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Erster Weltkrieg 1914-18

Das Antlitz des Krieges

Berichte von Augenzeugen

 
 
  Q 1:
Aus dem Bericht eines deutschen Zugführers (Mai 1916)
»Am 20. Mai abends erhält mein Zug und der zweite Zug den Befehl, durch das Sperrfeuer auf Höhe 304 zu gelangen [...] gesamtes Tal vor 304 eine Rauchwolke, ein Krachen, ein Bersten. Weg gibt's nicht. Granatloch neben Granatloch! In einem eroberten Graben Leichen, Material, Maschinengewehre. Granaten schlugen in naher und nächster Entfernung ein, furchtbar! [...] Nach einer halben Stunde, fast im Laufschritt, gelangten wir, todmüdem völlig erschöpft am Hang 304 an; hier massenhaft Leichen, Gestank, viel fehlte nicht, ich wäre zusammengebrochen [...] Höhe 304 sieht ganz unglaublich aus. Ehemaliger Wald wegrasiert, Trichter neben Trichter, Leichen, Gräben, Gewehre, Helme in unzähliger Menge. Es ist ein grausiges Schlachtfeld. Kalte Nacht im Graben."«
(aus: Dollinger, S. 220)

Q 2:
Berichte des französischen Kommandanten von Fort Vaux, Major Raynal
»2500 Meter von uns entfernt gräbt sich der Deutsche ein. Auf äußerste Schussweite schießen unsere Maschinengewehre. Sie sind unsichtbar. Die grauen Erdarbeiter werfen sich hin. Einige bleiben stehen und schauen sich um, woher der Tod kommt. Doch unerschütterlich setzt man drüben seine Arbeit fort. Wie auch der erhaltene Befehl lauten möge, der Deutsche führt ihn aus, selbst wenn er sicher ist, dass er dabei fällt.«
(aus: Schneider/Haacke, S.230)
2. Juni 1916: »Wir halten noch. Aber [...] Entsatz ist dringend erforderlich. Ich bitte um Mitteilung durch Blinkzeichen von Souville, das unsere Signale nicht beantwortet. Dies ist meine letzte Brieftaube.«
(aus: Dollinger, S.222)

Q 3:
Aus dem Brief eines französischen Hauptmanns (April 1916)
»Ich bin hier mit 175 Mann angekommen und mit 34 zurückgekehrt, von denen einige halb verrückt geworden sind. Jetzt befindet sich ein Zug von kleinen Chasseuren an unserer Stelle. Das ist der nächste Gang; nicht lange und es wird ein weiterer serviert werden, denn der Appetit des Scheusals (die deutsche Artillerie) ist unersättlich [...] Meine armen Bilfins, die halb verrückt geworden sind: wie sie mit ihren großen runden Augen nicht mehr antworteten, wenn ich sie ansprach.«
(aus: Dollinger, S. 220)

