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Bausteine zur Biographie

Eine Kindheit in Ludwigsburg - Aus den Erinnerungen von Justinus Kerner 1786-1804 (1840)

Friedrich Schiller (1759-1805)

 
FAChbereich Deutsch
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"Meine Geburt und erstes Leben in Ludwigsburg.
Die Zeit Herzog Carls

Mein Geburtsort ist Ludwigsburg, eine der Haupt- und Residenzstädte Württembergs. Der Tag, an welchem ich geboren wurde, war der 18. September 1786.
Mein Vater war Oberamtmann in dieser Stadt, mit dem Titel eines Regierungsrates. Meine Eltern hatten vor mir schon drei Söhne und zwei Töchter erzeugt. Am Tage meiner Taufe war mein Vater verlegen um den Namen eines vierten Sohnes. In seiner Unschlüssigkeit betrachtete er die Familienbilder, die im kleinen Bildersaale in großen Ölgemälden, von seinem Vater an bis zur Reformationszeit hinauf, an den Wänden hingen. Sein Blick fiel zuerst auf das Bild eines Mannes in geistlichem Gewande, mit einem langen Barte, der, ganz breit und unten in einer geraden Linie abgeschnitten, ihm vom Kinn an bis auf die Brust wie eine weiße Serviette reichte. Dieser Mann führte den Namen Justinus Andreas und lebte im Jahre 1650 als Spezialsuperintendent in Güglingen, wo noch jetzt die gleiche Abbildung von ihm sich in der Kirche befindet. Nach diesem nun schöpfte mir mein Vater die Namen Justinus Andreas, welche nicht gewöhnliche Namen aber meiner Mutter nach der Taufe große Skrupel machten (obgleich den Namen Justinus noch viele meiner Voreltern führten), so daß mein Vater zu ihrer Beruhigung in das Kirchenbuch auch den sehr christlichen Namen Christian einschreiben ließ, mit welchem ich dann gewöhnlich im Kreise meiner Familie genannt wurde.
Von jenem alten Justinus muß ich noch anführen, daß er einmal von der geistlichen Oberbehörde in Stuttgart den Auftrag erhielt, sich nach Lauffen zu begeben, um im dortigen Dekanathause die Untersuchung über eine Geistererscheinung zu führen. Der Dekan zu Lauffen hatte nämlich an das Konsistorium berichtet, er könne in seinem Hause wegen Verfolgung von einem Gespenste nicht mehr bleiben. Jener alte Justinus wollte da an den Tag gebracht haben, daß jenes Gespenst die lebende Köchin des Herrn Dekans gewesen. Die Akten dieser Untersuchung finden sich noch im Archive des Konsistoriums. Dies zum Beweise, daß mir der Glaube an die Existenz von Geistern nicht anererbt und mit diesem Namen nicht angetan ist.
Am Tage meiner Taufe benetzte mir mein Vater die Lippen mit Champagnerwein, was meiner guten Mutter auch oft ein Bedenken verursachte.
Während meiner ersten Kindheit regierte noch der Herzog Carl Eugen. Er hatte in Ludwigsburg seine Sommerresidenz, und in dieser Zeit füllten sich die weiten menschenleeren Gassen, Linden- und Kastanienalleen Ludwigsburgs mit Hofleuten in seidenen Fräcken, Haarbeuteln und Degen und mit den herzoglichen Militärs in glänzenden Uniformen und Grenadierkappen, gegen welche die andern wenigen Bewohner in bescheidenen Zivilröcken verschwanden. Das prachtvolle Schloß mit seinen weiten Plätzen und Gärten, der nahe Park mit dem sogenannten Favoritschlößchen, die schattenreichen Alleen von Linden und Kastanienbäumen, die in weiten Reihen auf die Stadt zuliefen und selbst in der Stadt die schönsten Schattengänge voll Blüten und