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»Albrecht
Georg Otto von Thaer (1868-1957) war ein deutscher
Generalstabsoffizier und Generalbevollmächtigter des ehemaligen Königs
von Sachsen. Er wurde wegen der erfolgreichen Teilnahme am legendären
militärischen Distanzritt von Berlin nach Wien im Jahr 1892 sowie durch
die posthume Veröffentlichung seiner während des Ersten Weltkriegs
verfassten »Tagebücher
bekannt, in denen er auch Kritik an der Kriegsführung des Deutschen
Reiches niederschrieb.
»Als
wir versammelt waren, trat
Ludendorff in unsere Mitte... Er sagte ungefähr folgendes: Er sei
verpflichtet, uns zu sagen, dass unsere militärische Lage furchtbar
ernst sei. Täglich könne unsere Westfront durchbrochen werden. Er habe
darüber in den letzten Tagen Sr.M. [seiner Majestät,
Wilhelm II. d. Verf.] zu berichten gehabt. Zum ersten Mal sei der
OHL (Oberste
Heeresleitung, d. Verf.) von Sr. M. bzw. vom Reichskanzler die Frage
vorgelegt worden, was sie und das Heer zu leisten imstande seien. Er
habe im Einvernehmen mit dem Generalfeldmarschall3 (Paul von Hindenburg,
d. Verf.) geantwortet: „Die OHL und das deutsche Heer seien am Ende; der
Krieg sei nicht mehr zu gewinnen; vielmehr stehe die endgültige
Niederlage wohl unvermeidlich bevor. Bulgarien sei abgefallen,
Österreich und die Türkei, am Ende ihrer Kräfte, würden wohl bald
folgen. Unsere eigene Armee sei leider schon verseucht durch das Gift
der spartakistisch-sozialistischen Ideen4. Auf die Truppe sei kein
Verlass mehr... Er könne nicht mit Divisionen operieren, auf die kein
Verlass sei... So sei vorauszusehen, dass dem Feinde schon in nächster
Zeit mit Hilfe der kampffreudigen Amerikaner ein großer Sieg, ein
Durchbruch in ganz großem Stile gelingen werde, dann werde dieses
Westheer den letzten Halt verlieren und in völliger Auflösung
zurückfluten über den Rhein und werde die Revolution nach Deutschland
tragen.
Diese Katastrophe müsse unbedingt vermieden werden... Deshalb habe die
OHL von Sr. Majestät und dem Kanzler gefordert, dass ohne jeden Verzug
der Antrag auf Herbeifüh- rung eines Waffenstillstandes gestellt würde
bei dem Präsidenten Wilson von Amerika zwecks Herbeiführung eines
Friedens auf der Grundlage seiner 14 Punkte...
Es sei ein schrecklicher Augenblick für den Feldmarschall und für ihn
gewesen, dieses Sr. M. und dem Kanzler melden zu müssen. Der letztere,
Graf Hertling, habe in würdiger Weise Sr. M. erklärt, er müsse daraufhin
sofort sein Amt niederlegen. Nach so vielen Jah- ren in Ehren könne und
wolle er als alter Mann sein Leben nicht damit beschließen, dass er
jetzt ein Gesuch um Waffenstillstand einreiche. Der Kaiser habe sein
Abschiedsgesuch angenommen.
Exc. Ludendorff fügte hinzu: „Zur Zeit haben wir also keinen Kanzler.
Wer es wird, steht noch aus. Ich habe aber S.M. gebeten, jetzt
diejenigen Kreise an die Regierung zu brin- gen, denen wir es in der
Hauptsache zu danken haben, dass wir jetzt so weit gekommen sind. Wir
werden also diese Herren jetzt in die Ministerien einziehen sehen. Die
sollen nun den Frieden schließen, der jetzt geschlossen werden muss. Sie
sollen jetzt die Suppe essen, die sie uns eingebrockt haben!“
Die Wirkung dieser Worte auf die Hörer war unbeschreiblich. Während L.
sprach, hörte man leises Stöhnen und Schluchzen, vielen, wohl den
meisten, liefen unwillkürlich die Tränen über die Backen.«
(Quelle: Albrecht von Thaer, Generalstabdienst an der Front und in der
O.H.L. Aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen 1915-1919, herausgegeben
von Siegfried A. Kaehler. Göttingen, 1958, S.234f.).
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
09.10.2023