Q 4:
Feldpostbrief von Eugen Kopf (26.12.1914)
»Liebe Eltern und Geschwister! Ich will euch heute mitteilen, da ich doch weiß das ihr euch interessiert, wie und wo wir das Weihnachtsfest feierten. Wie ich euch mitgeteilt habe waren wir in Werwick im Quartier. Es war ein Restaurant als Wirtschaft, da war es ganz schön, abends ging es lebhaft zu. Der Nachbar Peter kam mit der Zieharmonika und spielte eines nach dem anderen. Da fühlte man sich mal wieder heimisch und konnte wieder an einem Tisch aus dem Teller essen. Die 6 Tage waren bald vorüber und es ging wieder in Stellung. Wir waren nachts 2.30 Uhr marschbereit, es ging fort und wir kamen wieder glücklich von der Feuerlinie ins Quartier in einen Hof bei Hollebeke. Hier ist die ganze Batterie untergebracht. Unser Lager ist der Hausspeicher. Wir sind damit zufrieden, wenn wir nur unter Dach sind, denn wir sind alles gewöhnt. Wir hatten schon Hitze, Kälte, Hunger und Durst ertragen, zu Hause hätte man nicht geglaubt, daß man so alles aushalten kann. Wenn man früher gesagt hätte, die Hosen 5 Monat Tag und Nacht anzuhaben, da hätte man gesagt das kann man nicht. Das geht aber alles. Liebe Eltern, heute ist das hohe Weihnachtsfest, aber bei uns merkt man nicht so viel davon, denn das Traurigste ist, man hört kein Glöcklein läuten. Auch habe ich bis jetzt seit Landau keine Glocke gehört. Unsere Glocken im Kriege sind die Granaten. Heute war es etwas ruhiger. Der Feind gab nur einige Schreckschüsse ab, auch Artilleriefeuer war weniger. Gestern Abend war Bescherung in der Batterie, es war ganz schön. Jeder erhielt ein kleines Weihnachtsgeschenk und einen Schoppen deutsches Bier, das schmeckte mal wieder sehr gut. Wir sangen verschiedene Weihnachtslieder und waren alle in fröhlicher Stimmung. Als die Bescherung zu Ende war, gings in dem Jühö auf den Speicher weiter, dass der Schall durch die Ziegelei in die freie Natur hallte. Heute am ersten Feiertag wurde gefahren und gearbeitet wie immer. Auch ich war in der Feuerlinie am Pferd, ich musste den Wagen mit Stacheldraht und Stricken vorfahren. Die Infantriekugeln pfiffen mir am Kopf vorbei, ich wieder glücklich mit dem Führer zurück. Es war abends 9 – 10 Uhr, mein Führer, ein Unteroffizier gab mir sein Pferd in die Hand. Er legte sich, als es näher an die Front ging wo die Geschosse pfiffen, flach vor lauter Angst in den Wagen, ich machte mir dabei nichts daraus. Wenn die Herren zurück sind, machen sie Sprüche und schließlich bekommen sie das eiserne Kreuz. Der Fahrer muß sich natürlich auf den Pferden, wo es gefährlicher ist als im Schützengraben, sitzen. Der hat es natürlich, wenn dann erst recht verdient. Ich schreibe dies euch nur, damit ihr seht wie es geht, wie die Herren das eiserne Kreuz erhalten.«
(aus: Kollmann, Walter und Loch, Herbert. Das Kgl. Bayer. 5. Feldartillerie-Regiment König Alfons XIII. von Spanien. Erinnerungsblätter Bayern 45. München, 1926. Sammlung Markus Schobert. Feldpostbriefe von Eugen Kopf, http://users.telenet.be/aok4/briefe/kopf.htm, 15..01.07  )

Q 5:
Aus Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland
»Heute sind wir zehn Mann, morgen acht, zwei haben Granaten erwischt. Wir begraben unsere Toten nicht [...] Wenn ich geduckt durch den Graben schleiche, weiß ich nicht. ob ich an einem Toten oder einem Lebenden vorübergehe. Hier haben Leichen und Lebende die gleichen graugelben Gesichter [...] 300 Meter rechts von uns, im Hexenkessel, liegt an einem Blockhaus, das 20 mal Besitz der Deutschen und 20 mal Besitz der Franzosen war, ein Haufen Leichen. Ihre Körper sind ineinander verschlungen wie in großer Umarmung." (in: Ernst Toller, Gesammelte Werke, Bd. 4, München 1978, S. 65)

Q 6:
Aus Briefen französischer Soldaten (1916):
31. Mai 1916: »Seit vier Tagen und vier Nächten im Graben. Wie kann man denn hier widerstehen! Wir leiden schrecklich unter Artilleriefeuer, und was die Granaten am Tage zerstören, das muss man in der Nacht wieder herstellen. Die 12 Kompanie hat nur 60 Leute! Und kein Wasser! Jeden Augenblick gefechtsbereit und immer dieses Artilleriefeuer! Die Granaten, die Granaten, es ist um toll zu werden! O dieser Tote Mann! Wie viele Opfer hat dieser Fleck Erde schon gekostet! Und wie viele wird er noch kosten! «
(aus: Schneider/Haacke, S. 228)
»Verdun ist schrecklich [...], weil hier der Mensch gegen Material kämpft, und mit dem Gefühl, auf die leere Luft einzuschlagen. [...] O wie ich die beneide, die mit aufgepflanztem Bajonett angreifen können, statt darauf zu warten, von einer Granate begraben zu werden.«
»Wenn man von ferne das Pfeifen hörte, so zog sich der ganze Körper zusammen, um der maßlos en Gewalt der Explosionswellen standzuhalten, und jede Wiederholung war ein neuer Angriff, eine neue Erschöpfung, ein neues Leiden [...]. Durch die Kugel zu sterben, scheint nicht schwer; dabei bleiben Teile unseres Wesens unversehrt; aber zerrissen, in Stück gehackt, zu Brei zerstampft zu werden, ist eine Angst, die das Fleisch nicht ertragen kann, und hierin liegt im Grunde das große Leiden unter Artilleriebeschuss.«
(aus: Dollinger, S. 223)
 

 
      
   
   Arbeitsanregungen:

Wie erleben die Soldaten den Krieg?

  1. Was beobachten sie?

  2. Worüber schreiben sie?

  3. Wie stehen sie zum Krieg und dem Kriegsverlauf?
     

 
     
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