Duft bildeten, der große weite Marktplatz der Stadt selbst, mit seinen Arkaden, waren oft der Schauplatz der Vergnügungen dieses weltlustigen Fürsten, Schauplätze von Festen, die, gedenkt man ihrer in jetziger Zeit, einem nur wie bunte Träume erscheinen. So fanden in der dem Schlosse gegenübergelegenen Favorite die ungeheuersten Feuerwerke statt, mit einem Aufwande, der dem am Hofe von Versailles gleichkam. Auf dem bei der Stadt gelegenen See wurden Feste gegeben, bei denen schöne Mädchen der Stadt als Seeköniginnen figurieren mußten. In seinen früheren Zeiten schuf der Herzog oft im Winter, in den sein Geburtstag fiel, Zaubergärten, ähnlich denen, die in den Erzählungen von »Tausendundeine Nacht« vorkommen. Er ließ in der Mitte des Herbstes über die wirklich bestehenden schönsten Orangengärten von 1000 Fuß in der Länge und hundert in der Breite ein ungeheures Gebäude von Glas errichten, das sie vor der Einwirkung des Winters schützte. In dessen Wänden verbreiteten zahllose Öfen Wärme. Das ganze Gewölbe des großen Gebäudes trug das schönste Grün, und es hing so in der Luft, daß man keinen einzigen Pfosten bemerkte. Da bogen sich Orangenbäume unter dem Gewichte ihrer Früchte. Da ging man durch Weingärten voll Trauben wie im Herbste, und Obstbäume boten ihre reichen Früchte dar. Andere Orangenbäume wölbten sich zu Lauben. Der ganze Garten bildete ein frisches Blätterwerk. Mehr als dreißig Bassins spritzten ihre kühlen Wasser, und 100 000 Glaslampen, die nach oben einen prachtvollen Sternenhimmel bildeten, beleuchteten nach unten die schönsten Blumenbeete.
In diesem Zaubergarten nun wurden die großartigsten Spiele, dramatische Darstellungen und Ballette und Tonstücke von den größern Meistern damaliger Zeit ausgeführt. Das war noch die Zeit der stürmischen Periode dieses Herzogs, wo er bei einem solchen Feste einmal in weniger als fünf Minuten für 50 000 Taler Geschenke in geschmackvollen Kleinodien an die anwesenden Damen austeilte.
Auf dem großen Marktplatze, auf dem die Oberamtei, das Haus meiner Geburt, stand, wurden venezianische Messen gehalten. Der große Marktplatz war zeltartig mit Tüchern bedeckt, Verkäufer und Käufer waren maskiert. Es war ein buntes Getümmel von Masken, welche die tollsten Aufzüge und Spiele ausführten, worunter nicht das stärkste ein riesenhafter Heiducke des Herzogs war, der in die Maske eines Wickelkindes gekleidet, in einer Wiege herumgeführt und mit Brei von einer Amme, die ein Zwerg war, gespeist wurde. Von den Fenstern des Oberamteigebäudes konnte man den Marktplatz am besten überschauen, daher nahm der Herzog in solcher Zeit mit seiner Gemahlin Franziska den Aufenthalt daselbst.
Meine Eltern mußten da jedesmal Raum schaffen, ja, auch die unteren Gelasse des Hauses, wo die Schreibstuben waren, mußten geleert werden: denn hier wurde in solcher Zeit eine Pharobank eingerichtet.
Der Herzog mit seinem goldbordierten Hütchen, seiner mit Buckeln versehenen, gepuderten Frisur mit einem Zöpfchen, seinem kirschroten Rocke, seiner gelben Pattenweste, seinen gelben Hosen, hohen Stiefeln und Stiefelstrümpfen, und die Herzogin in weitem Reifrocke mit schlanker Taille, hoher, gepuderter Frisur, auf der hoch oben eine gelbe Bandschleife wie ein Kanarienvogel saß, sind meine ganz im Nebel schwimmenden, traumhaftesten Erinnerungen.
