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Quellen 1815-1848/49

Durchsuchung im Hause Grillparzer

Franz Grillparzer (1826)

 
 
 

In seinen Briefen und Tagebüchern berichtet der Dichter Franz Grillparzer (1791-1872) von einer polizeilichen Durchsuchung seiner Wiener Wohnung im Jahre 1826:

"Am 19. April morgens um 6 Uhr, da ich, spät zu Bette gegangen, noch im Schlafe lag, von drei Polizeibeamten überfallen worden, die mich aufstehen und alle meine Schriften zur Einsicht vorlegen hießen. Alles ward durchsucht, ein weitläufiges Verhör aufgenommen. Anfangs glaubte ich, den Verdacht eines wichtigen Staatsverbrachens auf mich geladen zu haben; endlich zeigte es sich, dass die ganze Untersuchung sich auf die so genannte Ludlamshöhle bezog, eine Versammlung froher Menschen, in der ich erst seit acht Wochen her einige Abende zugebracht hatte. Zum Scherze gewählte Abzeichen und Gesellschaftsnamen, einige Verhaltungsregeln, die man niedergeschrieben und mit Geldstrafen belegt, hatten die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und die Gesellschaft ward als eine verbotene geheime aufgehoben. 32 Kommissäre, um Mitternacht aufgeboten, erbrachen den Versammlungsort im zweiten Stocke eines Wirtshauses und verteilten sich sodann in die Wohnungen der vornehmsten Mitglieder, d. h. derjenigen, die als Schriftsteller bekannt waren. Untersuchung, Verhör, Hausarrest bis abends. Gerade weil sie nichts Verdächtiges gefunden, werden sie genötigt sein, um ihre Dummheit zu bemänteln, etwas herauszusuchen. Wie ich höre, will man die Untersuchung als gegen eine schwere Polizeiübertretung anhängig machen. Wer mir die Vernachlässigung meines Talentes zum Vorwurf macht, der sollte vorher bedenken, wie in dem ewigen Kampfe mit Dummheit und Schlechtigkeit endlich der Geist ermattet. Wie, um nicht immerfort verletzt zu werden, endlich kein Mittel mehr übrig bleibt, als sich unempfindlich zu machen, wie kein Aufschwung möglich ist, wenn man bei jeder Flügelbewegung an den *Plafond der Zensur stößt, und Arbeit aufhört, ein Vergnügen zu sein, wenn Hervorgebrachte die Quelle tausendfältiger Unannehmlichkeiten wird."

(aus: F. Grillparzer, Briefe und Tagebücher, in: ders., Sämtliche Werke, 2. Abt., Bd. 8. 2. Teil, Wien 1912, S.203f.)

*Plafond: österr. Ausdruck für (flache) Decke eines Raumes
 

 
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Warum kommt es zu dieser polizeilichen Durchsuchung und wie geht die Polizei dabei vor?

  2. Wie beurteilt Grillparzer den Polizeieinsatz?

  3. Ist ein solches Vorgehen der Polizei auch unter den heutigen Bedingungen möglich?
     

 
     
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