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Kontextuelles Filmverstehen

Probleme des Filmverstehens

Lothar Mikos


Ein Problem, dem sich alle vier methodischen Zugangsweisen zum Filmverstehen stellen müssen, ist die Tatsache,  dass es neben dem Inhalt eine formale Struktur der Filme gibt, die nicht unwichtig für Lesarten ist, die vom Film  nahe gelegt werden (vgl. Mikos 1996ff.; Mikos 1998). Ob wir uns mit einer Heldin identifizieren, hängt u. a. davon ab, wie sie in Szene gesetzt ist, wie sie als Charakter in die Handlung integriert ist; ob wir bei einem Melodram weinen, hängt u. a. davon ab, wie sehr uns der Film in seine Geschichte hineingezogen hat, wie sehr die Musik auf unsere Tränendrüsen drückt; ob wir einen Krimi richtig spannend finden, hängt u. a. davon ab, wie er mit unserem Wissen umgeht, wie die Figuren in Szene gesetzt sind und vieles mehr. Insofern ist es natürlich wichtig, ganz im  Sinne des textanalytischen Verfahrens narrative Strukturen zu untersuchen. Dabei muss aber immer im Blick bleiben, dass der Film zum Wissen der Zuschauer hin geöffnet ist. 
Die formale Struktur und die ästhetischen Darstellungsmittel des Filmes sind auch deshalb von Bedeutung, weil wir es nicht nur mit diskursiven Symbolen zu tun haben, sondern auch mit Bildern. Diese können aber ebenfalls nicht auf "objektivierende" Bedeutungsgehalte hin untersucht werden [...] sondern die Bildanalyse hat [...] die Aufgabe zu untersuchen, in welcher Weise sich Inhalt, Narration und formale Gestaltung von medialen Produkten mit dem Wissen der Zuschauer und den sozialen und kulturellen Diskursen verbinden, um so audiovisuelle Produkte auch wirklich als Material symbolischer Kommunikation im Rahmen des Alltags und der Lebenswelt der als Zuschauer handelnden Subjekte sinnhaft verstehen zu können. Die Analyse entpuppt sich dann als hermeneutisches Unterfangen, geht es doch darum, Verstehensprozesse und ihre Strukturen und Bedingungen zu verstehen. Das ist letztlich mit Filmverstehen gemeint.
Im Streit der verschiedenen Zugangsweisen geht es letztlich nicht darum, welche denn die "richtige" Methode ist. Die methodischen Zugangsweisen zum Filmverstehen erfüllen schließlich keinen Selbstzweck, sondern sie sind sowohl vom Erkenntnisinteresse als auch von den theoretischen Implikationen abhängig, unter denen die Forschungs- und Analysepraxis steht. Das gilt auch für die medienpädagogische Praxis. Wenn es z.B. in der  Schule darum geht, die ästhetischen und narrativen Strukturen eines Filmes zu untersuchen, dann kann man mit  textanalytischen Verfahren weit kommen, hat damit aber nicht den Bezug zum Wissen der Zuschauer oder die Einbindung des Filmes in spezifische Diskurse thematisiert. Letzteres ist aber unabdingbar, will man die Faszination, die bestimmte populäre Filme bei Kindern oder Jugendlichen ausüben, verstehen. In diesem Sinne muss je nach Erkenntnisinteresse eine angemessene Methode gewählt werden. 
Dabei müssen aber generelle Überlegungen immer im Blick bleiben. Dazu gehört, dass es sich bei Filmen um materielle Güter handelt, die als symbolisches Material in Kommunikations- und Interaktionsprozesse eintreten und damit von den sozialen und kulturellen Diskursen, die in der Gesellschaft kursieren, abhängen, und dass Filme nicht nur aus Inhalten bestehen, sondern sie mit formalen, narrativen, dramaturgischen und ästhetischen Mitteln arbeiten, die die kognitiven und emotionalen Aktivitäten der Zuschauer in der Rezeption vorstrukturieren, und dass sie letztlich nicht nur aus diskursiven Symbolen bestehen, sondern auch aus präsentativen Symbolen, den Bildern und sinnlichen Symbolformen wie Musik und Geräuschen. 
Dieser letzte Aspekt wurde von allen vier vorgestellten Zugangsweisen nicht oder nur am Rande, wie in der textanalytischen Variante, berücksichtigt. In Trainspotting ist es aber gerade die Musik, die die Bilder und die Dialoge sowie die Voice-over-Narration des Helden narrativ unterstützt oder konterkariert. Gerade für Jugendliche spielt die Musik eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Rezeption. Der Soundtrack von Trainspotting stand denn auch auf Platz 1 der Top-Ten-Listen. Darüber hinaus führt insbesondere der Einsatz von Musik die Zuschauer emotional durch die Filme. Gerade in der Analyse der Musik und der Bilder liegen noch große Defizite bei den methodischen Zugangsweisen des Filmverstehens. Daher bedarf es einerseits der permanenten Weiterentwicklung der Methoden, andererseits aber einer permanenten Diskussion um die Angemessenheit der jeweiligen Methoden. 

(aus: Lothar Mikos, Filmverstehen. Annäherung an ein Problem der Medienforschung, in: medien praktisch Texte Nr. 1, S. 3-8, Sonderheft I/1998, leicht gekürzt; veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlags)
  


   Arbeitanregungen:
  1. Zeigen Sie, welches Gewicht formale Strukturen des Films für das kontextuelle Filmverstehen haben.

  2. Welche Forderung erhebt der Autor für die medienpädagogische Praxis in der Schule?

  3. Wie beurteilen Sie die Bedeutung der Musik für das Filmverstehen auf dem Hintergrund Ihrer eigenen Erfahrungen?
     

      
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