Etwas heller blieb in meinem Gedächtnisse ein Mann, der zu jener Zeit und auch noch später öfter unser Haus besuchte und um dessen Stock, um auf ihm zu reiten, sich oft meine Brüder schlugen. Es war eine kräftige Gestalt mit großen Augen, einer etwas aufgestülpten Nase und einer toupetartigen Frisur, ein Mann mit lebhaften Bewegungen und kräftiger Stimme, der Dichter Schubart.
Er war ein Jahr nach meiner Geburt von seiner zehnjährigen Gefangenschaft befreit und zum Hofdramaturgen in Stuttgart ernannt worden, wo er dann Ludwigsburg, seinen frühern Wohnort, und meinen Vater, hielt sich der Hof und das Theaterpersonal in Ludwigsburg auf, öfter besuchte.
Mein Vater liebte ihn seines Genies wegen, war aber öfter als Beamter genötigt, gegen sein exzentrisches, ja sittenloses Wesen einzuschreiten. Dennoch gedenkt Schubart desselben dankbar in seiner Lebensgeschichte. So sagt er von ihm: »Regierungsrat Kerner, die beste, gütigste Seele, liebte und schätzte mich bei allen meinen Fehlern, in der menschenfreundlichen Erwartung, der Sturm werde sich legen. « Schubart hatte ihn zum Taufpaten eines ihm zu Ludwigsburg geborenen Sohnes erwählt.
Schubart kam meistens zur Abendzeit zu uns, wo meine Schlafstunde war, setzte sich bald ans Klavier, spielte und sang, wobei ich selten einschlief, aber mich vor Angst oft schlafend stellte.
Außer den venezianischen Messen gab es auf dem großen Marktplatze vor dem väterlichen Hause auch noch andere Auftritte, die sich in eine kindliche Phantasie fest einprägten.
Hier marschierten oft die riesigen Grenadiere, man hieß sie Legioner des Herzogs, zur Parade oder bezogen die nahe stehende Hauptwache. Sie waren nach dem Schnitte der Leibgarde Friedrichs des Großen gebildet, in Größe und Gestalt von Pappelbäumen, in roten Fräcken mit schwarzen Aufschlägen, und hatten auf den gepuderten Häuptern über den steinharten Zöpfen hohe, spitze Grenadiermützen sitzen, die mit gelbem Bleche beschlagen waren. Oft hatte man hier auch derben Ohrenschmaus von einer Versammlung von Tambours, nach deren Trommelschlag ein gnädiger Pardon den diesem Soldatenjammer entlaufenen Landeskindern verkündigt wurde. Nicht selten fand auch auf diesem Platze die leidige Exekution eines Spießrutenlaufens statt, oder konnte man aufgerichtete Galgen bewundern, an denen die Namen Desertierter angeschlagen waren.
Die bedeckten Gänge unter den Häusern des Marktplatzes waren zu jeder Jahreszeit ein bequemer Spielplatz für die Jugend, wo allein der oberste Teil desselben, die gegen das Rathaus schauende linke Ecke (nun eine Apotheke), für uns Knaben oft gefährlich war. Hier hatte ein alter, in seinem ganzen Wesen eigentümlicher Italiener, namens Minoni, seinen Spezereiladen und nebenbei in den Arkaden einen großen Hühnerstall.
Alle Abende sah man ihn zur Sommerszeit mit seiner alten, bald hundertjährigen Schwester in seinen entfernten Garten fahren. Dieselbe sah man nie, ohne daß sie auf dem Schoße ein uraltes Hündchen barg. Am Chaischen war ein funfzigjähriger, kaum mehr beweglicher Rappe angespannt, dessen Schweif und lange Mähnen altersgrau waren, während ein ebenfalls uralter Ladendiener, Pietro Morano, den Laden und die Hühner hütend zurückblieb, die uns im Raume der Arkaden spielenden Knaben oft zur Übung unseres Mutwillens dienten. Kamen wir mit unseren Spielen in ihren Bereich und flatterten sie aufgestört mit Geschrei davon, so kam der ergrimmte Morano mit aller Wut auf uns los. Aber je wütender er ward, je neckender und wagender wurden wir Knaben. Sobald er wieder in seinen Laden zurückgekehrt war, standen wir wieder, ihn zu erwarten, da; der neue Angriff und abermaliges Entfliehen begann, das sich den Tag über zur Zeit unserer Muße öfter wiederholte und eigentlich auch zu unsern Spielen und damaligen Turnübungen gehörte.
