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Kontextuelles Filmverstehen

Die klassische Filmanalyse und das Filmverstehen

Lothar Mikos


Vor mehr als 100 Jahren wurde der Film erfunden. Inzwischen hat er sich zu einer veritablen Industrie und zu einer Kunstform entwickelt. Filme begeistern weltweit ein großes Publikum. Der französische Kritiker und Regisseur François Truffaut bemerkte denn auch zurecht: "Wenn ein Film einen gewissen Erfolg hat, ist er ein soziologisches Ereignis und die Frage seiner Qualität wird sekundär" (Truffaut 1972, S. 100). Nicht zuletzt deshalb sind Filme auch Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung [...] Ziel der Analysen war und ist es, sowohl die Struktur der Filme als auch ihre Wirkung zu untersuchen. [...]
Die klassische Filmanalyse spaltete sich gewissermaßen in zwei Lager: in eines, das sich mit den formalen Aspekten der Filme auseinander setzte, also mit Einstellungsgrößen, Schnittfrequenzen, Kamerapositionen usw., und in eines, das sich mit den inhaltlichen Aspekten auseinander setzte. [...] Beide Lager differenzierten sich in einzelne Ansätze aus, blieben aber ihren Grundzielen treu. Sie waren filmzentriert und nahmen die Zuschauer kaum in den Blick. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.
Die formalen Aspekte der klassischen Filmanalyse und der Inhaltsanalyse machen für die Medienpädagogik nur teilweise Sinn. Wenn es denn als Zielvorstellung medienpädagogischer Arbeit gilt, mit Hilfe der Analyse Strukturen von Medienprodukten deutlich zu machen, um so ganz im Sinne der Aufklärung zu einem aufgeklärten, medienkompetenten Umgang mit ihnen zu erziehen, dann müssen andere Faktoren mit einbezogen werden: neben der Produktion auch die Rezeption. Dabei geht es aber nicht darum, die Produktion und die Rezeption von Filmen getrennt von den Filmen selbst zu untersuchen, sondern sie in die Analyse der Filmtexte zu integrieren [...] d.h. es geht darum, wie Filme selbst verstanden werden und nicht um die Untersuchung von Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der Medien [...] Filmverstehen meint, anhand eines Filmes zu untersuchen, wie er sich als bedeutungsvoller Medientext, der in den kulturellen Kreislauf von Produktion und Rezeption eingebunden ist, konstituiert ­ und dies ist nicht ohne die Einbeziehung der lebensweltlichen Verweisungszusammenhänge möglich, in denen die Produktion und Rezeption von Filmen stattfindet. Dies ist ein grundsätzlich anderes Vorgehen als in Inhaltsanalysen und Filminterpretationen. Die dort herausgearbeiteten Interpretationen und Filmbeschreibungen stellen in der Regel nur eine der möglichen Lesarten eines Films dar. [...] Beiden Zugängen ist gemeinsam, dass versucht wird, die Message oder Botschaft des Films zu analysieren, und damit seine Ideologie. Dabei wird davon ausgegangen, dass ein Film gesellschaftliche Wirklichkeit spiegelt. Wir wissen jedoch längst, dass es sich bei einem Film um eine narrative Inszenierung handelt, die möglicherweise unter bestimmten Bedingungen und dank bestimmter Gestaltungsmittel den Eindruck von Wirklichkeit erweckt. Dieser Eindruck ist aber nur möglich, wenn das Wissen der Zuschauer zum Film hinzutritt, denn nur auf der Basis dieses Wissens kann einem Film Authentizität bzw. ein Wirklichkeitseindruck bescheinigt werden. Trotzdem wird z.T. noch nach diesen beiden Verfahren gearbeitet. So greift etwa Eva Flicker in ihrer Untersuchung des Themas Liebe und Sexualität in Spielfilmromanzen auf die soziologische Filminterpretation zurück [...]. Dass es bei Spielfilmen gar nicht um die Wiedergabe von Wirklichkeit geht, sondern um die dramaturgische Inszenierung einer Erzählung, die einen Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit haben kann, kommt der Autorin offenbar nicht in den Sinn.
Das Problem der Filminterpretationen ist, dass sie außerfilmische Kategorien an die Filme herantragen und damit Bedeutungen des Films konstruieren, ohne sich dieses Konstruktionsprozesses bewusst zu sein oder ihn selbstreflexiv zu thematisieren. Das ist sehr häufig bei psychoanalytischen Filminterpretationen und bei Filmkritiken der Fall. [...]. Filminterpretationen sind Bestandteil des Diskurses über Filme in den jeweiligen Gesellschaften, sie sind selbst Ausdruck der Ideologie, die sie vermeintlich im Film untersucht haben. 

(aus: Lothar Mikos, Filmverstehen. Annäherung an ein Problem der Medienforschung, in: medien praktisch Texte Nr. 1, S. 3-8, Sonderheft I/1998, leicht gekürzt; veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlags)
 


   Arbeitanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, worin der Unterschied zwischen den herkömmlichen Ansätzen der Filmanalyse und -interpretation und dem Ansatz des kontextuellen Filmverstehens besteht.

  2. Was versteht der Autor in diesem Zusammenhang unter der Formulierung "Film als narrative Inszenierung"  bzw. "dramaturgische Inszenierung einer Erzählung, die einen Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit haben kann"?
     

      
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