er davon aus, dass Saladin sich für sein Warenangebot interessiere
("Du sollst das Beste haben/ Von allem; sollst es um den billigsten/ Preis
haben." (III,5
V.1824-1826). Und so verwundert es ihn sehr, dass er vom Sultan nicht um
Geld angegangen wird, sondern mit der Frage nach der religiösen Wahrheit
konfrontiert wird (III,6: "Ich bin Auf Geld gefasst; und er will - Wahrheit. Wahrheit!"
V. 1866f.)
Nachdem der Sultan abgegangen ist, um Nathan einen Moment Zeit zum Überlegen
zu geben, macht sich Nathan Gedanken über die Absichten des Sultan und seine
mögliche Antwort. Dabei wird deutlich, "dass er in der Tat Argwohn gegenüber
Saladins Motiven hegt, die seinem Wunsch nach einer einfachen Antwort auf
eine in Wahrheit höchst komplizierte Frage zugrunde liegen." (Atkins
1951/1984, S.160) Daher will er vorsichtig sein und den Sultan, statt
mit einer klaren Antwort, mit einem "Märchen" (V.
1890) abspeisen. Insofern ist die Ring-Parabel, die Nathan dem Sultan
"auftischt" zunächst einmal Teil einer kommunikativen Ablenkungsstrategie,
die Saladin von "seinem Ausgangsproblem einer apriorischen Rechtfertigung
von Nathans scheinbaren Judentum abzulenken" (Atkins
1951/1984, S.161), von dem er ja nicht weiß, dass Nathan darüber längst
hinausgewachsen ist und eben nicht mehr jener "Stockjude" (V.
1885) ist, für den ihn der Sultan noch immer hält, um darauf aufbauend,
sein von Sittah ausgehecktes "Erpressungsgeschäft" (Leisegang (1931/1984,
S.125) durchziehen zu können.

In seinem "Sammlungs"-Monolog vergleicht
•
Nathan
den Wahrheitsbegriff
•
Saladins
mit einer Münze und dessen Umgang mit der Wahrheit mit einem
Münzenwurf.
Dabei ist für ihn die Frage, welche Münze Wahrheit beanspruchen kann, wie
Demetz (1984,
S.204) herausarbeitet, entscheidend: "Die Wahrheit, als Traditionelles, als »uralte Münze,
die gewogen ward« (V. 354)? Oder das Wahre, als »so neue Münze,/ die nur der
Stempel macht, die man aufs Brett / nur zählen darf« (V.355-357)?" Und in
diesem Vergleich sieht sich Nathan vor die Frage gestellt, ob er sich eben
für die Tradition entscheiden soll und damit "für eine Antwort, die schon in
der Vergangenheit von Generationen von Vorfahren unpersönlich gewogen ward?
Oder soll er sich für das andere Wahre entscheiden, das in neuerer Zeit auch
anders entsteht - durch den Prägestempel nämlich, der (das Negativ der Münze
enthaltend) vom Münzenschmied mit dem wuchtigen Hammer über das Metall
getrieben wird; darf er die in einem einzigen Schlag vom neuen Münzenschmied
geprägte Münze auf das Brett nur zählen?"
Mit seiner Einschätzung von
•
Saladins
Umgang mit der von ihm geforderten
objektiven Wahrheit zeigt
•
Nathan, dass für ihn die Wahrheit per
Stempelaufdruck, Wahrheiten also, die ideologisch und dogmatisch, letztlich
von subjektiven Interessen geleitet sind, letztlich keine Wahrheiten im
ursprünglichen Sinne darstellen.
In der Literaturwissenschaft
gibt es zahlreiche Auffassungen darüber, was unter der • "alten
Münze", von der Nathan in seinem
•
Monolog
(III,6) spricht¨, zu verstehen ist. Beispielhaft dafür, wie
Demetz (1984,
S.204) die bildhaften Elemente analysiert: "Vergangenheit und Gegenwart
(gewogene und geprägte Münze), die Unpersönlichkeit der Tradition (»gewogen
ward« / passive Verbalkonstruktion) und das Persönliche der gegenwärtigen
Einsicht (Stempel und neuer Münzenschmied); verbunden sind Vergangenheit und
Unpersönliches, Gegenwart und persönliche Einsicht ... soll Nathan die
Antwort als Noch-Jude geben, welcher der »uralten« noch »gewogenen« Münze
vertraut; oder schon als Nicht-Mehr-Jude, der sich frei zu jener neuen
Währung bekennt, die er selbst als Münzenschmied prägt? Das eine darf
er nicht mehr, das andere will er noch nicht." Am ehesten trifft es wohl die These,
dass mit der alten Münze die • "innere Wahrheit der Religion" gemeint ist,
deren Wert in sich selbst ruht und anders als die • »neue
Münze, die nur den Stempel macht«, weder durch ideologische und
dogmatische Prägungen noch mit begrifflichen Formeln
ausgedrückt werden kann.
Indem Lessings
Begriff von Wahrheit der Bibel damit vorgeordnet ist,
steht er auch im Gegensatz zum Wahrheitsbegriff, den die Lutheraner
damals vertraten. Für diese sind die Aussagen der Bibel und insbesondere
die des Neuen Testaments als Lehren von Jesus Christus wahr. Daneben
gibt es aber auch "Wahrheitskriterien, die unabhängig von einzelnen
Inhalten sind. Für die lutherischen Christen gilt, dass die Wahrheit der
Religion sich erst im subjektiven Vollzug, d. h. im Glauben, realisiert.
[...] Die Lektüre der Bibel löst kraft übernatürlichen Beistands im
Menschen eine seelische Bewegtheit aus, die als »Seligkeit« umschrieben
wird. In ihr wird die Religion als >wahr< erfahren." (Fick
2010, S.415)
Dementsprechend kann sich die Wahrheit einer Religion auch nicht dadurch
beweisen lassen, dass man die Art und Weise ihrer Überlieferung für wahr
und damit unhinterfragbar erklärt. So steht denn auch für Lessing fest: "Die Religion ist nicht wahr, weil
die Evangelisten und Apostel sie lehrten: sondern sie lehrten sie, weil
sie wahr ist. Aus ihrer inneren Wahrheit müssen die schriftlichen
Überlieferungen erklärt werden, und alle schriftlichen Überlieferungen
können ihr keine Wahrheit geben, wenn sie keine hat." (Lessing, Werke in
drei Bänden, München 2003, Bd. III, S.328, zit. n.
Benedict 2011.) Was Lessing damit formuliert, ist seine Vorstellung von der,
wie er es nennt, inneren Wahrheit der Religion, die "nach Lessing in
allen positiven Religionen vorhanden und zugleich in der
gesellschaftlich notwendigen natürlichen Religion (ist), ohne die kein
Gemeinwesen bestehen kann." (Benedict 2011)
Auch wenn Lessing diese innere Wahrheit nicht genauer bestimmt (vgl.
Fick 2010,
S.420), ergänzt er das Konstrukt doch durch das Konzept der
praktischen Liebe, das religiöse Menschen, insbesondere
Christen, auszeichnen sollte. Ohne praktische Humanität, so
seine Botschaft, kann Religion ihre ethische Kraft nicht
beweisen.
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
17.06.2025
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