Zum Spiele, Drachen steigen zu lassen, war dieser große Marktplatz und das windige Ludwigsburg auch sehr geeignet. Mancher Drache aber fand seinen Untergang an den Kränzen der beiden Stadtkirchentürme, wo wir sie dann den ganzen Sommer durch, an den Schwänzen aufgehängt, bewunderten.
Wir wetteiferten miteinander, solche Drachen in den verschiedensten Formen zu machen. Drachen, die auf der Erde die Größe eines Mannes überboten, hatten in der Höhe kaum die Größe einer Schwalbe, auch wußten wir solche zu verfertigen, die im Steigen und in der Luft brummende Töne von sich gaben, ein Spiel, das ich noch im Alter zu Weinsberg auf meinem Turme fortsetzte.
Wie im Großen und in natura, so dienten mir diese Stadttürme mit ihrer Kirche, auch nachgemacht und im Kleinen, oft zum Spielzeuge. Mehr die Arbeit eines Schreiners als eines Steinhauers scheinend, wurden sie auch sehr oft von Schreinern als Kinderspielzeug in Holz gebildet, so auch die Garnisonskirche und die Hauptwache auf dem gleichen Platze.
Sie brachte mir einmal der von mir so gefürchtete Mann, der ehemalige Organist dieser Kirche, der Dichter Schubart, in einer Schachtel zum Geschenk aus Stuttgart mit, wodurch meine Furcht vor ihm nach und nach verschwand.
Es ist mir auch noch wie ein Traum, daß ich die letzte späteste Lieferung der von dem Herzog Carl an Holland verkauften, nach dem Kap bestimmten Truppen unter dem Gesange des schönen Liedes von Schubart:
»Auf, auf ihr Brüder, und seid stark!«
die Schloßallee hinabziehen sah.
Noch lebendiger aber erinnere ich mich eines andern Zuges – des nächtlichen Leichenzuges des Herzogs zur Gruft seiner Väter im Corps de Logis des Schlosses. Wachskerzen und brennende Pechkränze waren von dem Tore an, durch das man von Stuttgart kommt, bis zur Schloßkirche aufgestellt. Durch diese ging der Zug mit der Leiche des Herzogs, von acht schwarzbehängten Schimmeln gezogen, gefolgt von Wagen, Trabanten und Reitern, aber nicht langsam und feierlich, sondern unbegreiflicherweise rasch, dem Dunkel zu, in dem aller Erdenglanz auf immer erlischt.
Der zum Himmel aufwirbelnde Rauch der Wachsfackeln und Pechkränze bildete, wie mir noch wohl im Gedächtnis steht, hoch über den Alleen, dem Schlosse und den Häusern der Stadt, in dem erhellten Nachthimmel die sonderbarsten Gestalten, gleichsam einen gespenstischen Zug, mit dem mir der Geist des Herzogs über seiner Leiche zu schweben schien. Später, als nach der Regierung des Herzogs Ludwig eine große Stille eintrat und die Räume des Schlosses sehr verlassen standen, gebrauchten wir Knaben gerade oft jenen Teil des Corps de Logis des Schlosses, wo die Gruft sich befindet, zu unsern Soldatenspielen und blickten da oft durch das am Erdgeschoß befindliche Gitter auf den mit rotem Sammet beschlagenen Sarkophag des Herzogs Carl und die anderen fürstlichen Särge nieder.

