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Erster Weltkrieg 1914-18

Französische Zollernschmähungen

Auszug aus einem Artikel in einer nationalliberalen Zeitung (1915)

 
 
 

»[...] Wenn man sich eine Vorstellung machen will von der bodenlosen Gemeinheit französischen Denkens und Fühlens in dieser Kriegszeit, lese man, was die «vornehmsten» französischen Zeitungen und die geistvollsten und gelehrtesten Schriftsteller Frankreichs über die Hohenzollern für einen Schmutz zusammenschreiben. Niemand verlangt von unseren Feinden Liebe für das preußische Herrscherhaus, und wir können uns sehr wohl Männer denken, die aus dem einen oder anderen Grunde in ehrlicher Überzeugung ihre Stimme g e g e n die verschiedenen Träger des brandenburgischen Kurhutes, der preußischen Königs- und der deutschen Kaiserkrone erheben zu müssen glauben. Politische Gegnerschaft und geschichtliche Kritik haben aber nichts zu tun mit den ekelerregenden Schimpfereien, die jetzt tagtäglich in Frankreich hingesudelt und mit niedrigem Behagen verschlungen werden.
So hat - um nur ein paar Beispiele zu nennen - im «Correspondent» (einer der besten französischen Monatsschriften) Professor Revillied, der zurzeit die Genfer Universität ziert, einen eingehende «wissenschaftliche» Studie über den Größenwahnsinn des deutschen Herrschers veröffentlicht, in der unter anderem Unsinn auch erzählt war, der Kaiser fahre über die französischen Schlachtfelder in einem Automobil spazieren, an dem eine weithin sichtbare Aufschrift befestigt sei «Wilhelm II., Kaiser der Welt». Der als Anthropologe und Psychopathologe hochgeschätzte Doktor Cabanès hat ein ganzes Buch (mit zahlreichen Bildern) herausgegeben «Folie d'empereur - une dynastie de dégénérés. Dieses Machwerk ist der französischen Académie des Sciences morales vorgelegt, von dieser edlen Akademie als geistvolle Arbeit kritischer Gelehrsamkeit gepriesen und der Ehre gewürdigt worden, unter die amtlichen Veröffentlichungen dieser Akademie aufgenommen zu werden. Diese französischen Verhetzungsschreiber begnügen sich indes nicht damit, die lebenden Hohenzollern (den Kronprinzen übrigens noch weit mehr als den Kaiser) mit Kot zu bewerfen, sie wühlen auch mit ihren rohen Händen in den Grüften der Toten. 
Der große Friedrich war bisher immer eine Lieblingsfigur aus der Geschichte gewesen - trotz Roßbach. Jetzt wird er aber ebenso misshandelt, wie alle anderen Begründer deutscher Größe. Man ist weit gekommen in Frankreich seit den Tagen, da Lavisse noch dem gewaltigen Lebenswerk Friedrichs gerecht zu werden wenigstens versuchte. Heute wetteifern alle französischen Historiker in den widrigsten Schimpfereien gegen den königlichen Freund Voltaires. Nur die Zähigkeit in der Begierde und seinen unermüdlichen Schaffenseifer erkennt man an. Im übrigen war er «ein Mann  ohne Gewissen, ohne Anstand, ohne Herz, ohne Treue gegen das gegebene Wort, ohne Sittlichkeit und ohne Würde!» Insofern war er allerdings ein «großer» Preuße.  [...]
Überhaupt soll sich Friedrich in Hass gegen alles Französische verzehrt haben (daher wohl auch Voltaire, d'Argens, La Mettrie, Maupertuis und so weiter und daher auch die Sammlung von Meisterwerken Watteaus, Lancrets, Paters usw. im Schloss von Sanssouci, die 1900 auf der Pariser Weltausstellung alle französischen Kenner zu begeisterten Huldigungen für den großen König und zu schmeichelhaftem Dank für den hochherzigen Aussteller veranlassten). [...]Was aber über Friedrichs Liebesleben gesagt und angedeutet wird, ist so unanständig, dass es hier gar nicht wiedergegeben werden kann. Des Königs Hauptleidenschaft war nach Lenotre das Essen. «Er schlingt, beißt, nagt wie ein wildes Tier - dabei sind Hände, Mund, Wangen übergossen mit Sauce.» Nie ist ihm etwas gepfeffert und gewürzt genug. Als er schon von der Gicht gepeinigt war und noch im hohen Alter, ja, am Tage seines Todes noch mästet er sich an einer Unzahl schwerverdaulicher Gerichte. Das sind alles so Entdeckungen des großen Doktor Cabanès. [...] Was kann uns Lenotre noch berichten? Friedrich hat seine Bedienten täglich braun und blau geprügelt und seine Minister mit Fußtritten bearbeitet. Die geistvolle Tafelrunde von Sanssouci war nichts als eine Zecherei von Wachtstubenmannschaften. [...] Lenotre schließt mit einer nochmaligen Ansammlung von Schimpfereien gegen die Selbstsucht, die Heuchelei, die Begehrlichkeit, die Gaunerei, die Härte des großen Königs, durch die er der wahre Begründer der Verpreußung Deutschlands geworden sei. 
Gegen allen diesen Unflätigkeiten sei nur daran erinnert, was Michelet den Verleumdern des Preußenkönigs erwiderte: «Man kann nur äußerst schwer seinen Feinden in alle dem Glauben schenken, was sie von seinen Lastern erzählt haben. Er hätte so nicht diese starke Seele und diese Nerven von Stahl behalten können.» So sprach einmal ein anständiger französischer Widersacher des Hohenzollernhauses. [...]

(aus: Hannoverscher Kurier Nr. 31978 v. 3. 9. 1915)

 
      
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, was der Verfasser unter "Zollernschmähungen“ versteht.

  2. Welche Aspekte eines deutschen Feindbildes gegenüber dem Nachbarn Frankreich werden darin ersichtlich? – Belegen Sie Ihre Aussagen am Text.

  3. Welche Bedeutung haben solche Kontroversen um die Geschichte bzw. geschichtliche Persönlichkeiten für ein Feindbild?

  4. Verfassen Sie einen Leserbrief eines Kriegsgegners aus zeitgenössischer Sicht.

  5. Informieren Sie sich im Rahmen einer Internet-Recherche über die im Text genannten Personen und erstellen Sie ein kurzes Register zur Namens- und Worterklärung.
     

 
     
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