Schiller im Jahre 1793 in Ludwigsburg.
Seine Verteidigung Herzog Carls.
Gutmütige Züge aus dem Leben dieses Fürsten

Ob bei dem Leichenbegängnisse des Herzogs Carl, wie billig gewesen wäre, die Schüler seiner Carls-Akademie seinem Sarge folgten, weiß ich nicht; ich glaube nicht, daß diese Veranstaltung getroffen wurde, aber ein Carlsschüler, und zwar der größte, den diese Schule hegte, befand sich damals zufällig in Ludwigsburg und sah mit Gefühlen kindlicher Wehmut, die der lebende Herzog wohl nicht von ihm erwartete, seiner Leiche nach.
Von der damaligen freien Reichsstadt Heilbronn aus stellte Schiller, der sich einige Zeit dort aufgehalten hatte, an den Herzog die Anfrage, ob er ins Vaterland wieder zurückkommen und in Ludwigsburg auf kurze Zeit sich aufhalten dürfe. Der Herzog gab ihm, altersschwach und krank, keine Antwort, sagte aber zu seiner Umgebung, er werde ihn ignorieren.
Auf dieses begab sich Schiller mit seiner Gattin und Schwägerin nach Ludwigsburg, wo er in dem Hofmedikus von Hoven einen alten akademischen Freund hatte. Hier wurde ihm sein erstes Kind geboren. »Ich sah ihn (erzählt Hoven in seiner Selbstbiographie) bei der Nachricht, daß der Herzog krank und seine Krankheit lebensgefährlich sei, erblassen, hörte ihn den Verlust, den das Vaterland durch dessen Tod erleiden würde, in den rührendsten Ausdrücken beklagen, und die Nachricht von dem wirklichen Tode des Herzogs erfüllte ihn mit Trauer, als wenn er die Nachricht von dem Tode eines Freundes erhalten hätte.«
Als Schiller damals auf einem Spaziergange der Gruft des Herzogs nahe kam, sprach er zu seinem Freunde Hoven: »Da ruht er also, dieser rastlos tätig gewesene Mann. Er hatte große Fehler als Regent, größere als Mensch; aber die ersten wurden von seinen großen Eigenschaften weit überwogen, und das Andenken an die letzteren muß mit dem Tode begraben werden; darum sage ich dir, wenn du, da er nun dort liegt, nachteilig von ihm sprechen hörst, traue diesem Menschen nicht, er ist kein guter, wenigstens kein edler Mensch.«Obiger Zug und diese Worte Schillers stehen in Hovens Selbstbiographie und in mehreren Biographien Schillers aus der Hovens abgedruckt, können aber zur Ehre Schillers nicht genug wiederholt werden.
Schiller hatte noch unter Carls stürmischer Periode gelebt und gelitten, um so überraschender ist dies sein Urteil.
In den späteren Zeiten, wo mehr Ruhe und Überlegung in das Gemüt dieses Fürsten trat, sah er die Fehler seiner früheren Jahre im vollsten Maße ein. Gewöhnlich begleitete ihn der Hofprediger vom Dienste (die Hofprediger mußten wochenweise abwechselnd in Hohenheim anwesend sein) auf seinen Spaziergängen morgens, wenn die Herzogin nicht zugegen war. Auf einem dieser, am 7. August 1792, sagte der Herzog zu seinem Begleiter: »Ich war ein ausschweifender Teufel, was um so weniger zu verwundern war, da mir jeder Diener dabei willig frönte, aber Reue und Buße, werden die Vergehungen erkannt, sind immer noch zulässig und bereiten Verzeihung.«
Seine ehelichen Verhältnisse betreffend, so lebte er mit seiner zweiten Gemahlin Franziska, wenigstens dem äußeren Ansehen nach, friedlich, und obgleich die eheliche Treue nicht groß war, erfuhr man von Zerwürfnissen beider nie etwas.
Sein Fleiß und seine Tätigkeit in den Regierungsgeschäften und sein vorsichtiges Benehmen gegen die Machthaber der Französischen Revolution kamen dem Lande wohl zustatten.
In der ruhigeren Zeit seiner Regierung suchte er Zwistigkeiten in den Gemeinden durch persönliches Erscheinen selbst zu schlichten; so einmal im Jahre 1790 zu Kirchheim am Neckar, von wo aus er damals nachstehendes Billet doux seiner Franziska nach Hohenheim schrieb, das im Original vor mir liegt und das ich, zum Beweise seines zärtlichen Verhältnisses mit seiner Gattin, hier wortgetreu und mit seiner Orthographie gebe.

»Kirchheim a. N. ½3 Uhr.
Herzallerliebstes Franzele!
Schon der Anfang meiner Fahrt war sehr angenehm um 4 Uhr bin ich hier angekommen und habe bis auf diesen Augenblick einen fatiguanten Augenschein eingenommen; jetzo stehen zwanzig Personen vor meinem Tisch um einen Vergleich wo möglich zu erzielen welches noch lange dauren wird, doch werde ich mein Möglichstes thun um nicht gar zu spät zu kommen, aber ich lasse nicht nach bis es verglichen ist, ich kann fast nicht mehr reden.
aber schönstes Weible!
das wichtigste:
hast Du mich auch gern? Ich habe hundertmahl an Dich gedacht, auch daß Du meine Geduld beloben würdest, ja mein Franzele ist mir immer vor Augen. Adieu Engel! ich küße Dich tausendmahl in Gedanken und bin von ganzem Herzen Dein bis in den Tod.
Adresse. Der regierenden Herzogin meiner allerliebsten Frau in Stuttgardt.«

Ein anderes Billet doux desselben, geschrieben am Franziska-Tage, ohne Beisetzung der Jahreszahl, lautet nach dem Original folgendermaßen.

»Herzallerliebste Frau!
Jeder Tag ist Dir geweiht, doch besondere Fälle gestatten den Drang des Herzens im Vollerem, im mehr als gewöhnlichem maaß. Franziskens Nahme ist mir so angenehm, so wichtig, weilen Ich Dir heute Geliebteste, die Gesinnungen erneuern darf, die mein Vor Dich so zärtliches Herz empfindet, mit ächter Wärme empfindet.
Wortgepräng, schmeicheley, fliehn auf immer, der treue Freund, Gatte, tritt an die Stelle, und mit der aufrichtigen Herzenssprache, die Dein Edles benehmen mit Recht fordern darf, ruft Er Dir laut zu:
Bleibe ferner die Beruhigung meiner Tage,
und Mache Mich zum Glücklichsten der sterblichen nemlich
Zum Werkzeug Deines Glücks.
so denkt so schreibt am Franziscenstag
Dein ewig treuer
Carl H Z W«

Gutmütigen Humor zeigte er oft auch in Ordern an Untergebene. So erließ er eine Ordre an den General v. Bouwinghausen, mit dem er übrigens nicht immer in so freundlichem Vernehmen stand, die anfing:

»Mein lieber, zwar nicht Kammerherr, doch die Erlaubniß habender in all Meine innersten Gemächer eingehen zu dürfen, Nicht Geheimrath dem Titel nach, sondern doch mein festes Vertrauen besitzender, noch nicht ganz Generallieutenant, sondern doch dazu zu gelangen in baldiger Hoffnung stehender Generalmajor von Bouwinghausen!«

Einst kam der Herzog in die Wohnung des Pfarrers K. zu H. Dieser gab sich für einen sehr frommen Mann aus, war aber sehr geldbegierig. Der Herzog wußte das, und als er seine Bibel bemerkte, die unter anderen Büchern im Bücherschrank steckte, zog er sie heraus, blätterte in ihr, legte heimlich ein Goldstück in dieselbe und stellte sie wieder an ihre vorige Stelle. Nach einiger Zeit kehrte der Herzog wieder beim Pfarrer ein. Sein erster Blick fiel auf die Bibel, die sehr bestäubt noch an alter Stelle stand; er zog sie heraus, und siehe da, das Goldstück fiel ihm aus ihr in seine Hand! »Liest Er auch fleißig in seiner Bibel?« fragte er den Pfarrer. »Ihro Durchlaucht, pflichtgemäß alle Tage.« »Sieh Er«, erwiderte der Herzog, »da sagt Er nicht die Wahrheit, sieh Er, dies Goldstück legte ich Ihm vor einem Vierteljahre in das Buch, und da ist es noch in ihm. Hätt' Er darin gelesen, hätt' Er's gefunden, jetzt steck ich's wieder ein.« – Der Pfarrer sah dem Goldstück mit Ärger nach.
Nach Carls Tode war aller Hoffnung auf seinen Nachfolger Ludwig Eugen gerichtet. Die Herzensgüte dieses Prinzen war anerkannt sowie die Achtung, die er der Landesverfassung zollte. Dem Vater Schillers lag an der Gnade des nachfolgenden Regenten sehr viel, und er sprach sich damals auch gegen meinen Vater aus, daß es ihm erwünscht wäre, sein Sohn würde sich eine Audienz bei dem neuen Herzoge erbitten und ihm zum Antritte der Regierung Glück wünschen; auch Herr von Hoven wollte ihn dazu bewegen, aber Schiller tat es durchaus nicht, er sprach nur immer von den Vorzügen des verstorbenen Herzogs.
Er arbeitete in Ludwigsburg damals an seinem »Wallenstein«, und zwar meistens bei Nacht, weil er bei Tage sehr häufig von Brustkrämpfen befallen wurde, studierte sehr fleißig die Kantische Philosophie und schrieb daselbst auch die bekannte Rezension über Matthissons Gedichte.
Öfters besuchte er auch seinen alten Lehrer Jahn und dessen Schule, in der er als Knabe Unterricht erhalten hatte. Manchmal machte er sich da die Freude, dem Lehrer die Mühe des Unterrichts auf einige Stunden abzunehmen und ihn den Schülern statt seiner zu erteilen.
Ein Verwandter von mir, älter als ich (der kürzlich verstorbene, landschaftliche Archivrat Schönleber), der dazumal Jahns Schüler war, schrieb mir hierüber: »Nach Darstellung einiger Biographen Schillers könnte es scheinen, daß Schiller erst im Oktober 1793 nach Ludwigsburg gekommen wäre, während ich mich mit Gewißheit erinnere, daß es lange vor dem Anfange der Herbstvakanz war (Schiller kam wenigstens vor Anfang September 1793 an und war noch im November und vielleicht Dezember in Ludwigsburg), wo er an einem Freitag nachmittag den Professor Jahn besuchte, als gerade Unterricht in der Geschichte gegeben wurde. Dieser Unterricht in der Geschichte veranlaßte ihn, mehrmals zu kommen und uns selbst in ihr zu belehren. Er nahm mir da oft und viel Schröks Lehrbuch aus der Hand und benutzte es als Leitfaden, während ich bei meinem Nebensitzer einsehen durfte.
Es existiert eine kleine Ausgabe seiner Werke von Cotta in Kleinoktav, mit einem Bilde von ihm. Hier ist er sitzend, den Kopf auf die Hand gelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, abgebildet, und so saß er fast jedesmal auf der Schranne an unserem Schultische mir gegenüber, und das ist auch dasjenige Bild von ihm, das ich nach meiner Erinnerung für das richtigste halte.« –
In Begleitung seines Vaters, der schon früher mit dem meinigen durch gleiche Neigung, die Baumkultur, verbunden war, besuchte er damals auch mein elterliches Haus, aber ich erinnere mich seiner nur aus den späteren Erzählungen meines Vaters, der öfter von ihm als einer hagern, aufrechten, bleichen Gestalt sprach, auch daß er den Kopf mehr hoch als nieder getragen und dadurch auf manchen den Eindruck eines stolzen Menschen gemacht habe, was er so gar nicht gewesen sei! Das gleiche sagt auch sein Ludwigsburger Freund Hoven: »Dieses Ansehen«, schreibt Hoven, »hatte Schiller schon als Zögling der Carls-Akademie, und ich erinnere mich noch wohl, daß einst eine Frau, welche dort ihren Sohn besuchte, wie sie Schillern den Schlafsaal hinunterschreiten sah, sagte: »Sieh doch, der dort bildet sich wohl mehr ein als der Herzog von Württemberg.«
Während ich oben rühmte, mein Vater seie mit dem Vater Schillers in Bekanntschaft gestanden, fiel mir eine komische Tatsache späterer Zeit bei, die ich mich nicht enthalten kann, hier noch anzuführen. Ein Schullehrer in der Gegend von Ludwigsburg, der ein Bekannter des alten Schillers gewesen war, wollte, als Schillers Statue in Stuttgart errichtet wurde und man die Gelehrten zu Beiträgen in das Schiller-Album aufforderte, auch sein Scherflein beitragen und sandte folgende Verse ein:
»O großer Friedrich Schiller!
Für mich auch Poesieerfüller,
Kommst nun gegossen in das Land! –
Herrn Vater hab ich auch gekannt.«
Schade, daß die Verse nicht aufgenommen wurden!

(aus: Justinus Kerner, Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit. Erinnerungen aus den Jahren 1786 bis 1804, 1840) - Projekt Gutenberg)

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 16.12.2023

   
 

 
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